Jahrgang 2001 Nummer 23

Zwölfuhrläuten, Kruzitürken

Landesausstellung »Bayern - Ungarn, tausend Jahre« in Passau

Die "Heilige Krone" Ungarns. Über die Vorlage der Krone kann nur gemutmaßt werden, da sie hier mit einem gerade stehenden Kreuz

Die "Heilige Krone" Ungarns. Über die Vorlage der Krone kann nur gemutmaßt werden, da sie hier mit einem gerade stehenden Kreuz gezeichnet ist, es aber bereits um 1510 eine Darstellung des Hl. Stephan mit einer Krone gibt, die ein schräg stehendes Kreuz zeigt.
Johann Baptist Georg Reichsfreiherr Lidl von  Borbula (gest. 1689)

Johann Baptist Georg Reichsfreiherr Lidl von Borbula (gest. 1689)
Kaiserin Elisabeth von Österreich

Kaiserin Elisabeth von Österreich
Flucht da einer, wenn er »Kruzitürken« sagt? Mitnichten. Das Schimpfwort der Bayern, noch heute südlich der Donau beliebt, geht auf die Kuruzzen zurück. Ende des 17. Jahrhunderts kämpften die Kuruzzen gegen die Habsburger, die sich den in Ungarn einbrechenden Türken entgegenwarfen. Die unscheinbare Kuruzzenfahne aus blaßgrüner goldbemalter Seide ist allerdings beileibe nicht das Glanzstück der großen Landesausstellung »Bayern - Ungarn, 1000 Jahre«, die das »Haus der Bayerischen Geschichte« unter seinem Direktor Claus Grimm derzeit im Oberhausmuseum der Stadt Passau zeigt.

Ausgerechnet Passau. Und keine andere bayerische Stadt sollte es sein, die die tausendjährige Geschichte zwischen den beiden einst unmittelbar aneinander grenzenden Völker und Staaten aufrollt. Mit Passau fing alles an. Die Herzogstochter Gisela, Schwester des berühmten deutschen Kaisers Heinrich II., die 997 mit dem ungarischen Thronfolger Stephan (benannt nach Passaus Schutzpatron) verheiratet wurde, sollte sich 41 Jahre später – ihr Gatte war gestorben und das Gerangel um die Nachfolge fing an – ins Passauer Kloster Niedernburg als Äbtissin zurück versetzen lassen. Während Giselas Mann ein Heiliger wurde, brachte Gisela es nur zum Ruf einer Seligen. Sie liegt in Niedernburg begraben, nicht weit von der Stelle, an der ihrer, ihres Gatten und deren beider Völker derzeit mit großem Aufwand gedacht wird.

Nicht nur das am Anfang der Geschichte Ungarns stehende Herrscherpaar ist ein Beweis dafür, daß Bayern und Ungarn in engster Beziehung standen. Die Ausstellungsmacher gehen im Sauseschritt durch die wechselvolle Geschichte mit ihren vielen Höhepunkten und Niederlagen.

Zu den Höhepunkten zählen die Handelsbeziehungen, die durch die schiffbare Donau geradezu provoziert wurden. Von Regensburg, Passau, später dann von Augsburg und vor allem Nürnberg aus wurden Ofenkacheln, Wasserleitungsrohre, Ochsen und Goldschmiedewaren nach Ungarn gebracht. Dort wiederum entdeckte man im 15. Jahrhundert schon große Kupfervorkommen. Der reiche Augsburger Handelsherr Jakob Fugger roch den Braten, daß sich da Geld aus Kupfer machen ließ. Und er verband sich in einem »joint-venture« mit der ungarischen Familie Thurzo. Geschäfte gingen damals vor allem über Eheschließungen. Noch unter Anton Fuggers Ägide blieb der »Ungarische Handel« aufrecht. Augsburger Niederlassungen in Ofen und Neusohl zeugten davon.

Der berühmt gewordene Ungarnkönig Matthias Corvinus hatte schon Jahre zuvor seine lüsternen Blicke gen Westen gerichtet. Er förderte Kunst und Kultur im Ungarnland, viele schöne und wertvolle Bücher aus seiner großen Sammlung von über 2000 Bänden herrlichster Handschriften sind im Oberhausmuseum zu bestaunen. Corinus verbandelte sich übrigens mit den bayerischen Wittelsbachern, wurde böhmischer König und nahm – seinem Rivalen, dem Habsburger Friedrich III. zum Trotz – Wien in seinen Besitz.

Wer wußte schon, daß der Vater des Nürnberger Grafikers Albrecht Dürer als junger Goldschmied von Ungarn nach Deutschland gekommen war und Nürnberger wurde? Seine und die Arbeiten seiner Kollegen bilden heute den immensen Renaissance-Schatz Ungarns.

Böse war die Zeit der Türkenkriege. Ungarn war dreigeteilt vor rund 450 Jahren. Ein Teil gehörte den Habsburgern. Siebenbürgen war autonom. Die Tiefebene aber hatten die Osmanen fest in der Hand. Der bayerische Kurfürst Max Emanuel half mit seinen schneidigen Truppen kräftig aus. So konnte Habsburg den osmanisch besetzten Teil Ungarns gewinnen. Doch zerbrach, wie man weiß, die bayerisch-österreichische Allianz im 18. Jahrhundert. Ungarische Truppen fielen in Bayern ein – als Besatzer im Dienste Österreichs.

Die Donau entlang zogen deutsche Siedler in das entvölkerte Ungarn, als die Türken endlich vertrieben waren. Von Günzburg und Regensburg aus zogen die sogenannten »Schwaben« gen Ungarn und ließen sich in sechs Regionen nieder.

Ob sich Kaiserin Sisi, die im ausgehenden 19. Jahrhundert so viel Herz und Seele für »ihre Ungarn« zeigte, jemals Gedanken gemacht haben mag, woher das nicht nur in Bayern, sondern auch in ihrem Österreich übliche Zwölfuhrläuten kommt? Sie hätte in die Mitte des 15. Jahrhunderts zurück gehen müssen, in die Zeit, da die Türken Ungarn bedrohten. Am 22. Juli 1456 führte nämlich Papst Calixtus III. den Brauch als Dankeszeichen für den Sieg Johann Hunyadis, des Vaters von König Matthias Corvinus, über Sultan Mohamed II. ein. Die fromme, aber auch reiselustige und exzentrische Sisi spielt in der Ausstellung freilich nicht die Hauptrolle in den letzten Sälen des Oberhausmuseums. Das 20. Jahrhundert ist – es muß beklagt werden – stiefmütterlich in einer Multimedien-Poster-Schau behandelt, besser: abgehandelt. Die wichtigen Jahre 1956 (Aufstand der Ungarn) und 1959 (DDR-Flüchtlinge in Ungarn) kommen fast gar nicht so recht ins Bewußtsein des Besuchers.

Er kann sich freilich über eine Fülle wertvollster, selten gesehener Exponate – ein Drittel davon aus Ungarn – freuen, über einen bebilderten Kurzführer, einen reich ausgestatteten zweisprachigen Katalog mit allen manchmal verwirrenden, verwickelten historischen Details, die in den schönen Ausstellungs-Fotos gegenwärtig werden. Sehr viel wird für junge Museumsbesucher getan: Es gibt einen Kinderlehrpfad, ein Schiffsmodell, das vervollständigt werden kann, eine Kupferschmiede für kleine Handwerker, sogar Wochenendprogramme, bei denen die ganze Familie einbezogen ist.

Tausend Jahre – tausend Geschichten. Ob aus bayerischer oder aus ungarischer Sicht: sie nachzuvollziehen anhand wissenschaftlich gesicherter Fundstücke und Schätze, macht Freude. Ungarnurlauber sollten auf alle Fälle ihre Reiseroute nach Budapest über Passau nehmen. Um hier zu sehen, was die Ungarn von den Bayern haben – und umgekehrt.

Hans Gärtner

Ausstellung »Bayern Ungarn tausend Jahre«, Passau, Oberhausmuseum, noch bis 28. Oktober 2001, geöffnet Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage 10 bis 18 Uhr. Pendelbusse vom und zum Rathausplatz Passau. Ermäßigter Eintritt für Familien.



23/2001