Jahrgang 2019 Nummer 46

Als Salzburg ein Teil von Bayern war

Sechs Jahre lang gehörte Salzburg zum Königreich Bayern

König Max Joseph von Bayern.
Der letzte Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus Graf von Colloredo.
Französische Solaten im Kreuzgang von St. Peter.
Der bayerische Salzachkreis.
Historische Ansicht des Mirabellgartens.

Stadt und Land Salzburg – ein Teil von Bayern? Eine kuriose Vorstellung. Aber es stimmt: Salzburg hat tatsächlich einmal zu Bayern gehört, wenn auch nur als eine bayerische Provinz. Und das sechs Jahre lang, von 1810 bis 1816. Bayern war damals gerade Königreich von Napoleons Gnaden geworden mit König Max Joseph an der Spitze. Paris und München marschierten Hand in Hand. Die Allianz zwischen Napoleon und König Max Joseph wurde durch familiäre Bande bekräftigt indem die bayerische Prinzessin Amalie Auguste Napoleons Stiefsohn Eugene Beauharnais heiratete.

Im Gegenzug zur Großzügigkeit Napoleons war Bayern gehalten, Frankreich diplomatisch und politisch zu unterstützen, vor allem durch Truppenlieferungen. Frankreich befand sich auf Expansionskurs und brauchte dringend militärische Hilfe. Hauptgegner waren neben Preußen die Habsburger in Wien, die ebenfalls bestrebt waren, ihr Herrschaftsgebiet auszuweiten und schon lange ihr Auge auf das erledigte geistliche Fürstentum Salzburg geworfen hatten.

Im Rahmen dieses Machtpokers in den sogenannten Napoleonischen Wirren war Salzburg und damit auch der Rupertiwinkel innerhalb von eineinhalb Jahrzehnten von mehreren Besetzungen und fünf grundlegenden politischen Umbrüchen betroffen:

• 1800 - 1802: Besetzung durch französische Truppen

• 1803 - 1805: Kurfürstentum Salzburg unter Großherzog Ferdinand von Toscana

• 1806 - 1809: Salzburg erstmals bei Österreich

• 1810 - 1816: Salzburg eine bayerische Provinz.

• Seit 1816: Salzburg zum zweiten Mal bei Österreich

Die größten Bedrängnisse für die Bevölkerung in Stadt und Land brachte die erste Besetzung durch die französischen Truppen nach der Niederlage der Österreicher bei Hohenlinden. Hieronymus Graf von Colloredo, der letzte Salzburger Fürsterzbischof, hatte sich rechtzeitig nach Wien abgesetzt. Plünderungen, Konfiskationen von Eigentum, Misshandlungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung (allein im Pfleggericht Laufen gab es 57 Opfer sexueller Übergriffe). Begleitet war die Okkupation durch die Beschlagnahme von Kunstschätzen aus Schlössern, Museen und Bibliotheken, die nach Paris gingen.

Die Auflösung der geistlichen Fürstentümer brachte auch das Aus für das Fürsterzbistum Salzburg. Neuer Landesherr wurde Großherzog Ferdinand von Toscana, ein Bruder von Kaiser Franz II. Zum Kurfürstentum Salzburg gehörten nun auch die ehemalige Fürstpropstei Berchtesgaden sowie Teile der erledigten Hochstifte Passau und Eichstätt. Aber dieser Zustand währte nur zwei Jahre. Dann versuchte Österreich, sich an Frankreich zu rächen – und wurde besiegt. Im Frieden von Pressburg musste Wien die Grafschaft Tirol an Bayern abgeben und wurde als Ersatz mit Salzburg und Berchtesgaden entschädigt.

Schon drei Jahre später erklärte Kaiser Franz den Franzosen wieder den Krieg und wurde wieder besiegt. Im Frieden von Schönbrunn musste er Salzburg wieder herausgeben. Jetzt kam Bayern zum Zug. Weil es treu an Frankreichs Seite gestanden (und einen hohen Blutzoll gezahlt) hatte, erhielt es von Napoleon Salzburg, Berchtesgaden, das Innviertel und Teile des Hausruckviertels zugesprochen. Dafür musste es auf Südtirol verzichten.

Mit dem Erwerb von Salzburg war ein alter Traum Bayerns in Erfüllung gegangen. Der neue Zugewinn wurde in den Salzachkreis eingegliedert, der im Norden bis Braunau, im Osten bis zum Attersee, im Süden bis zum Alpenhauptkamm und im Westen bis Kitzbühel undzum Chiemsee reichte. Mit 14 Städten, 43 Marktorten und einer Bevölkerung von 390000 Einwohnern zählte der Salzachkreis zu den größeren unter den neun Kreisen des Königreichs Bayern. Burghausen war die Hauptstadt, Verwaltungssitz war Salzburg. Kriminalgerichte bestanden in Salzburg, Laufen und Burghausen, Landgerichte in Traunstein, Teisendorf, Tittmoning, Berchtesgaden und Kitzbühel. Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., wurde zum Generalgouverneur ernannt. Er führte die Oberhoheit über die Truppen, doch wichtiger war, durch seine Präsenz in Salzburg die öffentliche Meinung zugunsten Bayerns zu beeinflussen. Der Kronprinz zählte 20 Jahre, war jung verheiratet mit Prinzessin Therese von Sachsen und residierte im Schloss Mirabell, dessen Gartenanlagen er für die Bevölkerung öffnen ließ.

»Nach dem Verlaufe eines Jahrtausends wird Salzburg seinem Mutterlande wieder einverleibt« erklärte der bayerische Hofkommissär Graf von Preysing bei der feierlichen Besitzergreifung von Salzburg am 30. September 1810. »Mit herzlicher Freude nimmt ein Volk von drei Millionen die biederen Bewohner von Salzburg als seine Mitbürger auf, und bald wird sie Eine Verfassung, Ein Name, Ein Gesetz enger noch und unauflöslich verknüpfen.« In seiner Erwiderungsrede sicherte der Administrator der Erzdiösese Salzburg, Sigmund Graf von Zeil-Trauchburg dem bayerischen König absolute Treue und Gehorsam zu. »Die leidigen Kriegsereignisse des letzten Jahrzehnts haben zwar die Kräfte und das Vermögen unseres Landes unendlich erschüttert, aber sie waren nicht imstande, auf den geraden Charakter dieses Gebirgsvolkes einen seiner Treue und Rechtschaffenheit schädlichen Eindruck zu machen.«

Anschließend folgte die Vereidigung der Salzburger Beamten auf das neue Staatswesen und die Verlesung des Inbesitznahmeprotokolls. Dann begaben sich alle in den Dom zu einem festlichen Hochamt. Zum Te Deum erschallten 50 Kanonenschüsse vom Mönchsberg, abschließend läuteten alle Kirchenglocken der Stadt. Nach einer Opernaufführung im heutigen mit blau-weißen Girlanden geschmückten Landestheater wurden alle zu einem Ball ins Rathaus eingeladen, an dem sich 600 Personen bis in die Morgenstunden vergnügten.

Bayern übernahm mit Salzburg ein wirtschaftlich ausgeblutetes, durch Plünderungen und Einquartierungen französischer Truppen am Rande des Ruins stehendes Land. Viele bezweifelten, ob der neue Landesherr eine Wende zum Aufschwung bringen werde. Anders als in der offiziellen Begrüßung zum Ausdruck kam, hielt sich die Freude über den Anschluss an Bayern in Grenzen, wie aus Berichten der Pfleger an die Regierungsstellen hervorgeht. Man kreidete den Bayern ihre Allianz mit den Franzosen an, die so viel Elend über das Land gebracht hatten. Vor allem die Landbevölkerung war äußerst bayernfeindlich und wünschte sich eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen. Gleich nach der Übernahme Salzburgs begann die bayerische Regierung mit grundlegenden Reformen. Offenbar hatte man in München schon alles vorbereitet. Die Universität wurde zu einem Lyzeum abgestuft, das Steuer- und Justizwesen dem bayerischen angeglichen, die Münzstätte sowie die Landschaft (Vertretung der Stände) völlig abgeschafft, die Schulpflicht strenger kontrolliert, alle Zeitungen mussten vor ihrem Erscheinen der bayerischen Hofkommission vorgelegt, die Texte der Theateraufführungen vorher genehmigt werden.

Unmut unter der Bevölkerung erregte besonders die Aufhebung der Universität. Weil sie von den Benediktinern getragen wurde, passte sie nicht in das Konzept des weltlichen Bildungsmonopols nach den Vorstellungen der Aufklärung. Wer jetzt studieren wollte, war gezwungen, nach München oder Wien zu gehen, denn Absolventen des Lyzeums galten nicht als Akademiker. Bei der Bekanntgabe der Universitätsschließung kam es in der großen Aula zu einem Eklat, als der bayerische Kommissar Professoren und Studenten zu einem »Vivat« auf den König aufforderte – und die Versammlung nicht Folge leistete und stumm blieb.

Die bayerische Verwaltung nahm die ehemaligen erzbischöflichen Gebäude in der Altstadt in Beschlag. Die meisten Salzburger Beamten wurden entweder vorzeitig in Pension geschickt oder willkürlich versetzt, insgesamt ging ihre Zahl von bisher 600 auf 215 zurück. Ein Verdienst der ökonomisch geschickten, bayerischen Politik! Der Kronprinz selbst beschränkte sich aufs Repräsentieren und mischte sich kaum in die Politik ein. Doch ist es seinem Einfluss zuzuschreiben, dass die angedachte Aufhebung des Klosters St. Peter nicht realisiert wurde, obwohl in Bayern die meisten Klöster der Säkularisation zum Opfer fielen.

Patriotisch gesinnte Salzburger empfanden in erster Linie den Verlust der Landessouveränität als schmerzhaft. Jahrhundertelang hatte Salzburg als eines der reichsten geistlichen Fürstentümer eine geachtete Rolle innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gespielt, die Abstufung zum Herzogtum unter dem Großherzog Ferdinand III. von Toskana war zu verkraften, zumal sie mit der Kurwürde verbunden war – doch mit dem Übergang an das ungeliebte Bayern und der Umwandlung in einen »untergeordneten Kreis« war ein Tiefpunkt erreicht, an den sich viele Salzburger nicht gewöhnen konnten. Eine Wende kam mit dem Wiener Kongress, der Salzburg der österreichischen Monarchie einverleibte, den Rupertiwinkel aber bei Bayern beließ. Saalach und Salzach bildeten künftig die Grenze. Mit dem Verlust von Salzburg sei ihm sein halbes Leben genommen, soll Kronprinz Ludwig geklagt haben. Wohl um den Verlust leichter zu ertragen, ließ er eine Menge wertvoller Kunstschätze, Bücher und Archivalien nach München mitnehmen und sie den staatlichen Sammlungen einverleiben. Mit einer zurückdatierten Urkunde erhielt er von seinem Vater den Untersberg zum Geschenk, dessen Marmorsteinbrüche später das Material für den Bau der Walhalla bei Regensburg lieferten.

 

Julius Bittmann

 

46/2019