Jahrgang 2006 Nummer 6

Wie der bajuwarische Stamm seiner Wurzeln beraubt wird

Ein Bajuwaren-Museum erzählt von der Nichtexitstenz der Bajuwaren – Eine geschichtliche Betrachtung

Die Wappenschilde von ca. 1570 stellen die Vertreter des Ritterstandes des geteilten Bajernstammes dar.

Die Wappenschilde von ca. 1570 stellen die Vertreter des Ritterstandes des geteilten Bajernstammes dar.
Die Karte zeigt, das Stammesherzogtum Bajern. Das umrandete dunkle und weiße Feld zeigt -abzüglich der Mgft. Verona-, das bajuwa

Die Karte zeigt, das Stammesherzogtum Bajern. Das umrandete dunkle und weiße Feld zeigt -abzüglich der Mgft. Verona-, das bajuwarische Siedlungsgebiet, vom 8.-12 Jahrhundert. 1156, wurde die Ostmark abgetrennt, woraus sich Österreich entwickelte.
Unlängst besuchte ich ein Bajuwaren-Museum und erwartete dort über die Bajuwaren Herkunft Objektiveres vorzufinden, als das uns allgemein Aufgetischte. Als ich dieses ansprechende Haus verlassen und zwei »aufklärende« Broschüren gelesen hatte, war mein diesbezüglich aufgeglommener Hoffnungsfunke jäh erloschen, denn die musealen Texte darüber wichen von denen der medialen um keine Haaresbreite ab. Ja, ich fragte mich, ob dem Namen des Museums nicht eine Verwechslung zugrunde liege, weil gar keine Bajuwaren vorzufinden waren, geschweige denn ein Stamm dieses Namens. Obgleich die Ausstellungsstücke durchaus auf sie hinwiesen, waren sie doch so »erklärt«, dass das Bemühen, dem Baiernstamme seine Wurzeln abzusprechen, unübersehbar blieb. Die autochthone Stammesbildung hingegen wurde mit großem Fleiß als unbestreitbar hingestellt. Ist sie unbestreitbar? Dies wollen wir nun prüfen.

Was bedeutet autochthone Stammesbildung?

Ganz allgemein besagt dies, dass ein Stamm im eigenen Lande erwuchs. Bezogen auf der Bajuwaren Herkunft bedeutet es, dass sie sich erst, nachdem die Römer abgezogen waren, in ihrem heutigen Heimatlande aus Völkerresten gebildet hätten. Die Autochthonen, die Vertreter dieser Lehre, begründen ihre Meinung damit, dass die Bajuvarii erstmals um 500 n. Chr. – und zwar schon als der Schwaben östliche Nachbarn – benannt wurden und sie sich folglich, nachdem es ja vorher keinen Stamm dieses Namens gegeben habe, nur dort, also im späteren Baiernlande gebildet haben könnten. Und so argumentieren sie weiter, dass auch gelegentliche Grabbeigaben fremder Stämme sowie vereinzelt fremdrassige Beerdigte in bajuwarischen Gräbern, ihre Annahme unwiderlegbar erhärten. Dies sind die Hauptargumente der Autochthonen. Ist diese Lehre hieb- und stichfest?

Nehmen wir zunächst ihr Argument der fremdstämmigen Grabbeigaben unter die Lupe. Ein Kind könnte sie widerlegen mit den Worten, dass Tauschgeschäfte zwischen Völkern schon Jahrtausende gang und gäbe waren. Dass es somit nahe liege, diese eingetauschten Güter auch als Grabmitgaben zu verwenden.

Hinzugefügt sei auch die Frage, wie sich Zivilisationen hätten überhaupt entfalten können, und in rohstoffarmen Gegenden Menschen ihren Bedarf an Gütern decken, ohne weitverzweigten Tausch von Waren? Der Handel mit Feuerstein-Knollen, mit Kupfer, Zinn und Bronze, ja mit Waffen aller Art musste hoch im Schwange gestanden haben in diesen frühen Zeiten, wie Hortfunde – mit Gegenständen, die Händler einst vergruben und nicht mehr bergen konnten – dies beredt bezeugen.

Doch nicht nur Güter des Bedarfs standen hoch im Kurse, auch Güter der Kunst, ja des Luxus waren – wie dies Grabgaben der vorchristlichen Zeit vieltausendfach beweisen – hoch begehrt vom Weibe wie dem freien Manne. Welch gewichtige Mengen an Edelmetallen, Edelsteinen, Bernsteinen, Perlen, Muscheln und dergleichen mussten da als Rohware oder Fertiggeschmeide bewegt worden sein, um dem Schmuckbedürfnis des schöneren Geschlechts, wie dem Geltungsdrange des Mannes genüge zu tun. Erteilen uns diese Handelsschaften nicht überdeutliche Antwort auf die Frage nach der »fremdstämmigen« Grabbeigaben-Herkunft in manchen bajuwarischen Gräberfeldern?

Doch nicht nur durch Handel, auch als Kriegsbeute – die jeweils dem Sieger bei den zahllosen Scharmützeln und Schlachten jener Zeit zufiel – könnten sie ins Land gekommen sein. Oder glaubt jemand ernsthaft, dieses äußerst wertvolle Beutegut hätte man verschleudert? Schutz- wie Trutzwaffen waren Eigentum des Erbeuters und dienten dem Lebenden als Waffe nicht weniger gut, wie als Grabmitgabe dann dem Toten.

Ein »langobardischer Schildbuckel« in einem bajuwarischen Grabe könnte so gesehen Handelsware wie Beutestück oder auch Ehrenmitgabe eines hier verstorbenen Gastes gewesen sein. Am naheliegendsten jedoch ist es, dass er markomannisch-bajuwarischer Herstellung entstammte und – unabsichtlich oder absichtlich – nur »falsch zugeordnet« wurde, da Waffen wie Schmuck der Stämme meist einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Die Durchschaubarkeit obiger »Thesen« dürfte selbst ihren Vertretern erkennbar gewesen sein. So hat man ein weniger durchschaubares Relikt aus vergangenen Rassentheorien fröhliche Urständ feiern lassen: Ethnogenese nennt man es. Und mit dieser Methode habe man gelegentlich sogar »Fremdrassige« in Bajuwarengräbern aufgespürt, was die Vielvölkerthese ganz wesentlich untermauere, sagen sie.

Dies mag zutreffen, wie bei allen anderen Stämmen auch, denn die landnehmenden Markomannen werden Kriegsgefangene gemacht und vielleicht auch noch Splitter nicht abgezogener Keltoromanen vorgefunden haben, die sie entweder erschlugen oder als Arbeitssklaven verwendeten. Dass diese Leute auch beerdigt wurden nach ihrem Ableben, ist so sicher wie es sicher ist, dass dieser Randerscheinung – bezogen auf der Bajuwaren Herkunft – keinerlei Bedeutung zukommt!

Aber, so mag der Leser einwenden, der Kern der autochthonen Lehre bleibe dennoch bestehen. Denn wenn es in der Frühzeit keine Bajuwaren gab und sie wurden – und zwar schon als der Schwaben östliche Nachbarn – erstmals um 500 n. Chr. benannt, dann mussten sie sich folglich dort aus Völkerresten gebildet haben. Wo wären sie sonst plötzlich hergekommen?

Der Name weist auf die Stammesherkunft hin

Eine Stammesbildung mag schlüssig scheinen, aber nur solange bis man keine Namensänderung – die damals nicht so selten vorkam – voraussetzt und nur solange bis man dieses Namens Bedeutung nicht mit ins Spiel bringt. Denn Bajuvarii besagt verdeutscht dem Sinne nach: »Das sind die Männer, die aus Böhmen kamen« und besagt somit, dass er ein Herkunftsname ist. Was zweifelsfrei bedeutet, dass diese Leute, die da aus Böhmen kamen, dort einen anderen Namen trugen. Und fragt man die Geschichte, wer dort saß zu jener Zeit, dann antwortet sie uns klar: der Stamm der Markomannen. Der Stamm der Markomannen also war es, den man hier in seiner neuen Heimat nach seinem Herkunftsland benannte. Doch über der Bajuwaren Herkunft spricht nicht nur der Name Bände, sondern auch die anderen Fakten, die in der »autochthonen Lehre« ewige Rätsel bleiben.

Denn fragt man sie, die Autochthonen, wie das Verschwinden des mächtigen Markomannen-Stammes aus Böhmen und das gleichzeitige Auftauchen des mächtigen Bajuwaren-Volkes in ihrer heutigen Heimat zu erklären sei, dann vernimmt man die stereotype Antwort, die einen hätten sich dort aufgelöst und die anderen da neugebildet. Das Naheliegendste, dass der Markomannen-Stamm dort abgewandert und hier zugewandert sein könnte, kommt ihnen – obgleich dann alles »stimmig« wäre – gar nicht in den Sinn.

Dabei wissen sie nur zu gut, dass die Bajuwaren um 500 n. Chr., als der Schwaben östliche Nachbarn benannt, und somit schon – kurz nach der Römer Abzug – dort als Stamm vorhanden waren. Wie hätte der sich in wenigen Jahren aus Völkerresten bilden können und wie diese Splittergruppen das Land – vom Lech nach Wien, von Salurn nach Weiden reichend – besiedeln, in nur wenigen Lebensaltern? Und wem hätte es gelingen können, ein vielsprachiges, aufmüpfiges, auseinanderstrebendes Völkergemengsel zu einer Sprach-, Kultur- und Mentalitätsgemeinschaft, zu einem Volke also umzuwandeln, in geradezu unfassbar kurzer Zeit?

Eine kleine bajuwarische Herrenschicht habe diese »Streuner« diszipliniert und zu einem Volk mit staatstragenden Tugenden zusammengeschweißt, sagen sie. In welch bedrängender Erklärungsnot musste man sich da befunden haben, um so etwas von sich zu geben. Die deutsche Reichseinheit durchzuführen erforderte Bemühungen von Jahrhunderten und ein Jahrtausend reichte nicht hin, um an Stelle der Stammessprachen eine Einheitssprache durchzusetzen. Deckungsgleich mit ihren Siedlungsgrenzen behaupteten sich die verschiedenen Dialekte bsi heute. Und damals wäre dies einigen »Herrenmenschen« gelungen? Und wo wären sie nun plötzlich hergekommen, die paar Herren-Bajuwaren, die diese und all die anderen Großtaten vollbracht haben sollten? In der rauhen Wirklichkeit hätten sie nicht lange überlebt die »Reformorierer« und auch die zu »Reformierenden« hätten sich gegenseitig umgebracht gehabt. Kein Stamm, sondern verwüstetes Land, regiert vom Chaos, wäre daraus erwachsen. Ein mächtiges Volk mit anerkannter altbewährter Führung musste da schon sein, um das »Wunder« der Landnahme und Besiedelung in so unglaublich kurzer Zeit so glänzend zu vollbringen. Waren die Markomannen dazu mächtig genug? Diese Frage erhebt sich hier noch zwingend.

Können die Markomannen der Bajuwaren Ahnen sein?

Was also leistet dieser Stamm in seiner Frühgeschichte? Im Jahre 6 v. Chr. führte ihn sein Herzog Marbod nach Böhmen, errichtete dort ein Königreich und ein stehendes Heer, das in der Lage war, den gewaltigen Zangenangriff des Imperiums im Jahr 6 n. Chr. zurückzuwerfen. Er vermochte so seine und Gesamtgermaniens Unterwerfung zu verhindern und – auf weite Sicht betrachtet – den Untergang Roms einzuleiten und die Bildung einer Deutschen Nation zu ermöglichen. Im zweiten Jahrhundert erbebte Roms Donaugrenze, ja Rom selbst, unter den gewaltigen Schlägen dieses Stammes und nach wenigen weiteren Generationen war sie zertrümmert. Das Imperium lag am Boden und das von Menschen geräumte »Baiernland« lag lockend vor den Markomannen. Und gerade da hätten sie sich – nach autochtoner Leseart – aufgelöst? Angesichts ihrer Macht läge es da nicht näher, statt »Selbstmord« zu begehen, dieses Land, als Lohn ihres Siegens, einfach selber zu übernehmen, als es »Streunern« zu überlassen? Sie konnten es und sie machten es, wie die Geschichte es bezeugt. Bei der autochthonen Lehre wirkt nichts stimmig, wie wir sahen: Überall klaffen Widersprüche und ihre Beweisversuche scheinen wie an den Haaren herbeigezogen. Dabei hebt die Archäologie Zeugnisse vergangener Zeiten zutage und die Wiederherstellung dieser Schätze genießt weltweit Anerkennung und Hochachtung. Doch die Folgerungen daraus scheinen wirklichkeitsfremdem Wunschdenken zu entspringen. Was unter anderem dazu führte, die Nichtexistenz eines bajuwarischen Stammes mit allen Mitteln beweisen zu wollen. Da dieser Beweis – wie wir feststellten – nicht erbringbar ist, nimmt es nicht wunder, dass nur verquere Doktrinen daraus erwuchsen.

Freilich soll nicht unterstellt sein, dass die Beweggründe dafür eine Variante der vielfach üblichen Baiern-Verunglimpfungen – die zunehmend den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen – darstellen. Obgleich ins Auge fällt, dass sich die Folgen dieser Forschungsrichtung auf der Bajuwaren Würde und Ansehen nicht weniger einschneidend auswirken, wie die der bewussten Verächtlichmacher.

Hoch an der Zeit wäre es demnach, diesen Irrweg zu verlassen und sie abzulegen, diese unbeweisbaren, vergiftenden Behauptungen, um neutralem, »wundheilendem« Forschen wieder Raum zu gewähren. Ansonsten gälte es anzutreten gegen diese, den Landfrieden störende, fatale Entwicklung. Denn nicht minder, wie jedem anderen Deutschen gebührt auch dem Bajuwaren das Recht, stolz zu sein auf Land, Stamm, Herkunft und geschichtliche Leistung.

Hans Streibl



6/2006