Jahrgang 2006 Nummer 14

Von der Wachtel bis zum Strauß

Ostereier, die Passion und Auferstehung Christi verkünden

Das Ostergeschehen auf dem Gänseei: eines der alten Buchmalerei nachempfundenen Kunstwerke der Siegertsbrunner Hobbymalerin Hann

Das Ostergeschehen auf dem Gänseei: eines der alten Buchmalerei nachempfundenen Kunstwerke der Siegertsbrunner Hobbymalerin Hannelore Walch
Hannelore Walchs handgemaltes Osterei ragt aus allen Ostereiern dieses Tellers mit Glas-, Stein- und Holzeiern verschiedener Her

Hannelore Walchs handgemaltes Osterei ragt aus allen Ostereiern dieses Tellers mit Glas-, Stein- und Holzeiern verschiedener Herkunft, heraus.
»Ich verkünde mit Worten, und du mit deinen Eiern«, sagte einmal ein befreundeter Geistlicher der Eiermalerin Hannelore Walch. Die vor fünfzig Jahren in Kempten im Allgäu geborene Hobbymalerin aus Siegertsbrunn musste dem Kitsch, der ihr auf einem vor Jahren besuchten Eiermarkt in Form von auf Eiern aufgeklebten Politikerkonterfeis und Autoabziehbildern entgegenschlug, etwas entgegen stellen, das mit der Osterbotschaft zu tun hat: das Passions- und Auferstehungsgeschehen.

Ihre Vorlagen findet Hannelore Walch, die als junges Mädchen ihren Vater beim selbst erlernten Vergolden zusah, noch wie damals in der hochmittelalterlichen Buchmalerei, von der sie fasziniert ist. Farbwahl, Stil, Ornamentik und die schlicht erzählte Szenerie bestimmen ihre kleinen zerbrechlichen Kunstwerke. Von der Wachtel bis zum Vogel Strauß sind ihr alle Eier recht. Ihnen schenkt sie, sorgfältig ausgewählt und ausgeblasen, ein neues Gewand mit Hilfe von Plakafarben, Lack und Blattgold (23,75 kt) und einer Technik, die folgende Schritte geht: Vorskizze mit Bleistift, Kolorierung, Konturen mit Tusche und Feder, Mattlacküberzug, Vergoldung. Ein Bibelspruch oder/und ein persönlicher Widmungstext beschließen manchmal die stundenlange Arbeit an einem Ei. Doch wird man bei Hannelore Walch vergeblich nach dekorativen Spruch-Ostereiern suchen, etwa mit so niedlichen alten Versen wie

Rein wie die Quelle,
hart wie der Stein,
so soll unsere Liebe
und Freundschaft sein!

Keine Liebes- und Freundschaftsgaben will Hannelore Walch herstellen, sondern eher bildgewordene Gebete. Die christlichen Inhalte liegen ihr – sowohl am Herzen als auch in den Fingern, wie ein Blick in ihre gesammelten, noch nicht veräußerten Schätze zeigt.

Im Kloster Zangberg bei Ampfing schlug die gelernte Fremdsprachensekretärin und seit zwei Jahrzehnten ehrenamtlich in ihrer Pfarrei Tätige kürzlich anlässlich einer Ikonenausstellung mit praktischen Anleitungen zur Ikonenmalerei eine ihrer großen Schachteln auf, um auf die Ursprünge der christlichen Malkunst auf natürlichem Untergrund hinzuweisen: prachtvoll bemalte Gänseeier mit Weihnachts- und vor allem Ostermotiven. Fand ein Kunde Hannelore Walchs kleinen, abseits liegenden Stand und erwarb ein bemaltes Ei, folgten ihm nach nur kurzem Zögern weitere. Im Besitz eines der wundervollen Walch-Kunstwerke, regt es gerade in der Osterzeit immer wieder zur Betrachtung an.

Das kunstvolle Gänseei, das leicht in einer Erwachsenenhand liegt und vorsichtig gedreht und gewendet werden kann, ist vertikal in drei gleichgroße Felder geteilt, überschrieben mit »Gründonnerstag«, »Karfreitag« und »Ostermorgen«. Das Kreuzigungs-Motiv zum Karfreitag mit dem darunter stehenden Spruch

Der Tod
ist die uns zugewandte Seite,
dessen andere
Auferstehung heißt

wird von den beiden jeweils horizontal zweigeteilten Szenen des Letzten Abendmahls mit der Fußwaschung und der Grabauffindung mit der Auferstehung des Herrn flankiert. Vorbild für das mit »HW 2005« signierte Bild-Osterei war das Evangeliar Heinrichs des Löwen aus dem Jahre 1181. Es ist Hannelore Walchs Lieblings-Kodex.

»Ich habe großes Interesse an allem, was Kunstgeschichte und moderne Kunst betrifft, mache Kunstreisen und besuche besonders gern Ausstellungen, natürlich vor allem solche, die alte Originalhandschriften zeigen. Die Zeit um 1000 lernte ich auf einem Kunstgeschichtsseminar vor etwa zehn Jahren genauer kennen«, sagt die Laienkünstlerin über die Anfänge und die ständige Inspiration ihres Steckenpferdes. Viel Muße habe sie nötig, um ihren Eiern das österliche Gewand überzuziehen. »Ostern ist mein Spezialthema«, bekennt sie, führt aber auch andere Motive an, die sie bevorzugt: biblische Frauenszenen etwa, Heilungs-Episoden aus dem Neuen Testament, die Schöpfungsgeschichte.

Auf ausgewählten oberbayerischen Eiermärkten ist die sich künstlerisch betätigende Mutter zweier erwachsener Söhne mit ihrer »War’« zu finden, im historischen Kreuzgang von Benediktbeuern beispielsweise, auf dem europäischen Eiermarkt im Kloster Seligenstadt oder auch in der Münchner Residenz. Bei religiös motivierten Interessenten kommen ihre Eier am besten an. Sie seien meistens erstaunt über die Genauigkeit und Detailliertheit der Übereinstimmung mit der ihnen in einem Bildband gezeigten Vorlage. »Viele Käufer lassen sich von der expressiven Kraft der teilweise über tausend Jahre alten Motive regelrecht anstecken. Und viele sind begeistert von der Modernität des Dargestellten; liegt doch die Zeit um 1000 nach Christus der Moderne näher als Gotik und Barock!«

Mehr als hundert Eier pro Jahr schafft die Siegertsbrunner Hobbymalerin nicht, die sich neben ihren hausfraulichen Pflichten in die Erwachsenenbildung, die Frauenarbeit und auch in die Betreuung russischer Spätaussiedler einbringt. Zum Ausgleich genießt sie die theologischen Gespräche an ihrem Eierstand: »Die ergeben sich sehr häufig von selbst. Denn meine Motive gehen über die reine Eierzier hinaus.«

Hans Gärtner



14/2006