Jahrgang 2021 Nummer 35

Urbayer, Heimatdichter, Provokateur

Vor 100 Jahren verstarb der Schriftsteller Ludwig Thoma

Ludwig Thoma, Portrait von Walter Angerer d. J. (Repros: Marietta Heel)
Eine kleine Kuriosität stellt die Gedenktafel in der Höllgasse 4 in Traunstein mit falschen Jahresangaben dar.
Grab von Ludwig Thoma in Rottach-Egern.

Im Frühjahr 1921 fühlt sich Ludwig Thoma zunehmend unwohl. Er hat ständig Magenbeschwerden und leidet unter Appetitlosigkeit. Maidi von Liebermann, seine Geliebte, möchte den 54-Jährigen zur Kur nach Innsbruck schicken, doch Thoma lehnt ab. »Was ich habe, ist ein Magenkatarrh, mehr nicht«, tut er seinen angeschlagenen Zustand ab. Erst am 25. Juli fährt er nach München zu Professor Boehm, der zum Ärzteteam des Hospitals »Rotes Kreuz« in der Nymphenburger Straße gehört. Boehm ist allein schon beim Anblick seines Patienten äußerst beunruhigt und veranlasst sofort Röntgen-Aufnahmen. Er glaubt nicht an ein Magengeschwür, sondern befürchtet, ein Karzinom feststellen zu müssen, und zwar in fortgeschrittenem Zustand.

Boehm erklärt Thoma, dass man möglichst bald operieren solle, und gewinnt den Chirurgen Professor Ludwig von Stubenrauch für den Eingriff. Am Vorabend der Operation, am 5. August, macht Thoma sein Testament. Er setzt Maidi von Liebermann als Haupterbin ein. Frühmorgens am nächsten Tag ist es dann soweit, wobei die Ärzte ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt sehen: Das Karzinom hat alle Schichten des Magens erfasst, an eine Magenresektion ist nicht zu denken, es hätte keinen Sinn mehr. So werden die Operationswunden geschlossen, Thoma auf sein Zimmer zurückgebracht.

Man lässt ihn im Glauben, es sei nur ein Magengeschwür entfernt worden, und auch Thoma will vom Sterben vorerst nichts wissen. Daheim wird’s besser werden, denkt er, und unterrichtet seine Geschwister über seine Absicht. Boehm hat gegen die Reise nichts einzuwenden. Warum soll der Todgeweihte nicht noch einmal sein Zuhause sehen? Er verspricht Thoma, ihn zusammen mit einer Krankenschwester zu begleiten, und am 24. August macht sich die traurige Reisegruppe auf den Weg. Unterwegs erleidet Thoma einen Schwächeanfall, Boehm verabreicht ihm eine Spritze. Der Aufenthalt währt nicht lange. Am 26. August, abends um 21.30 Uhr, stirbt Ludwig Thoma in seinem Haus auf der Tuften. Er wird auf dem Gemeindefriedhof von St. Laurentius in Rottach-Egern am Tegernsee beigesetzt. An seinem Grab stehen viele Freunde, Vertreter des Staates fehlen. Seine Grabstätte befindet sich heute neben dem Grabplatz seines langjährigen engen Freundes Ludwig Ganghofer.

Dass Ludwig Thoma ein recht schwieriger, widersprüchlicher und schwer zu fassender Mensch war, ist kein Geheimnis. Das zeigt sich, um nur ein Beispiel zu nennen, an seinem Verhältnis zu den Frauen. Da war Thoma, wie der Schauspieler und Thoma-Kenner Michael Lerchenberg schreibt, ein »regelrechter Erotomane, Schürzenjäger und Weiberer«, der freie Liebe predigte und weder in München noch auf seinen Reisen durch Frankreich, Nordafrika und Italien »etwas anbrennen ließ«. Das änderte sich erst, so Lerchenberg weiter, nachdem Thoma 1905 seine (erste) große Liebe gefunden hatte, eine auf den Philippinen geborene Tänzerin. Doch die Ehe war glücklos, nach vier Jahren wurden die beiden geschieden, blieben aber weiterhin befreundet.

Aber Thoma war auch ein Weiberfeind, soweit es politisch engagierte Frauen respektive Frauenrechtlerinnen wie Rosa Luxemburg oder Amalie Mettenleitner betraf. Gegen die hegte er eine herzliche Abneigung, was eigentlich erstaunlich ist, denn während seiner Tätigkeit bei der satirischen Wochenzeitschrift »Simplicissimus« hatte sich Thoma immer wieder mit der Obrigkeit, selbsternannten Sittenwächtern und dem Klerus angelegt. Etwa mit seinem Gedicht »An die Sittlichkeitsprediger in Köln am Rheine«, das ihm wegen Beleidigung sechs Wochen Haft in Stadelheim einbrachte, allerdings unter vergleichsweise angenehmen Bedingungen.

Doch so unschätzbar wertvoll für die bayerische Literatur sein Werk auch ist, so leidet diese Leistung heute schwer unter der Last seiner rund 170 Hetzartikel, die er gegen Ende seines Lebens anonym im »Miesbacher Anzeiger« veröffentlicht hat. Hier wurde ein rechtsradikaler Rabauke und zynischer Menschenfeind sichtbar, der sich entschieden antisemitisch gab, gegen die neuen, demokratischen Verhältnisse wetterte und selbst vor Aufrufen zur Gewalt nicht zurückschreckte.

Wie schwer diese Angriffe seinen Ruf beschädigt haben, zeigte sich bereits 1990, als die jährliche Verleihung der Ludwig-Thoma-Medaille eingestellt wurde, welche die Stadt München seit 1967 besonders verdienten Bürgern überreicht hatte. Nun wurde kürzlich im Zuge der sogenannten »Cancel Culture im öffentlichen Raum« sogar darüber debattiert, ob die nach ihm benannte Straße in München-Pasing einen neuen Namen erhalten solle. Auch der Weiterbetrieb des musealen Thoma-Hauses in Tegernsee ist unsicher bzw. sei der Meinungsbildungsprozess zur Zukunft des Hauses noch nicht abgeschlossen, wie der »Münchner Merkur« einen Pressesprecher der Stadt München zitierte.

Eine etwas andere Sicht der Dinge hat Stefan Millius, Chefredakteur der Zeitschrift »Die Ostschweiz«, der dazu schreibt: »Man müsste also, wenn man einen der meistgelesenen und meistgespielten Autoren und Dramatiker des Freistaats von der Karte tilgen wollte, mit einem großen Besen kehren. Ganz zu schweigen davon, dass man jede nach einer anderen Person benannte Schule oder Straße unter die Lupe nehmen müsste, weil kaum jemand ein Leben lang nur das getan hat, was 2021 als opportun gilt. Jeder hat eine dunkle Seite. In der Debatte um Ludwig Thoma kommt es auch zu heftigen Übertreibungen. Aus einem von einer Kriegsniederlage frustrierten Schreiber, der wenige Monate vor seinem Tod über die Stränge schlug, wird nun in Wortmeldungen in den sozialen Medien ein 'Wegbereiter des Faschismus'.

Doch was veranlasste den einst linksliberalen Satiriker und leidenschaftlichen Verteidiger der Meinungs- und Pressefreiheit Thoma, zum rechten Hetzer zu werden? Fest steht nur, dass er, angefeuert von der allgemeinen Kriegsbegeisterung, 1914 als Sanitäter freiwillig an die Ostfront zog und nach seiner krankheitsbedingten Rückkehr 1915 politisch vorerst verstummte. In dieser Zeit entstand auch die »Heilige Nacht«, eine Dichtung, die zum Feinfühligsten zählt, was je in bayerischer Mundart verfasst wurde und heute fester Bestandteil der bayerischen Adventsfolklore ist.

Vielleicht liegt die Ursache für den Wandel darin, dass er letztlich ein Monarchist war, wie Michael Lerchenberg meint, »und am Ende war die Ordnung nicht mehr, sondern Bürgerkrieg und eine extreme Radikalisierung – überall in Europa. Damit kam Thoma nicht zurecht, er verliert die Lebensfreude und schreibt in einem Brief an seine Lebensgefährtin Maidi von Liebermann, die interessanterweise Jüdin ist: 'Alles, was ich liebte, ist im Untergang'. Und er sieht die Heimat in einer Notwehrsituation und wird Propagandist der bewaffneten bayerischen Heimatschutzverbände.«

Zu einem ähnlichen Schluss kommen auch Franz-Josef Rigo und Klaus Wolf, die beiden Herausgeber des soeben erschienenen Buchs »Ludwig Thoma: Zwischen Stammtisch und Erotik, Satire und Poesie«, die im Vorwort schreiben: »Somit bleibt Ludwig Thoma eine eher ex negativo politisch denkende Gestalt voller Ambivalenzen, die zu früh starb, um im Untergehen des Alten die Chancen des Neuen zu erkennen, wie das die republikanische Wende des gleichfalls in Bayern lebenden Thomas Mann zeigte.«

Wie dem auch sei, Thomas Werk wird überleben. Auch wenn seine Theaterstücke heute nur noch selten gespielt werden, »Der Münchner im Himmel«, die »Lausbubengeschichten«, »Jozef Filsers Briefwexel« und »Die Heilige Nacht« haben ihn unsterblich gemacht. Einen kleinen Anteil daran hatte sicher auch seine Zeit in Traunstein, wo er zwischen 1890 und 1893 als Rechtspraktikant zuerst am Königlichen Amtsgericht und später am Königlichen Landgericht arbeitete, und wo er seinen Worten zufolge sehr gründlich lernte, »wie sich die Vorgänge von selbst erledigen«, entweder durch »Liegenlassen« oder »ständiges Hin- und Herschieben«.

 

Wolfgang Schweiger

 

Quellen:

Helmut Ahrens: »Ludwig Thoma. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit«. München 1983. Martin

A. Klaus: »Ludwig Thoma. Ein erdichtetes Leben«. München 2016.

Stefan Millius: »München hat ein Problem mit einer Legende«, erschienen am 30. Juni 2021 in der Zeitschrift »Der Nebelspalter«.

 

35/2021