Jahrgang 2010 Nummer 41

Von der Torfverladestelle zum Torfbahnhof Rottau

Ein Beitrag zur Baugeschichte des heutigen Industriedenkmals

Zeichnung vom Juni 1926 für den Neubau einer Torfstreufabrik anstelle der 1920 erbauten Torfverladestation Rottau – bahnseitige

Zeichnung vom Juni 1926 für den Neubau einer Torfstreufabrik anstelle der 1920 erbauten Torfverladestation Rottau – bahnseitige Ansicht.
Ladegleis mit Ausbau der Anschlussweiche am Streckengleis in Richtung Salzburg. Im Hintergrund der Torfbahnhof von Osten.

Ladegleis mit Ausbau der Anschlussweiche am Streckengleis in Richtung Salzburg. Im Hintergrund der Torfbahnhof von Osten.
Was sich zum Ende des 1. Weltkrieges und danach abspielte, um Bevölkerung und Wirtschaft mit Energie zu versorgen, ist heute kaum mehr vorstellbar. Deutschland hatte nach dem verlorenen Krieg einen Teil seiner Kohlenförderung eingebüsst, was Bayern eine immer spärlicher werdende Kohlenzufuhr bedeutete. Der Einschlag von Holz in den heimischen Wäldern konnte die fehlenden Kohlenmengen nicht ersetzen. So war es in Bayern Zeit, die reichen Torfvorkommen zu nutzen. Ein Mann, der alles daran setzte, das zu erreichen, war das Mitglied der Abgeordnetenkammer, Doktor der Philosophie und der Staatswissenschaft Franz-Xaver Zahnbrecher, geboren am 23.November 1882 in Otting (heute Markt Waging). Kraftvoll, furchtlos und vorausschauend machte er sich ans Werk. Sein reger Schriftwechsel mit höchsten staatlichen Behörden und mit verschiedenen Fachverbänden zeichnete sich durch geschliffene und treffsichere Worte aus.

Welche Behörden und Verbände in Sachen Nutzung der Moorflächen im Süden Bayerns tätig waren soll kurz ausgeführt werden.

Es gründeten sich der Verband der bayer. Torfindustrie und eine bayer. Torfsyndikat b.m.b.H sowie – unter staatlicher Beteiligung – die Landestorfwerke G.m.b.H. und der Torfwirtschaftsrat.

Die größten im Eigentum des Staates befindlichen Hochmoorflächen hatten sich die Königl. Bayerischen Hütten- und Salzwerke (BHS) wegen ihrer bedeutenden Torfvorkommen schon längst gesichert. Damit sollte vor allem Torf gewonnen werden, um die Sudpfannen in Traunstein und Rosenheim zu befeuern. Torf wurde allerdings auch für die Privatwirtschaft und wegen der knapp gewordenen Kohle fei. die Bevölkerung benötigt. Daraufhin kam es zu einer solchen Zahl an privaten und kommunalen Torfwerken, dass der Staat durch den Erlass des Torfwirtschaftgesetzes vom 25. Februar 1920 Einhalt gebieten musste. Es waren nun technische aber auch finanzielle Probleme zu lösen, was die Konzentration aller Kräfte erforderte. Das führte schließlich im Dezember 1919 zum Zusammenschluss der Torfwerke der bayerischen Staats- Forstverwaltung und der staatlichen SalinenverWaltung mit ihrer Generaldirektion zur Landestorfwerke GmbH (nachstehend mit LTW bezeichnet). Daran beteiligt war auch die bayerische Staatsbank. Als Gründungsdatum kann der 4. Oktober 1919 angesehen werden. Die erste Gesellschafterversammlung fand einen Monat später statt, wobei es vor allem darum ging, eine Geschäftsordnung zu erlassen.

Damit nicht genug, wurde auch ein Torfwirtschaftsrat (nachstehend mit TWR bezeichnet) gegründet, um vor allem private und kommunale Torfvverksbesitzer aber auch Gewerkschaften mit einzubinden. Damit dieser Verband tatsächlich entsteht setzte sich ganz entschieden der Abgeordnete Zahnbrecher ein, der übrigens die Stimmkreise Traunstein und Berchtesgaden für die Bayerische Volkspartei in der Abgeordetenkammer vertrat.

So überraschte es nicht, dass Dr. Zahnbrecher zum Vorsitzenden des Torfwirtschaftsrates berufen wurde, dessen erste Sitzung am 10. November 1919 stattfand.

Alle diese Verhältnisse haben sich natürlich auf die südlichen Chiemseemoore, deren bedeutende Torfvorkommen schon 1896 durch Prof. Dr. Anton Baumann festgestellt wurden, ausgewirkt. Welche Ereignisse dazu beigetragen haben, dass es zu einer Torfverladestation Rottau an der 1860 erbauten Hauptbahn und damit zum späteren Torfbahnhof gekommen ist wird nachstehend aufgezeigt.

Das Entstehen der Torfverladestation Rottau 1919

21. Juni: Schreiben des Verbandes Bayer. Torfproduzenten an die Volksvertretung des Freistaates Bayern in Bamberg. Darin wird dringend nachgesucht, bessere Beförderungsmöglichkeiten für brennfertigen Torf zu beschaffen. Vorgeschlagen werden Ladegleise und die Errichtung einer Haltestelle am Bahnwärterhaus Nr. 16 bei Rottau an der Staatsbahnlinie München-Salzburg.

13. Juli: Niederschrift über eine Zusammenkunft der Torfproduzenten in Rottau und Umgebung. Dazu waren unter anderem erschienen ein Vertreter der Gefangenenanstalt Laufen, erster Bürgermeister Johann Laubhuber in Rottau und Herrmann Wild vom Torfwerk Wessen. Unter anderem wurde festgelegt, welche Grundstücke für die Verladestation bereitgestellt werden sollten.

12. Oktober: Schreiben der Königlich Bayer. Staatseisenbahnen (später mit »Eisenbahn« bezeichnet) an das Bayer. Staatsministerium für Verkehrsangelegenheiten (später als Verkehrsmin. bezeichnet) womit ein ausführlicher Bericht für die Herstellung einer Privatladestelle Rottau bei km 33,8 der Strecke Rosenheim-Salzburg mit dem Antrag auf Genehmigung vorgelegt wird. Dem Bericht sind zwei Kostenanschläge und sechs Pläne beigefügt (diese Unterlagen waren im Archiv nicht vorhanden). Zur vorgesehenen Anlage wird u. a. ausgeführt „sie ist so bemessen, dass sie einem zu erwartenden Verkehr von 5000 bis 6000 Wagenladungen Torf und Torfmull, wovon der größere Teil in westlicher Richtung, der kleinere Teil in östliche Richtung zum Versand kommen wird. Dabei wird angenwenen, dass die Hauptversandzeit auf die Monate Juni mit Oktober Mt. Hiernach ist mit einem täglichen durchschnittlichen Versand von 40 Wagenladungen zu rechnen.

4. Dezember: Schreiben Verkehrsmin. an Eisenbahn, womit der vorgelegte Entwurf I vom 12. Okt. genehmigt wird. Der Entwurf II vom 12. Nov. war dann für die weiteren Verhandlungen mit dem an der Errichtung einer Privatladestelle Rottau Beteiligten zu Grunde zu legen. »Die Ladestelle soll durch gemischte Züge, die zwischen Rosenheim und Traunstein verkehren bedient werden. Die Züge sollen auch der Beförderung der Arbeiter von und zur Ladestelle Rottau dienen«.

1 9 2 0

5. Januar: Vorwort der Gemeindeverwaltungen Bernau und Rottau zu einer Petition vom Februar an die Abgeordnetenkammer des bayer. Landtages. In dieser gedruckten Eingabe bitten die Gemeindeverwaltungen, Gemeinderatsmitglieder und etliche Torfwerksbesitzer, die Finanzmittel für die Erweiterung des Bernauer Bahnhofes bereitzustellen und nennen als weiteres Projekt eine neue Haltestelle Rottau, zwischen Station Bernau und Übersee.

24. April: Schreiben Verkehrsmin. an verschiedene Ministerien und an die Generaldirektion der BHS. Darin wird die Anregung des Abgeordneten Dr. Zahnbrecher für zweckentsprechend erachtet, als Unternehmer für die geplante private Ladestelle bei Rottau die LTW auftreten zu lassen.

9. Juni: Protokoll über eine Zusammenkunft wegen Grundüberlassungen für die Errichtung der Privatladestelle Rottau. Auf Vorladung waren dazu erschienen Felix Hofmann, Gütler in Rottau, Michael Hofmann, Landwirt in Rottau, Stefan Sichler, Landwirt in Rottau und Hermann Wild in München (Besitzer des Torfwerkes Gut Wessen). Alle Beteiligten erklärten sich bereit, die für die Baumaßnahme erforderlichen Grundstücksflächen zu überlassen.

14. September: Schreiben des Verbandes der Rottauer Torfproduzenten an die Eisenbahn. Darin bemängelt Geschäftsführer Lutz den schleppenden Gang der Anfüllungs- und sonstigen Arbeiten zum Fertigstellen der Ladeanlage in Rottau.

1. Dezember: Schreiben LTH an Eisenbahn, wonach die Privatladestelle Rottau in Betrieb ist und deshalb das Industriegleis in Bernau »und die Schmalspurbahn dorthin nicht mehr von uns benötigt wird«.

Torfsoden als Brennmaterial wurde jetzt aus der südlich angrenzenden Kendlmühlfilzen auf Feldbahnzügen herantransportiert und auf Waggons der Normalspur verladen. Luftgetrockneter Maschinentorf hatte der Fachliteratur zufolge einen Brennwert von etwa 5000 Wärmeeinheiten (Kalorien), was dem von faseriger Braunkohle entsprach. Wesentlich war noch, daß Hochmoortorf ohne schwefelige Säuren verbrannte und nur wenig flockige Asche machte. Mit diesem hochwertigen Brennmaterial konnten jetzt Öfen in Haus und Hof befeuert werden.

Hans Nicki, ein Nachkomme der Torfwerksbesitzer Nicki in Raubling, hatte im Jahr 1918 am westlichen Rand der Kendlmilhlfilzen (im Bereich des heutigen Fußweges an der Hackenstraße ins Moor) eine Streu- und Mullefabrik errichtet. Die LTW als Eigner und Betreiber der ausschließlich zur Verladung gebauten Einrichtung bei Bahnkilometer 33,6, hielt es nun für angebracht, die Fabrik von Nicki zu erwerben. Das geschah schließlich mit Kaufvertrag von 1924. Es dauerte nicht lange, dann entschloss sich die LTW, das private Werk abzubrechen und jetzt direkt auf Bahngrund modernisiert wieder aufzubauen. Das bestätigt ein Schreiben an die Eisenbahn-Bauinspektion Rosenheim vom 27. Juli 1926.

Den Auftrag dafür hatte Baumeister M. Hörterer aus Grassau erhalten. Er zeichnete Außenansichten dieses Bauwerks, die als Einzige von vermutlich zahlreichen Werk- und Eingabeplänen übrig geblieben sind. Nur diese kolorierten Zeichnungen vom Juni 1926 sind der bisher entdeckte Nachweis, wie das Werk einmal annähernd ausgeschaut haben mag. Die bisher ebenerdige Verladestelle mit einem Torfelevator war verschwunden, sie wurde einfach überbaut.

Ein amtlicher Nachweis über die im ersten Vierteljahr 1927 erbaute neue Fabrik findet sich in einem Messungsergebnis vom 8. November 1928 des Messungs-amtes der R.eichsbahndirektion München, das ein Jahr später dem Vermessungs-amt Traunstein zugeleitet wurde. Jetzt waren im wesentlichen die Maße der noch heute vorhandenen ziegelgemauerten Wände im Erdgeschoß des Torfbahnhofs und der bahnseitigen Punktfundamente vorgegeben. Diese wiesen bei einer Breite von rund 8 Metern eine Länge von ca. 23 Metern auf.

Dieses neue Werk wurde allerdings wenige Jahre später ein Raub der Flammen. Darüber berichtet das Traunsteiner Wochenblatt (Anm. d. Red.: heute Traunsteiner Tagblatt) am 21. Dezember 1931 wie folgt:

»Torfwerke Rottau brennen
Heute Nachmittag vier Uhr brach in dem Torfinullwerk Kendhnithifilze-Rottau an der Verladestelle Rottau bei Bahnposten Nr. 16 Feuer aus. Das Feuer fand in dem Torfmull reiche Nahrung und kohlte ständig weiter. Um sechs Uhr abends schlugen die Flammen bereits durch das Dach. Feuerwehren der Umgebung sowie die Motorspritze Grassau sind alarmiert. Eine Rettung ist ausgeschlossen. Der Bahnbetrieb ist bei größerer Brandausdehnung durch Schmelzen des Kupferdrahtes in Gefahr. Die Feuerwehren Rottau und Gefangenenanstalt Bernau arbeiteten als erste fieberhaft am Brandplatz, was durch die starke Kälte sehr erschwert ist. Ein umfangreicher Nachrichtendienst durch die Reichsbahn hat eingesetzt und Vorkehrungen der selben sind getroffen.«

Gut einen Monat später – in der Ausgabe vom 26. Januar 1932 – ist dann im Traunsteiner Wochenblatt zu diesem Brandereignis zu lesen: »Rottau. Neubau der Torfmullefabrik. Die Aufräumungsarbeiten der am 21. Dezember abgebrannten Torfstreufabrik der Landes-Torfwerke Kendmühlfilze sind vollendet. Man ist bereits daran, den Betrieb des Werkes voll weiterzuführen. Zurzeit arbeitet man an der Ausarbeitung der Pläne für den massiven Neubau der Fabrik, welche baldmöglichst erbaut werden soll. Sie kommt wieder an gleicher Stelle an der Bahnverladestelle Rottau zu stehen, Die Reichsbahn verlangt dabei lediglich erhöhte Schutzvorrichtung an Bedachung, Fenstern usw.«

In welchem Umfang noch Teile des alten Werkes übrig geblieben sind lässt sich nicht feststellen. In einem Pressebericht vom 22. Dezember 1931 ist davon die Rede, es sei das ganze Werk einschließlich Maschinen verbrannt. »Das sei besonders misslich, wo gerade jetzt die Nachfrage nach Torfmulle ansteigt und damit den Arbeitsmarkt belegt«. Es spricht auf jeden Fall vieles dafür, dass das alte Werk ausreichend versichert war und es deshalb zu einem Neubau kam, der natürlich den Arbeitsmarkt im Bau- und Zirrunerergewerbe spürbar belebte.

Am 9, Mai 1940 wird durch einen Brief der LTW an die deutsche Reichsbahn belegt, dass der Betrieb zum 31. Mai aufgegeben wurde. Übernommen wurde das Werk von der Gefangenenanstalt Bernau. Das brachte die letzte bauliche Änderung. Mit einem Plan vom August 1942 wurden auf der West- und Südseite erdgeschoßige Unterstandsschuppen angebaut, um 34 Torfwagen leer oder mit Torf beladen trocken unterstellen zu können.

Damit endet die wechselvolle Baugeschichte dieses einzigartigen Industriedenkmals, die nur aus verschiedenen Beständen des bayerischen Hauptstaatsarchivs in München anlässlich des bis jetzt angenommenen 90-jährigen Bestehens des Torfbahnhofs erforscht werden konnte. Mit dem Archivgut wurde auch die einst für Bayern so bedeutende Geschichte der Torfwirtschaft wieder lebendig, zu der ab 1919 ein Landespolitiker aus dem Landkreis Traunstein maßgeblich beigetragen hatte.


Claus-Dieter Hotz



41/2010