Jahrgang 2005 Nummer 33

»Was die Zeit verlangt, ist oft quälerisch schwer«

Am 16. August wäre Fritz Harnest 100 Jahre alt geworden

Fritz Harnest beim Anfertigen eines Holzschnitts.

Fritz Harnest beim Anfertigen eines Holzschnitts.
Man kennt ihn und man kennt ihn zugleich nicht. Der Überseer Maler Fritz Harnest, am 16. August 1905 in München geboren, war ein Freund des Grafikers und Bauhausschülers Werner Gilles, er stand in regem Briefkontakt mit Emil Nolde, und in seinem stets offenen Feldwieser Haus verkehrten die Kollegen Rupprecht Geiger und Walter Brendel in Freundschaft und wechselseitigem Respekt. Auf Gilles Anregung nahm die »Neue Gruppe München« den damals schon in der Lebensmitte stehenden Harnest im Jahr 1959 auf. Die Kunstzeitschrift »Das Bilderhaus« trägt um 1955 Grafiken von Erich Heckel, dem Mitbegründer der Dresdner Künstlervereinigung »Die Brücke« auf dem Titelblatt – und Grafiken von Fritz Harnest. Seine Bilder wurden nach den Kriegsjahren in die Schweiz, nach Italien, Holland, Österreich, in allen Teilen Deutschlands und sogar nach San Francisco weitergereicht; Preise und Auszeichnungen waren die Folgen.

In seinem engeren räumlichen Umfeld jedoch ist Fritz Harnest ein weitgehend Unbekannter geblieben. Obwohl er mehr als 60 Jahre in Übersee gelebt und ein berstend umfangreiches Werk geschaffen hat, steht er in seiner Bekanntheit weit hinter Chiemgauer Malerkollegen nach – etwa Julius Exter oder Theodor von Hötzendorff. Allerdings hat Harnest sich schon früh der grafischen Arbeit, den Holzschnitten, der Abstraktion zugewendet. Nur einzelne gegenständliche Bilder sind enthalten; Landschaften malte er praktisch nie, er verwendete sie lediglich als Anregung. Seine nicht selten übergroßen Werke lassen all jenes vermissen, was der Betrachter wiedererkennen könnte – Bäume, Häuser, Berge, den Chiemsee, Vertrautes und Liebgewonnenes – und spielen sich damit häufig um die Gunst des kunstinteressierten ländlichen Publikums. Dabei atmen die Bilder seine ungebrochene Kraft, seinen Schöpferwillen und seinen überwältigenden künstlerischen Reichtum geradezu aus, sind in ihrer farbigen Vielfalt eindringlich und erstaunlich, aufheiternd und bedrückend zugleich.

Im Gasthaus des Vaters, der »Alten Post« in Dießen am Ammersee, spielte mancher Hausgast nolens-volens dem heranwachsenden Harnest die Bälle zu, die ihn früh auf die Spur eines Künstlerlebens brachten. Da kursierten Feldpostbriefe von Franz Marc, mitgebracht von Schweizer Feriengästen, da residierten Künstler und Professoren, die das junge Talent mit Wohlwollen betrachten und - wofür er die höhere Schule abbrach - Harnests Aufnahme an der Münchner Akademie der Bildenden Künste im Alter von 16 Jahren durchsetzten. Er wurde Schüler von Becker-Gundahl, Herterich und später, nach einer längeren Unterbrechung, von Karl Caspar. Hier wurde, so heißt es im Buch »Fritz Harnest – Stationen eines Malerlebens«, das der Münchner Kunstverein anlässlich einer Ausstellung 1974 herausgab, der »Farbensinn entwickelt, der das spätere Werk Harnests auszeichnet«.

Nach seiner akademischen Lehrzeit zog es den 25-Jährigen nach Paris und Nordfrankreich, wo er Ausstellungen bedeutender Künstler besuchte und selbst ein paar Zeichnungen verkaufte. Kurz nach seiner Rückkehr in die bayerische Heimat wandte er sich auf den Rat eines Freundes hin an den vom nationalsozialistischen Regime geächteten Emil Nolde, dessen Reserviertheit und Misstrauen bekannt waren, den nun fast 30-Jährigen aber nicht abschreckten. Er besuchte ihn schließlich in Berlin. Ein viele Jahre währender Briefkontakt war die Folge. »Von den vielen Freunden«, schrieb Nolde 1937 an Harnest, »die zu meiner Kunst und zu unserer Kunstauffassung stehen, bekommen wir in dieser Zeit manche liebe Worte. Kunst ist Kampf und Arbeit und ein Ringen – wir freuen uns, dass sie arbeiten und es wissen, eine wie ernste Sache die Kunst ist und was sie alles von demjenigen verlangt, der ihr dienend ist.« – Es war die Epoche der »entarteten Kunst«.

Über die Zeit der Familiengründung mit der Kunststudentin Mutz Ellermann, einer Zeichnerin mit späterem Brotberuf, die über viele Jahre hinweg den Unterhalt der Familie bestritt, über die Zeit des Krieges, dem sein gesamtes Frühwerk zum Opfer fiel, ungeachtet vieler Rückschläge und des steten Kampfes um Anerkennung blieb Harnests Schaffensdrang ungebrochen – ein Künstlerleben von 80 Jahren spricht für sich. Dem Holzschnitt als einem der »fünf Finger an der Hand der Kunst« blieb er bis zu seinem Tod treu. Im Lexikon »Deutsche Kunst seit 1960« schreibt Juliane Roh folgende Zeilen: »Harnest druckt ohne Presse, nur mit dem Falzbein. Er verwendet meist dünnes Japanpapier. Dabei wird jede Platte mit der kleinen Handwalze eingewalzt.« Seine Faszination für den Werkstoff Holz und die damit verbundene schwere Handarbeit dokumentiert ein Ausspruch, im selben Beitrag festgehalten. Darin spricht Harnest von der »unvergleichlichen Härte des Holzes, an dem man wie ein Bildschnitzer arbeitet, dem Reiz der Maserung, die unweigerlich mitspricht oder die man überwindet«.

Ein weiteres Zitat erlaubt einen zarten Blick auf Harnests ringende, nicht selten zerrissene Künstlerseele. »Die Farbe«, schrieb er 1974, »ist eines, ein anderes ist die Form, das dritte die Größe, d. h. das Format. Die Größe ist einfache Lebensform, in der die Farbe zur Sprache kommt. Die große Form und die große Farbe drücken die Selbstverständlichkeit der Existenz aus – und das Bedürfnis geht weiter, ausdrückliche Formen der Existenz zu finden ... Es ist ein Besonderes, das Ringen um die rechte Farbe. Schöne Farben zusammenkomponieren geht verhältnismäßig leicht, aber was mit wenig Farbe notwendig ist, was die Zeit verlangt, ist oft quälerisch schwer ... Die Disziplinierung der Farbe heißt zugleich die Disziplinierung der Form. Das führt, halb bewusst, zu Grundformen des Lebens...«.

Rund 1000 Werke umfasst sein Nachlass. Davon sind knapp 300 große Ölbilder, außerdem eine Reihe von Keramiken. Im Traunsteiner Kunstraum Klosterkirche erlebte der Träger des Bundesverdienstkreuzes und zahlreicher regionaler und überregionaler Auszeichnungen 1998, ein Jahr vor seinem Tod, noch eine vielbeachtete letzte Ausstellung, dann folgte eine kurze Zeit der Ruhe. Zuletzt war eine Auswahl aus allen Schaffensperioden im Rosenheimer Hochbauamt ausgestellt, ein unverkennbarer Holzschnitt ist Teil der großen Wasserburger Kunstausstellung. Bereits in Vorbereitung ist eine Ausstellung in Bad Aibling im kommenden Frühling, weitere Aktivitäten sind in Planung.

CK



33/2005