Jahrgang 2021 Nummer 28

Von den Münchnern bejubelt, doch der Kurfürst drückt sich

1805 betritt Napoleon erstmals bayerischen Boden – Erinnerungen zum 200. Todestag – Teil I

Gut gefälscht: So wie Nicolas-Antoine Taunay »Napoleons Einzug in München« im Oktober 1805 darstellt, spielte er sich in Wirklichkeit nicht ab. (Repros: Mittermaier)
Kurfürst Max IV. Joseph verbündete sich 1805 mit Napoleon – und erhielt dafür den Königstitel.
Kurfürst Max IV. Joseph verbündete sich 1805 mit Napoleon – und erhielt dafür den Königstitel.

Es ist der 24. Oktober 1805: Unter strahlend weiß-blauem Himmel haben sich Kolonnen von Menschen vor den Toren Münchens versammelt, um die Ankunft Napoleons hautnah mitzuerleben. Als der Kaiser auf einem prächtigen Schimmel heranprescht, bricht sich der Jubel Bahn und in einem Meer an Geschrei und geschwungenen Hüten zieht der hohe Gast in die Stadt ein – so zumindest hat Nicolas-Antoine Taunay das Ereignis auf seinem Gemälde »Einzug Napoleons in München« dargestellt.

Der Kaiser der Franzosen und Oberbefehlshaber der »Grande Armée« steht damals kurz davor, sich endgültig die Macht über ganz Europa zu sichern – und dabei auch die bayerische Geschichte entscheidend zu prägen, und das weit über seinen Tod hinaus. Das von Napoleon damals aus der Taufe gehobene Königreich Bayern bestand nämlich ein gutes Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, während der Kaiser nur zehn Jahre nach seinem München-Besuch 1815 in Waterloo seinen endgültigen Fall erlebt. Um ihn ein für alle Mal aus dem Verkehr zu ziehen, wird er auf eine einsame Insel im tiefsten Atlantik verbannt, wo er, bewacht von 3000 britischen Soldaten, im Mai 1821 stirbt.

Zur 200. Wiederkehr seines Todestages ein Blick zurück auf jene Wochen, in denen sich die Geschichte Napoleons und Bayerns für ein paar Jahre untrennbar miteinander verwoben. Das erste Mal weiß-blauen Boden betreten hat der gebürtige Korse am 6. Oktober 1805 in Nördlingen. In den Revolutionskriegen waren französische Truppen zwar schon 1796 und 1800 in heute bayerisches Territorium eingefallen, doch Napoleon – damals noch ein kleiner General und später Konsul – war nicht mit von der Partie. 1805 bricht er in Richtung Deutschland auf, um persönlich seinem Erzfeind Österreich, der mit Russland verbündet ist, den Garaus zu machen.

Für den bayerischen Kurfürsten kommt diese Entwicklung nicht ungelegen, denn der österreichische Kaiser Franz II. hatte ihm erst jüngst Schlimmes angedroht, wenn er sich nicht endlich mit ihm gegen Frankreich verbünde. Die Drohungen aus Wien kamen in München alles andere als gut an, denn die Habsburger hatten in der jüngeren Vergangenheit schon mehrfach versucht, sich Bayern unter den Nagel zu reißen und das hatte entsprechende Ressentiments hinterlassen, nicht nur bei Max Joseph, sondern auch in der Bevölkerung, die mehrfach bitter unter österreichischer Besatzung gelitten hatten. Viele Bayern sehen in Napoleon deshalb den Retter vor dem Erzfeind, auch wenn die Begeisterung für seinen Besuch sicher nicht ganz so enthusiastisch ausfiel, wie es Taunay dargestellt hat. Doch Napoleon weiß schon lange vor der Erfindung von Facebook und Photoshop um die Macht der Bilder und sorgt persönlich dafür, dass Szenen mit seiner Person entsprechend »aufgepeppt« werden.

Tatsächlich traf er an jenem 24. Oktober nicht bei strahlendem Sonnenschein in München ein, sondern erst um neun Uhr abends in der Finsternis. Viele Gebäude in der Stadt sind zwar hell erleuchtet und der hohe Gast wird dazu von Kanonendonner und Glockengeläut empfangen, doch er prescht nicht auf einem prächtigen Vierbeiner heran, sondern sitzt in einer schmucklosen Reisekutsche, die ihn an der Münchner Residenz absetzt. Dort will der hohe Gast nicht nur übernachten, sondern auch ein wichtiges Schwätzchen mit dem Hausherrn führen, was der eigentliche Grund für seinen Besuch ist.

Kurfürst Max IV. Joseph hatte sich nach langem Zögern über seinen zukünftigen politischen Kurs für ein Bündnis Bayerns mit Napoleon entschieden, doch der Franzose will mehr als nur eine bloße Unterschrift für eine militärische Allianz. Was dem Kaiser noch fehlt, ist der soziale Status, den ihm auch die glänzendsten Siege nicht bringen können. Um sich auf gleicher Augenhöhe mit den alten Adelsdynastien bewegen zu können, will er die Mitglieder seiner umfangreichen Familie mit Prinzen und Prinzessinnen des europäischen Hochadels verheiraten. Für die in Frage kommenden Häuser allerdings ist die Vorstellung, sich mit dem dahergelaufenen Korsen und seiner Bagage zu verschwägern, absoluter Horror. Doch weder Wittelsbacher noch Habsburger oder Württemberger können am Ende den Plänen Napoleons entrinnen, wollen sie ihren eigenen Thron nicht riskieren.

Vom bayerischen Kurfürsten verlangt der Kaiser im Gegenzug für den Königstitel die Hand dessen ältester Tochter Auguste Amalie für seinen Stiefsohn Eugène de Beauharnais. Sehr wahrscheinlich war diese im Raum stehende Forderung mit ein Grund, warum der Kurfürst alles andere als begeistert ist, als ihn der Brief Napoleons erreicht, er wolle dringend mit ihm sprechen. Der Kaiser war damals gerade im Begriff, Augsburg zu verlassen, wo er einige Tage Station gemacht hatte, um seine Truppen neu zu formieren. In den Tagen zuvor hatte seine Armee den Österreichern und Russen bei Ulm eine böse Niederlage verpasst und den Feind auf die Flucht in Richtung Süden gezwungen. Napoleon plant, dem Gegner hinterher zu jagen, um eine weitere Schlacht auf Habsburgischen Grund und Boden zu erzwingen, doch zuvor will er die Gelegenheit nutzen, sich mit seinem neuen Verbündeten in München zu treffen. Max Joseph ist allerdings nicht da, sondern in Würzburg, wohin er sich einige Wochen zuvor geflüchtet hatte, als österreichische Truppen in die Landeshauptstadt einfielen. Napoleon hatte in seinem Brief geschrieben, der Kurfürst müsse sich keine Sorgen mehr machen. Er werde bei seiner Rückkehr in München sicher vor den Österreichern sein, die im Übrigen demnächst genug in ihren eigenen Landen zu tun bekämen. Der Kaiser fügte hinzu, er habe allerdings nicht viel Zeit, denn am Inn hielten sich noch versprengte russische Truppen auf, denen er den Garaus machen wolle.

Max Joseph verließ Würzburg zwar, doch allzu eilig hatte er es nicht und schaffte es am Ende tatsächlich, einer persönlichen Begegnung mit Napoleon – vorerst – zu entrinnen. Nach drei Nächten in der Residenz war der Kaiser am Nachmittag des 28. Oktober in Richtung Haag aufgebrochen. Der trödelnde Kurfürst traf dagegen erst am folgenden Tag gegen Mittag in Begleitung seines leitenden Ministers Maximilian de Montgelas in München ein. Gelangweilt hat sich Napoleon in den drei Tagen ohne Max Joseph aber nicht, denn die Residenz war auch ohne den Hausherrn keineswegs leergefegt und Unterhaltung gab es für den hohen Gast obendrauf: Mit den anwesenden Mitgliedern der Hofgesellschaft besuchte er einen Konzertabend und am folgenden Tag eine Opernvorstellung im königlichen Hoftheater, das »brechend voll« gewesen sei, wie die »Kurpfalzbaierische Staatszeitung« berichtet. Der Empfang dürfte Napoleons Ärger über den abwesenden Kurfürsten ein wenig gemildert haben, denn er wurde, unter Trompeten- und Paukenklängen vom Publikum mit stürmischen »Es lebe der Kaiser«-Rufen begrüßt.

Untertags blieb ihm ebenfalls nicht viel Zeit zum Däumchen drehen, denn als Oberbefehlshaber einer riesigen Armee und zugleich Staatsoberhaupt lief die gesamte politische und militärische Korrespondenz an seinem jeweiligen Aufenthaltsort zusammen. Bis zu sechs Stunden pro Tag verbrachte Napoleon mit seiner Post, wobei er seine Briefe nie selbst schrieb, sondern Sekretären diktierte, von denen mehrere rund um die Uhr parallel beschäftigt waren. Der Kaiser war dabei ein mehr als unbequemer Chef: Er ratterte seine Texte im Eiltempo herunter, wiederholte nie einen Satz – und bemerkte bei der Kontrolle seiner Briefe jedes Wort, das fehlte oder verändert worden war. Dank zahlreicher Veröffentlichungen ist es möglich, sich einen Eindruck über Art und Inhalt der Korrespondenz zu verschaffen. Am Tag vor seinem Aufbruch nach München hatte Napoleon beispielsweise an seine Minister in Frankreich geschrieben und sie informiert, dass er eine Menge Beute – Kanonen, Fahnen und Gewehre sowie 70 000 Kriegsgefangene gemacht habe, die schon auf dem Weg nach Frankreich seien. Seinem als Marschall fungierenden Weggefährten Jean-Baptiste Bernadotte – dem späteren schwedischen König – befahl er, alles zu unternehmen, damit Passau nicht in die Hände der Österreicher falle. Dazu verfasste Napoleon einen Generalbefehl für die Armee mit Anweisungen an versprengte Soldaten, die Kontakt zu ihren Einheiten verloren hatten, sich in Augsburg zu sammeln, sich dort auszurüsten und über den Aufenthalt ihrer Division zu informieren. Tatsächlich war das Chaos, das damals in den Tagen nach den Schlachten um Ulm, nicht nur in der unmittelbaren Umgebung, sondern ganz Bayern herrschte, unvorstellbar, und mitten drin die zivile Bevölkerung, die Zehntausende von Fremden, egal ob Freund oder Feind, mit Nahrung, Kleidung und sonstigen Alltagsgegenständen versorgen musste – und das zum Großteil ohne Bezahlung dafür zu erhalten.

Ein Bericht in der »Nationalzeitung der Deutschen« von Anfang November 1805 aus Ulm lässt erahnen, wie prekär die Situation für die Menschen in Bayern damals war: »Die Ehre, einige Wochen lang die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich zu ziehen, ist der Stadt teuer zu stehen bekommen.« Nicht bloß »die drückendste Teuerung«, sondern auch eine Hungersnot belastete die 13 000 Ulmer bis aufs Äußerste. Seit mehr als einem Monat seien in der Stadt im Schnitt um die zwölftausend, zuweilen bis zu sechsundzwanzigtausend Mann in Garnison gelegen, wobei in den kleineren Häusern 20 bis 30, in den größeren, 60 bis 70 Personen untergebracht gewesen und hätten von den Bürgern ernährt werden müssen, bis es schließlich über mehrere Tage hinweg weder Brot noch Fleisch zu kaufen gab, weil alles, was Bäcker und Metzger produzierten, vom Armeestab beschlagnahmt wurde.

»Und auf dem Land sehe es nicht besser aus: allein in der Provinz Schwaben gebe es über hundert Dörfer, deren Einwohner weder Vieh, noch Lebensmittel, noch Stroh, ja nicht einmal mehr Saatkorn hätten. Und in manchen Orten seien selbst die Häuser von biwakierenden Soldaten für Feuerholz abgerissen worden. Die Schuld an der Misere sieht die Nationalzeitung bei dem jetzt bei allen Armeen in Europa überhand nehmenden System, »die Truppen, der schnellen Bewegung halber, ohne Magazin vorrücken zu lassen, und sie nur aus der Gegend, wo sie jedes Mal stehen, zu verpflegen.«

Neben Schwaben konnten auch die Niederbayern ein Lied davon singen, was es heißt, Massen an Fremden zu füttern, wobei die bei Passau verköstigten Russen zwar die jüngste Schlacht, »nicht aber ihren Appetit verloren« hätten, wie die »Kurpfalzbaierische Staatszeitung« sarkastisch feststellt: »Die Frau eines Bauern, auf dessen ansehnlichem Hofe 110 Soldaten einquartiert waren, kochte 90 Pfund Fleisch und 500 Mehlklöße; allein sie langte nicht, und musste noch 30 Pfund Fleisch nachtragen. Übrigens betragen sie sich ruhig und höflich, schlagen beim Niedersitzen ihre Kreuze und danken, wenn sie gehen. … Den Branntwein, selbst den besten Slibowitz, finden sie sehr schlecht.« Die Schilderung schloss mit der Vermutung, dass »etwas in Gährung sei«, denn die Truppen hätten kürzlich Nachricht erhalten, dass sie keine Rasttage mehr einlegen dürften, sondern schnurstracks nach Böhmen marschieren müssten.«

Der Chronist sollte mit der »Gährung« Recht haben, nur wenige Wochen später kam es im mährischen Austerlitz zu einem neuerlichen Showdown des Kaisers und seinem Erzfeind, der auch am Münchner Hof mit Argusaugen verfolgt wurde. 

 

Susanne Mittermaier

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 29/2021 vom 17. 7. 2021

 

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