Jahrgang 2005 Nummer 41

Traunsteiner Gerichtsgeschichten

Die Gummi-Weißwürste

Eines Tages legte mir der Amtsbote auf mein Tischchen bei den Staatsanwälten eine Anzeige der Landesuntersuchungsstelle für Lebensmittel gegen einen Metzgermeister, der seinen Weißwürsten zu viel Wasser beigegeben habe: Lebensmittelfälschung, strafbar, ein Strafbefehl über ein paar hundert Mark wurde empfohlen.

Mein ausbildender Staatsanwalt seufzte: »Wissen Sie, das ist ein Kreuz mit den Weißwürsten. Fast alle Metzgermeister an diesem Ort haben schon Strafbefehle wegen zuviel Wasser in den Weißwürsten bekommen. Der Direktor der Landesuntersuchungsstelle ist nämlich der Meinung, eine Weißwurst dürfe nur so und so viel Wasser enthalten. Die Metzger dagegen sagen, bei so geringem Wassergehalt sei die Wurst ungenießbar. Aber was hilfts – er ist der amtliche Sachverständige, danach müssen wir uns richten...«

Ich war damals an den Abenden und Wochenenden als Berichterstatter bei der Zeitung tätig und die Sache mit den Weißwürsten roch nach einer guten Geschichte für die Zeitung. Mein Staatsanwalt erlaubte mir, der Sache journalistisch nachzugehen, selbstverständlich ohne Namensnennung. So redete ich mit dem Obermeister der Metzgerinnung. Er ließ mich wissen, dass alle seine Kollegen bis auf zwei derlei Strafbefehle bekommen haben, derjenige, dessen »Strafakte« auf meinem staatsanwaltschaftlichen Schreibtisch lag, und der Obermeister selber.

»In meinem Laden gibt es keine Weißwürst’. Lieber lass’ ich dieses Geschäft sausen als dass ich als Obermeister wegen Lebensmittelfälschung gestraft werde – auch wenns nicht stimmt.«

Der Obermeister machte einen Vorschlag: »Ich schick’ Ihnen am Samstag den Lehrbuben vorbei mit einem paar Weißwürsten, die ich genau so mache, wie es der Direktor von der staatlichen Untersuchungsanstalt uns vor -schreiben will. Am Montag rufe ich Sie dann an...«

Gesagt, getan. Meine Mutter legte die Weißwürste ein, sie sahen sehr appetitlich aus, aber als ich hineinbiss, habe ich gemeint, ich hätte einen Gummischlauch im Mund. Am Montag rief der Obermeister an: »No, ham Eahna nacha meine Weißwürst’ g’schmeckt?«

Ich berichtete von meinen Erfahrungen. Die konnte ich zwar journalistisch verwerten, leider aber nicht am Schreibtisch in der Staatsanwaltschaft.

Wie es so geht: Jahrzehnte später habe ich als Regierungspräsident von Oberbayern alle paar Wochen verdienten Bürgerinnen und Bürgern das vom Bundespräsidenten verliehene Bundesverdienstkreuz in einer kleinen Feierstunde überreichen dürfen. Eines Tages stand er in dem Kreis der Geehrten, der damals schon sehr alte, längst pensionierte Direktor jener Untersuchungsanstalt. Ich habe ihm hernach, bei einem Glas Sekt, lachend mein Traunsteiner Weißwurst-Erlebnis erzählt. Aber er fand es auch nach so vielen Jahren gar nicht komisch.

RE



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