Jahrgang 2005 Nummer 35

Traunsteiner Gerichtsgeschichten

Der gemachte Vertrag

Ein Bauer und ein Viehhändler stritten vor dem Amtsgericht wegen eines Kuhhandels.

Den Bauern hat es, scheint’s, gereut, dass er die Kuh gekauft hatte, oder er brachte das Geld nicht her. Er ist verklagt worden und der Amtsrichter musste jetzt herausfinden, ob der Kaufvertrag zustande gekommen ist oder nicht (wie der beklagte Bauer meinte). So ein Vertrag kann in allen möglichen Formen geschlossen werden, schriftlich oder mündlich, mit Handschlag oder ähnlichem.

Ein anderer Viehhändler war als Zeuge dafür benannt worden, dass es mit dem Vertrag schon seine Richtigkeit hat. Der Zeuge wurde vor das Gericht geladen, ein stämmiges Mannsbild in den besten Jahren, mit kräftigen Händen und ein paar dicke Ringe an den Fingern, das Haar, von Pomade gehalten, so schwarz wie der Ledermantel, den er auch vor Gericht nicht ablegte.

Der Amtsrichter bat den Zeugen, genau zu schildern, wie es bei dem Vertragsschluss zugegangen ist.

»No ja, ma hot hoit g’redt, und dann is da Vertrag g’macht wor’n!«

Der Amtsrichter wollte gerne wissen, wie denn der Vertrag gemacht worden sei.

»I hob doch scho g’sogt, ma hot g’redt und dann is da Vertrag g’macht worn!«

Der Amtsrichter setzte dem Zeugen geduldig auseinander, dass er wissen müsse, was bei dem Vertragsschluss geredet, ob vielleicht eingeschlagen oder gar etwas schriftlich aufgesetzt worden sei; dann müsse er beurteilen, ob in dem vom Herrn Zeugen zu schildernden Vorgang rechtlich ein Vertragsschluss zu erkennen sei.

Dem Viehhändler war anzumerken, wie zuwider ihm die Sache war, wie sehr es ihm aber vor allem missfiel, dass der Richter ihm anscheinend nicht zutraute, zu wissen, wie ein Vertrag beim Kuhhandel gemacht wird. Geduldig bat der Richter noch einmal, den Hergang zu berichten.

Der Zeuge blitzte ihn unter seinen buschigen schwarzen Augenbrauen an und sagte mit hörbar zorniger Stimme: »I hob’s doch schon a paar Mal g’sagt, dass der Vertrag g’macht worn is!«.

Kopfschüttelnd brach der Herr Amtsrichter die Vernehmung des Zeugen ab. Leider weiß ich nicht, wie die Sache hinausgegangen ist. Hoffentlich hat sie mit einem Vergleich geendet; der Amtsrichter hätte mir wirklich leid getan, wenn er nach einer solchen Zeugenaussage ein Urteil hätte fällen müssen.

RE



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