Jahrgang 2002 Nummer 51

Zwei Tage noch bis Heilig Abend

Weihnachten bei den Großeltern

Es ist vier Uhr nachmittags und es beginnt bereits zu dämmern, ich sitze auf der Ofenbank neben dem Kachelofen, in den ich heute schon zeitig in der Früh eingeheizt habe, denn kalt ist es draußen, eine dünne Schneedecke liegt über den Wiesen und Feldern, die zu unserem kleinen Einödhof gehören, der einsam und still unweit des Waldes steht. Es sind noch zwei Tage bis zum Heiligen Abend und ich denke bei mir, wie wird es wohl heute wieder zugehen in der Stadt drinnen. Autos dicht hintereinander, mancher hupt ungeduldig, weil ihm einer zu langsam fährt. Die Leute hasten eilig aneinander vorbei um schnell noch ein paar Geschenke zu besorgen und an der Kasse in den Geschäften warten die Menschen ungeduldig bis sie endlich an der Reihe sind. Da ist es doch gut, denke ich bei mir, dass ich die Geschenke für meine Kinder und vor allem für meine Enkel schon lange ausgesucht habe und sie schon vor einigen Tagen liebevoll eingepackt habe. Es gibt ja in unserer Zeit alles zu kaufen was das Herz begehrt, was für die meisten Menschen selbstverständlich ist, denn sie kennen es nicht anders. Nur dass so viele Menschen über all den Geschenken immer mehr vergessen, einander Liebe zu schenken.

Ich lehne mich zurück an den warmen Ofen und meine Gedanken wandern weit zurück, da ziehen wohl bekannt, Gestalten aus längst vergangener Zeit an mir vorbei, ein dicht verschneiter, großer, hölzerner Einödhof ist es, zu dem diese Menschen gehören, die mich an den Heiligen Abend meiner frühesten Kindheit erinnern. Meine Großeltern, meine Mutter und meine fünf Tanten sind es, die mit mir die Tür zu der großen Bauernstube aufmachen, darinnen der hell erleuchtete Christbaum steht. Ich halte ganz fest die Hand des Großvaters, der mit mir und den anderen in die Stube geht, vor dem Christbaum stehen bleibt und zu beten anfängt »Vater unser, der du bist im Himmel« und alle beten mit. Nach dem gemeinsamen Gebet war bei allen die Freude groß, denn für jeden aus der großen Familie hatte das Christkindl etwas gebracht. So lagen da unter dem Christbaum einmal ein bunter Schürzelstoff für meine Tanten, schöne selbstgestrickte Handschuhe für meine Mutter, meine Großmutter bekam auch mal ein breites, schwarzes Samtband und warme Hausschuhe. Mein Großvater aber kriegte meistens einen besonders guten Tabak für seine lange Pfeife und auch eine warme, schafwollene Joppe war dabei. Doch nicht zuletzt dachte das Christkind auch an mich, so entdeckte ich ein Armband aus lauter roten Herzchen, das ich mir gleich freudig über den Arm streifte. Auch ein kleines Ringlein mit einem bunten Stein war für mich dabei und ein aus bunter Wolle gestricktes Jäckchen, das ich gleich anprobierte. Jeder bekam ein Teller voller Gutel, ich setzte mich dann mit meinem Teller und den neuen Sachen zu meinem geliebten Großvater aufs Kanapee, war glücklich und dachte, es würde immer so bleiben.

Doch schon einige Jahre später und ich ging in die zweite Klasse, da sollte der Heilige Abend für mich ganz anders aussehen, denn eine gute Woche vor dem Weihnachtsfest, da hieß es Abschiednehmen vom Heimathaus und den Großeltern. Ein kleiner Bauernhof mitten in einem Dorf war es, in den ich mit meiner Mutter zu meinem Stiefvater ziehen musste. An diesem Heiligen Abend gab es für mich keine innige Liebe und kein Glücklichsein mehr, nur unendliches Heimweh nach meinen Großeltern fühlte ich in mir. Da gab es keine große gemütliche Stube mehr mit dem Kanapee beim Kachelofen, nur eine kahle, ungemütliche Wohnküche bei meinem ungeliebten Stiefvater. Traurig schlich ich in mein Bett und mein Kissen war tränendurchnässt als ich endlich einschlafen konnte. Erst der nächste Tag der Weihnachtstag an dem mich meine Tante abholte und mit mir mit dem Zug zu meinen Großeltern fuhr, war für mich Weihnachten geworden.

In den darauf folgenden Jahren während meiner Schulzeit trösteten mich die alljährlichen Kirchgänge zur Mette mit dem Krippenspiel, bei dem ich immer eifrig und voll Freude dabei war und stimmte der Chor dann das »Stille Nacht, heilige Nacht« an, so sang ich voller Inbrunst laut mit und musste dabei an den Heiligen Abend bei meinem Großvater denken. Dann folgten Jahre, in denen das Weihnachtsfest für mich nicht viel mehr als ein gewöhnlicher Tag im Jahr war. Von meiner Mutter und meinem Stiefvater war ich fortgegangen in die Stadt und den Heiligen Abend verbrachte ich allein in meinem kleinen Zimmer, das ich bei einer fremden Familie, bei der ich arbeitete, bewohnte. Auch damals konnte ich nicht verhindern, dass die große, heimelige Bauernstube bei meinen Großeltern vor mir auftauchte und ich mich froh und glücklich vor dem Christbaum stehen sah.

Und wieder mussten mehrere Jahre vergehen, bis ich mich endlich wieder auf das Weihnachtsfest freuen konnte. Es war dies, als ich in den kleinen Einödhof einheiratete und ich nacheinander meine drei Kinder zur Welt brachte. Da war der Heilige Abend wieder ausgefüllt von ungeduldigen Warten auf das Christkind, wenn ich dann am Abend am Christbaum, den ich am Nachmittag heimlich schmückte, die Kerzen anzündete und das Leuchten der Kinderaugen sah, dann wurde mir wieder warm ums Herz. Ich stimmte das »Stille Nacht, heilige Nacht« das ich viele Jahre nicht mehr gesungen hatte, an und alle sangen fröhlich mit und da war auch für mich wieder Weihnachten geworden. Heute nach so vielen Jahren sitzen mein Mann und ich am Heiligen Abend noch immer in derselben Stube, in der wir damals mit unseren Kindern vor dem Christbaum standen. Diese haben nun ihr eigenes Heim und ihre Familie, mit der sie Weihnachten feiern. Nur ein kleiner Christbaum ist es, den ich noch immer wie damals am Nachmittag schmücke und nach dem Abendessen mit einem seltsam frohem Gefühl, das mich nur am Heiligen Abend überkommt, die Kerzen anzünde. Dann setzen wir uns am Kachelofen zusammen und ich betrachte nochmal die einzelnen Päckchen, die ich für meine Enkelkinder unter den Baum gelegt habe. Morgen am Christtag werden sie zu uns kommen, dann nehme ich sie voller Freude in die Arme.

EM



51/2002