Jahrgang 2012 Nummer 5

Vor 325 Jahren kam Balthasar Neumann zur Welt

Ein Genie auf dem zweiten Bildungsweg – Die Würzburger Residenz gilt als sein Lebenswerk

Bildnis Balthasar Neumanns im Deckenfresko über dem Treppenhaus der Residenz Würzburg, gemalt von Giovanni Battista Tiepolo, 175

Bildnis Balthasar Neumanns im Deckenfresko über dem Treppenhaus der Residenz Würzburg, gemalt von Giovanni Battista Tiepolo, 1753.
Treppenhaus der Residenz Würzburg

Treppenhaus der Residenz Würzburg
Residenz Würzburg
        




 Alle Bilder: © Bayerische Schlösserverwaltung

Residenz Würzburg
Alle Bilder: © Bayerische Schlösserverwaltung
Europa hat ihm einige der schönsten und berühmtesten Werke der Barockarchitektur zu verdanken: Balthasar Neumann. Vor 325 Jahren wurde der geniale Baumeister im böhmischen Eger (Cheb) geboren. Er schuf die Treppenhäuser der Schlösser in Bruchsal und Brühl, die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen und die Abteikirche Neresheim. Am berühmtesten ist aber wohl sein Lebenswerk, die Würzburger Residenz. Sowohl Schloss Augustusburg in Brühl wie auch die Residenz in Würzburg, die von der Bayerischen Schlösserverwaltung betreut wird, stehen heute auf der exklusiven UNESCO-Liste des Weltkulturerbes.

Eine so ruhmreiche Karriere konnte niemand vorhersehen, als Balthasar Neumann am 30. Januar 1687, am dritten Tag nach seiner Geburt, als siebtes von neun Kindern des Tuchmachers Hans Christoph Neumann getauft wurde.

Es war sein Wissensdurst und Ehrgeiz, der ihn auch nach seiner ersten Lehrzeit, die er bei seinem Paten, dem Glocken- und Metallgießer Balthasar Platzer verbrachte, nicht ruhen ließ. Anfang des 18. Jahrhunderts ging er auf Wanderschaft und kam nach Würzburg zu Sebald Koch, wo er 1711 den Lehrbrief der »Büchsenmeister, Ernst- und Lustfeuerwerkerey« erwarb.

Ein Jahr später trat der junge Neumann bei der fränkischen Kreisartillerie in den Militärdienst ein. Nur dort hatte ein mittelloser Handwerker wie er die Chance, sich in der »Militär- und Zivilbaukunst«, sprich als Ingenieur und Architekt, weiterzubilden. Er vervollkommnete seine Kenntnisse durch Studien auf dem Gebiet der Festungsbaukunst. Auf diesem zweiten Bildungsweg förderte ihn der Rat seiner Geburtsstadt Eger, der ihm trotz der »gegenwärtigen geldklemmen Zeiten« ein Darlehen von rund 100 Gulden als Stipendium gewährte. Eine Investition, die sich lohnen sollte: Neumann machte eine glänzende Karriere. Beim Militär stieg er vom gemeinen Soldaten bis zum Oberst auf. Als Architekt trat er bald in fürstbischöfliche Dienste. Beides ermöglichte ihm schon nach zehn Jahren die komplette Rückzahlung des Stipendiums.

1717/18 befand er sich mit den fränkischen Truppen in Österreich und Ungarn, wo er bei der Befestigung von Belgrad mitarbeitete. In Wien lernte er auch die richtungweisenden Barockbauten von Johann Bernhard Fischer von Erlach und Johann Lucas von Hildebrandt kennen und schulte sein architektonisches Gespür an ihnen. Eine Reise nach Mailand brachte ihm wohl auch die Begegnung mit den Werken Guarino Guarinis, die bestimmend für seine spätere genialische Auffassung vom Raum wurden.

Nachdem er in dieser Zeit unter der Leitung der Würzburger Baumeister Andreas Müller und Joseph Greising gearbeitet hatte, berief 1719 der neue Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn den Stückhauptmann und Oberingenieur Neumann zum fürstbischöflichen Baudirektor in Würzburg. Als solcher übernahm Neumann 1720 schließlich die Planung für den Neubau der Würzburger Residenz. Der Würzburger Fürstbischof folgte dabei der Empfehlung seines Onkels, des Mainzer Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn, dem schon 1715 das aufstrebende Talent des Baumeisters aufgefallen war.

Es sollte sich als Glücksgriff erweisen, dass er den jungen, als Architekt noch wenig erfahrenen Ingenieurhauptmann Neumann mit der Leitung dieses riesigen Bauvorhabens betraute. Neumann erfüllte alle in ihn gesetzten Erwartungen sowohl als Bauleiter wie auch als Planungskoordinator und selbstständig entwerfender Architekt aufs Beste.

Neumann wetteiferte während der Bauzeit der Würzburger Residenz mit dem Mainzer Hofbaumeister Maximilian von Welsch und dem kaiserlichen Hofbaumeister Lukas von Hildebrandt in Wien, deren Entwürfe er teilweise in die eigenen Planungen integrierte. Auf einer Studienreise nach Paris 1723 suchte er zudem den Rat der führenden Architekten Frankreichs, Robert de Cotte und Germain Boffrand. Hier entwickelte er auch seine Ideen von einem großzügigen Treppenhaus weiter, die ihn später berühmt machen sollten.

1724 avancierte er zum Major; durch die Heirat 1725 mit Maria Eva Engelberta Schild, der Tochter des geheimen Rats Franz Ignaz Schild, erhielt er familiären Zugang zu einflussreichen Beamtenund Ratsfamilien in Stadt und Bistum. Balthasar Neumann wohnte in Würzburg in der Franziskanergasse 2, wo er 1724 den »Hof Ober-Frankfurt« vom Fürstbischof Christoph Franz von Hutten erworben hatte. Hier hatte er auch sein Architekturbüro mit seinen Mitarbeitern untergebracht.

1729 wurde er Obristleutnant in der fränkischen Kreisartillerie und anstelle Maximilians von Welsch Baudirektor in Bamberg, dem zweiten Bistum des neuen Würzburger Fürstbischofs Friedrich Karl von Schönborn. 1731 erhielt er den für ihn neu eingerichteten Lehrstuhl für Zivil- und Militärbaukunst an der Universität Würzburg und wurde 1741 Oberst, womit er den höchsten für ihn möglichen militärischen Rang erreichte.

Durch die Politik der Familie Schönborn, möglichst viele Bistümer mit Angehörigen zu besetzen, erweiterte sich Neumanns Wirkungskreis von Würzburg und Bamberg schließlich auf die Bistümer Speyer, Konstanz und Trier, selbst der Kölner Kurfürst Clemens August von Wittelsbach gab ihm Aufträge.

Ab 1723 war Neumann Mitglied der bischöflichen Baukommission, die er ab 1725 faktisch leitete. Nicht zuletzt als Baudirektor des Domkapitels erreichte er eine dominierende Stellung im Würzburger Bauwesen, auch nachdem er unter Schönborns Nachfolger Anselm Franz von Ingelheim das Amt als Oberbaudirektor vorübergehend verloren hatte.

1744 konnte das Richtfest der Residenz Würzburg gefeiert werden. »Das einheitlichste und außergewöhnlichste aller Barockschlösser« - so das Urteil der UNESCO 1981 - war im Rohbau fertiggestellt. Als Neumann am 19. August 1753 in Würzburg starb, war die Residenz auch im Inneren weitgehend vollendet. Im gleichen Jahr signierte Giovanni Battista Tiepolo das weltberühmte Deckenfresko über dem genialen Treppenhaus Neumanns, den er dort in nachdenklicher Pose, auf einem Kanonenrohr sitzend, dargestellt hat. Bis vor zehn Jahren existierten in Deutschland noch Zigtausend kleinere Porträts von Balthasar Neumann: Sie zierten die letzte Auflage der 50-Mark-Scheine.



5/2012