Jahrgang 2010 Nummer 35

Wilderer, die »Rebellen der Berge«

Ein Besuch im Wilderermuseum in St. Pankraz in Oberösterreich

Dramatische Begegnung: der ertappte Wilddieb.

Dramatische Begegnung: der ertappte Wilddieb.
Zwei Wilderer – Gemälde eines unbekannten Tiroler Malers.

Zwei Wilderer – Gemälde eines unbekannten Tiroler Malers.
Wilderer kontra Förster – wenn Romantik bitterer Ernst wird ...

Wilderer kontra Förster – wenn Romantik bitterer Ernst wird ...
Ein Wilderermuseum mit dem Untertitel »Rebellen der Berge« – das gibt es tatsächlich. Und zwar in Oberösterreich in St. Pankraz in der Nähe des bekannten Wintersportortes Hinterstoder. In einem ehemaligen Heustadel des benachbarten Gasthauses Steyrbrücke sind auf 500 Quadratmetern Fläche viele Gegenstände, Dokumente und Bilder zum Thema Wilddieberei, Sanktionen gegen Wilddiebe sowie Biografien prominenter Wilderer ausgestellt.

»Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wilderte man nicht um der begehrten Trophäen willen, sondern aus Hunger«, erläutert dem Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung eine Schrifttafel. Wer arm war, konnte nicht einsehen, dass reiche Jagdherren aus reinem Vergnügen dem Wild nachstellten, während man selbst dafür bestraft wurde, wenn man sich für die darbende Familie aus Gottes freier Natur ein Reh oder eine Gams holte. Gerecht war das sicher nicht. Und es war auch nicht immer so gewesen. So besaß bei den Germanen jeder freie Mann das Recht zur Jagd. Das blieb so bis ins Mittelalter und erwies sich vor allem für die Bauern als sehr wichtig. Sie mussten nicht nur ihr Vieh im Stall und auf der Weide vor Wolf und Fuchs schützen, sondern auch ihre Felder vor Wildschaden durch Hasen, Rehwild und Wildschweine. Natürlich war ihnen dann auch das erlegte Wild als Nahrung sehr willkommen.

Das wurde anders, als die Landesherren und die adeligen Grundherren das Recht zur Jagd an sich rissen und die Jagd als sportliche Herausforderung oder als vergnüglichen Zeitvertreib ansahen. Dem gewöhnlichen Bürger wurde das Recht zur Jagd entzogen, für Verstöße setzte es saftige Strafen. Gleichzeitig übernahmen Forstbeamte oder durch den Grund- und Landesherrn beauftragte Personen den Schutz, die Überwachung und die Pflege des Jagdreviers. Alle illegalen Jäger galten fortan als Wilderer oder Wilddiebe. Sie wurden als Verbrecher angesehen und verfolgt, weil sie das Eigentum des Landesherrn antasteten.

In den bayerischen und österreichischen Bergen erforderte das Wildern nicht nur gute Ortskenntnisse, sondern auch große Geschicklichkeit und bergsteigerische Fähigkeiten. Die sogenannten Wildererpfade waren oft ausgetretene Wechsel des Wildes durch das Unterholz. Im Zuge der Romantik im 19. Jahrhundert wurde der Wildschütze oft als Held verklärt und fand Eingang in die Kunst und die Heimatliteratur. Dabei übersieht man, dass Wilddiebe oft rücksichtslose Schützen und Schlingensteller waren, die sich nicht um die Leiden der Tiere kümmerten. Sie suchten weder nach, wenn das beschossene Tier nicht sofort zusammenbrach, noch scherten sie die Schmerzen der Tiere, die oft tagelang in den Schlingen litten.

Von der Landbevölkerung wurden die Wilderer oft zu Helden und zu Rebellen verklärt, weil sie den Landesherren oder unbeliebten Jägern und Jagdaufsehern ein Schnippchen schlugen, gegen die Obrigkeit opponierten und extreme Kühnheit und Kaltblütigkeit bewiesen. Noch heute leben Heimatromane und Heimatfilme von dieser Wildererromantik.

Die Vertreter der Obrigkeit belegten die Wilderer mit schweren Strafen. Deshalb trachtete jeder Wilderer danach, nicht erwischt zu werden oder notfalls den Entdecker durch einen Schuss zwar nicht zu töten, sondern außer Gefecht zu setzen, um flüchten zu können. Mancherorts erhielten Wilderer eine Ehrenstrafe, es wurde ihnen ein Hirschgeweih aufgesetzt, das sie mehrere Tage tragen mussten. Eine andere Form der Demütigung war die »Wildererkappe«, eine Art eiserner Helm, der am Kopf des Delinquenten festgenietet wurde und ebenfalls eine Zeit lang zu tragen war. Wiederholungstätern drohten schwere Kerkerstrafen, in einzelnen Fällen sind sogar Todesstrafen durch den Strang belegt. Zur Abschreckung brachte man dann über dem Galgen ein Hirschgeweih an. Trotz dieser drakonischen Strafen konnte das Wildern bis heute nicht völlig abgeschafft werden, auch wenn es sehr selten Polizei und Gerichte beschäftigt. Wer heute wildert, tut das als Mutprobe nach dem Motto »No risk - no fun«, nicht aus materieller Not.

Unter den berühmt gewordenen Wilderern, die das Museum in St. Pankraz in Bild und Wort vorstellt, befinden sich aus Oberbayern Georg Jennerwein und Mathias Klostermayr, aus der Oberpfalz der Lexengangerl und Franz Troglauer und aus Osttirol Pius Walder. An einem Schießstand kann der Besucher seine Treffsicherheit testen und sich an einer Fotowand als Wildschütz fotografieren lassen. Der Wilderer-Shop bietet selbst gegossene Kugeln und originelle Souvenirs rund um die Jägerei an.

Julius Bittmann



35/2010