Jahrgang 2002 Nummer 16

Wo sind unsere Rehe geblieben?

Vor wenigen Jahrzehnten konnte man sie noch häufig auf den Wiesen beobachten

Ein warmer Frühlingstag war es, an dem mein Mann und ich dem nahegelegenen Wald zuspazierten, beinahe dort angekommen, hörten wir etwas knaksen und zu unserem Erstaunen sprang aus dem Holz ein Reh heraus und mit langen Sätzen sprang es quer über die lang gezogene Wiese, wiederum einem Waldstück zu. Ein Bock war es, meinte mein Mann, was er gerade noch erkennen konnte, lange habe ich keines mehr gesehen, dachte ich bei mir, als wir unsere Wanderung durch den Wald fortsetzten. Nun konnte ich ob ich wollte oder nicht, meine Gedanken nicht mehr von dem Rehbock ablenken und als ich dies meinem Mann sagte, gab er zu, dass auch ihn gleiches bewege, die immer wieder kehrende Frage, warum darf es keine Rehe mehr geben?

Damals vor zwanzig, dreißig Jahren grasten unweit unseres kleinen Bauernhofes auf der langen Wiese, die am Waldrand endet, fast immer friedlich einige Rehe und besonders am Spätnachmittag und gegen den Abend zu, konnten wir fast jeden Tag bis zu zehn und auch mehr, der so zierlichen und anmutigen Tiere beobachten. Hob dann von Zeit zu Zeit wieder eines den Kopf um zu lauschen und sprang dann dem Waldrand zu, kam bald darauf ein anderes aus dem Holz, um sich an dem saftigen Grün zu laben. Fast wehmütig denken wir beide an diese verflossenen Jahre zurück und müssen gleichzeitig lächeln, als wir uns daran erinnern, als damals unser kleiner, lieber Rauhaardackel immer mit lautem Gebell auf die, auf der ganzen Wiese verstreuten Rehe zurannte, so als wolle er sie fressen. Doch diese ließen sich durch das kleine krummbeinige Viech nicht aus der Ruhe bringen und ästen friedlich weiter. War er dann bei den Rehen angelangt, so konnten wir des öfteren schmunzelnd beobachten, wie ein besonders freches auf unseren Wacki zukam, ihm eine kurze Weile gegenüberstand, sodann einen Sprung machte und diesen, der sich schnurstracks umdrehte und dem nahen Haus zurannte, bis zum Obstgarten herauf verfolgte. Ja, die Rehe kannten unseren Wacki, sie hatten nicht die geringste Angst vor ihm.

Im Sommer, wenn die Bauern das erste Gras mähten, steckte am Tag zuvor der zuständige Jäger oder auch der Bauer selbst, Hiefeln auf der Wiese auf und hängte einen Probiersack darüber, damit die »Goas« ihre kleinen Kitzchen, die sie tief in dem hohen Gras versteckt hielt, rechtzeitig aus diesem herauslocken konnte, um sie vor dem Mähmesser zu bewahren.

Heutzutage braucht es kein Vorwarnen für die kleinen Kitzlein mehr, trotzdem werden keine mehr angemäht, warum wohl, weil es keine, oder fast keine mehr gibt.

Auch unsere Nachbarin, der einmal über Nacht etliche Rehe die ganzen schönen Geranien vor dem Haus abgefressen haben, braucht keine Bange mehr vor solchen Überfällen zu haben, es war auch nicht so schlimm und wenn ihr dann der Jagdpächter einige Tage darauf einen schönen Aufbruch als Entschädigung brachte, so grollte sie auch nicht mehr den frechen Rehen.

Was war das doch für ein friedliches und beruhigendes Bild am Abend auf der Hausbank sitzend, diesen zuzuschauen, besonders im Herbst, wenn sie die letzten grünen Gräser noch genossen und die Kleinen hüpfend und scherzend um ihre Mutter sprangen und wenn dann im Spätherbst die Äpfel und Birnen vom Baum fielen, dann kamen die Rehe am Abend und in der Nacht und sogar manchmal auch am Tag bis zum Haus herbei und genossen das reichliche Mahl.

In den Wintern dann, die ja damals noch schneereicher waren, musste und wurde auch viel gefüttert, mein Mann hatte eine Futterkrippe zusammengebaut und sie nicht weit entfernt vor unserem Hof zwischen etlichen großen, dichten Stauden aufgestellt und jeden Tag am Spätnachmittag fütterte entweder er, oder meistens wenn er noch in der Arbeit war, ich die Rehe. Gutes Grumet trug ich bauschenweise unter dem Arm und in der anderen Hand einem großen Eimer, das Kraftfutter. War ich dann auf dem Rückweg und kaum beim Haus angelangt, kamen schon die ersten Rehe spähend aus dem Holz heraus und sprangen dem Futterplatz zu. Oft war dies für diese beschwerlich und sie kamen bei dem hohen und harten Schnee nur mühsam voran und so kam es, dass mit der Zeit mehrere winzige, schmale Weglein aus allen Richtungen aus dem Wald zu der Fütterung führten. Nun brauchen wir keine Rehe mehr zu füttern und können ihnen auch nicht mehr vom Stubenfenster aus zuschauen, denn es kommen keine mehr.

Mein ältester Enkel, inzwischen zwanzig Jahre alt geworden, kann sich noch erinnern, als er als kleiner Bub noch mit mir hinunterwatete zum Rehe füttern, doch schon meine beiden anderen Enkel mit zehn und zwölf Jahren, können mir solches kaum glauben, da sie ja selbst, obwohl sie Landkinder sind, nur ein paar mal ein Reh erspäht haben.

Das Wild und da vor allem die Rehe müssen weniger werden, manche ganz gescheite meinen sogar wir brauchen keine Rehe, sie fressen die ganzen Jungpflanzen vor allem die Tannen. Was ich dazu denke? Früher gab es noch Rehe, sogar viele Rehe und es wuchsen Tannen, viele sogar, mehr als heute und gesunde Tannen, ganze Wälder, trotz dem Wild. Hat der Mensch nun wieder eine Ausrede seine eigene Schuld an Lebewesen abzuschieben, die sich nicht verteidigen können und die verdammt dazu sind, von einem vermeintlich höheren Lebewesen ausgerottet zu werden. Unser so schönes Bayernland, unsere Heimat, sovieles hat der Mensch in den verflossenen Jahren kaputt gemacht, unser heimisches Wild und da vor allem die Rehe, die, so meine ich, ein Stück dessen sind, ohne dem unsere Heimat um ein großes Stück ärmer wäre.

Nur noch etliche Jahre wird es dauern, dass unsere Enkel und Urenkel unsere Rehe nur noch aus dem Tierpark und dem Fernsehen kennen und vielleicht wird sich dann der Eine oder Andere noch daran erinnern, dass seine Großeltern einmal erzählten, dass diese so anmutigen Tiere, einmal von der Hausbank vor ihrem Haus die Äpfel herunter kullerten. Dann werden sie vorwurfsvoll an diese Zeit und auch an ihre Vorfahren die damals lebten, zurückdenken und voll von Vorwürfen sein, vorausgesetzt dass es dann in unserem Bayernland überhaupt noch Menschen gibt, die stolz sind auf ihre Heimat und dies auch bekennen. Und diese Menschen werden es sein, die sich dann dafür einsetzen, dass, sowie es heute Wölfe und Wildkatzen sind die wieder unsere Wälder bewohnen sollen, wiederum das fast ausgestorbene Reh in einem Wildpark einen Platz findet und vielleicht sogar, wer weiß es, auch in unseren heimischen Wäldern und Wiesen wieder seinen von unserem Herrgott dafür vorgesehenen Platz findet.

EM



16/2002