Jahrgang 2006 Nummer 21

Unser Deutz – Ein Stück Geschichte

Viele Erinnerungen werden beim Abschied von unserem Bulldog wach

Es war ein ganz normaler Samstag vor ein paar Wochen, für mich jedoch ist es an diesem Tag ein »Abschied« von Etwas gewesen, das zwar kein Leben und keine Seele gehabt hat, doch nicht destoweniger könnte »Er« Geschichten von Sorgen, aber auch von Freuden erzählen. Auf unserem Heuboden in einer Ecke ist »Er« gestanden viele Jahre, verstaubt und ausgedient, und oft bin ich die vergangenen Jahre an ihm vorbeigegangen und jedesmal habe ich mich ganz schnell wieder abgewand, denn allzuviele Erinnerungen könnten dabei jedesmal wach werden.

Damals im Frühjahr 1960 ist es gewesen, da sind wir zusammen vom Auslieferungslager in der Nähe von Rosenheim, mit Ihm heimgefahren mein Mann und ich, und mit seinen 25 Kilometern, haben wir schon seine Zeit gebraucht, bis wir endlich in unserer Hofeinfahrt angehalten haben.

Im leuchtenden Grün ist er nun dagestanden, unser nagelneuer 25er Deutzbulldog und ich weiß es noch genau, wie ich damals schon ein bisschen stolz gewesen bin, weil ich besonders das Rückwärtsfahren bedeutend besser konnte als mein Mann. Aber dies war ja auch kein Wunder, denn in den vergangenen Jahren, in denen dieser vom Pflügen, bis zum Mähen, noch die zwei Pferde eingespannt hatte, da habe ich auf dem Hof meiner Eltern, beim Heuwenden mit unserem 11er Deutz, meine erste Fahrt in den tiefen Graben, schon lange hinter mir gehabt, nicht weil ich das Bulldogfahren nicht gekonnt habe – nein nur eingeschlafen wäre ich fast, an diesem Montagvormittag und furchtbar geschimpft wurde ich von meinem Stiefvater.

Doch nun hatten ja auch wir endlich unseren neuen Bulldog und mit allem Neuen ausgestattet war er – eine Hydraulik hatte er schon und somit brauchte man den Mähbalken nicht mehr mit dem langen Hebel mit aller Kraft in die Höhe ziehen, nein ein Griff rechts neben dem Sitz langte und mit einem Schwung bewegte sich der Balken in die Höhe. Ein nicht gerade liebsames Andenken jedoch habe ich noch heute an unser »modernes Mähwerk«, denn jedesmal, wenn ich den kleinen Finger meiner rechten Hand anschaue, dann muss ich daran denken, wie ich damals, als ich mit dem neuen Mähwerk natürlich auch »Eingrasen« wollte und also eines Morgens in aller Frühe, das frische Gras für unsere Kühe mähen wollte. So ging der Mähbalken auch richtig hinunter auf den Boden und ich hatte auch schon soviel abgemäht, dass es für diesen Tag an Futter für diese reichte. Doch nun konnte ich den kleine Hebel vor- und zurückschieben wie ich wollte, der Balken hob sich »ums farecken« nicht ganz in die Höhe. So hüpfte ich hinunter und mühte mich, auf den gemähten Gras knieend, den Balken mit meiner Kraft in die Höhe zu bringen was natürlich unsinnig gewesen ist. Ich brachte diesen zwar knapp vom Boden in die Höhe, doch im nächsten Augenblick schnellte er wieder hinunter und da war es mein Pech, dass meine Finger genau unter den scharfen Klingen eingeklemmt waren und das obere Viertel vom kleinen Finger »hing herunter«, aber er ist – zwar ein bisschen schief – mit der Zeit wieder zusammengewachsen.

Dennoch habe ich in all den Jahren, oft stundenlang unsere Wiesen mit dem neuen Mähbalken abgemäht und hatte oftmals ein schwerer Regen das hohe Gras eingedrückt, oder es war eine »schlechte Schneid« an den Klingen, da konnte es schon sein, dass ich oft nach ein paar Metern schon wieder vom Bulldog springen musste, weil es schon wieder »geschoppt hat« (das Gras hat sich im Balken und den Messern verfangen).

Nach ein paar Jahren, als unsere drei Kinder, das jüngste war damals um die zwei Jahre, halt immer beim Heuwenden und Zusammenrechen mitfahren wollten, der kleine Sitz auf dem linken Kotflügel aber viel zu klein war, da ließen wir uns einen extra langen mit Holzlatten darauf machen. Nun haben alle drei darauf Platz gehabt, mit einem Kälberstrick habe ich sie jedesmal, die Kleinste in der Mitte, fest angebunden und da ja keiner der Bulldogs seinerzeit ein Dach, geschweige denn eine geschlossene Kabine gehabt hat, brannte die Sonne, trotz dem kleinen Hut, meistens heiß auf deren Köpfe. Das gleichmäßige Schaukeln beim Fahren, hat dann noch mitgeholfen, dass nach einiger Zeit, einem nach dem andern, des öfteren die Augen zugefallen sind. Wenn ich aber an der »gachen Leitn« das Heu wendete oder zusammenrechte, da durften die drei, auch trotz betteln, nicht mitfahren, denn da hatte ich schon allein kein gutes Gefühl und des öfteren habe ich geglaubt, gleich wird er umfallen mit mir der Bulldog. Doch dieser ist höchstens und das des öfteren, vorne pfeilgerade »aufgestanden«, da bin ich jedesmal »totfroh« gewesen, wenn das Heu von der Leitnwiesn endlich daheim gewesen ist.

Der neue Pflug, den wir uns etliche Jahre später gekauft haben, ist unserem Deutz, der als wir ihn gekauft haben, mit zu den schwersten gehört hat, schon fast ein »bisschen« zu schwer gewesen und jedesmal beim Aufheben des Pfluges am Ackerrand und dem anschließenden »Einkehren« (wenden), haben sich die Vorderräder in die Höhe gehoben. Aber das war alles nur eine Gewohnheitssache, man musste nur aufpassen, beim Lenken wieder in die richtige Furche zu kommen.

Mit den Jahren sind die landwirtschaftlichen Geräte immer größer und schwerer geworden und unser guter 25er Deutz, der nun doch schon beträchtliche Jahre auf dem Buckel gehabt hat, hat sich immer mehr plagen müssen und sein schönes leuchtendes Grün, ist auch immer blasser geworden. Zu »gring« ist er halt geworden und das Herrichten, damit wir mit ihm nebenbei noch so manche leichtere Arbeit verrichten hätten können, wäre »zu teuer gekommen«.

So hatte er halt eines Tages entgültig ausgedient.

Sein Nachfolger, auch ein Deutz, war zwar nicht mehr neu, aber er hatte bedeutend mehr PS nämlich 50, doch gewöhnt habe ich mich nicht richtig an ihn, aber vielleicht wollte ich es auch gar nicht.

Nun bin ich lange mit keinem Bulldog mehr selbst gefahren, aber wenn »unser Deizei«, wie wir es ausgemacht haben beim Abholen, eines Tages mit dabei ist beim Oldtimertreffen, dann steige ich, zwar um ein Gutes langsamer, wie ich es früher immer getan habe, auf das abgetretene Trittbrett hinauf und setze mich auf den harten, nicht gefederten Sitz. Und ich fahre eine Runde, oder auch zwei – zum allerletzten mal mit meinem Bulldog.

Elisabeth Mader



21/2006