Jahrgang 2002 Nummer 47

Was ist ein Bourdalou?

Es diente früher den Damen fürs »kleine Geschäft«

»Wer wird Millionär?« und andere Quizsendungen sind zur Zeit sehr beliebt. Um etwas zu gewinnen, muss man neben dem Wissen natürlich auch Glück haben. Wer allerdings gefragt wird, ob mit dem in den vergangenen Jahrhunderten gebräuchliche Wort »Bourdalou« ein Musikinstrument, ein Gefäß, eine Schusswaffe oder eine Herberge gemeint war, der dürfte schon zu den Glückspilzen gehören, wenn er die richtige Antwort weiß.

»Bourdalou« war ein Gefäß – freilich ein besonderes. Es fehlte in der zweiten Hälfte des 18. und 19. Jahrhunderts in keinem Schlafgemach der höheren Stände und diente den Damen auch tagsüber als Töpfchen für das »kleine Geschäft«. Sie trugen unter den langen, weiten Röcken damals zwar Unterröcke oder knielange Hemden, aber keine Unterhosen. Der Name soll von dem französischen Jesuitenpater Louis Bourdaloue abgeleitet worden sein, der am Hofe Ludwig XIV. seine fesselnden, aber nie enden wollenden Predigten hielt. Vor allem die Hofdamen seien von seinen meisterhaften Ansprachen fasziniert gewesen. Angeblich hätten sie deshalb ein längliches Gefäß in ihrem Muff versteckt und mitgebracht, um auch alles zu hören und die Kirche nicht wegen eines »dringenden Bedürfnisses« verlassen zu müssen.

Solche pikanten Geschichten kamen auch früher gut an und hielten sich hartnäckig. Ob diese hier wahr ist und die Bezeichnung wirklich von dem berühmten Prediger herkommt, ist eine andere Sache. Vielmehr scheint es, dass das ähnlich klingende provenzalische Wort »bourdalho« – die Bezeichnung für einen Nachttopf – später in wortspielerischer Manier umgedeutet und mit dem wortgewaltigen Jesuitenpater in Verbindung gebracht wurde.

Auf jeden Fall haben die Porzellanmanufakturen mehrerer europäischer Länder einige Jahrzehnte nach dem Tod des Paters die Sitte aufgegriffen und saucierenähnliche Gefäße angefertigt, die in Form und Größe dem Zweck entsprachen und als »pot de chambre oval« auf den Markt kamen. Sogar aus China wurden Bourdalous eingeführt. In Deutschland war Meißen die erste Adresse.

Sie entwickelten sich zu einem mit kostbaren Details und Dekors ausgestatteten Luxusartikel, der auch den Stand und den Reichtum der Besitzerin zeigen sollte. Beziehungsreiche Malereien, Sprüche und sogar Spiegel auf dem Boden zeugen davon, dass der Humor im »galanten Zeitalter« nicht zu kurz kam. »Aux plaisiers des dames« – Zum Vergnügen der Damen – lautet eine Aufschrift, die dies andeutet.

Inzwischen ist das Bourdalou längst ein historischer Gegenstand, den es nur noch in Museen und in Antiquitätengeschäften zu sehen gibt. Und die Menschen unserer Tage dürften wohl eher darüber schmunzeln. Auf jeden Fall aber ist es ein Zeuge auf dem Wege zum (fast) perfekten Wohlstands-Sanitärkomfort, der uns vergessen lässt, dass es auch hier einmal anders war.

Im Zentrum für Außergewöhnliche Museen (ZAM) in München gibt es das erste Bourdalou-Museum der Welt. Außerdem kann man dort eine umfassende Sammlung von Nachttöpfen, Osterhasen, Tretautos, Parfum-Flakons, Schutzengeln und Gegenständen aus dem Nachlass der österreichischen Kaiserin Sissi besichtigen. Das Museum, Westernriederstraße 41, Telefon 089/290 41 21, ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

HF



47/2002