Jahrgang 2004 Nummer 45

Wie Sankt Martin auf die Gans kam

Die Germanen aßen ihre Gans am Erntedankfest – Legenden um den Martinstag

Während in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in England der Truthahn der traditionelle Festbraten an Weihnachten ist, nimmt bei uns vielerorte noch immer die Gans diese Stelle ein. Für die Amerikaner ist die Erklärung hierfür leicht: der Truthahn und die Truthenne kamen früher in den USA und auch in weiten Teilen Kanadas in riesigen Scharen wild vor. In einigen Reservaten ist dies noch heute der Fall.

Was nun unsere »Weihnachtsgans« betrifft, so war sie früher bei uns eine »Martinsgans«, das heisst also, sie wurde nicht an Weihnachten, sondern am Festtag des Heiligen Martin, am 11. November als Braten herhalten müssen. Die Erklärung lag nahe, dass die jungen Gänse gerade Mitte November schlachtreif sind und am besten schmecken. Doch diese ganz prosaische Erklärung befriedigte die Forscher nicht, und so suchten sie nach anderen Gründen – und fanden sie.

Am 11. November begeht die katholiche Kirche das Fest des Heiligen Martin. Er starb vermutlich im Jahre 401 und war der erste Christ, den die katholische Kirche heilig sprach. Im Jahr 316 n. Chr. in Sabaria in Ungarn als Sohn eines römischen Besatzungsoffiziers geboren, wurde auch er Soldat bei den römischen Legionen. Die Legende berichtet, er habe an einem kalten Wintertag seinen Mantel mit einem Bettler geteilt, indem er das Kleidungsstück mit dem Schwert zerschnitt.

Später wurde Martin, der eine Abneigung gegen den Soldatenberuf hatte, Priester und Missionar. Persönlich sehr bescheiden und zurückhaltend, war er als Missionar verwegen und furchtlos.

Als er Bischof von Tours, der Hauptstadt des französischen Departements Indre-et-Loire, wurde und im Rahmen eines grossen Festaktes eingesetzt werden sollte, habe er sich, so die Legende, in einem Gänsestall versteckt, um den Ehrungen zu entgehen. Die Gänse hätten jedoch so laut geschnattert, dass man ihn gefunden habe. Aus Ärger darüber, dass die Gänse ihn verraten hätten, habe Martin angeordnet, dass sie geschlachtet und an der Festtafel verspeist würden. Damit wäre also die Verbindung zwischen dem Heiligen Martin und den Gänsen hergestellt. Allerdings gibt es noch eine zweite Erklärung, die glaubwürdiger ist. Der Ursprung der Martinsgans ist schon in heidnischen Gebräuchen zu suchen. Mitte November haben nämlich die alten Germanen das Erntedankfest gefeiert, bei welchem dem heidnischen Gott Wodan auch Gänse geopfert wurden.

Und so wurden bei den anschliessenden Schmausereien selbstverständlich auch Gänse verzehrt. Mit dem Erntedankfest war ja auch das germanische Wirtschaftsjahr zu Ende. Löhne und die Zehnten wurden fällig. Sie wurden häufig in Naturalien entrichtet. Darunter waren natürlich auch die gerade schön fett gewordenen Gänse. Die germanische Gänsezucht war ja sogar bei den römischen Feinschmeckern berühmt.

Als dann nach der Christianisierung das Fest des Heiligen Martin bewusst auf einen ehemaligen heidnischen Feiertag gelegt wurde, blieb der Brauch, an diesem Tag Gänsebraten zu essen, erhalten.

BB



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