Jahrgang 2002 Nummer 2

Von intimem Rückzug kaum die Spur

Eine Salzburger Ausstellung wirbt mit alten Meistern fürs »Still-Lesen«

Heilige Katharina, in einem Buch lesend.

Heilige Katharina, in einem Buch lesend.
Agostino Ramelli "Le diverse et Artificiose Machine", 1588 Entwurf des Leserades, Kupferstich

Agostino Ramelli "Le diverse et Artificiose Machine", 1588 Entwurf des Leserades, Kupferstich
Stilles Lesen? In der »Judenschule« eines bis dato unbekannten niederländischen Malers des 17. Jahrhunderts – sein Ölgemälde entstammt den Kunstsammlungen des Augustiner Chorherrnstifts St. Florian – geht es ganz schön laut zu: Bärtige, würdige Gelehrte befinden sich offensichtlich in einem angeregten Diskurs, wozu sie dicke, schwere Folianten benötigen, um vielleicht die eine oder andere These in den (heiligen?) Schriften zu erhärten oder um nachzuschlagen, weil sie auf Fragen Antworten suchen. Die Szene ist jedenfalls bewegt, in ihr steckt, bei aller Düsterkeit des hallenartigen Ambientes, Leben. Die geneigten, gebeugten, gewendeten Körper der Lehrer und ihrer Schüler drücken jedenfalls Aktivität aus, ähnlich wie die Bücher: Sie liegen aufgeschlagen, die Blätter geradezu in Aufruhr, oder lehnen griffbereit an Podiumtreppchen oder Sesseln. Stilles Lesen?

So aber – genau: »Still-Lesen« – heißt die neue, unspektakuläre Ausstellung der Salzburger Residenzgalerie. Bis zum 3. Februar 2002 zeigt sie Gemälde und Grafik des 17. bis 19. Jahrhunderts, die ein Thema anschlagen, das nicht zuletzt durch die sogenannte »Pisa«-Studie in vieler Munde gekommen ist. Nach »Pisa« muß man zur Kenntnis nehmen, dass bei deutschen Schülern das Lesen als Kunst arg ins Hintertreffen geraten ist, dass deutsche Schulkinder kaum mehr in der Lage sind, komplizierte Texte selbstständig zu erfassen. Also passt die Salzburger Ausstellung mit einem auf den ersten Blick etwas angestaubt anmutenden Titel haargenau in die aktuelle Situation. Doch mag mir nicht einleuchten, dass sie das Thema, das sie sich und den Betrachtern stellte, auch getroffen hat. Zu viele Bilder, die da gezeigt werden, haben mit »stillem Lesen« kaum etwas zu tun. Das gilt für den unbekannten Niederländer nicht allein, sondern etwa auch für Peter Brueghels d. J. »Hexenversammlung« aus dem Benediktinerstift Kremsmünster, bei der es geradezu lärmig zugeht, wobei es ringsum kocht und brodelt und ein alter Weiser am linken Bildrand anscheinend eine Formel gefunden hat, auf die er mit seiner knochigen Linken zeigt, um sie aus dem dicken Zauberbuch auf seinen Knien laut vorzulesen.

Auch Verkündigungsszenen und Darstellungen mit dem Jesusknaben im Tempel (Luca Giordano, Paul Troger) haben kaum etwas vom im Katalog oft beschworenen »intimen Rückzug« beim Lesen an sich, sondern stellen das Lesen in einen untriebigen, kommunikativen Kontext. Hat man da allzu sehr mit der Nähe des Titels »Still-Lesen« zum Genre der »Still-Leben« kokketiert, als man die Ausstellung konzipierte?

Freilich: Es gibt einige – und es sind zugegebenermaßen dann doch recht viele – sehr intime Lese-Situationen, die die »Alten« Meister – von Rembrandt bis zum »Kremserschmidt« – auf die Leinwand bannten: ziemlich oft die mit Kreuz, Totenkopf, tieftrauriger Miene und aufgeschlagenem Buch dargestellte Büßerin Maria Magdalena (Mateo Cereco, Lodovico Cigoli, aber auch, kaum auf dem gebirgigen Landschaftsstich im äußersten unteren Eck auszumachen, Hieronymus Cock), mehrmals anonyme Mädchen und Frauen, immer wieder traute Paare.

Das Umschlagbild des Katalogs zeigt wirklich ein ins Buch versunkenes Mädchen, dem die Lektüre offenbar zu Herzen geht, so dass sie die freie Hand als Unschuldsgeste auf die entblößte Brust legt, den Rosenmund halb geöffnet, das Haar, seidig glänzend, sorgsam zurückgekämmt, um ungehindert sich dem Lesen hinzugeben. Franz Eybl, der Wiener Maler (1806-1880), ist der Autor dieser innigen Darstellung, die sich die Salzburger Residenzgalerie aus dem Oberen Belvedere in Wien auslieh, um zu zeigen: So kann sich jemand regelrecht aus Alltag und häuslicher Enge hinwegträumen. Diese Gedanken entnahm ich fast wörtlich dem einführenden Katalog-Beitrag von Gabriele Groschner. Dabei fiel auf, wie wenig sorgfältig der Katalog erarbeitet wurde. Im Groschner-Text werde ich auf die Abbildung Seite 83 verwiesen – stimmt. Doch der Bildtitel lautet dort (im Gegensatz zu Groschners »Die Lesende«) »Lesendes Mädchen«. Hendrik Goltzius Kupferstich wird mir mit »Vita hominus breve est« angegeben, wo ich doch (auf Seite 91) »Vita hominum brevis est« lesen kann. A. C. Baumgärtners Handbuch »Lesen« von 1973 ist längst durch einen aktuellen Titel (»Handbuch Lesen« von Bodo Franzmann u. a., 1999) abgelöst. Reinhard Wittmann nur mit einem »n« zu schreiben, ist purer Leichtsinn. Parodon: In einem Buch zum Thema »Still-Lesen« kommt es aufs Wort, nein: auf den Buchstaben an.

Zumal neben den 70 Exponanten mit schmachtend lesenden heiligen Frauen (Mutter Anna, eine heilige Katharina von Marinari) und Männern (Sankt Ägidius, die vier Evangelisten von Maulbertsch), galanten Liebhabern, einem teuflisch-skurrilen Leser

Carl Spitzwegs oder einer über ihrer »schweren« Bibellese eingenickten alten Frau von Jean Etienne Liotard (1760) so vieles weitere zum Thema Lesen für Buch und Ausstellung herbeigeholt wurde und damit fürs Lesen geworben wird. Leserad und Lesemühle, Lesepult und frühe Bestseller wie Lessings »Emilia Galotti« oder Defoes »Robinson Crusoe«, nicht zuletzt mit Programmen zu Julius Deutschbauers »BuB«. Diese »Bibliothek ungelesener Bücher« des 1961 geborenen Wiener Künstlers ist inzwischen auf 500 Exemplare angewachsen: geliebte ungelesene, ungeliebte ungelesene, in den Himmel gelobte ungelesene Bücher mit Tischchen, Fauteuils, Strickliesl und Stopfschwammerl, Fingerhüten und dutzenden Minidiscs – Accessoires, die das Ausstellungsthema auf kuriose Weise variieren.

HG

Die Ausstellung »Still-Lesen. In den inneren Räumen der Phantasie, Malerei des 17. – 19. Jahrhunderts«, Residenzgalerie Salzburg, Residenzplatz 1, geöffnet täglich außer Mittwoch von 10 bis 17 Uhr (bis 3. Februar 2002).

HG



2/2002