Jahrgang 2005 Nummer 12

»Über eine neue Art von Strahlen«

Vor 110 Jahren wurden die Röntgenstrahlen entdeckt – Zum 160. Geburtstag von Wilhelm Conrad Röntgen

»... als Anerkennung des außerordentlichen Verdienstes, das er sich durch die Entdeckung der nach ihm benannten Strahlen erworben hat.« Mit diesen wenigen, aber inhaltsreichen Worten wurde 1901 dem damals 56-jährigen Wilhelm Conrad Röntgen – übrigens als Erstem – der Nobelpreis für Physik verliehen.

Wilhelm Conrad war das einzige Kind des Tuchkaufmanns Röntgen in Lennep im Bergischen Land. Die Eltern zogen kurz nach seiner Geburt in die Niederlande, wo er in Utrecht zur Schule ging. 1865 war er Student am Polytechnikum Zürich, wo er drei Jahre später sein Diplom-Examen als Maschinenbau-Ingenieur ablegte und darauf zum Dr. phil. promovierte.

Mit seinem Lehrer begab er sich an die Universitäten Würzburg und Strassburg. Dort habilitierte er sich 1874. Im folgenden Jahr wurde er Professor an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim bei Stuttgart, 1876 kam er wieder nach Strassburg als Extraordinarius und folgte 1879 einem Ruf nach Gießen als Ordinarius. Von 1885 bis 1900 wirkte er als solcher in Würzburg und dann in München, wo er 1923 starb.

Röntgen war ein vielseitiger Forscher. Seine Arbeiten- 58 an der Zahl – sind zum Teil für die Physik von großer Bedeutung. In die Menschheitsgeschichte aber ging er ein durch die nach ihm benannten Strahlen, die für Experimentalphysik, Technik und Medizin gleichermaßen bedeutungsvoll wurden.

Nach sorgfältigsten Prüfungen hat er innerhalb weniger Wochen die Eigenschaften dieser Strahlen fast vollständig beschrieben, so dass diejenigen, die seine Versuche wiederholten und nachprüften, kaum noch Neues zu finden hatten. Unter diesen Eigenschaften seien nur einige hervorgehoben: die Strahlen sind magnetisch nicht ablenkbar; jeder feste Körper liefert die Strahlen; sie können gestreut werden, etwa wie Sonnenstrahlen in einer Wolke.

In drei größeren Aufsätzen machte Röntgen die Erforschung der Röntgenstrahlen bekannt »Über eine neue Art von Strahlen, I. Mitteilung 1895« (acht umfangreiche Seiten). Unter dem gleichen Titel: »II. Mitteilung 1896«. Und »Weitere Beobachtungen über X-Strahlen 1897«. Röntgen nannte die Strahlen X-Strahlen, aber viele Länder (auch das Nobelinstitut) gaben ihnen den Namen Röntgenstrahlen.

Wie verschiedene Körper in verschiedenem Grad Licht durchlassen, so verhalten sie sich auch zu den Röntgenstrahlen, jedoch mit dem Unterschied, dass eine Menge für das Licht vollkommen undurchdringlicher Körper mit Leichtigkeit passiert wird, während andere Körper sie vollständig zurückhalten.

So sind zum Beispiel Metalle undurchdringlich für sie, Holz, Leder, Karton und verschiedene andere Stoffe sind durchdringlich, und zu diesen gehört auch das Muskelgewebe im Organismus der Tiere und Menschen. Ein Fremdkörper, der die Strahlen nicht durchlässt, erscheint in dem Gewebe, in das er eingedrungen ist, bei der Fotografie dieses Gewebes auf der Platte als Schatten. Es lässt sich also seine Lage feststellen.

Die doppelte Bedeutung für die Medizin wurde bald bekannt: einmal die Möglichkeit, mit ihrer Hilfe Fremdkörper im Gewebe zu fixieren und aus den Schatten, etwa bei Lungenaufnahmen, auf pathologische, also krankhafte Veränderungen zu schließen, zweitens – wenn auch erst in ihren Anfängen – die Heilwirkung von Röntgenstrahlen, etwa bei schweren Hautkrankheiten wie Lupus. Im Unterschied von seinen Mitlaureaten Jacobus Henricus van’t Hoff und Emil von Behring hat Röntgen keinen Nobelvortrag gehalten. Dafür gehören seine drei Originalarbeiten zu den schönsten und zugleich exaktesten Dokumenten menschlichen Forschergeistes.

In jener denkwürdigen Sitzung der Würzburger Physikalischen Medizinischen Gesellschaft am 23. Januar 1896, in der Röntgen erstmalig mit seiner Entdeckung vor die Öffentlichkeit trat, fotografierte er die Hand Albert von Koellikers (1817 bis 1905>) mit seiner neuen Strahlenart. Der greise Anatom war davon so begeistert, dass er den Vorschlag machte, künftighin alles, was mit diesen Strahlen zu tun habe, mit dem Namen des Entdeckers zu verbinden.

Als erstem Physiker erkannte die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm 1901 Röntgen den Nobelpreis zu. Es war die höchste Auszeichnung in der langen Reihe von Orden, Titeln, Ehrenmitgliedschaften und so weiter, mit denen die dankbare Öffentlichkeit der ganzen Erde während der nächsten zwanzig Lebensjahre den Entdecker der Röntgenstrahlen bedacht hat.

GD



12/2005