Jahrgang 2005 Nummer 11

Wedeln für das ewige Leben

Grüne Traditionen zum Palmsonntag

Ostereier, Osterhase und Narzissen – auf den ersten Blick dreht sich das Osterfest vor allem um dieses Trio. In Wahrheit können Pflanzenfreunde aber vor allem in katholischen Regionen weitaus mehr an gelebtem Brauchtum entdecken. Vieles davon dreht sich bereits um den Palmsonntag zu Beginn der Karwoche, an dem Palmzweige und -buschen eine wichtige Rolle spielen.

Schon zu Beginn des fünften Jahrhunderts zogen Jahr für Jahr am Sonntag vor Ostern Menschen mit Palmwedeln und Ölzweigen in die Stadt Jerusalem ein. Vom elften Jahrhundert an sind solche Prozessionen auch für Rom nachgewiesen. Von dort aus verbreitete sich der Brauch mit dem Christentum und ist bis heute in vielen katholischen Ländern lebendig.

Im Mittelmeerraum und in Lateinamerika tragen die Teilnehmer von Palmsonntagszügen nach wie vor Palmwedel in den Händen und lassen sie in der Kirche segnen. Viele Spanienurlauber kennen die oft kunstvoll geflochtenen Wedel, die später durch Fenstergitter gewunden oder über den Türen angebracht werden, um das Haus vor Unheil zu bewahren. Seit der Antike gelten Palmzweige als Zeichen den Lebens, der Hoffnung und des Sieges und wurden in christlicher Zeit zum Symbol der Märtyrer.

In Deutschland gab es in früheren Jahrhunderten keine Palmwedel. Als Ersatz wurden für die Feierlichkeiten andere Pflanzen ausgewählt, die man mit ewigem Leben und Unsterblichkeit verband oder die für Frühling und Fruchtbarkeit standen. So wurden Immergrüne wie Buchs, Wacholder, Tanne, Thuja und Eibe ebenso zu Palmsonntagszweigen wie Haselruten, Weidenzweige und Seidelbast. Einige Gewächse tragen ihre Bedeutung für den Feiertag sogar im Namen, etwa die Salweide (Salix caprea), deren silbrige Blüten oft als Palmkätzchen bezeichnet werden, oder der Ilex (Ilex aquifolius), im Volksmund Stechpalme genannt.

Hier und da mischen sich auch Eichenzweige in den Palmstrauß - ein Relikt aus germanischer Zeit. Die Zweige waren damals dem Gott Donar gewidmet, dem Herrscher der Gewitter und der fruchtbaren Erde. Er besiegte alljährlich den Eisriesen, so dass der Frühling Einzug halten konnte. Die christliche Kirche versuchte, solche alten Mythen zu unterdrücken und wies der Eiche eher negative Attribute zu. Aber im Palmstrauß hält sie unbeirrbar ihren Platz.

Das Aussehen der Palmsträuße oder -buschen unterscheidet sich von Region zu Region. Gern wird ein Dreiklang als Sinnbild des Sieges, des Friedens und der Freude genutzt. Dem entsprechend werden zum Beispiel Kätzchenzweige, Ranken vom Kleinen Immergrün und Buchsbaum zum Palmbuschen zusammengebunden oder aber Wacholder, Haselruten und Stechpalme.

In manchen Regionen müssen es dagegen drei gleiche Zweige sein - etwa drei Eichenzweige mit trockenem Laub, drei Buchsbaum- oder drei Haselzweige. Anderswo setzt man auf eine ganz bestimmte Pflanze, so im Raum Köln, wo der Palmstrauß ausschließlich aus Buchsbaum gebunden wird. Dieser wuchs früher nicht nur in jedem Garten. Er vereint in sich auch die christliche Symbolik der Unsterblichkeit und des ewigen Lebens sowie den Volksglauben, der ihm die Kraft zuschreibt, den Teufel und alles Böse zu vertreiben.

Unterschiedlich wird auch gehandhabt, wer den Palm tragen darf: Mal sind es wie in vielen Regionen Bayerns nur die Kinder, die in der Osterzeit zum ersten Mal zur Kommunion gehen werden. In Klagenfurt in Österreich basteln die Schulkinder den Palm und bringen ihn mit in die Kirche.

In Bad Oberdorf und Bad Hindelang im Oberallgäu ist das Tragen der dort traditionell gefertigten Palmstecken die Aufgabe der jungen Burschen. Denn etwas Muskelkraft ist schon erforderlich, um die bis zu zehn Meter langen Stangen mit Anstand zur Kirche zu tragen. In St. Peter im österreichischen Katschtal gibt es die mit 14 Metern wohl längsten Palmstecken. Sie erinnern an die germanischen Lebensbäume, die als Symbole der Fruchtbarkeit aufgestellt wurden.

Bunte Bänder, bemalte Eier, Brezeln, Krepppapierstreifen oder auch kleine Äpfel können den Palm schmücken. Auch lange Hobelspäne finden mancherorts ihren Platz. Manchmal werden auch die Stecken, die den Palmstrauß tragen, mit Mustern verziert. Denn schön soll er aussehen, wenn er gesegnet und anschließend nach Hause getragen wird, um Unglück, Krankheit und Unwetter von Haus und Hof abzuwehren.

Oft wird der gesegnete Palmstecken vor der Haustür platziert, aber auch auf den Feldern findet man ihn. Auch viele Autos werden mit einem Zweig davon versehen. Gesundheit versprechen ein paar Kätzchen, Nadeln oder Blätter im Sonntagsessen. »Palmtee« soll vor Lungenkrankheiten schützen, und auch mit Brezeln oder anderem Backwerk vom Palmstrauß lässt sich der Segen verinnerlichen.

Wer an die schützende Wirkung des Palm glaubt, bei dem hält sie bis zur nächsten Fastenzeit an. Dann wird er am Aschermittwoch verbrannt. Als Aschenkreuz tragen die Bußfertigen an diesem Tag seine Überreste auf der Stirn. Fünfeinhalb Wochen lang müssen Haus und Hof nun ohne den Segen des Palms auskommen, erst dann wird der nächste geweiht.

HP



11/2005