Jahrgang 2002 Nummer 27

Zweihundert Jahre Kapuziner in Altötting

Erfolgreiches Wirken als Wallfahrtsseelsorger, Beichtväter, Prediger und Missionare

Missionsbischof Sixtus Parzinger stammt aus dem Rupertiwinkel.

Missionsbischof Sixtus Parzinger stammt aus dem Rupertiwinkel.
Das ehemalige St.-Anna-Kloster wurde nach dem Bruder Konrad umbenannt.

Das ehemalige St.-Anna-Kloster wurde nach dem Bruder Konrad umbenannt.
Der Burghauser Landrichter Graf Armannsberg machte den Kapuzinern das Leben schwer.

Der Burghauser Landrichter Graf Armannsberg machte den Kapuzinern das Leben schwer.
Für die Wallfahrer aus nah und fern, die alljährlich in großer Zahl Altötting besuchen, gehören die Kapuziner in der braunen Kutte mit dem weißen Strick als Gürtel zum gewohnten Stadtbild. Sie begleiten die Pilgerzüge von den Sammelstellen zum Kapellplatz, predigen, hören die Beichte und segnen die Andachtsgegenstände, die von den Pilgern gerne als Andenken mit nach Hause genommen werden. Und natürlich ist jedem Besucher auch der heilige Bruder Konrad vertraut, der als Pförtner im St. Anna-Kloster lebte und vom Papst im Jahre 1934 heiliggesprochen worden ist.

Heuer jährt es sich zum 200. Mal, dass die Kapuziner erstmals nach Altötting gekommen sind. Aus diesem Anlaß veranstalten die Stadt Altötting und die Bayerische Kapuzinerprovinz in den Räumen des St. Konrad Klosters eine Ausstellung unter dem Titel »200 Jahre Kapuziner in Altötting«. Sie verfolgt mit zahlreichen Bildern, Texten, Dokumenten und Objekten die Spuren des Ordens in der Geschichte der Stadt und zeigt seine Bedeutung für die Wallfahrt und die Entwicklung Altöttings auf. Neben einem historischen Rückblick geht die Ausstellung auch auf das Leben bekannter bayerischer Kapuziner ein, behandelt ihr Wirken in der Mission und zeigt bisher kaum bekannte Planungen der im Vorfeld der Basilika-Baues erwogenen Bauprojekte, die das Stadtbild Altötting nachhaltig verändert hätten, aber dann doch nicht zur Ausführung kamen.

Für die Kapuziner war der Anfang in Altötting im Jahre 1802 alles andere als erfreulich. Im Zuge der Säkularisation, der viele Klöster zum Opfer fielen, sollte auch den Bettelorden wie Franziskanern und Kapuzinern der Garaus gemacht werden. Sie durften keine Bewerber mehr aufnehmen und wurden in sogenannten Konzentrationsklöster zusammengezogen. So kamen die Altöttinger Franziskaner nach Ingolstadt und nach Tölz, die Kapuziner aus ganz Ober- und Niederbayern nach Altötting, wo an die 150 Patres und Brüder im ehemaligen Franziskanerkloster und im Wallfahrtspriesterhaus (heute »Altöttinger Hof«) untergebracht wurden.

In der Altöttinger Bevölkerung sprach man bald nicht vom Aussterbekloster, sondern vom »Krepierkloster« – und nicht zu unrecht. Denn die äußeren Bedingungen in den überbelegten Räumen waren katastrophal, die Sterberate entsprechend hoch. Den kasernierten Kapuzinern war es verboten zu predigen, Pilgerzüge einzubegleiten, eine Krippe aufzustellen und kirchliche Zeremonien durchzuführen; nur Beichthören war ihnen gestattet. Der Burghauser Landrichter Franz von Armannsberg pflegte öfter angetrunken im Kloster aufzutauchen und die Patres durch Beschimpfungen seine Mißachtung spüren zu lassen. Die vielen Namen auf der Totentafel am Altöttinger Michaeli-Friedhof lassen erkennen, dass der »aufgeklärte Staat« unter Graf Montegelas seinem Ziel sehr nahe kam, die Kapuziner in Bayern aussterben zu lassen.

Dieser traurige Zustand währte bis zur Thronbesteigung König Ludwigs I., mit dem in der bayerischen Kirchenpolitik eine Wende eintrat und der klosterfeindlichen »Aufklärung« eine Absage erteilt wurde. Die Kapuziner erhielten die Erlaubnis, von Altötting aus die Bayerische Kapuzinerprovinz neu zu errichten und wieder Novizen aufzunehmen. Das war auch dringend nötig, denn der Altöttinger Konvent war auf acht Priestergreise geschrumpft. Zunächst bestand in Altötting nur das Kloster St. Anna, erst 1874 zogen die Kapuziner auch in St. Magdalena ein, nachdem die Redemptoristen in den Wirren des preußischen Kulturkampfes dieses Klosters räumen mussten. Seit dieser Zeit existierten zwei Kapuzinerklöster in Bayerns größtem Wallfahrtsort.

Dem Neubeginn in Altötting folgte eine stürmische Aufwärtsentwicklung des Ordens. Bedingt durch den Zustrom vieler Nachwuchskräfte entstanden in vielen bayerischen Orten Niederlassungen. Sehr gefragt waren die Kapuziner als Prediger und Volksmissionare, weil sie sich der Sprache des Volkes zu bedienen wussten und das Herz am rechten Fleck hatten. Als weitblickend erwies sich der Versuch der Altöttinger Kapuziner, Patres und Brüder in die Mission nach Chile, Nordamerika und nach Lettland zu entsenden. Besonders das Missionsgebiet in Chile entwickelte sich sehr gut, so dass der Vatikan dafür einen eigenen Missionsbischof berufen hat. Gegenwärtig ist das der aus Waging am See stammende Kapuziner Sixtus Parzinger, der im vergangenen Jahr den 70. Geburtstag feiern konnte.

Bei der Gedächtnisausstellung »200 Jahre Kapuziner in Altötting« wird auch an den verschiedenen Initiativen erinnert, die von den Altöttinger Kapuzinern im Laufe der zweihundert Jahre ausgegangen sind und das Stadtbild mitgeprägt haben. Ihnen ist sowohl der Bau der Basilika wie des Franziskushauses mit einer Heimvolksschule, Internat und Exerzitienhaus zu verdanken. Auch der Anschluss an das Eisenbahnnetz wurde von einem Kapuziner maßgeblich bewirkt, und zwar von P. Cyprian Fröhlich, dem Gründer des »Seraphischen Liebeswerkes«; er war mit einigen Mitgliedern des bayerischen Königshauses gut bekannt und machte seinen ganzen Einfluss geltend, dass die Bahnlinie Mühldorf-Altötting zustande kam. Die 1892 gebaute Verbindung hieß noch lange die »Cypriansbahn«.

Zum bekanntesten Kapuziner von Altötting wurde der bescheidene Pförtner des St. Anna-Klosters, der heilige Bruder Konrad, der im Jahre 1894 im Alter von 76 Jahren starb. Bruder Konrad zu Ehren wurde die St. Anna-Kirche und das St. Anna-Kloster in Bruder-Konrad-Kirche und Bruder-Konrad-Kloster umbenannt. Die Gebeine des Heiligen ruhen in einem Glasschrein unter dem Altar des Gotteshauses.

Wie viele Ordensgemeinschaften haben auch die Kapuziner in den letzten Jahrzehnten mit dem Nachwuchsproblem zu kämpfen. Eine schmerzliche Einbuße brachte schon der Zweite Weltkrieg, aus dem ein Drittel der Patres und der Brüder nicht mehr heimkehrte. Die Ordensleitung musste sich schweren Herzens dazu entschließen, eine Reihe von Niederlassungen aufzugeben. In Altötting selbst leben zur Zeit 26 Kapuziner, davon sind 11 Priester und 15 Brüder. Das Provinzkapitel, die oberste Ordensinstanz in Bayern, entschloß sich vergangenes Jahr künftig die Konvente von St. Konrad und von St. Magdalena zusammenzulegen zu einem einzigen Kloster. Zu diesem Zweck wird gegenwärtig das Kloster St. Magdalena grundlegend umgebaut. Was aus dem Kloster St. Konrad wird, ist noch ungewiss. Die Stadt Altötting hat bereits ihr Interesse an dem Bau angekündigt, sie möchte darin einen repräsentativen Stadtsaal errichten, der für kulturelle Veranstaltungen und für Zwecke der Wallfahrt genutzt werden soll.

JB



27/2002