Jahrgang 2002 Nummer 50

Weihrauch - ein echter Dauerbrenner

Jahrtausende lange duftende Karriere in Tempeln und Kirchen

Die Pharaonen liebten seinen Duft. Er durchströmte römische Tempel, und vor ein paar Jahrhunderten gelangte er auch nach Deutschland. Die Götter schwanden wie der Duft. Der Weihrauch blieb. Seine Wurzeln finden sich in Westafrika, in Indien und im Süden der arabischen Halbinsel.

Mit einem kleinen Schabemesser entfernt Musalim Al-Haba, Weihrauchernter im Sultanat Oman, vorsichtig die äußere Rindenschicht des knorrigen Baumes. Der alte Mann mit den funkelnden braunen Augen stimmt ein Lied an. Es handelt von einem schönen Mädchen. Von diesem Baum im südlichen Bergland des Landes haben schon sein Vater, sein Großvater und dessen Vorväter die Rinde abgeschabt.

Aus den handtellergroßen, grünen Baumwunden quellen kleine weiße Perlen hervor. In gut zwei Wochen wird die Fläche von festen Harztropfen bedeckt sein. Aus älteren Wunden erntet Musalim weiße, hellbraune und dunklere Harzstückchen. Wie Kandiszucker liegen sie in seiner Blechschüssel. Die hellen gelten als besonders rein. Rund 40 Mark kostet das Kilo auf dem Markt der nächsten Hafenstadt Salalah.

Schon als Junge von etwa zehn Jahren zog Musalim zu den Weihrauchbäumen. Um sechs Uhr morgens, weil die Mittagshitze in Südarabien stets zu einer langen Pause zwingt. Sein heutiges Alter? »So zwischen 70 und 80 Jahren. Schreiben sie 75«, ein verschmitztes Lächeln geht über das gegerbte Gesicht.

Vor Jahren ernteten seine Frau und er pro Tag das Harz von etwa 25 der wild wachsenden Weihrauchbäume, die Biologen Boswellia sacra nennen. Die zwei bis fünf Meter hohen nach oben ausladenden Gewächse stehen weit verteilt in den steinigen Bergen der Provinz Dhofar. Etwa ein halbes Kilo gibt ein Baum im Schnitt pro Ernte ab. Der Weihrauch wurde mit Kamelen in zwei Tagesmärschen nach Salalah transportiert. Sie kamen mit Kleidern und Lebensmitteln zurück.

Einige Jahrtausende zuvor wogen Händler das Harz noch mit Gold auf. Es war und ist relativ selten, hat medizinische Qualitäten, duftet und brennt gut - ideale Voraussetzungen für eine Karriere in allen Kulturen. Bereits in Babylon stieg der weiße Rauch zum Himmel empor. Die Götter »schwärmten wie Fliegen zum Altar«, sobald sie den lieblichen Duft witterten, heißt es im babylonischen Gilgamesch-Epos. Das Harz galt als Blut des Baumes, es war etwas Lebendiges, Göttliches.

Zum Exportschlager Südarabiens wurde Weihrauch vor allem durch die Zähmung des Kamels in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Mit diesem eigenwilligen, aber wüstentauglichen Transportmittel gelangen Reisen, die vorher aus Wassermangel unmöglich waren. Einer der wichtigsten Handelswege der Antike - die Route von Südarabien über Medina bis zum Mittelmeer - wurde nach dem wertvollsten Gut Weihrauchstraße genannt. Jahrtausende lang waren die 3500 Kilometer hart umkämpft.

Die wohl berühmteste und sagenumwobendste Handelsexpedition in diesem Gebiet leitete im 10. Jahrhundert v. Chr. eine Frau: die Königin von Saba. »Mit sehr großem Gefolge, mit Kamelen, die Balsam, eine gewaltige Menge Gold und Edelsteine trugen, trat sie bei Salomo ein«, wie die Bibel (1. Buch der Könige, Kap. 10) berichtet. 65 Tage dauerte die Reise laut Plinius, dem römischen Geschichtsschreiber. Auch große Mengen reinen Weihrauchs hatte die Karawane aus Südarabien nach Jerusalem im Gepäck.

Die Königin war jedoch nicht die erste berühmte Frau, die den Duft des Weihrauchs schätzte. Schon die Pharaonin Hatschepsut hatte im 15. Jahrhundert v. Chr. Schiffe aus Ägypten ins sagenhafte Weihrauchland Punt gesandt. Bis heute ist unbekannt, wo es genau lag - war es Somalia, Eritrea, Südarabien? Die Männer kamen mit frischem Weihrauchharz und allerlei kostbaren Hölzern zurück. Sie brachten auch Weihrauchbäume mit, deren Anpflanzung jedoch misslang. In Ägypten war Weihrauch nicht nur heilig, die Menschen verbrannten ihn auch zur Verbesserung der Luft, mischten ihn mit Öl, um wertvollen Balsam herzustellen und kauten das Harz gegen Mundgeruch. Tutenchamun wurden Weihrauchstücke ins Grab gelegt.

Auch in den Tempeln Roms stiegen weiße Schwaden auf. Hippokrates und andere griechisch-römische Ärzte reinigten Wunden mit Weihrauch, behandelten Krankheiten der Atemwege und Verdauungsprobleme - seine entzündungshemmende Wirkung ist heute medizinisch bewiesen.

Die frühen Christen dagegen taten sich Jahrhunderte lang schwer mit Weihrauch - zu sehr war er für sie mit der Verehrung römischer Götter verbunden. Da halfen auch die Geschenke der heiligen drei Könige - Gold, Weihrauch und Myrrhe - nichts. Diese Geschenkkombination gilt als Hinweis darauf, dass die Weisen aus Südarabien kamen. Denn die drei Stoffe zählten zu den wertvollsten Handelsgütern dieses Gebietes. Einige Historiker sehen Weihrauch auch als Symbol für die Gottessohnschaft Jesu, denn schon das Alte Testament verbindet diesen Wohlgeruch mit Göttlichem.

Im Sultanat Oman, dem Weihrauchland schlechthin, dient das Harz heute vor allem profanen Zwecken. Ministerien und Wohnhäuser sind durchströmt von einem Duft, viel feiner und leichter als er aus den Weihrauchschwenkern der katholischen Kirchen strömt. Die Händler der Märkte locken Kunden an mit dem Rauch, der aus kleinen tönernen Brennern aufsteigt: viereckige oder runde Gefäße, in denen das Harz neben glühender Kohle schmilzt und sich in Rauch auflöst.

Weihrauchernter Musalim hat heute ein komfortables Haus in der Stadt Thumrait in den Bergen von Dhofar. Eine geteerte Straße führt nach Salalah. Und Musalim fährt im Jeep zur Weihrauchernte - meist nur noch, wenn es Touristen wünschen.

Sechs Söhne hat das Paar, eine Tochter und mindestens 15 Enkel. Doch keiner möchte sich mehr die Hände mit dem Harz schmutzig machen. »Sie sitzen lieber am Schreibtisch.« Wer wird den Weihrauch künftig ernten? »Vielleicht Somalis«, meint Musalim. Auch in Somalia wird wie zu Pharaonenzeiten noch heute das Harz von ähnlichen Bäumen gewonnen. Aber ein somalischer Gastarbeiter kenne die omanischen Pflanzen nicht, meint Musalim. »Viele Bäume werden sterben, weil die Somalier nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.«

Auf dem Souk in Salalah verkaufen bereits heute aus Somalia stammende Frauen das Räucherwerk. Touristen nehmen kleine Tütchen mit in ihre Heimatländer - nach Deutschland, Großbritannien, in die Niederlande. Als wichtigster Exportartikel hat Erdöl längst das einst so begehrte Harz abgelöst. Es habe keine direkte wirtschaftliche Bedeutung mehr, sagt Hamed Al-Rashdi, Staatssekretär im Informationsministerium Omans. »Sein Wert besteht darin, dass es Touristen ins Land zieht.« Das Harz aus Oman spielt heute im Gegensatz zu äthiopischem und somalischem Weihrauch mengenmäßig kaum eine Rolle auf dem Weltmarkt, gilt jedoch nach wie vor als besonders hochwertig. Die größten Mengen kaufen die Omanis selbst. Sie lieben Düfte, verbrennen auch Sandelholz oder Myrrhe.

Sogar in manch einem Taxi steigt der Geruch von Weihrauch in die Nase. Die Fahrer nutzen die Zigarettenanzünder ihrer Autos, um das Harz in Rauch aufzulösen. In den Häusern liegen Kleider über einem pyramidenartigen Gestell, darunter ein Weihrauchbrenner. Einige Männer stellen sich direkt über das kleine Tongefäß, so dass der Rauch durch ihr Gewand, die Dishdasha, strömt und wie bei einem Schornstein aus Hals und Ärmeln wieder austritt.

Mit Weihrauch lassen sich auch gut Küchengerüche neutralisieren. »Eine mystische Bedeutung hat Weihrauch für die Menschen nicht«, betont Ahmed Muscati, ehemaliger Leiter der deutsch-omanischen Gesellschaft. »Weihrauch jagt keine Teufel weg.« Einige Familien lösen ein spezielles Harz über Nacht in Wasser auf und gewinnen einen Trunk gegen Bauchschmerzen.

Immer wieder wird behauptet, Weihrauch enthalte THC, den Stoff, der Hanf zur Droge macht. Doch Wissenschaftler konnten THC im Rauch nicht oder nur in verschwindend geringen Mengen nachweisen. Fest steht, dass die Boswelliasäuren zusammen mit anderen Inhaltsstoffen im Harz gegen Entzündungen helfen. Prof. Herrmann Ammon von der Universität Tübingen wies zudem eine antibiotische Substanz nach. Laut Ammon gibt es auch Hinweise darauf, dass Weihrauchextrakt gegen Arthritis hilft, ebenso gegen die entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn und gegen Asthma. Der Mediziner warnt allerdings vor der unkontrollierten Einnahme von Weihrauch, da andere Stoffe darin die Krankheiten verschlimmern können.

In Deutschland landet das Harz in großen Schiffscontainern im Hamburger Hafen. Die 50-Kilo-Säcke stapeln sich bis unters Dach der acht Meter hohen Lagerhalle im Südosten der Hansestadt - neben Guarkernmehl, einem natürlichem Verdickungsmittel für Brot, und getrockneten Algenpräparaten. 600 Tonnen des Baumharzes importiert der Naturstoffhandel C. E. Roeper jährlich vor allem aus Äthiopien und Somalia, aber auch Indien, Eritrea und ganz wenig aus Oman. »Weihrauch aus dem Sultanat ist so teuer, dass er in Europa kaum verbreitet ist, sagt Verkaufsleiter Rüdiger Dreyer. Den Großteil verkauft er nach Südamerika und in den Balkan, wo Christen das Harz verbrennen, und nach Nordafrika. »Die Händler in Nordafrika kaufen lieber Ware in Deutschland als aus afrikanischen Nachbarstaaten.«

Nur wenige Tonnen im Jahr gehen an die katholische Kirche in Deutschland - oft mit Lebensmittelfarbe schwarz gefärbt, weil einige Pfarrer schwarze Körnchen den naturfarbenen vorziehen. Roeper hat auch eine bunte Mixtur roter, grüner und gelber Harzstückchen im Angebot. Der Naturstoffhandel mischt je nach Belieben der Geistlichen zudem noch Myrrhe und andere Harze darunter, aber auch Sandelholz oder Lavendel.

Noch kleinere Mengen vertreibt der Esoterik- und Naturkosthandel. Die zu Weihnachten beliebten Räucherhütchen enthalten meist nur wenig echten Weihrauch. Räucherstäbchen bestehen überwiegend aus Holzmehl, dem Duftstoffe beigemengt sind. Aus evangelischen Kirchen ist der Weihrauch heute gänzlich verbannt. Luther hatte Weihrauch zwar nicht ausdrücklich verboten, ihn allerdings auch nicht als notwendiges Accessoire für den Gottesdienst betrachtet. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war es noch in wenigen evangelischen Kirchen bei hohen Festen üblich, zu räuchern.

In der katholischen Kirche dagegen ist Weihrauch fester Bestandteil einer besonders feierlichen Festtagsinszenierung, auch wenn sich manch ein Kirchenbesucher von dem schweren Rauch eher umnebelt fühlt. Die Kerzen brennen, die Orgel ertönt, Hände werden zum Friedensgruß gereicht, es gibt Brot und Wein, und Ministranten schwingen das Weihrauchfass. An hohen Festtagen - in einigen bayerischen Kirchen auch jeden Sonntag - spricht die katholische Kirche alle Sinne an, sogar den wenig beachteten, aber für die Gefühlswelt so bedeutenden Geruchsinn. Vielleicht erinnert Weihrauch daher viele Menschen unbewusst an festliche Stunden der Kindheit. Und vielleicht liegt auch darin ein Geheimnis, warum dieser Duft so viele Götter überlebt hat.

SH



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