Jahrgang 2021 Nummer 21

Vertrieben – um des Glaubens willen

Zeitzeugen über die Emigration der Salzburger Protestanten – Teil I

Fürsterzbischof Leopold Freiherr von Firmian. (Alle Repros vom Verfasser)
Titelbild einer Broschüre mit evangelischen »Sendschreiben« von Joseph Schaitberger aus Dürrnberg, erschienen 1732.
Evangelische Streitschrift: Der Papst als Antichrist.
Die Stadt Salzburg im 18. Jahrhundert vom Kapuzinerberg.

Die Lehre von Martin Luther hatte auch im Fürsterzbistum Salzburg, zu dem bis 1806 auch der Rupertiwinkel gehörte, ihre Anhänger gefunden. Evangelische Prädikanten zogen durch Städte und Dörfer, verteilten antikatholische Schriften und organisierten geheime Zusammenkünfte. Die Obrigkeit reagierte mit Verboten, Hausdurchsuchungen, Bücherbeschlagnahmungen und gelegentlich mit Verhaftungen und Landesverweis. Aber im Grunde standen die jeweiligen Landesherren dem immer mehr anwachsenden »Geheimprotestantismus« ratund machtlos gegenüber.

Unter dem politisch eher farblosen Fürsterzbischof Leopold Firmian (1727 bis 1744), den astronomische Berechnungen und kunstvolle Uhren mehr interessierten als die Regierungsarbeit, kam es zur sogenannten Salzburger ProtestantenEmigration. Dabei mussten 20 000 bis 25 000 Frauen und Männer ohne ihre Kinder ihre Heimat verlassen. Treibende Kraft der Aktion war der Hofkanzler des Erzstifts Cristani di Rallo. Die Salzburger Polizisten wurden unterstützt von tausend kaiserlichen Soldaten aus Wien, die der Fürstbischof zur Hilfe angefordert hatte.

Die Vertreibung beginnt

Den Auftakt der Vertreibung bildete am 31. Oktober 1731 die Veröffentlichung des Reichs-Emigrationspatents mit folgenden Bestimmungen:

»Alle unangesessenen Einwohner (ohne Grundbesitz), die sich zur Evangelischen Religion bekennen, Taglöhner und Dienstboten beyderlei Geschlechts, welche das zwölfte Jahr erreicht hatten, sollen innerhalb acht Tagen mit Sack und Pack abziehen. So auch alle, die bei den Fürstlichen Berg-, Salz- und Holz-Trifften, Schmelz-Hütten arbeiten, sollen ebenfalls aus dem Lande ziehen. Ferner sollten alle evangelischen Bürger Handwerker sofort ihr Bürger-, Handwerks- und MeisterRecht verloren haben.

Die angesessenen Einwohner aber, sowohl männlichen wie weiblichen Geschlechts, welche unbewegliche Güter und Häuser besitzen, sollen etwas länger Zeit zu ihre Emigration haben, nämlich diejenigen, so unter 150 Gulden im Vermögen hätten, sollen einen Monat, die andern, welche 150 bis 200 Gulden besässen, zwei Monate Frist haben, ehe sie abziehen dürfen, und binnen solcher Zeit möchten sie das Ihrige verkaufen, so gut sie könnten.«

Den Beginn der Vertreibung schildert ein Bericht aus St. Johann vom 24. November 1731:

»An diesem Tage zeigete man, daß es Ernst wäre, die Ketzer zu verjagen. Zwey Compagnien von den Printz-Eugenischen Soldaten rücketen gantz unvermuthet in das St. Johannis-Gericht ein und sucheten die Emigration in den Gang zu bringen. Man kann sich leicht vorstellen, wie es hierbey hergegangen ist. Wo man dergleichen Leute antraf, trieb man sie wie das Vieh fort.

Man suchte sie auf den Feldern oder Wäldern, auch Äckern oder Wiesen, auf Bergen oder in Thälern, auf der Strasse oder zu Hause anzutreffen, so hieß es: Fort, fort. Fand man sie ausserhalb des Hauses, so durfte niemand wieder zurückgehen, etwas aus seinem Hause zu holen. Traf man sie in den Häusern, so vergönnete man ihnen nicht einmal, die nöthigen Kleider mit sich zu nehmen. Sie mussten alles stehen und liegen lassen...«

Trennung von Ehepaaren

Die Männer wussten nicht, wo sie ihre Weiber suchen sollten. Die Weiber sahen nicht, wo sie ihre Männer finden könnten. Die Kinder konnten nicht von ihren Eltern Abschied nehmen. Knechte und Mägde durften so wenig ihren Lohn einfordern oder zu Hause ihre Kleider abholen. Und dieses Elend war noch grösser, wenn Ehegatten getrennt wurden. Es traf sich offt, dass ein Mann Papistisch und dessen Ehefrau Evangelisch war, oder dass eine Frau Papistisch und ihr Mann Evangelisch war. Beyde wollten gern beieinander bleiben. Aber man wusste sich oft von beyden Seiten nicht in den Stand der Verläugnung zu schicken, und alles zu verlasssen. Ein Mann musste daher offt seinem wegziehenden Weibe nachweinen, und eine Frau musste vielmals ihrem sonst geliebten Ehemann mit Thränen den Rücken kehren und ihm auf ewig Gute Nacht geben. Ja, öfters fand sich's, dass der Ehegatte, welcher zurück blieb, noch eyfrig Papistisch war, und hernach an dem wegziehenden Theil noch seinen blinden Eifer ausließ, wenn er sich nicht wollte bewegen lassen, mit zu heucheln, der Wahrheit abzusagen und in der Blindheit zurückzubleiben.

Über die Verhältnisse im Pongau berichtet ein Augenzeuge:

»Der angesetzte Termin konnte kaum herannahen, so liess man in allen Gerichten denen Evangelischen bereits ankündigen, dass sie sich fertig machen sollten, mit Sack und Pack aus dem Lande zu ziehen. Schon am Sonntag verkündete man's ihnen auf öffentlichem Platze, da die Leute eben nach der Kirche gingen, dass es jedermann anhören musste. Es ward ihnen gleich darbei gesagt, an welchem Tage sie aufbrechen sollten. Die Zeit aber, die ihnen bestimmt wurde, ging nicht über sechs, höchstens bis acht Tage. Und damit die Zahl auf einmal nicht gar zu gross wurde, so ward dabey befohlen, welche reisen und welche bleiben sollten. Jene reisten mehrenteils mit Freuden davon, diese aber warteten gemeiniglich mit Schmertzen auf den Tag ihres Abzuges. Der Befehl ward indess mit solcher Schärfe vollzogen, dass niemand zurück bleiben durffte, er mochte seyn, wer er wollte. Alte, kranke, gebrechliche und schwache Leute waren auch nicht davon ausgenommen.

Viele Schwangere, die keinen Tag mehr sicher waren, mussten ohne alle Barmherzigkeit fort. Einige, die an eben dem Tage, der ihnen zur Abreyse bestimmt war, niedergekommen waren, wurden nicht einmal verschont. Andere aber, denen man angekündigt hatte, dass sie noch bleiben sollten, biss ihnen ein Tag bestimmt würde, durfften gleichfalls nicht im geringsten darwider handeln. Hieraus entstand nun eine unerhörte Verwirrung und ein unbeschreibliches Elend. Man trennte dadurch vielmals die Ehen, die Anverwandten, die Nachbarn und Bekannten, und niemand wusste, wo er die Seinigen suchen, und wie er sie wieder finden sollte.

Am 26. Juli 1732 wurden aus dem Goldegger Gericht fast alle auf einmal fortgeschaffet. Diesen fuhr man insonderheit der Kinder wegen hart mit. Man nahm sehr vielen dieselben entweder sogleich bey ihrer Abreise ab, oder die Eltern mussten sich ihrer Kinder noch berauben lassen, wenn sie bereits viele Meilen mit denselben gereiset. Einer war Georg Reinbacher, welcher anfänglich von Weib und Kind verjaget war. Da man nun endlich auch seine Frau emigrieren liess und dieselbe ihr Söhnlein von siebenzehn Wochen mitzunehmen verlangete, wollte es die Obrigkeit ihr durchaus nicht abfolgen lassen. Man schickte es zu des Georg Reinbachers Eltern, welche in der Rauries wohneten und Papistisch waren. Die Mutter aber liess man alleine reisen.« Für die Vermittlung von Aufnahmeländern und die Organisation der Reise hatte das protestantische Hilfswerk »Corpus Evangelicorum« in Regensburg den Ausgewiesenen seine Unterstützung zugesagt und Wanderführer (»Kommissare«) zur Verfügung gestellt.

Versuche zur Bekehrung

Ungeachtet der Emigration verstärkte die katholische Kirche die Bemühungen, die noch verbliebenen Protestanten zu bekehren. Besonders eifrig waren dabei die Jesuiten als Prediger:

»Wer nicht an die heilige Maria glaube und nicht alle Gesetze des Pabstes halte, der sey verdammet und könne nicht seelig werden. Der Pabst und sonst Keiner sey in Geistilichen Sachen der einzige Gesetzgeber. In der Bibel müssten sie als gemeine Bauers-Leute nicht lesen, denn sie wäre zu hoch für sie, und der gemeine Mann saugete nur aus der Bibel das Gift, wie die Spinnen aus den Blumen. Sie sollten aber vielmehr bei dem bleiben, was die christliche Kirche sage, denn sie wären nur tumme Leute, die von der Bibel keinen Verstand hätten. Man hielt ihnen ferner die Größe des Fegfeuers und die Kraft ,,,des Ablasses vor und sagete ihnen dabey, dass sie in der Evangelischen Kirche dawider keinen Trost finden würden, weil der Pabst seinen Ablaß niemandem mittheile, als denen, die sich zu der allein seeligmachenden Römischen Kirche wendeten. Man legte den Leuten auch einen Eid vor, den sie abschwören, und sich dadurch wieder in den Schooß der Römischen Kirche aufnehmen lassen sollten.«

Zwischenfall in Salzburg

»Als einmal Emigranten durch Salzburg zogen, führete eine Mutter ihre drey Kinder an der Seite. Die Soldaten kamen auf sie zugelaufen, rissen ihr die Kinder von der Seite weg und brachten sie in die Wache. Die Mutter lief ihren Kindern nach und bat um Gottes Willen, man möchte ihr doch die Kinder wieder zurück geben. Aber sie ward von den Soldaten zur Tür hinaus gestossen, sie bekäme die Kinder nicht wieder. Es sei scharffer kayserlicher Befehl, Kinder nicht aus dem Lande zu lassen. Bei diesem großen Winseln und Lamentieren der Frau kam der dortige Hof-Cantzler dazu und wies sie mit folgendem Bescheid ab: Sie solle doch ihrer Kinder wegen nicht so großes Geschrey machen. Er habe von der Sache nichts als lauter Mühe und Verdruss. Er könne auch nichts dafür, denn es sei starcker Befehl vom Kayser da, die Kinder zurückzubehalten, und dieser Befehl müsse vollzogen werden.«

 

Julius Bittmann

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 22 vom 29. 6. 2021

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