Jahrgang 2006 Nummer 23

Vor 120 Jahren starb Ludwig II.

Das Rätsel um den »Märchenkönig« liegt im Geheimen Hausarchiv

König Ludwig II. auf seinem Totenbett. Sein mysteriöser Tod am 13. Juni 1886 war der Beginn einer beispiellosen Legendenbildung

König Ludwig II. auf seinem Totenbett. Sein mysteriöser Tod am 13. Juni 1886 war der Beginn einer beispiellosen Legendenbildung um den König.
Ludwig II. in jungen Jahren

Ludwig II. in jungen Jahren
So sah das Schloß Herrenchiemsee im Todesjahr Ludwig II. 1886 aus

So sah das Schloß Herrenchiemsee im Todesjahr Ludwig II. 1886 aus
Anfang und Ende des mysteriösen Königslebens liegen im Dunkeln: War er rechtmäßig geboren oder ein uneheliches Kind? Starb er in geistiger Verwirrung am Herztod, wurde er ertränkt oder gar von hinten erschossen? Der Mythos gibt keine klare Antwort, nur Antworten. Ludwig II. lebte ein einsames, missverstandenes, unglückliches Leben – aus dem später ein »Märchen« wurde, versinnbildlicht in seinen Traumschlössern.

Nach seiner Inthronisation 1864 hatte er im Sturm die Herzen der Bayern erobert. Die Bürger waren von seinen großen dunklen Augen, von seiner aufragenden Gestalt und von seinem schwärmerischen Blick begeistert. Wohin der junge König auch kam, überall schlugen ihm Jubel und Begeisterung entgegen. Richard Wagner beschrieb den jugendlichen Monarchen damals weitsichtig so: »Er ist leider so schön und geistvoll, seelenvoll und herrlich, dass ich fürchte, sein Leben müsse wie ein flüchtiger Göttertraum in dieser gemeinen Welt zerrinnen.«

Schon ein Jahr nach der Thronbesteigung begann Ludwigs langer Weg in die melancholische Einsamkeit des Schweigens und abgerückte Traumwelt der Musik. Immer weniger wollte er in den 22 Jahren seiner Herrschaft mit dem Regieren zu tun haben, immer launischer berief und entließ er seine Minister, immer größer wurden die Staatsschulden für seine Phantastereien, deren Nutznießer neben anderen Richard Wagner war.

Im Volksmund hieß Ludwig II. bald schwärmerisch »göttlicher König«, bald spöttisch »g’spinnerter Ludwig«. Romantisch verklärt wurden seine heimlichen Treffen mit Kaiserin Sissi von Österreich, seiner Cousine, auf der Roseninsel im Starnberer See, die der König für 25 000 Gulden gekauft hatte. Dorthin zog er sich auch 1866 zurück, als Bayern an der Seite Österreichs den Krieg gegen die Preußen verlor. Die bittere Konsequenz war der Verlust der bayerischen Souveränität durch die Versailler Verträge von 1870. Während die Truppen kämpften, feierte Ludwig auf der Roseninsel schwelgerisch den Jahrestag der Münchner Uraufführung von Wagners Oper »Tristan und Isolde«. Er war der Meinung, für einen bayerischen Soldaten genüge es, gut Wagner-Musik spielen zu können.

Das traurige Ende vom Lied war die Entmündigung des Königs, nachdem bekannt geworden war, wie merkwürdig er sich privat verhielt. Der Kammerlakai Lorenz Mayr durfte dem »Kini« ein Jahr lang nur mit schwarzer Maske gegenübertreten, nachdem er es gewagt hatte, seine Majestät scheel anzusehen. Der König hörte Stimmen, prügelte seine Dienerschaft und brüllte seine Gäste nieder. Diener berichteten, sie hätten sich dem königlichen Gemach nur kriechend nähern dürfen.

Politisch war die Karriere Ludwigs nach der Entmündigung schnell zu Ende. Er wurde im Schloss Neuschwanstein gefangengenommen und nach Berg am Starnberger See gebracht. Beim Abendspaziergang am 13. Juni 1886 ist Ludwig II. mit hoher Wahrscheinlichkeit ertrunken, möglicherweise ereilte ihn auch ein Herzschlag im Wasser. Mit ihm wurde der Psychiater Bernhard Aloys von Gudden tot im Wasser gefunden, der Ludwig für geisteskrank erklärt hatte. Er war zuvor gewürgt worden. Niemand weiß, ob er den König retten wollte und dabei selbst mit dem Leben bezahlte.

Die Königstreuen aber munkelten, der »Märchenkönig« sei von einer Preußenkugel hinterrücks getroffen worden, da der pazifistische Ludwig dem militaristischen Bismarck im Weg stand. Deshalb fordern sie – bis heute vergebens – eine Öffnung des Königlichen Sarkophags in der Münchner Michaelskirche und die Herausgabe der immer noch unter Verschluss gehaltenen Dokumente im Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Doch wie immer auch Ludwig II. zu Tode kam, in den Herzen vieler Bayern lebt er als lichte Märchengestalt weiter, und für die Touristen aus aller Welt sind seine Traumschlösser ewige Zeugen romantischer Verzückung.



23/2006