Jahrgang 2005 Nummer 39

Traunsteiner Gerichtsgeschichten

Mit Maßkrug 50 Mark Strafe mehr

Zur Ausbildung der Juristen gehört auch ein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft. So meldete ich mich in dem Landgerichtsgebäude neben der Stadtpfarrkirche beim Herrn Ober-staatsanwalt zum Referendardienst. Er teilte mich einem jüngeren, aber schon sehr erfahrenen Staatsanwalt zu. Die Staatsanwälte saßen in zwei großen Räumen, die man aber beileibe nicht als Großraumbüros im heutigen Sinn bezeichnen kann. Das Gerichtsgebäude ist früher einmal ein Salzstadel gewesen und in diesen hat man halt Räume eingebaut, wie es gerade ging.

Ich bekam einen kleinen Tisch und einen Stuhl und beobachtete staunend, wie die Staatsanwälte die Anzeigen der Polizei studierten, ihre Akten für die Gerichtsverhandlungen wälzten und im übrigen weder rauchten noch ratschten, um sich bei der Rechtspflege nicht gegenseitig zu stören.

Um diese Zeit – es war anfangs der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts – scheint es im Landgerichtsbezirk Traunstein noch ziemlich viele Raufereien gegeben zu haben; es kamen viele diesbezügliche Anzeigen von den Polizeistationen – und einige landeten auf meinem Katzentischchen. Mein ausbildender Staatsanwalt unterwies mich in der aktenmäßigen Behandlung der Anzeigen ebenso sorgfältig wie in deren rechtlicher Beurteilung, nannte mir auch die Geldbeträge, die man bei Raufereien üblicherweise per Strafbefehl von den Raufbolden in die Staatskasse gezahlt haben wollte.

»Aber schauen Sie genau hin, Herr Kollege! Wenn bei einer Rauferei ein Maßkrug im Spiel gewesen ist, dann müssen Sie zusätzlich noch fünfzig Mark mehr beantragen – sonst unterschreibt Ihnen unser Oberstaatsanwalt den Strafbefehlsantrag nicht, da ist der ganz streng, bei den Maßkrügen!«

Also habe ich beim Durchlesen von Raufereianzeigen immer einen dicken Rotstift in der Hand gehabt und gleich einen dicken Strich damit gemacht, wenn in dem Polizeibericht das Wort Maßkrug vorgekommen ist.

RE



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