Jahrgang 2021 Nummer 18

Trachtenwallfahrt des Gauverbandes I nach Maria Eck

Seit 70 Jahren organisieren die Siegsdorfer Trachtler die große Wallfahrt – Teil II

Der Blick von der Klosterleite über den extra aufgestellten Freialtar, der ziemlich genau an der Stelle des heutigen Bauwerks stand, ging 1951 noch weit hinaus auf die Scharamer Höfe und die Chiemgauer Berge.
Elisabeth Mayer aus Bichl und Maria Krammer aus Kühleiten waren bei der ersten Wallfahrt zwei der Siegsdorfer Trachtendirndl, die mit Ehrengeleit der Scharamer Bauern in ihren historischen Trachten die Gedenktafel »Dank und Bitt« hinauf nach Maria Eck trugen.
Die Spitze des Pilgerzuges 2019 im Siegsdorfer Ortskern, wo der Gauvorstand kurz nach dem Kreisverkehr traditionell mit dem Rosenkranzgebet beginnt.
Fast 60 Jahre lang, von 1951 bis 2010, zählten die beiden Brüder Franzl und Koni Mayer die Teilnehmer des Wallfahrtszuges.
Die Gottesdienstbesucher und die gesenkten Fahnen beim Totengedenken zum Abschluss der Messe.
Blick auf den Freialtar und die Gottesdienstbesucher bei der Wallfahrt 2018.
Oberscharam 2012: Einzig die Spitze des Kirchturms ist vom Scharam aus heute noch zu sehen, wenn die Wallfahrer den flachen Wegteil vor dem letzten steilen Anstieg erreichen.

Nachdem kürzlich die 70-jährige Tradition der Wallfahrt des Gauverbandes I nach Maria Eck beleuchtet wurde, nun ein Blick auf die Organisation dieser großen Wallfahrt durch den GTEV Siegsdorf, der diese Aufgabe damals spontan übernahm und seit nunmehr 70 Jahren reibungslos durchführt.

Der Anstoß zu einer Wallfahrt der Trachtler von Siegsdorf nach Maria Eck, um für die baldige Heimkehr der vielen noch vermissten Soldaten zu Bitten, den Vereinsmitglied Sepp Berger im Oktober 1950 dem Trachtenverein Siegsdorf unterbreitete, fiel nicht nur in seinem Heimatverein Siegsdorf auf fruchtbaren Boden. Der damalige Gauvorplattler Max Humhauser überzeugte auch Gauvorstand Dr. Conrad Adlmaier und den Siegsdorfer Pfarrer Dr. Johannes Baumann von dieser Idee und nach einer positiven Vorbesprechung mit den umliegenden Vereinen beschloss die Frühjahrsversammlung des Gauverbandes im Frühjahr 1951 den 29. April als Termin für die erste Gauwallfahrt des Gauverbandes I nach Maria Eck.

Max Humhauser übernahm mit seinem Verein die Organisation und schaffte es in kürzester Zeit, die erste Wallfahrt mit fast 1500 Trachtlern aus 69 Vereinen vorzubereiten und reibungslos durchzuführen. Bis heute obliegt es dem GTEV Siegsdorf die große Wallfahrt, zu der in besten Zeiten weit über 3000 Teilnehmer nach Siegsdorf kamen, vorzubereiten und zu organisieren. Dabei haben sich in den vergangenen sieben Jahrzehnten natürlich auch die Anforderugen verschoben.

In einer Original-Handschrift von Max Humhauser aus den 1950er Jahren, die in der Chronik des GTEV Siegsdorf zu finden ist, kann man Einblick in die Organisation der ersten Jahre nehmen. Der Gauverband stiftete zur Gründung der Wallfahrt eine große Gedenktafel mit der Aufschrift »Dank und Bitt«, die der Kupferschmied Martin Hagen aus St. Johann anfertigte und die seit 1951 nun in der Wallfahrtskirche Maria Eck an dieses denkwürdige Ereignis erinnert. Einige Dirndl des Brudervereins Heutau brachten diese Tafel am frühen Morgen des 21. April 1951 nach Siegsdorf und übergaben sie den Siegsdorfer Trachtendirndln, die die Tafel dann nach Maria Eck trugen.

In seinen Aufzeichnungen verwies Humhauser auch auf die umfangreichen Genehmigungen, die von der Ortspolizei (später Landratsamt) zur Sperrung der Straßen und der polizeilichen Begleitung des Wallfahrtszuges auch damals schon eingeholt werden mussten. Einige Siegsdorfer Männer bauten in den ersten Jahren zur Wallfahrt extra einen Feldaltar auf, der mit Daxen und Girlanden geschmückt wurde. Ab 1953 stand ein dauerhafter hölzerner Altar der Klosterbrüder auf dem Gelände, der dann 1965 durch den jetzigen Freialtar und das großzügige Umfeld ersetzt wurde. Max Humhauser erinnert sich in der Aufzeichnung auch an die Verhandlungen mit dem damaligen Guardian des Klosters, der für die als Weideland genutzte Klosterleite ein Pachtgeld verlangen wollte. »Nach einigen scharfen Worten, dass so etwas mit dem christlichen Glauben nichts zu tun hat, wurde mir die Genehmigung erteilt«, berichtet Humhauser weiter und verweist in seinem Rückblick auch darauf, dass bereits damals die Vereine und die Teilnehmer von Mitgliedern des GTEV Siegsdorf gezählt wurden. Dafür stehen bis heute vor allem die jeweiligen Schriftführer, die an der Abzweigung nach Lichtsberg die Vereinsfahnen registrieren und die teilnehmenden Vereine auflisten. Die beiden Brüder Konrad und Franz Mayer, der »Bicha Koni« und der »Weberbein Franzl« haben 60 Jahre lang die teilnehmenden Wallfahrer gezählt und erfasst, und legten ihre verantwortungsvolle Aufgabe erst vor 10 Jahren in jüngere Hände. Vermutlich jeder der vielen Tausend Wallfahrer in den sechs Jahrzehnten hat die beiden bei ihrer konzentrierten Arbeit am Oberscharam etwas oberhalb der Straße schon einmal gesehen.

Ein besonderes Kapitel gebührt auch dem Siegsdorfer Andreas Zangl. Er führte über 40 Jahre lang mit dem meist von seiner Schwester und Mesnerin Minna Zangl geschmückten Siegsdorfer Wallfahrer-Kreuz den Pilgerzug an. Nach seinem gesundheitsbedingten Ausscheiden Mitte der 1990er Jahre übernahmen zuerst die aktiven Plattler Christian Steiner, Hubert Krammer und Christian Mayer, sowie im letzten Jahrzehnt die Brüder Marinus und Sebastian Döpper diese ehrenvolle Aufgabe, die mittlerweile auch mit dem Schmücken des Vortragskreuzes verbunden ist. Der Kreuzträger wird seit jeher von zwei Buben aus der Siegsdorfer Trachtenjugend begleitet, die den forstgrünen Anzug tragen und oft auch beim Gottesdienst das Ministrieren übernehmen dürfen.

Nur vier Männer waren es, die sich in den vergangenen 70 Jahren bei der Durchführung der Wallfahrt die Last der Hauptverantwortung auf die Schultern luden. Nach 20 Jahren an vorderster Stelle übertrug Max Humhauser im Jahr 1970 die Organisation dem damals neu gewählten 2. Vorstand Franz Krammer, der diese Aufgabe ebenfalls 20 Jahre lang gewissenhaft weiterführte und dann 1990 an Sepp Mayer übergab. Der jetzige Chronist des Vereins sorgte 11 Jahre lang akribisch für den passenden Ablauf, bis im Jahr 2002 der jetzige erste Vorstand Sepp Geisreiter jun. die Verantwortung übernahm und die Wallfahrt mit Unterstützung seiner Mitglieder bis heute routiniert und zeitgemäß vorbereitet und durchführt.

Eine der wichtigsten Aufgaben im Vorfeld der Wallfahrt, wie auch bereits in den Aufzeichnungen von Max Humhauser zu lesen ist, ist bis heute die Zusammenarbeit mit Polizei und Feuerwehr zur Regelung des Verkehrs, dem Sperren der betroffenen Straßen und der Bereitstellung der Parkflächen für PKW und Busse. Hierbei konnten sich Sepp Geisreiter und seine Vorgänger stets auf die gute Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung und dem gemeindlichen Bauhof stützen. Auch die guten Beziehungen unseres Vereins zur Kreis-Straßenverwaltung und dem Kreisbauhof erleichtern die notwendigen bürokratischen Hürden zur stundenlangen Sperrung der Kreisstraßen TS 5 und TS 44 vom Kreisverkehr an der Traunbrücke bis hinauf nach Maria Eck. Bereits vier bis sechs Wochen vor der Wallfahrt müssen dazu die verkehrsrechtlichen Anordnungen auf den Weg gebracht und die Kontakte mit der Polizei, der Feuerwehr und dem BRK hergestellt werden. Ebenfalls frühzeitig muss der Verantwortliche die Genehmigung der Grundbesitzer für die PKW-Parkplätze am Scharam einholen und mit den Pächtern das rechtzeitige Mähen absprechen. Neben der Organisation der Lautsprecheranlage und dem Abfragen von Kreuzträger, Ministranten, Kloster, Lesung, Fürbitten, Zählpersonal und KollektenSammler ist der Organisator auch für die notwendigen Informationen und das Verschicken des Notenmaterials an die jeweilige Musikkapelle verantwortlich. Dankenswerterweise übernehmen in den letzten Tagen vor dem Wallfahrtstag seit vielen Jahren die Bauhöfe der Gemeinde und des Landkreises die notwendige Beschilderung zur Verkehrsregelung und zum Absperren des Parkplatzes in Maria Eck, auf dem sich am Sonntag für 35 bis 40 Reisebusse aller Größen Platz finden muss. Das ist eine der heikelsten Aufgaben der FFW Siegsdorf, die sich seit der Anfangszeit aktiv und umsichtig um die Sicherheit und die Steuerung der Wallfahrer sorgt. Vor allem das »wilde Parken« entlang der Straße nach Maria Eck und rund um die Wallfahrtskirche ist dabei nicht sonderlich hilfreich. Die Feuerwehrleute, von denen viele auch aktive Trachtler sind, stellen sich seit Jahrzehnten am Wallfahrts-Sonntag bei jedem Wetter für diese Aufgabe zur Verfügung und können dabei allerhand »Menschliches« erleben. Seit einigen Jahren unterstützt die FFW Eisenärzt ihre Siegsdorfer Kollegen beim Parkplatzdienst am Scharam. Mit einem großen Versorgungs-Zelt und einer schlagkräftigen Mannschaft kümmert sich seit Jahrzehnten die Ortsgruppe Siegsdorf des BRK um die Begleitung der Wallfahrt und die Gesundheit der Pilger. Besonders an heißen Sommertagen sind sie mit ihrer modernen Ausrüstung bestens für Kreislaufprobleme oder Blasen an den Pilgerfüßen gerüstet. Ganz anders als in den ersten Jahrzehnten der Wallfahrt, als nur die beiden erfahrenen Sanitäter der Feuerwehr Siegsdorf mit einer Aktentasche, gefüllt mit Blasenpflaster und Klosterfrau Melissengeist, versuchten auftretende gesundheitliche Probleme zu beheben oder im äußersten Fall einen Notarztwagen zu organisieren.

Der Trachtenverein Siegsdorf ist stolz, die große Aufgabe Trachtenwallfahrt über sieben Jahrzehnte bestens gemeistert zu haben und wird dies auch in Zukunft gerne übernehmen. Für viele der aktiven Siegsdorfer Trachtler ist der Tag der Wallfahrt oft seit der Kindheit ein fester Bestandteil im Jahresablauf des Vereins. Auch wenn meist nur wenige Frauen und Männer aus Ausschuss und Vorstandschaft in die Vorbereitung eingebunden sind, stehen die Mitglieder parat, wenn es gilt die traditionelle Wallfahrt des Gauverbandes I auch in den nächsten Jahren zu aller Zufriedenheit durchzuführen und zeitgemäß zu organisieren. Dazu sind die Verantwortlichen aber auch auf die Disziplin und das notwendige Verständnis der Trachtlerinnen und Trachtler aus den Vereinen angewiesen. Nur mit deren Unterstützung wird es auch künftig möglich sein, die wachsenden Anforderungen bei den Verkehrs- und Sicherheitsvorschriften umzusetzen und die Wallfahrt weiterhin im gewohnten Rahmen durchzuführen.

Ob auch von politischer Seite die Bereitschaft besteht nach der Bewältigung der Pandemie derartige gemeinschaftliche Treffen und Veranstaltungen wieder zuzulassen, kann an dieser Stelle leider nicht versprochen werden. Eine Wallfahrt mit gemeinschaftlichem Gebet und der Bitte um eine friedliche und lebenswerte Heimat könnte aber sicher auch in Zukunft eine gute Grundlage für den Weiterbestand der Brauchtumsarbeit und der kulturellen Vielfalt unserer Heimat sein.

 

Franz Krammer

 

Quellen:

Als Grundlage für die zweiteilige Dokumentation konnte der Verfasser dankbar auf die umfangreiche Vereinschronik des GTEV Siegsdorf und die Chroniken des Gauverbandes I zurückgreifen, sowie aus eigenen Erfahrungen in über 50 Jahren Teilnahme an der Wallfahrt schöpfen.

 

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 17/20231 vom 24. 4. 2021

 

30/2021

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