Jahrgang 2009 Nummer 8

Winteraustreiben in Tirol am Faschingssonntag

Der alte Brauch hat auch heute nichts von seiner Beliebtheit verloren

Seefeld – der aufstrebende Ort im Innsbrucker Land, 1200 Meter auf einem Hochplateau gelegen – ist weit über die engen Grenzen des Tiroler Landes hinaus bekannt, wurden doch hier 1964 und 1976 die Nordischen Skiwettbewerbe der Olympischen Winterspiele ausgetragen. Neben seinen sportlichen Angeboten ist der schmucke Ort am Fuße des Wetterstein- und Karwendelgebirges durch seine landschaftliche Schönheit bekannt und daher ein beliebtes Urlaubsziel für Gäste aus aller Welt.

Aber das ist nicht alles, was Seefeld zu bieten hat: In ganz besonderer Weise fühlt man sich hier dem heimatlichen Brauchtum verbunden, das den ganzen Jahreskreis durchzieht. Es schafft zu allen Jahreszeiten festliche Höhepunkte, in denen die Seefelder an ihre reiche Geschichte und Tradition erinnern.

Zu einem besonderen Erlebnis wird alljährlich der Faschingssonntag, heuer am 22. Februar. Das ist ein Zeitpunkt, an dem der Winter erfahrungsgemäß sein Regiment an den Frühling abtreten muss. Damit die Tage in Eis und Schnee möglichst bald der Vergangenheit angehören, helfen die Bewohner des Olympiadorfes auf ihre Weise nach: Sie treiben den Winter überaus spektakulär aus!

Dieser Brauch geht in seinen Ursprüngen weit zurück, als die Winter noch viel schneereicher waren. Damals waren die Menschen in Tirol oft tagelang von der Umwelt abgeschnitten. Und deshalb sehnten die Bewohner in den Alpentälern und die Bauern an den steilen Hängen die wärmeren Tage herbei. Sie sahen im Winter Mächte des Bösen und wollten sie auf ihre Weise vertreiben.

Der alte Brauch hat auch heute, in unserer aufgeklärten Zeit, nichts von seiner Beliebtheit verloren. Mit immer neuer Begeisterung inszenieren die Seefelder recht theatralisch den Kampf zwischen Winter und Frühling, der Macht des Guten. Wie’s die Tradition gebietet, schlüpfen sie in bunte, aus Holz geschnitzte Masken, mit denen sie recht lautstark den verhassten Winter verjagen wollen.

Den Winter verkörpert ein Scheller mit einer männlichen Maske, umgürtet mit schweren Kuhglocken, die er mit einem Gurt am Bauch trägt. Mit den Schellen erzeugt er einen dumpfen Klang. Sein Gegenüber ist ein Scheller, der mit seinen hell klingenden Glöckchen und einer jugendlichen, schönen Maske den Frühling verkörpert und sehr sympathisch wirkt. Dem Zug der beiden schließt sich ein Heer von allerlei schönen und hässlichen Masken an. Nicht fehlen dürfen die Traditionsfiguren wie der Spiegeltuxer, Muller und Zottler, um nur einige der seltsam schönen, grotesk-wilden Gestalten zu nennen.

Zum bunten Treiben gehören auch die traditionellen Tänze der Maskierten, in denen noch viel Heidnisches mitschwingt. Man wird an vorchristlichen Sonnenkult und Fruchtbarkeitszauber erinnert, und das alles nur, um die bösen Kräfte zu vertreiben und die guten Lebensgeister zu beschwören. Aus dem bunten Treiben sprechen viel Lebensfreude, aber auch mythische Vorstellungen und naive Naturverbundenheit. Und was andernorts unvorstellbar wäre: Beim Seefelder Maskentreiben dürfen nur Männer mitmachen! Den Frauen obliegen dafür der Aufputz und die Kleidung der Fasnachter.

Die Seefelder sind bei ihrem Kampf gegen die Mächte des Bösen in der Alpenregion nicht allein: An vielen Orten will man den Winter mit dem Höllenlärm vertreiben, der beim »Aperschnalzen« erzeugt wird. Das Wort »aper«, althochdeutsch »apir«, bedeutet unbedeckt oder offen und weist hin auf die bereits vom Schnee freigelegten Stellen in Wiesen und Feldern.

Zentren des Aperschnalzens, das alljährlich in der Faschingszeit durchgeführt wird, sind der bayerische Rupertiwinkel und der österreichische Salzachgau. Hier versammeln sich junge Burschen mit Peitschen, die »Goaßln« heißen und bis zu sechs Meter lang sein können, und vertreiben mit ihrem rhythmischen Knallen die Winterunholde. Wie beim Maskentreiben in Seefeld zeigen sich auch bei diesem Vorfrühlingsbrauch noch deutlich Vorstellungen aus heidnischer Zeit.

Albert Bichler



8/2009