Jahrgang 2002 Nummer 35

Zum Aderlassen beim Bader

Erinnerungen aus dem alten Teisendorf

Bei uns daheim hat es vor dem zweiten Weltkrieg noch zwei Bader gegeben, aber nur einer hat dieses, seit dem 12 Jahrhundert in Deutschland nachgewiesene Gewerbe noch ausgeübt. Dazu gehörte neben Haare schneiden und Rasieren auch die »niedere Chirurgie« wie Aderlassen, Schröpfen, Zähne ziehen usw. Inzwischen ist der Baderberuf längst ausgestorben und als ich als junger Bursch einem älteren Friseurgehilfen gegenüber einmal mein Bedauern über das Verschwinden dieses alten Gewerbes geäußert habe, hat er mich angegrinst: »Was? Da is’s gar net schad drum. I hab no bei an Bader glernt, aber wenn i dro denk, was des für a Schinderei war beim Zähn reißn! I hab de Leut allwei an Kopf haltn müaßn; na, um den Beruf is’s wirklich net schad!« Und es gibt ihn auch längst nicht mehr, aber unser Nachbar, der Stützer Heinrich sen. hat ihn noch bis nach dem zweiten Weltkrieg praktiziert. Es war so gegen die Mitte der dreißiger Jahre, da hat mich sein jüngster Bub, der Hugo einmal gefragt: »Magst amal bein Aderlassn zuaschaugn? I muaß de Bluatschüssl hebn.« Ich war neugierig und hab mir mit einem unguten Gefühl die ganze Prozedur angeschaut und der Hugo hat hernach gemeint: »Is dir schlecht wordn, weilst so kaasig bist?« Nein, schlecht ist mir nicht geworden, aber die Sache war halt eben so aufregend.

Wie ich dann einmal in der Baderstube allein hinten auf der Bank gesessen bin und auf das Haarschneiden gewartet habe, da war im Hausgang draußen ein lauter Männerdiskurs zu hören: »Gua Morgn, Bader« und »Grüaß di, Schneiderbauer, i kimm glei, geh nur glei eine.« Er meinte damit das »Schröpfzimmer.«, einen schmalen Raum gleich neben der Baderstube mit nur einem südseitigen Fenster zur Marktstraße hinaus. Der Hugo war gerade nicht da, drum forderte mich der Herr Stützer auf: »Geh weider Kalle, magst de Bluatschüssl hebn? Traust da?« Mit einem unsicheren, zaghaften »ja« hab ich mein Einverständnis gegeben und war doch ein besserl stolz, dass ich als kleiner Bub eine so wichtige Aufgabe bekommen habe.

Der alte Schneiderbauer hat sich auf einen Stuhl setzen müssen, der mitten im Zimmer gestanden ist und man hat ihm einen langen Besenstiel in die rechte Hand gegeben, damit ihm der waagrecht ausgestreckte Aderlaßarm nicht müde wird. Ich hab noch einen frischen weißen Schurz bekommen und die Frau Stützer hat auch einen umgebunden und so bin ich ein bisserl aufgeregt dagestanden, die weiße, blaugeränderte Emailschüssel in den Händen. Der Stützer hat inzwischen schon alles vorbereitet gehabt. »Passt eh akrat« hat er gemeint »vorgestern war Vollmond« und hat dem Patienten mit einem Handtuch den Oberarm abgeschnürt, mit der Fingerkuppe die Vene ertastet und mit einem getränkten Wattebäuscherl die Einstichstelle abgewischt. Zum Öffnen der Ader hat er einen Schnäpper benützt, ein kleines Messinggerät, das für mich ausgeschaut hat wie ein Feuerzeug. Ich hab nur so ein metallisches »klick« gehört und schon ist das dunkelrote Blut in einem dünnen Strahl in meine Schüssel gelaufen.

In der heutigen Zeit mit ihren exakten Meßmethoden hätte man die vorgesehene Blutmenge genau begrenzt, aber damals war das alles viel einfacher: Die Baderfrau hat mit einem winzigen Steinkrügerl, wie es für ein Enzianstamperl gebräuchlich war, das rote Brünndl aufgefangen, in die Schüssel entleert und dabei laut mitgezählt. Fünfzehn Stamperl waren vorgesehen und ich hab mir als Bub Gedanken darüber gemacht, dass das Blut bei der Entleerung des Krügerls ja weiterläuft und somit nicht mitgemessen wird, aber das war wohl alles mit eingerechnet. »Wiavui tuast ma’n heut außa?« hat der Patient gefragt. Der Bader fuhr sich mit dem Handrücken über den Schnurrbart: »Fuchzehne wia’s letztemal, des glangt. Aber da Koanzei war neuli da, wiavui moanst, dass ma dem außato haben? Zwoaradreißge!« »So vie??« »Ja, der vertragts« hat der Stützer gemeint und hat sich daran gemacht, die Wunde zu verbinden. Die Blutlacke in meiner Schüssel ist schon ein bisserl sulzig geworden, als sie die Stützerin weggetragen hat. »Mir taugts allwei recht guat, des Aderlassn« hat der Schneiderbauer bei der Begleichung seiner Schuldigkeit so beiläufig noch bemerkt und er Nachbar Stützer hat mich in die Baderstube geschoben zum überfälligen Haarschnitt: »So Bua, iatz kimmst du dro«.

KR



35/2002