Jahrgang 2006 Nummer 38

Vor 15 Jahren: Sensationeller Fund des Eismannes in den Ötztaler Alpen

Bis heute sind viele Fragen um den Tod von »Ötzi« offen

Die Mumie »Ötzi« wurde vor fünfzehn Jahren auf dem Südtiroler Similaungletscher von dem deutschen Bergsteigerehepaar Simon gefun

Die Mumie »Ötzi« wurde vor fünfzehn Jahren auf dem Südtiroler Similaungletscher von dem deutschen Bergsteigerehepaar Simon gefunden. Bis dahin war die nach den Ötztaler Alpen benannte Mumie im Eis konserviert. Nicht nur die Organe des Menschen aus der Jungsteinzeit (etwa 5000 bis 1800 vor Christus), selbst seine Kleidung und Ausrüstungsgegenstände haben die Jahrtausende unversehrt überstanden.
Er ist der älteste Mensch, der es je auf die Titelseite des amerikanischen Nachrichtenmagazins »Time« schaffte: »The Iceman's Secrets«, prangte dort im Herbst 1992 in großen eisblauen Lettern, darüber der zerschundene Kopf einer 5300 Jahre alten Mumie: »Ötzi«. Ein Jahr zuvor hatte das Nürnberger Ehepaar Erika und Helmut Simon den Eismann bei einer Wanderung in den Ötztaler Alpen entdeckt. »Ich hab was Braunes rausschauen sehen«, erinnerte sich der Franke später. Noch ahnten die beiden nicht, welche Sensation unter dem Schneefeld schlummerte. Am 19.9. jährte sich der spektakuläre Fund zum 15. Mal. Seither machten Wissenschaftler Gen-Tests an der Gletscherleiche, wurden Prozesse über den Finderlohn geführt, tauchten Gerüchte über den »Fluch der Mumie« auf. Selbst letzteres verwundert kaum: Immerhin sechs Menschen, die irgendwie im Zusammenhang mit »Ötzi« standen, sind mittlerweile ums Leben gekommen. Unter anderen der Finder Helmut Simon, der 2004 nach einem Lawinenunglück tot in einem Gebirgsbach in den österreichischen Alpen gefunden wurde. Ebenso der Urgeschichtler und »Ötzi-Ziehvater«, Konrad Spindler, der Anfang 2005 im Alter von 66 Jahren in Innsbruck starb. Spindler war lange einer der Hauptverantwortlichen bei der wissenschaftlichen Arbeit an der Mumie.

Anfangs wurde angenommen, »Ötzi« sei vor 100 Jahren gestorben. Wenig später schätzten Forscher, dass er im Mittelalter lebte. Dem Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner schwante: »Mit dem Mannd'l stimmt was net.« In der Tat: Gerichtsmediziner entdeckten schließlich, dass die Leiche aus der Kupferzeit stammt, also aus der Zeit um 3000 vor Christus - eine Weltsensation.

Doch dann begann der Streit: War der Mann nun Österreicher oder Italiener? Immerhin wurde er an der Grenze zwischen den beiden Ländern gefunden. Geschwächt, mit Rippenbrüchen und von einem Pfeil getroffen legte er sich – so ergaben Messungen - etwa 90 Meter von der Grenze entfernt auf heute italienischem Gebiet zur letzten Ruhe. Nach langen Untersuchungen in Innsbruck wurde der Mann aus dem Eis schließlich 1998 nach Bozen gebracht, wo er seither bei minus 6 Grad Celsius und bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent in einer Kühlzelle des Archäologischen Museums liegt.

Vieles konnte geklärt werden, aber vieles aus »Ötzis« Leben liegt noch im Dunkeln. Als sicher gilt, dass der »Homo tirolensis« mit etwa 47 Jahren starb – für steinzeitliche Verhältnisse ein geradezu methusalemhaftes Alter. Er hatte Blutspuren an den Händen, die nicht von ihm selbst stammen. Forscher sprachen von einem »historischen Kriminalfall«. Als Kleidung trug er grasgefüllte Schuhe aus Bärenleder, eine Mütze und einen Fellmantel sowie eine Art Leggings aus Pelz. Zudem hatte er eine Axt sowie Pfeil und Bogen dabei.

Sein Gesundheitszustand war wohl ohnehin schon bedenklich: Der Mann hatte Arthritis und verkalkte Adern, Rippenbrüche, Würmer, Durchfall und schwarze Lungen vom Rauch offener Feuer. Auch die Zähne des nur 1,60 großen »Frozen Fritz« - wie »Ötzi« im angelsächsischen Raum heißt – waren schlecht. Aber viele Fragen bleiben: Warum hat er so viele Tätowierungen? Warum musste er sterben, von einem 21 Zentimeter langen Pfeil in seiner linken Schulter getroffen?

Auch 15 Jahre nach dem Sensationsfund blüht das Geschäft mit der Gletschermumie. In Seefeld/Tirol gibt es ein »Ötzimuseum« mit der auf 1700 Meter gelegenen »Ötzihütte«, die Besuchern ein Panoramarelief der Fundszene und eine täuschend echte Nachbildung von »Ötzi« bietet. Im Schnalstal können Interessenten mit dem »Ötzi-Express« Fahrten ins Ewige Eis unternehmen und in der »Ötzi Show Gallery« auf Tafeln und Bildern Einblicke in das Leben während der Kupferzeit bekommen. Und - es überrascht wohl niemanden - natürlich gibt es auch »Ötzi«-Miniaturen, »Ötzi«-Briefmarken, »Ötzi«-T-Shirts und sogar ein »Ötzi«- Musical: »Frozen Fritz«.

Carola Frentzen



38/2006