Jahrgang 2006 Nummer 37

Woher kommen eigentlich unsere Buchstaben?

Ein Besuch im Traunsteiner Druckereimuseum

Papyrus aus einem ägyptischen Totenbuch etwa 3500 Jahre alt. Der Text ist von oben nach unten zu lesen. Er beginnt mit einer Hym

Papyrus aus einem ägyptischen Totenbuch etwa 3500 Jahre alt. Der Text ist von oben nach unten zu lesen. Er beginnt mit einer Hymne auf den Verstorbenen: »Der König gibt ein Opfer für Osiris, den Herrn der Ewigkeit ...«
Diese Tonplatte entstand um 1000 vor Christus und enthält den ältesten lesbaren Text, aus Buchstaben des altsinaitischen Alphabe

Diese Tonplatte entstand um 1000 vor Christus und enthält den ältesten lesbaren Text, aus Buchstaben des altsinaitischen Alphabets. Es handelt sich um einen Bauernkalender, der für jeden Monat die zu verrichtende Feldarbeit angibt.
Hans Reindl, Museumsführer, Kustos und Wartungsmechaniker des Traunsteiner Druckereimuseums.

Hans Reindl, Museumsführer, Kustos und Wartungsmechaniker des Traunsteiner Druckereimuseums.
Die Bild-Zeitung titelt: »Wir sind Papst!« Wen es interessiert, der kann im Bundesanzeiger nachlesen wie die »8. Novelle zur Änderung von § 35, Abwasserbeseitigungsgesetz vom 17.4.1954« lautet. Auf poliertem Edelstahl steht an der Granitfassade eines Bankhauses: »Fahrräder anlehnen verboten«. Alles höchst unterschiedliche Verlautbarungen von mehr oder weniger fundamentaler Bedeutung. Sie haben eines gemeinsam. Sie sind gedruckt mit Buchstaben eines Alphabets, das um 1500 vor Christus in der Wüste Sinai erfunden wurde. Wir lesen Gedrucktes und Geschriebenes. Wir erfassen Leuchtreklame und quälen uns durch Bildschirmtexte. Wir können entziffern was Schriftkünstler vor Jahrtausenden in die Marmorplatten antiker Tempel meißelten. Wer denkt schon darüber nach, woher diese Buchstaben eigentlich kommen?
Die Schrift ist das älteste Kulturwerkzeug der Menschheit. Sie entstand an verschiedenen Orten der Welt zu unterschiedlichen Zeiten: die Hieroglyphen 3500 vor Christus in Ägypten, die sumerische Keilschrift um 2700 vor Christus in Mesopotanien oder die Schrift der Olmeken um 1000 vor Christus in Mittelamerika. Schon vor 20 000 Jahren begannen Menschen damit, Bilder ihrer Umwelt aufzuzeichnen. Sie schufen die Bisons in den Höhlen von Altamira oder die Urpferde im südfranzösischen Pech-Merle. Der Höhlenmensch malte was er sah. Der schreibende Mensch drückt aus was er weiß und was er denkt. Vielleicht ist Schrift deshalb sogar die wichtigste Kultur-Erfindung der Menschheit überhaupt.
Der Zeichensatz der ägyptischen Hieroglyphen bestand aus 700 Ideogrammen, Syllaben und Determinativen. Letztere sind Zeichen, die nicht gelesen wurden, sondern bestimmten, in welche Kategorie das Wort einzuordnen war. Eine Ausdrucksform, die große intellektuelle Fähigkeit zur Abstraktion verlangte. Die Schreibtechnik der Ägypter begann mit sakralen Zeichen, in Stein gehauen, in Ton oder Holz geschnitten und war ausschließlich heiligen Texten vorbehalten. Hieroglyphen galten als »Gottesworte«. Erst mit der Erfindung des Papyrus als Schreibunterlage, etwa um 3000 vor Christus, brach für die Schriftkultur ein neues Zeitalter an. Die größere Wendigkeit des Schreib-Rohres ermöglichte eine schnellere Art des Schreibens. Es entstand die Hieratische oder Demotische Schrift, eine flüchtigere Form der Hieroglyphen. Sie wurde nun auch für profane Texte verwendet, für Rechnungen, Briefe, Inventarverzeichnisse und politische Pamphlete.

Die Kompliziertheit ihrer Schreibweise konnte den Ägyptern eigentlich nicht verborgen geblieben sein. Es bleibt ein Rätsel, warum sie nicht selbst auf die naheliegende Idee kamen, ihre Bildsymbolschrift zu vereinfachen, sie benutzerfreundlicher zu machen. Vielleicht sträubte sich die übermächtige schreibkundige Priesterschaft, die den Verlust von Einfluss und Pfründe fürchtete. Es waren jedenfalls semitische Schreiber, die um 1500 vor Christus auf der Halbinsel Sinai aus der Demotischen Schrift ein Alphabet mit 22 Zeichen entwickelten. Jedes Zeichen repräsentierte einen bestimmten Laut. Die »Buchstaben« waren noch sehr bildhaft und beschrieben nur Konsonanten. So als ob man das Wort »Buchstaben« nur wie »Bchstbn« schreiben würde. Als die Phönizier diese altsinaitische Schrift übernahmen, wurden mit zunehmender Schreibpraxis die Zeichen immer abstrakter, verloren ihre Bildhaftigkeit.

Die Griechen verfeinerten die Buchstaben und führten die heute gebräuchliche Schreibweise von links nach rechts ein. Im 8. vorchristlichen Jahrhundert gelangte das Alphabet über die Etrusker nach Rom. Römische Steinmetze gestalteten daraus formvollendete Kunstwerke. Die Ausgeglichenheit der Zeilen und die spannungsreichen Proportionen ihrer Buchstaben sind seit zwei Jahrtausenden der Maßstab für jeden Schriftkünstler. Auf dem Sockel der Trajanssäule in Rom ist die CAPITALIS MONUMENTALIS als vollkommenstes Beispiel römischer Schriftkultur zu bewundern. Alle Großbuchstaben unseres Alphabets stammen von dieser römischen CAPITALIS ab. Die Kleinbuchstaben kommen dagegen von der Karolingischen Minuskelschrift, die im 9. Jahrhundert in fränkischen Klöstern perfektioniert wurde. Unser Alphabet besteht also aus zwei unterschiedlichen Schriftfamilien, die jedoch beide der sinaitischen Urform entstammen.

»Mehr als Gold hat Blei die Welt verändert. Aber nicht das Blei in der Flinte sondern das im Setzkasten«, schrieb der deutsche Physiker und Philosoph Georg Christoph Lichtenberg. Es ist eine poetische Umschreibung für die Macht der Medien. Wie funktionierte diese geheimnisvolle Macht? Welche Werkzeuge benutzte jene mysteriöse Zunft, die sich selbstbewusst »Jünger der Schwarzen Kunst« nannte? Wer Antworten auf solche Fragen sucht, dem ist ein Besuch des Traunsteiner Druckereimuseums zu empfehlen.

»Die Linotype DELTA ist die letzte Bleisetzmaschine, die in Deutschland gebaut wurde«, sagt Hans Reindl mit einer Begeisterung in der Stimme, der man anmerkt, dass ihm die Schwarze Kunst zur Passion geworden ist. Über 50 Jahre, sein gesamtes Berufsleben, hat er in der Druckerei A. Miller & Sohn zugebracht. Seit 1996 ist er Museumsführer, Kustos der Sammlung, Aufsichtsperson und Wartungsmechaniker in einer Person. »Die Maschine hat vier Schriftmagazine und eine Großkegel-Gießeinrichtung«, erklärt er dem mehr oder weniger fachkundigen Besucher, während seine feingliedrigen Hände routiniert über die Tastatur gleiten. Mit einem hellen Klimpern fallen die Messingmatrizen in den Sammelschlitten. Meist setzt Hans Reindl den Namen des Museumbesuchers. Ist der Schlitten voll, schickt er den Matrizenblock mit einem Hebeldruck zum Gießwerk. Anschließend überreicht er mit einem verschmitzten Lächeln die silbrig glänzende Druckzeile. Vorsicht! Die 285 Grad heiße Legierung aus Blei, Antimon und Zinn kühlt nur langsam ab. Man kann sich ganz schön die Finger verbrennen.

Die Linotype, dieses Wunderwerk der Feinmechanik des deutschen Erfinders Othmar Mergenthaler, revolutionierte einst die Satztechnik. Ganze Heerscharen von Setzern verloren im ausgehenden 19. Jahrhundert ihren Job, als die ersten Setzmaschinen bei der New York Times installiert wurden. Die Maschine steigerte die Setzgeschwindigkeit auf das Sechsfache. Trotzdem benötigte man für Überschriften und anspruchsvolles typografisches Gestalten auch weiterhin Handsatzlettern. Im Traunsteiner Druckereimuseum ist eine komplette Handsetzerei aufgebaut. Zu besichtigen sind wertvolle alte Bleilettern und handtellergroße Plakatbuchstaben aus Lindenholz, penibel eingeordnet in massive Eichenholz-Schubladen. Im Stehsatzregal schlummert ein halbes Jahrhundert lokaler Wirtschaftsgeschichte. Traunsteiner Gewerbebetriebe, manche längst verkauft, geschlossen oder in Konkurs gegangen, leben hier fort in Gestalt der Bleisatz-Druckformen ihrer Geschäftsdrucksachen. Akkurat mit Kolumnenschnur zusammengebunden stehen sie unzerstörbar aufgereiht auf soliden Hartholzbrettern. Sie werden in 100 Jahren noch Zeugnis ablegen von der erfolgreichen Geschäftstätigkeit einer Bau- und Möbelschreinerei Seb. Obermayer & Söhne oHG. Während sich die in Bits und Bytes gespeicherten Informationen heutiger Geschäftsvorgänge bis dahin längst zu undefinierbarem Datenschrott transformiert haben.

Der Rundgang durch das Druckereimuseum ist für den Autor ein Schwelgen in nostalgischer Erinnerung. Als er seine berufliche Laufbahn begann, waren die ausgestellten Museumsstücke noch in Gebrauch. Die alte Augsburger Presse, Baujahr 1913! Manchmal stand Altverleger Anton Miller sen. höchstselbst am Holzpodest der Maschine, zupfte mit großer Geschicklichkeit die Papierbogen vom Anlagetisch und führte sie mit Akribie zu den Greifermarken des Druckzylinders. 1250 Plakate schaffte er pro Stunde. Das Plakat war einen halben Quadratmeter groß. Eine moderne Tiefdruckrotation bedruckt in der gleichen Zeit 50 000 vier Quadratmeter große Papierflächen. Die Augsburger Presse steht auf soliden, verschnörkelten Gussteilen. Das Anlagepodest ist aus poliertem Buchenholz und sieht aus wie ein gemütlicher Wirtshaustisch. Die Walzlager schimmern in warmen Bronzetönen. Die Maschine passte gut zur gestickten Hirschlederhose unseres Altverlegers und glich eher einem Jugendstilmöbel als einem seelenlosen Produktionsapparat. Mit solch stilvoller Schönheit können heutige Hochleistungsmaschinen natürlich nicht mithalten.

Mit Gutenbergs Buchdruckerkunst begann die Neuzeit

Gutenbergs Erfindung war die Geburtsstunde der Massenmedien. Erst die in hoher Auflage gedruckten Bücher und Flugblätter ermöglichten die Verbreitung der Ideen des Humanismus und der Aufklärung. Ohne den Buchdruck wären Luthers 95 Thesen wirkungslos geblieben. Mit der Buchdruckerkunst sei es den Deutschen gelungen, Anschluss an die geistige Größe der Antike zu finden, schrieb der Humanist Conrad Celtis (1456 - 1508) in einer begeisterten Ode an »Johannes Gutenberg, einem Sohn der Stadt Mainz«. Bis zum Jahr 1500, 50 Jahre nach der Erfindung Gutenbergs, erreichte die Gesamtauflage aller in Europa gedruckten Bücher bereits die Zehnmillionengrenze.

Den Buchdruck hat Gutenberg eigentlich gar nicht erfunden. Schon 700 Jahre früher waren in Ostasien ähnliche Vervielfältigungstechniken in Gebrauch. Durch Druck und Reibung wurde von Holztafeln oder Tonstempeln Farbe auf Papier übertragen. Gutenbergs Geniestreich war die Erfindung eines kompletten Kommunikations-Systems. Es begann mit dem Guss der Einzelbuchstaben mit Hilfe eines Handgießinstruments. Er erfand die Satztechnik, konstruierte Setzkasten und Winkelhaken, entwickelte die Druckerschwärze und die Druckballen zum Auftragen der Farbe. Seine geniale Druckpresse, die als Nachbau im Traunsteiner Druckereimuseum steht, kann die Ähnlichkeit mit einer Winzerpresse nicht verleugnen. Auf einer solchen Presse entstand um 1456 Gutenbergs Meisterwerk, die 42-zeilige Bibel. Sie gilt noch heute als das schönste gedruckte Buch in der Welt.

Im Jahre 1605 schrieb der Straßburger Drucker Johann Carolus an den Rat seiner Heimatstadt. Gegen ein »gewiß Jahrgelt« versende er »fürnemme und gedenkwürdige Historien« und bitte deshalb untertänigst um den Schutz seiner gedruckten »Newe Zeytung«. Er versuchte etwas, von dem Verleger schon immer träumten. Carolus wollte sich das Zeitungsmonopol für Straßburg sichern. Die weitsichtigen Ratsherren lehnten zwar ab, aber der Brief gilt seitdem als die Geburtsurkunde der Tageszeitung.

250 Jahre später druckte Anton Miller sein erstes »Wochen-Blatt für den Bezirk des Königl. Landgerichts Traunstein«. Er benutzte die damals hochmoderne Technik der Lithografie. »Chemische Druckerey« nannte Alois Senefelder seine Erfindung, die auf dem physikalischen Prinzip beruht, dass sich Fett und Wasser gegenseitig abstoßen. Das Druckbild wird auf eine Solnhofer Kalksteinplatte mit fetthaltiger Tusche aufgebracht. Der polierte Stein wird befeuchtet. Die mit der Gummiwalze aufgetragene Druckfarbe bleibt an dem fetthaltigen Druckbild haften und kann mit hohem Anpressdruck auf das Papier übertragen werden. Im Traunsteiner Druckereimuseum steht eine Original Senefelder Presse. Sie ist das Prunkstück der Sammlung. Aus der Lithografie entstand im 20. Jahrhundert der industrielle Offsetdruck, heute weltweit das dominierende Druckverfahren.

Werden wir in Zukunft nur noch virtuell kommunizieren?

Am Ende des Rundgangs stoßen wir auf mausgraue unscheinbare Blechkästen, deren blinde Monitore traurig vor sich hinglotzen. »Überbleibsel der Fotosatzzeit«, erklärt Hans Reindl achselzuckend, »die Halbwertszeit technischer Erfindungen wird immer kürzer.« 400 Jahre gab es nur den Handsatz. 80 Jahre lang klimperten die Matrizen der Setzmaschinen. Der Fotosatz konnte sich wenig mehr als 20 Jahre behaupten. Anfang der 90er Jahre brach das Zeitalter des elektronischen Publizierens an.

Vielleicht stehen in 10 Jahren die schicken Apple Macintosh-Computer im Traunsteiner Druckereimuseum, weil wir nur noch virtuell kommunizieren? Alle mit allen. Drahtlos vernetzt. Das Handy mutiert zum Smartphone. Das ist ein Minicomputer, der alles kann wozu bisher Laptop, MP3 Player, GPS, Fernseher, PDA, Videorecorder usw. nötig waren. Eine Plattform für persönliches Publizieren, die man ständig mit sich herumträgt? Von »Continous Computing« schwärmen fortschrittsgläubige Internet-Gurus. Bereits in Erprobung ist e-Paper, eine dünne Folie, die zusammengerollt in jede Handtasche passt. Mit der Folie kann man zwar keine Fische einwickeln wie mit einer richtigen Zeitung. Aber man kann damit ganze Zeitungsseiten aus dem Netz herunterladen und wie auf einem Flachbildschirm lesen.

54 Millionen Deutsche sagen in Umfragen, dass sie das Internet nutzen. Weltweit surfen über eine Milliarde Menschen im Netz. »Weblogs« heißen die Texte, die täglich rund um den Erdball im Netz auftauchen. Es sind Kommentare und Ergänzungen zu wissenschaftlichen und politischen Meldungen der etablierten Medien. Über eine Million am Tag. Vernetztes weltweites Wissen, kostenlos zur Verfügung gestellt. Mit »Wikipedia« entsteht auf ähnliche Art und Weise im Internet das umfassendste Nachschlagewerk der Welt.

Auf einer Tagung der Zeitungsverleger klagte kürzlich Dirk Ippen, Verleger des Münchner Merkur: »Die Generation Hüfthose liest keine Zeitung mehr. Sie surft im Internet mit dem Handy am Ohr.« Aber – noch ist kein Grund zur Panik. Zeitungen und Bücher wird es noch lange geben. Und beruhigend ist, dass nicht alles, was Technikfreaks sich ausdenken, vom Publikum auch mit Begeisterung angenommen wird. Die erste erfolgreiche Übertragung eines Bildes per Telefonleitung gelang im Jahr 1908. Trotzdem hat sich das Bildtelefon bis heute nicht durchgesetzt. Warum? Weil es die Leute offensichtlich schätzen, beim Telefonieren gerade nicht gesehen zu werden. Wenn »Er«, Bartstoppeln im Gesicht, übernächtig, unausgeschlafen, mit seiner Liebsten telefoniert, wäre ein gestochen scharf übertragenes Digitalbild eher abträglich. Und möglicherweise könnte »Sie«, mit Lockenwicklern im Haar, von sich auch nur ein begrenzt vorteilhaftes Bild per Telefonleitung übermitteln.

Otto Huber


Das Traunsteiner Druckereimuseum

Das Museum befindet sich im Untergeschoß des Verlagsgebäudes in der Marienstraße 12. Im September 1996 fand die feierliche Eröffnung durch den bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber statt. Gegründet wurde das Museum von den Brüdern Thomas und Martin Miller, die heute in der 6. Generation das Traunsteiner Tagblatt führen.

Das Museum ist bei freiem Eintritt jeden Mittwoch von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Sonderführungen sind nach telefonischer Anmeldung jederzeit möglich. Weitere Informationen unter Telefon 0861/9877-0 oder im Internet: www.traunsteiner-tagblatt.de




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