Jahrgang 2005 Nummer 42

Woher stammen die Baiern/Bajuwaren?

Die Männer aus »baiaheim« / Böhmen

»Herrlichstes Land, erstrahlend in Anmut, überreich an Wäldern, fruchtbar an Wein, ergiebig an Eisen, an Gold und Silber und Purpur; die Männer hochgewachsen und strotzend in Kraft, aber gutmütig und handsam; das Erdreich gesegnet mit Garben, Zugvieh und Herden so viel, dass sie fast den Boden bedecken ...« Diese Lobeshymne setzt sich noch ein gutes Stück fort und war die erste literarische Liebeserklärung an Baiern, verfasst von Bischof Arbeo von Freising um das Jahr 770, also etwa um die Zeit, als Karl der Große das Frankenreich zu beherrschen begann.

Wer aber waren die Glückspilze, die ein so paradiesisch empfundenes Land bewohnen durften? Und woher stammten sie?

Zur Herkunft des Baiern-Namens oder der Bajuwaren werden schon seit 200 Jahren die verschiedensten Theorien verbreitet. Manche von ihnen muten doch recht abenteuerlich an, wie zum Beispiel jene, nach der die Baiern aus Armenien stammen sollen. Grund für derart phantastische Vermutungen ist die dürftige Quellenlage des 4. bis 6. nachchristlichen Jahrhunderts zu diesem Thema gegen Ende des Römischen Weltreiches. Die frühesten Nennungen des Baiernnamens stammen aus dem 6. Jahrhundert – 551 vom gotischen Geschichtsschreiber Jordanes. Er berichtet in seinem Werk, dass die Baiern (»baibaros«) nach Westen die Schwaben zu Nachbarn hätten. Allenfalls ließe sich die Erstnennung des Namens bis zum Jahre 526 zurückverfolgen, da sich Jordanes auf das Werk eines Vorläufers stützt, verfasst von Cassiodor, dem Gelehrten und Kanzler am Hofe des Ostgotenkönigs Theoderich, den wir als Dietrich von Bern aus dem Nibelungenlied kennen. Eine weitere schriftliche Bestätigung erfährt der Baiernname um 565, als der italienische Dichter und spätere Bischof Venantius Fortunatus in seiner Reisebeschreibung berichtet, dass man von Augsburg (wo er den Reliquien der heiligen Afra einen Besuch abstattete) nach Baiern einreisen könne, »wenn der Weg frei ist und dir nicht der ‘Baier’ (»baiovarius«) entgegentritt«.

Diese ersten Namensbelege sagen aber noch nichts über die Herkunft aus. Die spannende Frage ist nun: Wie lange vorher liegt die Stammesbildung zurück und wie bzw. warum kam sie überhaupt zustande?

In den letzten Wochen war den Zeitungen die Hypothese eines österreichischen Namenskundlers zu entnehmen, der Namensbestandteil »bai« von »baiuvarii« habe nichts mit dem bisher favorisierten »boiohaemum« (lat. Böhmen) zu tun. Er bedeute vielmehr »grober Wollstoff« oder »Loden« – ein Stoff, der in Bayern, aber auch in anderen Alpenländern immer noch als schmuck und beliebt gilt und von dem die Träger ihren Namen bekommen haben sollen. Als Beweis für diese Wortbedeutung wird das Mittelniederdeutsche herangezogen. Wenn diese Theorie auch nicht als sehr stichhaltig erscheint, soll sie doch dazu dienen den derzeitigen Forschungsstand in dieser Frage aufzuzeigen eines jedenfalls ist sicher: Von den »Böhmen« können die Bajuwaren nicht abstammen, wie in der ein oder anderen Zeitung zu lesen war. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil die Böhmen/Tschechen bekanntlich einer anderen Sprach- und Völkerfamilie, den Slawen, angehören. Aber auch von den keltischen Bojern, die im böhmischen Kessel ansässig waren und nach denen dieses Land benannt ist, können sie nicht hergeleitet werden, da diese schon im 1. Jahrhundert v. Chr. von den germanischen Markomannen verdrängt wurden. Diese wiederum errichteten dort in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten eine starke Herrschaft, kämpften zunächst hartnäckig gegen die Römer (unter Kaiser Marc Aurel), leisteten aber später Kriegsdienst in ihrem Heere, -ein Umstand, der dann doch eine Parallele in der Morgendämmerung der baierischen Geschichte aufweist. Im 5. Jahrhundert gerieten sie unter die Herrschaft der Hunnen – ein Schicksal, das auch Teile des heutigen Bayern teilten – und verschwanden nach deren Niederlage auf den Katalaunischen Feldern 451 aus der Geschichte. So boten sich für nicht wenige Historiker oder geschichtlich Interessierte zu unterschiedlichen Zeiten die Markomannen als Vorfahren der Baiern an. Immerhin finden sich in böhmischen Gräbern des 4. und 5. Jahrhunderts Hinweise auf eine markomannische Restbevölkerung, die sich aber mit Stammesgruppen aus Thüringen verschmolzen haben muss und deren Grabbeigaben überraschenderweise auch im bayerischen Donaubereich auftauchten.

Die Friedenhain-Prestovice-Kultur

Und so ließen deutsche Archäologen Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts aufhorchen – versehen mit Erkenntnissen ihrer tschechischen Kollegen – als sie daran gingen das Fundgut germanischer Reihengräber-Friedhöfe entlang des ehemaligen Donaulimes zu untersuchen und wissenschaftlich zu veröffentlichen. Nun schien doch die alte – sprachwissenschaftliche Vermutung, »baiuvarii« bedeute »Männer aus Böhmen« – zumindest in kleinem Umfang sich zu bestätigen. Grundlage dafür waren neben Waffen und Frauenschmuck (z. B. Bügelfibeln) besonders Keramikfunde der sog. Friedenhain-Prestovice-Kultur. Hierbei handelt es sich um Material wie z. B. glatt polierte, aber handgefertigte Töpfe, Schalen, Becher, aber auch Urnen, die auffällige, schräg verlaufende wellenartige Verzierungen oder Dellen aufwiesen (z.B. Facetten- und Schrägriefen). Die Untersuchungen ergaben, dass tatsächlich germanische Sippen aus Böhmen (Prestovice) bereits im 4., sodann im 5. Jahrhundert nach Nordbayern und an die Donau (Friedenhain bei Straubing) ausgewandert waren, um sich dort – wahrscheinlich sogar auf Wunsch der Römer – als deren Hilfstruppen und Söldner niederzulassen. Schließlich sollte die Nordgrenze des Römischen Reiches mit allen Mitteln gehalten werden. Aufgrund dessen riesiger Ausdehnung waren bereits seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. Soldaten knapp. Und was bot sich besser an als den ungestümen Kampfesmut germanischer Krieger zu nutzen, der sich bisher überwiegend gegen Rom gerichtet hatte. Mit Hilfe des römischen Geldes konnten sie auf neue Ziele, die Verteidigung des Reiches, umgelenkt werden. Bei dieser Bevölkerungsverlagerung lagen nun keine langen Zeiträume mehr dazwischen, denn die Grabbeigaben hörten zu dem Zeitpunkt in den böhmischen Gräbern auf, als sie kurze Zeit später in den »bayerischen« wieder auftauchten. Diese besondere Keramik findet sich von Straubing aus donauaufwäts in einem Bereich 80 bis 100 km nördlich davon bis zur Lechmündung im Westen. Sie berührt die Regierungsbezirke Niederbayern, Oberpfalz, Mittelfranken, Oberbayern und Schwaben.

Somit wäre die Donau Wiege und Ursprung der bayerischen Geschichte und verbindet in schicksalhafter Weisheit die Stämme des heutigen Bayern, nämlich der Altbayern, Schwaben und Franken, die sich ja erst durch die Neugestaltung Bayerns und Deutschlands zur Zeit Napoleons in einem gemeinsamen Land zusammengefunden haben oder zusammengefügt wurden.

Wie kann aber eine solche, doch relativ kleine Gruppe einem Großstamm, der ja auch noch weite Teile des heutigen Österreich umfasst, den Namen gegeben haben?

Grundlagen der Stammesbildung

Diese böhmischen Germanen besaßen durch die Zusammenarbeit mit ihren römischen Auftraggebern das nötige Know-how, waren schon länger im Lande als später Zugewanderte und verfügten nach Abzug der Römer über das wehrhafte und mit hohen Mauern geschützte Regensburg, das damals gewissermaßen schon zur ersten bayerischen Hauptstadt wurde. Sie galten offenbar als führende Schicht, die den Zustrom anderer Stammesgruppen koordinieren und die Besiedlung des Landes systematisch – vorwiegend entlang der Flussläufe, die waldfrei waren, – organisieren konnten. Die echten ing-Orte künden davon (z. B. »Wag-ing«, wo in den späten 80-ern auch ein Gräberfeld bearbeitet wurde). Das junge Baiern schien begehrt zu sein. Aus allen Richtungen strömten Neusiedler in das Land, das zuvor durch Durchzüge riesiger Heere wie jene der Vandalen, iranischen Alanen und vor allem der Hunnen auf dem Weg nach Spanien und Afrika bzw. Gallien (Frankreich) verwüstet und entvölkert wurde. Nach den Grabinventaren zu schließen stellten einerseits Angehörige elbgermanischer Gruppen die größten Kontingente, wie Langobarden, die aber damals bereits in Niederösterreich und Westungarn saßen und von denen sich nicht alle dem späteren Zug nach Italien anschlossen. Dazu kamen weiterhin Thüringer, die den »Männern aus Böhmen« ethnisch nahe standen, und Alamannen. Möglicherweise spielt bei den beiden Letztgenannten auch eine Rolle, dass sie von den Franken, dem damals schon mächtigsten Stamm West- und Mitteleuropas, besiegt wurden und ihre Zuflucht in einer neuen Heimat suchten, die geeignet schien, eine neue Existenz für die Zukunft zu gewährleisten.

Die Rolle des Ostgotenkönigs Theodorich

Auffällig ist andererseits, dass die Gräber des späten 5. und frühen 6. Jahrhunderts eine deutliche ostgotische Komponente aufwiesen – jedenfalls in dem entscheidenden Bereich entlang der Donau. Die Archäologen stellten dabei häufig fest, dass Angehörige dieses Stammes auffälligerweise oft etwas abseits der anderen Bestatteten ihre letzte Ruhe gefunden hatten, was darauf hindeuten kann, dass sie eine gehobene Position bekleideten und für die wichtige Rolle des Ostgotenreiches am Beginn eines baierischen Staates als Beleg dienen könnten. Wir tauchen damit in die Zeit ein, in der die Ostgoten die neuen Herren Italiens waren und sich evtl. als »Geburtshelfer« eines späteren deutschen Stammes betätigten. Denn anders als Odoaker - ein germanischer Söldnerführer, der sich 476 des römischen Kaiserthrones bemächtigt und damit das Ende des Weströmischen Reiches eingeleitet hatte, war sein Nachfolger Theoderich an den alten römischen Provinzen »Rätien« und »Noricum« interessiert, die den Raum südlich der Donau ausmachten. Er wollte das Land, das ja schon seit dem 5. Jahrhundert einer wirklichen römischen Ordnungsmacht entbehrte und den Plünderungen durchziehender Stämme weitgehend schutzlos ausgesetzt war, wieder stabilisieren. So förderte er offenbar die Herrschaftsbildung einer neuen politischen Kraft im Südosten Germaniens und von dessen Führungsschicht. Sein großes Ziel war es, möglichst alle Völker germanischer Herkunft miteinander zu verbünden, was ihm allerdings nicht gelang. Er selbst hatte durch verwandtschaftliche Beziehungen zur Königsfamilie der Thüringer engen Kontakt in diese Richtung. Auch deshalb sollte der baierische Raum dazwischen eine friedliche Brückenfunktion erhalten.

Namensgebung und Wesensbildung der Baiern

Der Name »Bajuwaren« entstand wohl spätestens als wiederum die Franken Nachfolger der Ostgoten und Vormacht im jungen Abendland wurden. Sie mussten ja die vielen Völker ihres großen Reiches benennen. Bei den schon längst existierenden war das problemlos. Bei dem neuen Stamm im Südosten ihres Einflussgebietes bot es sich offenbar an, unter der diffusen Masse zahlreicher Neusiedler und Stammessplitter eine irgendwie hervorstechende, vielleicht schon am längsten vor Ort sich aufhaltende Gruppe auszuwählen, bei der eine Namensgebung überhaupt möglich war. So mag sich wohl die Führungsschicht der Donaugebiete, eben die »Männer aus Böhmen« alias Bajuwaren angeboten haben.

Aber nicht nur sie trugen den neuen Namen, sondern er ging über auf alle Bewohner, auf die im Lande verbliebenen Kelten, die von den Römern besiegt wurden (15 v. Chr.), auf die Römer, die nach dem offiziellen Räumungsbefehl doch lieber im Lande bleiben wollten (»Walchen« genannt) und die Germanen, die hauptsächlich seit 2-3 Jahrhunderten in kleineren und größeren Gruppen eingesickert waren und die politische Macht übernommen hatten. Sie alle zusammen bildeten erst eine neue erfolgreiche politische und schon sehr bald kulturelle Einheit, weil sie nur zusammen und nicht gegeneinander im Konzert mit den anderen (späteren) deutschen Stämmen der Alamannen/Schwaben, Franken und Sachsen bestehen konnten (bei denen ähnliche Vermischungsprozesse abliefen). Vielleicht liegt es auch an dieser Geschichte, dass die Baiern/Bayern so geworden sind, wie sie sind oder von anderen gehalten werden: heimatliebend, Erbe, Brauchtum und Sitten bewahrend (konservativ), untereinander landsmannschaftlich solidarisch und die eigene Postion anderen (Fremden) gegenüber derb verteidigend. Auch unser erster (schriftlich bekannter) Reisegast V. Fortunatus musst schon vor 1500 Jahren ähnliche Erfahrungen machen (s. 3. Absatz).

Werner Segerer



42/2005