Jahrgang 2002 Nummer 49

Vor 90 Jahren starb Prinzregent Luitpold

Er war über 75 Jahre Bayerns hoch verehrter Landesvater

Ein einprägsames Todesdatum, der 12. 12. (19)12. An einem 12. ist er auch geboren worden, im März des Jahres 1811. Gut 91 Lebensjahre waren ihm vergönnt. 90 Jahre ist es also her, dass Bayern um einen seiner mildesten und beliebtesten Herrscher trauerte: um seinen Prinzregenten Luitpold. Mit ein paar Zeilen zu seiner Geschichte und einigen »G’schichtln« rund um den volkstümlichen Wittelsbacher sei hier einer historischen Gestalt Bayerns gedacht, die wie keine zweite zum Herzen des kleinen Mannes fand.

Vater Ludwig – der spätere König Ludwig I. – weilte in Rom, als ihm die Ankunft seines dritten Sohnes (nach Max und Otto) aus dem fernen Würzburg gemeldet wurde. Reiten, Turnen, Fechten, Schwimmen und Tanzen lernte »Poldi« schon früh. Den Starnberger See soll er zwischen Berg und Possenhofen durchschwommen haben, und im Bergsteigen war er anderen weit voraus. Das übte er rund um Berchtesgaden im Watzmanngebiet, wo er als passionierter Gemsjäger in späteren Jahren oft anzutreffen war. Für Berg und Wald schwärmte Luitpold wie seine Brüder für Kunst und Hellenismus.

Schon mit 14 Jahren begann Luitpolds Soldatenlaufbahn. Der königliche Herr Papa übergab ihm 1835 das Hauptmannspatent in der Artillerie. Vier Jahre später begann der strenge Militärdienst für den Kanonier, der es in der Folge zum Generalmajor, Armeekommandanten, Feldzeugmeister und, 1869, zum Generalinspekteur der Armee bringen sollte. 1905 erhielt jeder bayerische Soldat aus der Hand des Prinzregenten eine Erinnerungsmedaille zum Gedenken an dessen Eintritt in die Armee vor 70 Jahren.

1844 lernte Luitpold in Florenz die Tochter des Großherzogs von Toskana, Augusta, kennen. Er heiratete sie, verzichtete aber nicht auf ausgedehnte Reisen durch Italien und Spanien, später nach Konstantinopel, Alexandria, Kairo und Griechenland, wo Bruder Otto unseliger König war. Bruder Max wurde 1848 bayerischer König, Luitpold selbst nacheinander Vater von drei Buben und der Tochter Therese. Aus dem Vertreter des Bruders im Königsamt wurde bald auch der Substitut des Thron-Nachfolgers Ludwig II., der 1864, erst 18 Lenze jung, Bayerns König wurde. Im selben Jahr starb ihm die Gemahlin unversehens – den Verlust konnte Luitpold zeitlebens nicht verschmerzen. Auch die schwere Verwundung des Erstgeborenen, Ludwig, in der Schlacht von Helmstadt 1866 war zu verkraften, mehr noch: Vater Ludwig I. und Bruder Otto, König von Griechenland, starben.

An der Spitze des königlichen Hauptquartiers stand Luitpold, anstatt des königlichen Neffen Ludwig II., im »Siebz’gerkrieg«. Mittendrin übergab Prinz Luitpold dem Preußenkönig Wilhelm I. – es war der 8. Dezember 1870 – den Brief mit der Erhebung zur Kaiserwürde, die Wilhelm am 18. Januar im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles annahm. »Unser Prinzregent als Bayerns Vertreter war einer der nächststehenden bei dem Deutschen Kaiser, einer der Ersten, die ihn von ganzem Herzen beglückwünschten«, kommentiert 1911 Professor J. Menrad in der schönen »Wittelsbacher-Gabe zum 12. März 1911« (Verlag der Jugendblätter, München).Die verdiente Ruhe im hohen Alter war Luitpold nicht vergönnt. 1886 verlor Bayern auf tragische Weise seinen »Märchenkönig«, und Luitpold »musste die Zügel der Regierung mit festen Händen ergreifen ... Der bereits 65jährige Prinz hat diese Bürde mit staunenswertem Mannesmut und mit jener schlichten Ruhe auf sich genommen, die er schon lange in Vertretung zweier Könige gezeigt hatte.«

Sein Beten um »lichtere Augenblicke für Bayern und sein Volk« wurde erhört. Luitpold wurde Bayerns hochverehrter Landesvater und blieb es bis zu seinem Tod, also ein Vierteljahrhundert. Kunst und Handel blühten auf, München erhielt Bauten von noch heute staunenswerter Schönheit und Beständigkeit: Nationalmuseum, Prinzregententheater, Justizpalast, Armeemuseum ..., und so manche bayerische Stadt wurde mit Denkmälern, öffentlichen Gebäude, Kirchen bestückt, die unter Prinzregent Luitpold erstanden. Stets war Luitpold auch mit den Armen, vornehmlich mit der Jugend. Die biedere Gebirgsbevölkerung mochte er besonders – und sie ihn, der, der Natur von Anfang an zugewandt, gern zur Jagd ging und in den Bergen wanderte. Durch Genügsamkeit und körperliche Betätigung bis ins höchste Alter hielt Luitpold sich gesund – ein leuchtendes Vorbild, auch an »Pflichttreue, Gerechtigkeit, Ritterlichkeit, Herzensgüte und Leutseligkeit«, wie ihm Menrad bestätigte.

Heute spricht man mit Wehmut und Stolz in Bayern, namentlich in München, von der Prinzregentenzeit. Sparsamkeit und Umsicht, um den überschuldeten königlichen Haushalt liquide zu machen und den Staat vor dem Bankrott zu bewahren, legte Luitpold an den Tag. Und vergaß darüber aber die Tradition nicht, in der er als Wittelsbacher stand. Richard Wagner und Hans Pfitzner waren mit die ersten Komponisten jener Zeit, deren Werke im nachmals oft liebevoll, keineswegs abwertend »Prinze« genannten Theater rechts der Isar aufgeführt wurden. 1914, zwei Jahre nach dem Hinscheiden des Prinzregenten, beispielsweise der »Parsifal«, den Karl Erb sang, drei Jahre später Pfitzners »Palestrina« – mit Bruno Walter als Dirigent. Erst 1918 endete mit dem militärischen Zusammenbruch die Monarchie. Die Ära des Prinzregenten, die noch bis dahin ausstrahlte, war damit endgültig passé.

Doch was sich – im Volke namentlich hielt, das sind die »G’schichtln« rund um die Lichtgestalt des Prinzregenten. Drei seien hier – stellvertretend für viele – aufgegriffen. Die »Wittelsbacher-Gabe« von 1910 gibt eine »Ländliche Szene von Max Bram wieder: »Der Prinzregent im Berchtesgadener Land«. »Kinder, unser Prinzregent is grad vorbeigfahrn! Habts’n gsegn? Der alte Herr is gwen mitm weißn Bart und dem guatn Gsicht«, erklärt der Vater seinen drei Kindern. Was sie dann täten, wenn sie der Prinzregent wären, erzählen sie nacheinander im Übermut, nachdem sie des Bayernherrschers ansichtig geworden waren. Der Franzl versteigt sich in hellem Eifer: » I wenn Prinzregent waar, i ziagat a golders Gwand o und setzat a Kron auf. Und nachn Essn gang i alle Tag spaziern. Da vorbei, beim Hausnbauern ums Eck umi und no a Weil so furt. Ja, und hinter mir müaßtn alle, alle bayerischen Soldaten gehn mitsamt die Rössa und mit die Kanona. Und wenn ma na zum Banchhuaba Sepp sein Vatan sei Häusl hinkemma, da taat i mi umkehrn und sagat zu die bayerischen Soldaten: ‘Sehgts ös, dös is an Bachhuaba sei Häusl. Da is da Sepp drin, der mi gestern verdroschn hat. Den fangts ma! Und wenn ma’n na habn, na setz i mi aufn goldan Thron, und nehmat a Staberl in d’Hand, wia’s da Schöllnkini hat, woaßt, der am Kartnblattl, und fangat na z’regiern o.« Der Bürgermeister kommt hinzu und lobt den »seelenguatn« Herrn dann wirklich »übern Schöllnkini«, wie wir sagen: »A seelenguats Herz hat unsa Prinzregent. Dös wisst ma am bestn, wir daherin in die Berg. Aba ös dürfts beileibi nöt moana, dass da Regent bloß für uns da sorgt und sich kümmert. Naa, der guate Herr hat alle seine Landeskinder ins Herz gschlossn. Alle möcht er glückli machn und zufriedn. Drum bitt man unsern Herrgott, dass er’n uns und dem ganzn Land no recht lang dahalt und dass er no viele Jahr zum Gamseischiaßn in unsere Berg kemma ko.«

Der Bürgermeisters-Bitte wurde nicht entsprochen; denn nur noch kurze Zeit hatte der gute Prinzregent zu leben. Dafür blieb er lange, lange im Volk präsent. »Das gspassige Hausbüachl« des Schnaxnsammlers Josef Müller-Zurlinden – im Todesjahr des Prinzregenten war er 13 Jahre alt – überliefert zwei »Gspassettl« (S. 40f. und S. 26 f.). Sie werden hier wörtlich wiedergegeben. Die »Bairischen Geschichten« sind 1948 im Alpinen Verlag von Fritz Schmitt, München, erschienen.

Der Prinzregent Luitpold hat einmal mit seinem Adjutanten und einigen Herren sieines Jagdgefolges einen alten, biederen Förster besucht, um ihm zu seinem achtzigsten Geburtstag die allerhöchsten Glückwünsche auszusprechen. Der Alte ist ganz gerührt gewesen von der hohen Ehre und dann hat er gemeint: »O mei, Königliche Hoheit, mit achtzg is ‘s halt nimmer weit her, da is ma doch scho a recht a alter Krackler!« – »Aber naa«, hat der Prinzregent abgewehrt, »schaun S’, i bin doch aa scho achtzig und fühl’ mich noch recht gut beinander.« – »Aber da drobn«, hat der Förster gesagt und hat auf die Stirn gedeutet, »da lasst ‘s sakrisch nach, net wahr – deppat wird ma halt!« – »Könnt i net sagn!« – »Ja, dös is ja akkrat dös Kreuz, Königliche Hoheit, selber merkt man ‘s net – aber die andern Leut’, die spannen ‘s scho!« – Wie Königliche Hoheit darauf reagiert haben, das formulierte der Autor nicht aus. Hätte dem »G’schichtl« damit gewiss auch die Spitze genommen.

Die letzte Anekdote greift eine der schon genannten Steckenpferde des Prinzregenten Luitpold auf: Eine Jagd in den Bergen ist gewesen. Der Prinzregent Luitpold ist gerade mit seinen Jägerkumpanen auf einer Waldwiese gesessen zu einer handfesten Brotzeit, da ist plötzlich ein Bote gekommen und hat dem Generaladjutanten Peter Wiedemann ins Ohr geflüstert, dass der Erzherzog Franz Salvator plötzlich gestorben ist. Der Generaladjutant ist käsweiß geworden. Er hat nicht gewusst, wie er dem Prinzregenten das unangenehme Ereignis auf der Jagd beibringen sollte. Der Prinzregent ist alleweil ein umgänglicher Mann gewesen, aber jedes Mal, wenn er gehört hat, dass ein Freund oder Verwandter gestorben ist, hat er gleich zwei Tage granteln können. Der Generaladjutant hat mit verschiedenen Herren des Gefolges heimlich geredet und hat jeden beschworen, ihm zu helfen, aber keiner hat es auf sich nehmen wollen, die Trauerbotschaft zu überbringen. Schließlich ist der Oberförster auf den Gedanken gekommen, den Franz, der der Büchsenspanner des Prinzregenten gewesen ist, ins Vertrauen zu ziehen. Blanke zehn Taler sind dem Franz versprochen worden, wenn er es fertig brächte, diese schwierige Aufgabe in schicklicher Weise zu lösen. Der Franzl hat sich eine Weile am Kopf gekratzt, aber weil er kein Freund vom langen Überlegen gewesen ist, hat er die Sache übernommen. Die Gesellschaft ist nach der Brotzeit aufgebrochen und Franz war immer dicht bei seinem Herrn hinter dem Wild her. Ein kapitaler Hirsch ist vor die Büchse gekommen. Der Prinzregent hat angelegt und der Hirsch ist mitten im Sprung zusammengebrochen und über den Hang hinuntergekollert. »Sakra!«, hat da der Franz geschrien, »den hat’s da hinghaut; der is hin, grad wia da Erzherzog Franz Salvator!«

HG



49/2002