Jahrgang 2004 Nummer 49

Und es gibt ihn doch den Nikolaus

Erinnerung an einen Nikolaustag vor vielen Jahren

Es mag so gute 30 Jahre her sein, damals als wir noch Sommergäste auf unserem kleinen, abgelegenen Bauernhof hatten war es, da wollte eine nette Familie aus Bremen auch einmal in der stillen Zeit zu uns kommen, um vielleicht schon den Wintereinbruch bei uns mitzuerleben. So kamen sie damals Ende November bei uns an und wollten am 10. Dezember wieder zurückfahren. Wir hatten in diesem Jahr wie gewöhnlich, schon wieder eine Menge Schnee und unsere drei Kinder, die Markus, den Buben unseres jungen Ehepaares, schon vom Sommer her kannte, meinten einige Tage vor Nikolaus zu diesem, ob der Nikolaus bei dem vielen Schnee heuer schon kommen würde. Da lächelte Markus etwa mitleidig und meinte dann sichtbar erhaben, dass es ja sowieso keinen Nikolaus gab, nur an Weihnachten den Weihnachtsmann und selbst dieser, so meinte er, kam nicht vom Himmel und war nicht echt. Ich schmunzelte nur, als ich diesen so reden hörte und sagte nichts dazu. So kam der 5. Dezember, der Tag an dem der Nikolaus kommt, es hatte in der Nacht schon zu schneien angefangen und es wollte gar nicht Tag werden. Die Kinder, unsere drei und auch Markus, jedoch waren schon früh auf den Beinen und schauten mit ganz gemischten Gefühlten aus den beinahe zugeschneiten Stubenfenstern, Lisbeth, Stefan und Roswitha die Jüngste, teils erwartungsvoll, aber doch auch ein bisschen ängstlich, an den Besuch des Nikolaus denkend. Markus hingegen meinte, er wolle doch zu gerne diesen Nikolaus und den so gefürchteten Krampus sehen, die es doch beide gar nicht gab. Ich meinte nur kurz »wart ma’s ab« und schaute meinen Mann an, der gerade zur Tür hereinkam. Den ganzen Vormittag wollten die vier nicht hinausgehen und als ich zum Mittagessen rief, fand ich sie im Stall in dem großen Heuhaufen bei den drei Katzen. Bald nach dem Essen meinte dann mein Mann, dass es nun langsam Zeit würde, die Rehe zu füttern und ob sie mitgehen wollten, da wäre es ja auch möglich, dem Nikolaus zu begegnen. Die Kinder nickten und so machten sie sich, warm eingepackt, als es auf drei Uhr zuging, auf den Weg dem nahen Wald zu, mein Mann watete mit einem großen Sack voll Heu auf dem Buckel, durch den Schnee voraus und die Vier hinterdrein. Bis zur Futterkrippe, die etwas versteckt unter einigen Fichtenbäumen stand, war vom Waldrand aus bei dem Schnee, schon gut eine Viertelstunde durch meist dichten Tannen- und Fichtenwald zu gehen und es fing auch wieder dichter an zu schneien.

Bei der Fütterung angekommen, halfen die Kinder eifrig, das Heu in die Futterkrippe zu verteilen. Es wurde mittlerweile schon dämmrig denn es ging ja schon auf vier Uhr zu und die vier und besonders der Markus spähten nun immer öfter etwas ängstlich um sich herum und schauten erschreckt drein, als es plötzlich im Dickicht knackte und sich die dicht mit Schnee bedeckten Zweige bewegten. Alle vier blieben wie angewurzelt stehen, als durch die dichten Zweige langsam eine große Gestalt mit einem weißen Bart auftauchte. Der dicke, rote Mantel reichte bis zum Boden und die große Mütze war voller Schnee. Einen langen Stab hielt er in der einen Hand und in der anderen einen großen Sack über dem Buckel. »Ui’ der Nikolaus« kam es leise über Stefans Lippen und auch die beiden Mädchen schauten erstaunt und ein bisschen ängstlich, den plötzlich aufgetauchten Nikolaus an. Aber was war mit Markus, dieser stand wie angewurzelt auf einem Fleck, rührte sich nicht von der Stelle und starrte unentwegt auf den Mann mit dem langen, mit Schnee bedeckten Bart. Doch was war das? Die Zweige bewegten sich abermals und ein lautes Brummen und Murren war zu hören und da kam er auch schon heraus aus dem Dickicht, mit schweren Stiefeln, einem dicken, schwarzen Mantel, einer schiachen Haube und eine riesengroße Rute schwenkte er wie wild umher, als er drohend eben gerade auf Markus zustapfte. Dieser zitterte nun von oben bis unten und verstand nur ganz langsam, das der Nikolaus nun den Krampus gemahnte doch Ruhe zu geben und dann zu den Vieren gewandt meinte, dass er ja heute Abend noch zu ihnen kommen werden und auch etwas Gutes in seinem großen Sack für sie dabei habe. Erst als der Nikolaus seinen langen Stab in den Schnee steckte, die Hand ausstreckte und Lisbeth, Stefan und Roswitha nacheinander ihre Hände in diese legten, da kam auf einmal Leben in den Bremer Buben, der lugte nur noch einen Augenblick nach dem Krampus, tat dann einen Schritt auf den Nikolaus zu, gab diesem schnell seine kleine Hand und sagte mit fester Stimme: »Grüß Gott Herr Nikolaus«. Als darauf dieser meinte, dass auch für ihn etwas in seinem Sack drinnen sei, strahlte Markus übers ganze Gesicht und während der Nikolaus lächelte und sich zum Gehen umwandte, meinte er noch: »Hoazt fei in da Stubn drin warm ei, dass i’ mi’ aufwarma kon.« Noch eine Zeitlang, als der Nikolaus mit seinem groben Gesellen im Dickicht verschwand, stand Markus noch ganz abwesend da und erst als mein Mann gemahnte, dass sie sich nun aber schnell auf den Heimweg machen müssten, da es ja schon fast dunkel war, trabte er eilig hinter den anderen her dem Waldrand zu und es machte ihm auch nichts aus, wenn er an einen Ast stieß und er weiß wie ein Schneemann aussah.

Auf einmal pressierte es ihm heimzukommen und als erster watete er unserem verschneiten Hof zu. Er riss die schwere Haustüre auf und schrie laut: »Mama-Papa ich habe den Nikolaus im Wald gesehen und ich habe ihm die Hand gegeben. Seine Mutter schaute ihm eine zeitlang ganz verwundert an, um gleich darauf ihren Blick auf mich zu werfen. Ich drehte mich schnell um, ging in den Stall hinaus, schmiss den Barren voll Heu und während ich gleich darauf zum Melken anfing und mein Mann ausmistete, schlichen alle Viere zur Stalltür herein und spähten immer wieder aus den kleinen, fast zugeschneiten Stallfenstern ins Dunkle hinaus.

Als es ganz plötzlich an der Stalltür ganz furchtbar scheppert, rannten alle Viere auf mich, die ich auf dem Melkschemel bei einer Kuh hockte zu und flüsterten zitternd: »Der Krampus ist draußt« und gingen nicht mehr von mir weg.

So gegen Sieben zu, als wir mit der Stallarbeit fertig waren, auf d’Nacht gegessen hatten und wir uns in der warmen Stube zusammensetzten, drückte sich Markus, was sonst wenn er bei uns war, gar nicht seine Angewohnheit war, ganz ins hinterste Eck der Ofenbank und wurde immer stiller. Ich beobachtete ihn schon eine Zeitlang, sagte aber nichts, legte im Kachelofen noch ein großes Scheit nach und setzte mich dann wieder zu Markus Eltern an den Stubentisch, als plötzlich ein lautes Kettenklirren zuerst am Fenster und gleich darauf an der Haustür zu hören war. »Ui’ der Krampus« kam es aus dem Munde der Vier und schon pochte es laut an die Haustüre, Schnell stand ich auf, ging in den Hausgang hinaus und schob den schweren Riegel an der Haustür zurück, um den Nikolaus und hinten nach auch den Krampus hereinzulassen. Auf und auf voll Schnee polterten diese auch sogleich zur Stubentür hinein: »Grüß Gott beisammen«, sage der Nikolaus aus seinem dicken Bart heraus und warf auch gleich darauf einen Blick auf unsere Drei und besonders auf Markus. Dieser sah nun wiederum wie gebannt den Nikolaus an, brachte kein Wort heraus und als gleich darauf der Krampus einen bedrohlichen Blick auf den Buben warf und wiederum seine große Rute schwenkte, drückte dieser sich noch fester in seine Ecke. Da bin ich also, meinte nun der Nikolaus und ich habe euch auch, wie versprochen, etwas mitgebracht und er kramte aus seinem großen Sack vier Säcklein heraus und während unsere Drei langsam auf den Nikolaus zugingen, gemahnte dieser den Krampus, doch einmal das Schlagen mit der Rute bleiben zu lassen. Als Markus dies hörte, kam er schließlich langsam aus seinem Eck hervor und nahm das Säcklein, das ihm der Nikolaus entgegenhielt.

Als dieser dann fragte, ob sie auch singen konnten und Lisbeth, die älteste sogleich zu singen anfing: »Leise rieselt der Schnee«, da sangen Stefan und Roswitha gleich mit und auch Markus stand sich nun mit den dreien vor den Nikolaus und ließ seine feste Stimme hören. Als dann zum Abschied der Nikolaus allen vieren nacheinander seine Hand gab, diese gemahnte, recht brav zu bleiben bis zum nächsten Jahr, da meinte Markus auf einmal mit fester Stimme: »Und wenn dir der Weg zu weit ist, Heiliger Nikoluas, zu uns nach Bremen, dann komme ich eben mit meinen Eltern wieder hierher. Da nickte der Nikolaus lächelnd und indem er sich umwandte und zur Stubentür hinaustrappte, geboht er den Krampus noch, doch jetzt endlich weiterzugehen. Dieser schwenkte seine Rute nocheinmal bedrohlich über die Köpfe der Kinder, brummte noch etwas vom Mitnehmen im nächsten Jahr und verschwand polternd hinter dem Nikolaus im Dunkeln. Schnell machte ich nun die Haustür zu, denn kalt war es draußen und es schneite noch immer. Während die Kinder nun in der warmen Stube auf dem Boden ihre Säcklein mit Äpfeln, Nüssen, Mandarinen und etlichen Süßigkeiten auslehrten, meinte Markus auf einmal nachdenklich: »Nun muss der Nikolaus bei dem Wetter und im Finstern noch zu so vielen Kindern gehen, die alle auf ihn warten, da wird er wohl hoffentlich den Krampus im Schnee vorauswaten lassen und mit der Laterne leuchten, oder vielleicht leuchtet ihm auch ein Englein – oder vielleicht sogar das Christkind?

EM



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