Jahrgang 2012 Nummer 52

Wegen Silvester von der Inquisition gejagt

Traunsteiner Sommergast Gregorovius beschreibt Zusammenhänge des Falls »Konstantinische Schenkung«

Nettes Geschenk: Kaiser Konstantin (Bildmitte) überreicht Papst Silvester die Tiara und damit die Macht über sein Reich. Fresko von 1264 aus dem Kloster Quattro Coronati in Rom.
Lorenzo Valla bewies die Fälschung der Konstantinischen Schenkung und wurde daraufhin von der Inquisition gejagt. Kupferstich von Theodor de Bry (1528 bis 1598).
Ferdinand Gregorovius urlaubte etliche Male in Traunstein. Er beschreibt die Ereignisse um die Entlarvung des gefälschten Dokuments.
Im Weißen Bräuhaus Hutter, seit 1896 Hofbräuhaus, nahm Gregorovius Quartier. Aufnahme circa 1940.

Welche Verbindung besteht zwischen einem römischen Kaiser, zwei Päpsten, einem Ketzer und einem in Traunstein zur Sommerfrische weilenden Schriftsteller? Die kurze Antwort lautet: Silvester. Auf die Namen der fünf Herren trifft, wer sich auf die Suche nach historischen Spuren rund um den letzten Tag des Kalenderjahres macht. Dabei ergibt sich eine Abfolge an Ereignissen mit Anfang und Ende in Rom, die bestens für einen erfolgreichen Thriller geeignet wären: Eine legendenumwobene Geschichte, die listige Schreiber eines Tages zu harten Tatsachen ummodeln, was Jahrhunderte später aber einem noch listigeren Wissenschaftler auf den Plan ruft, der den Fall als das aufdeckt, was er ist: nämlich eine dreiste Fälschung. Der Historiker gerät daraufhin ins Visier erbarmungsloser Killer, denen er nur mit Mühe entkommt.

Eine Zusammenfassung dieses mittelalterlichen »Krimis« liefert etliche Jahrhunderte später ein Mann, der auch in Traunstein kein Unbekannter ist: Von 1872 bis 1885 verbringt der Historiker Ferdinand Gregorovius (1821 bis 1891) mindestens sieben Mal seinen Sommerurlaub in der damals weit über die Grenzen des Chiemgaus bekannten Kurstadt. Der gebürtige Ostpreuße befindet sich damals schon auf dem Zenit seiner Berühmtheit: 1876 wird er für sein Mammutwerk »Die Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter« zum ersten deutschen Ehrenbürger der Ewigen Stadt ernannt. Genau dort beginnt im 16. Jahrhundert auch die Geschichte, warum wir heute am 31. Dezember Silvester feiern.

Dass das Jahr immer am gleichen Tag endet, war damals neu eingeführt worden, zuvor fand dieses Ereignis abwechselnd an Weihnachten, Ostern oder Maria Verkündigung statt. Die im Mittelalter gültige Zeitrechnung, nach Papst Julian »Julianischer Kalender« genannt, hatte sich im Laufe der Zeit jedoch als unbrauchbar erwiesen, weil die kalendarische Länge des Jahres nicht mit dem natürlichen Lauf der Gestirne übereinstimmte. Pro Jahr machten das zwar nur 11 Minuten und 14 Sekunden Unterschied aus, doch bis ins 16. Jahrhundert hatte sich dies zu einem Unterschied von zehn Tagen aufsummiert. Diese Abweichung bedingte, dass der astronomische Frühlingsanfang längst nicht mehr mit dem 21. März übereinstimmte und sich jedes Jahr noch weiter davon entfernte. Papst Gregor XIII. beschloss deshalb 1582, nach umständlichen Diskussionen und Berechnungen von Mathematikern und Astronomen, die Einführung eines neuen Kalendersystems, nach ihm selbst »Gregorianischer Kalender« benannt. Die neue Zeitrechnung sorgte nicht nur für eine mathematische Korrektur der Jahreslänge, auch der Beginn des Jahres wurde nun einheitlich auf den 1. Januar verlegt. Dieses Datum erwies sich nicht nur als praktikabel in Bezug auf den Kirchenkalender, auch der Name Januar, der vom römischen Gott Janus stammt, passte dazu, denn Janus verkörperte mit seinem doppelten Gesicht gleichzeitig Anfang und Ende. Nachdem Papst Gregor bei der Einführung des neuen Kalenders als »Sofortmaßnahme« die überschüssigen zehn Tage »schlucken« ließ, verteilte er anschließend auch noch etliche Namenspatronate. Für den letzten Tag des Jahres wählte Gregor dazu den »Heiligen« Silvester aus, wobei das Heilig korrekterweise in Anführungszeichen zu setzen ist, weil nie eine Kanonisierung Silvesters stattgefunden hat.

Der war ein Vorgänger Papst Gregors aus dem 4. Jahrhundert und am 31. Dezember 335 gestorben. Übersetzt aus dem Lateinischen bedeutet Silvester »Mensch aus dem Wald«, was in diesem Fall ziemlich gut passt, denn über das Leben jenes Silvester gibt es so gut wie keine gesicherten Informationen. Dieses Fehlen belegbarer Fakten leistete dann im Lauf der Zeit Vorschub für die Entstehung phantastischer Geschichten. Wann unser »Mann aus dem Wald« ins Licht der Öffentlichkeit trat, ist nicht bekannt, genauso wenig wie sein Geburtsdatum und seine Herkunft. Fest steht, dass er im Jahr 314 zum Bischof von Rom ernannt wurde. Ein Jahr zuvor hatte Kaiser Konstantin mit dem Mailänder Toleranzedikt erstmals im römischen Reich die Religionsfreiheit gesetzlich festgelegt, wobei Konstantin selbst sich zum Christentum bekannte. Der Titel »Papst« galt zu der Zeit noch als allgemeine Ehrenbezeichnung für hohe religiöse Würdenträger. Die Praktik, dass der Bischof von Rom automatisch auch den Titel »Papst« trägt, ist erst knapp 300 Jahre später erstmals schriftlich belegt. Da die frühesten Quellen um die Silvesterlegende noch später datieren, ist nachvollziehbar, dass man zu der Zeit automatisch davon ausging, dass er nicht nur Bischof, sondern gleichzeitig auch als Papst amtierte.

Über Silvesters Verbindung zu Kaiser Konstantin gibt es zwei unterschiedliche Legenden. Der einen zufolge hatte sich Silvester, um den religiösen Verfolgungen durch Konstantins Vorgänger Diokletian zu entgehen, in die Höhlen des Monte Soratte, einem zu den Sabiner Bergen gehörenden Hügels gut 50 Kilometer von Rom entfernt, geflüchtet. Eines Tages sah er, dass bewaffnete Soldaten zu seinem Versteck hinaufkletterten. Die erste Befürchtung Silvesters, dass es ihm nun an den Kragen gehe, bewahrheiteten sich nicht, denn es handelte sich um eine Gesandtschaft Konstantins, der ihn holen ließ, damit er seinen rechtmäßigen Sitz als Bischof von Rom (314 bis 335) einnehmen konnte.

Im Gegensatz zu dieser nicht besonders aufregenden Geschichte gestaltet sich die zweite Version der Legende weit fantasievoller: Demnach habe Kaiser Konstantin an der Lepra gelitten – einer im Mittelalter tödlich endenden Infektionskrankheit. Als er Silvester in seinem Höhlen-Heim besuchte, habe dieser ihm prophezeit, dass er die Lepra loswerde, wenn er in ein Wasserbecken steige, dreimal untertauche und dabei den Namen »Jesu Christi« rufe. Weil diese Empfehlung offenbar prompt funktionierte, habe der Kaiser dem Bischof vor lauter Freude über die wundersame Heilung den Lateranpalast in Rom geschenkt – wo er bis dahin selbst residiert hatte. Damit nicht genug, habe er dem Kirchenvertreter auch gleich noch die weltliche Macht übertragen und sich selbst freundlicherweise nach Konstantinopel zurückgezogen, um dort nur noch über den östlichen Teil des römischen Reiches zu regieren.

In die Geschichtsschreibung ist dieses Ereignis unter dem Begriff »Konstantinische Schenkung« eingegangen. Ein sauber ausgefertigtes Schriftstück sollte den Beweis liefern, dass der Papst aufgrund dieses Ereignisses rechtmäßiger politischer Herrscher über ein Gebiet in der Größe halb Italiens und überhaupt mächtiger als alle Herrscher dieser Erde war.

Der umtriebige römische Wissenschaftler Lorenzo Valla sollte im 15. Jahrhundert dieses Dokument als dreiste Fälschung entlarven und gleichzeitig einen Rundumschlag gegen das sündhafte Treiben der katholischen Kleriker im Allgemeinen starten. Wieder einige Jahrhunderte später griff der Historiker Ferdinand Gregorovius die Thematik auf und schildert dabei in seinem epischen Werk »Die Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter« die Ereignisse um Lorenzo Vallas Aufdeckung der Fälschung. Gregorovius rühmt den gebürtigen Römer dabei als »unsterbliche Kraft der Wissenschaft mit bahnbrechendem Geist« und schildert, wie Valla nach der Veröffentlichung seines Pamphlets als Ketzer verfolgt wurde. Die wissenschaftliche Laufbahn von Valla, Sohn eines päpstlichen Advokaten, begann Gregorovius zufolge nach dem Studium der alten Sprachen mit einer Professur in Pavia. Schon zu der Zeit sorgte Lorenzo Valla für Empörung unter den Vertretern der Amtskirche, als er sich in einem erfundenen Dialog mit dem Titel »Die Wollust und das wahre Gute« über die – seiner Meinung nach nichts als geheuchelte – Tugend der Entsagung unter Ordensmitgliedern lustig machte. Dabei ging er sogar so weit zu behaupten, »dass Hetären der Menschheit nützlicher seien als heilige Nonnen.« Offenbar hielt Valla es anschließend für angeraten, sich etwas aus der päpstlichen Schusslinie zu begeben; vielleicht sehnte er sich nach all den Studien in verstaubten Bibliotheken aber auch nur nach etwas mehr »Action« in seinem Leben. Auf jeden Fall schloss er sich den Truppen des Königs von Aragon, Alfons V. an, der gerade damit beschäftigt war, das Königreich Neapel mit heftigen Kämpfen zu Wasser und zu Land in seine Gewalt zu bringen. Als ihm das 1442 schließlich gelang, befand Valla sich jedoch nicht mehr in Diensten des Spaniers, sondern war in Rom damit beschäftigt, der Kirche erneut an den Karren zu fahren. Diesmal sollte seine Streitschrift aber noch für weit mehr Aufregung sorgen als beim ersten Rundumschlag. Denn Valla gelang es durch akribische Recherche und hieb- und stichfeste Argumentation, das Dokument zur Konstantinischen Schenkung als dreiste Fälschung zu entlarven. Was den Fall so brisant machte: Ohne das Schriftstück war dem Heiligen Stuhl jegliche Grundlage für die Ausübung weltlicher Macht entzogen.

»Er nannte die päpstliche Regierung dreist die Quelle alles Schlechten, ja eine Regierung von Henkern und Feinden«, zitiert Gregorovius Valla, der sein Pamphlet mit der Hoffnung schloss, dass er den Tag noch erleben werde, an welchem der Papst wieder nur ein Geistlicher geworden sei. Gregorius ist sich sicher, dass König Alfonso Valla damals gedrängt hatte, dieses Schriftwerk zu veröffentlichen, da dieser gerade selbst im Kampf mit dem Papst lag und deshalb jede Art der Schwächung seines Gegners brauchen konnte. Er war es dann auch, der Valla aus den Fängen der Inquisitoren befreite, die Letzterem nach der Publikation seiner Erkenntnisse auf den Fersen waren, um ihn als Ketzer zu verurteilen und damit mundtot zu machen. Dass ihnen dies nicht gelang, kommentiert Gregorovius mit der spöttischen Bemerkung, dass die päpstlichen Häscher »um das Freudenfeuer eines Scheiterhaufens« gebracht worden seien. So mutig Valla sich in seinen Schriften über Missstände der katholischen Kirche öffentlich geäußert hatte, so kleinbürgerlichkriecherisch verhielt er sich nur wenige Jahre später: Seine Werke habe er rein aus Liebe zur Wahrheit, zur Religion geschrieben. Die bösen Vorwürfe darin seien nur durch fremde Eingebung und Ruhmsucht entstanden, er verspreche, sich in Zukunft nur noch den Interessen des Papstes zu widmen, wenn dieser ihm nur gnädig verzeihen möge, schrieb er an die Adresse des Pontifex Maximus. Ob er fürchtete, immer noch auf der »Fahndungsliste« der Papstpolizei zu stehen oder ob finanzielle Gründe ausschlaggebend waren, dass er nach Rom zurückkehren wollte, bleibt im Dunkeln. Von Papst Eugen wurden seine unterwürfigen Bitten allerdings geflissentlich ignoriert, erst dessen Nachfolger Nikolaus V. holte den einst so streitbaren Geist zurück »in den Schoß der Kirche«, womit ihm insgeheim ein genialer Schachzug gelang. Valla war jetzt nicht nur kaltgestellt, der Pontifex hatte gleichzeitig einen der brillantesten Wissenschaftler der Zeit zu Diensten, der in einem stillen Kämmerlein brav griechische Schriften aus der Antike übersetzte, anstatt womöglich erneut in der Öffentlichkeit gegen die Kirche zu hetzen.

Es sollte übrigens bis zum 19. Jahrhundert und damit schon zu Lebzeiten Ferdinand Gregorovius dauern, dass die Kirche das Dokument zur Konstantinischen Schenkung offiziell als Fälschung anerkannte. Erst in unserer Zeit wurde dann auch der päpstliche Titel »Patriarch des Abendlandes« abgeschafft. Papst Benedikt – und hier schließt sich nun der Kreis der Beteiligten in der Geschichte(n) um Silvester – vollzog diese Handlung 2006 und ließ gleichzeitig die Tiara in seinem persönlichen Wappen durch eine einfache Mitra ersetzen. In der offiziellen Version des Vatikans hat die Tiara, eigentlich ein Symbol für weltliche Macht, nach wie vor Bestand.

Gregorovius war übrigens Protestant und bei seiner Ernennung zum römischen Ehrenbürger nicht nur erster Deutscher, sondern gleichzeitig erster Vertreter der lutherischen Kirche, der diese Auszeichnung erhielt.

Dass er etliche Male in Traunstein urlaubte, war seinen eigenen Worten nach mehr oder minder Zufall: »Ohne den Ort überhaupt zu kennen, wählte ich ihn nur wegen seines Namens zu meinem Aufenthalte: Traunstein, das, wie Sie wohl verstehen werden, so viel bedeutet, wie Stein des Vertrauens. In der That, in meinem ganzen Leben habe ich mich immer den Göttern und den Menschen anvertraut, und um die Wahrheit zu sagen, ich hatte dies selten zu bereuen. Jetzt vollends bin ich dafür außerordentlich belohnt. Dieses Traunstein nämlich ist ein wahres Bergidyll, schön und bezaubernd, und Schöneres kann man sich nicht wünschen«, schreibt Gregorovius 1872 in einem Brief an die römische Gräfin Ersilia Lovatelli von seinem Urlaubsort aus. Über die Bewohner Traunsteins äußerte er sich bald aber weniger enthusiastisch, genau genommen sogar ziemlich herablassend: »Mitte September werde ich Traunstein wieder verlassen. Der Typus der Menschen hier ist häßlich, aber man wird durch die wahre Güte, Aufrichtigkeit und Einfalt der Leute entschädigt.«

Gregorovius sollte meistens ohne Begleitung in Traunstein »seinen Aufenthalt nehmen«, so die etwas geschraubte Ausdrucksweise des 19. Jahrhunderts. Manchmal leisteten ihm jedoch auch Bekannte Gesellschaft, darunter auch eine Familie aus Rom. Durch seine langjährigen Aufenthalte in Italien hatte sich der Historiker, wie er der Gräfin einmal gestand, Zeit seines Lebens hin- und hergerissen gefühlt bei der Frage, wo seine Heimat liege. Überliefert ist dazu folgendes Zitat aus dem Jahr 1883: »Ich bin der moderne Janus mit dem Doppelgesichte. Ein Gesicht ist gen Italien gekehrt, das andere gen Deutschland.«

Damit liefert er ein prima Stichwort zum übergeordneten Thema all dieser erfundenen und wahren Geschichten rund um den Tag, der gerade wieder bevorsteht: Silvester.


Susanne Mittermaier

 

52/2012