Jahrgang 2021 Nummer 17

Trachtenwallfahrt des Gauverbandes I nach Maria Eck

Seit 70 Jahren gibt es die Trachtenwallfahrt zu »Unserer lieben Frau« – Teil I

Oberscharam 1951: Ein freier Blick vom Oberscharam hinauf zu Kloster und Kirche, den es heute so nicht mehr gibt, bot sich damals den Pilgern kurz vor dem Ziel.
Die Weihnachtsschützen bei der Wallfahrt 2012 unterhalb der Klostermauer mit der Wallfahrtskirche im Hintergrund.
Die Gedenktafel mit der Aufschrift »Dank und Bitt« aus dem Jahr 1951 wurde vor einigen Jahren vom Gauverband renoviert und ist im hinteren Bereich der Wallfahrtskirche ebenso zu besichtigen wie eine Erinnerungstafel an die bisher verstorbenen Gauvorstände des Gauverbandes I.
Die wunderschöne Votivkerze wurde anlässlich der 40. Trachtenwallfahrt nach Maria Eck getragen und beim Gottesdienst am Freialtar gesegnet. Sie ist seitdem auf dem linken Seitenaltar in der Wallfahrtskirche Maria Eck zu finden.
Auch von Regen, Wind und dem typischen »Scharam-Nebel« lassen sich die Trachtler nicht entmutigen.
Ein gemeinsames Bild mit Kardinal Reinhard Marx und den drei Gauvorständen nach dem Gottesdienst im Jahr 2015.
Berchtesgadener Weihnachtsschützen vor dem Kloster bei der 1. Wallfahrt 1951.

Die Trachtenwallfahrt des Gauverbandes I zu »Unserer lieben Frau« und Gottesmutter nach Maria Eck stellt seit 1951 ein ganz besonderes, religiöses Ereignis im Chiemgau dar, und ist in den meisten Trachtenvereinen des größten Gauverbandes zu einer fest verwurzelten und Sinn stiftenden Tradition geworden.

Diese Wallfahrt soll nach der Vorstellung der Begründer sichtbare Mahnung und stilles Gedenken an die Schrecken und die vielen Opfer des zweiten Weltkrieges sein und wurde auch als Bittgang für eine baldige Heimkehr der damals noch vielen Hundert vermissten Mitglieder der Vereine ins Leben gerufen. »Dank und Bitt« steht auf der kupfernen Erinnerungstafel, die bei der ersten Wallfahrt 1951 von den Siegsdorfer Trachtendirndln hinaufgetragen wurde und seither einen Ehrenplatz in der Wallfahrtskirche einnimmt. »Dank« für viele Jahrzehnte Frieden in der Heimat und »Bitt« um Frieden, Eintracht und Menschlichkeit unter den Völkern und Religionen, aber auch in den Familien und Gemeinden, sind heute noch Ansporn für viele Mitglieder der meist über einhundert Gauvereine, den beschwerlichen Wallfahrtsweg hinauf auf den »Ecker Berg« auf sich zu nehmen. Viele tragen im Gebet aber vermutlich auch ihre ganz persönlichen Anliegen hinauf zur »Mutter Gottes« hoch über dem Chiemgau.

In der Niederschrift eines Sitzungsprotokolls zur Generalversammlung des GTEV Siegsdorf am 14. Oktober 1950 ist zu lesen, dass das Vereinsmitglied Sepp Berger den Vorschlag eines Bittganges nach Maria Eck einbrachte, um für die Gefallenen zu beten und um die baldige Heimkehr der vielen Vermissten und Gefangenen zu bitten. Max Humhauser, Ausschussmitglied beim Trachtenverein Siegsdorf und Gauvorplattler des Gauverbandes I, gab dieses Anliegen an Gauvorstand Dr. Adlmaier und den Siegsdorfer Pfarrer Dr. Baumann weiter, die den Gedanken begeistert unterstützten. Bei einer von Humhauser im Januar 1951 einberufenen Versammlung mit Pfarrer Baumann, dem Gauvorstand und 13 Vorständen der umliegenden Trachtenvereine fiel der Gedanke auf fruchtbaren Boden. Mit Zustimmung aller Vereine wurde dann im Rahmen der Gaufrühjahrsversammlung der Termin für die erste »Gauwallfahrt« auf den 29. April des selben Jahres festgelegt, an dem dann bereits 1480 Wallfahrer aus 69 Gauvereinen betend nach Maria Eck zogen. Die oft unsichere und kalte Witterung Ende April veranlasste die Gauvorstandschaft und die Organisatoren einige Jahre später den Bittgang auf den 3. Sonntag im Mai zu verlegen, ein Termin, der bis heute gilt, und nur gelegentlich, um dem Pfingstfest auszuweichen, um eine Woche vorverlegt wird.

Max Humhauser übernahm mit seinem Verein spontan die Durchführung der Wallfahrt und der GTEV Siegsdorf engagierte die Musikkapelle Vogling-Siegsdorf zur Umrahmung der Festmesse. Bis heute sind die Siegsdorfer für die Organisation der großen Wallfahrt mit bis zu 3000 Teilnehmern verantwortlich und jedes Jahr findet sich ein Gauverein, der zur musikalischen Begleitung des Gottesdienstes eine Musikkapelle zur Verfügung stellt. Von Beginn an sind auch die Berchtesgadener Weihnachtsschützen fester Bestandteil der Wallfahrt und begrüßen die Wallfahrer mit ihrem Salut, sobald die Spitze des Zuges das Klostergelände erreicht und von den Brüdern aus dem Kloster unterhalb der Wallfahrtskirche empfangen wird. 22 Jahre lang begleitete Pfarrer Dr. Johannes Baumann aus Siegsdorf mit Unterstützung der Brüder aus dem Kloster Maria Eck die Trachtler und begeisterte mit seinem urbairischen Dialekt und seinen markigen Predigten die Wallfahrer. Für die Bestellung der Zelebranten sind seit jeher die Gauvorstände verantwortlich. Ihnen gelang es immer wieder, prominente Geistliche und beliebte Ortspfarrer zur Wallfahrt nach Maria Eck einzuladen. So konnte zum Beispiel bei der 20. Wallfahrt im Jahr 1970 Julius Kardinal Döpfner vor über 2000 Wallfahrern aus 85 Gauvereinen und fast ebenso vielen Gottesdienstbesuchern eine beeindruckende Predigt am Freialtar unterhalb des Klosters halten. Gauvorstand Paul Gambs aus Inzell gelang es in seiner Amtszeit, weitere Vereine zur Teilnahme zu aktivieren, und so reihten sich nach einem Pressebericht aus dem Jahr 1979 fast 3500 Trachtlerinnen und Trachtler in den Pilgerzug ein und wurden in Maria Eck von Guardian Bruder Leopold und Siegsdorfs Pfarrer Josef Hartl sowie weiteren 2000 Gläubigen empfangen. Über 3000 Wallfahrer aus 105 Vereinen begleiteten bei herrlichem Sommerwetter zur 40. Trachtenwallfahrt im Mai 1990 Gauvorstand Max Reitner nach Maria Eck. Einige Plattler aus der Gaugruppe trugen dabei die große, von der Gauvorstandschaft gestiftete Votivkerze den langen Weg hinauf, die seither auf dem linken Seitenaltar in der Wallfahrtskirche zu bewundern ist. Zur 50. Trachtenwallfahrt errichtete der Gauverband I im Jahr 2000 einen Gedenkstein am Eingang zum Freialtargelände, der an die lange Tradition der Trachtler-Wallfahrten erinnert. Trotz strömendem Regen pilgerten fünf Jahre später über 2500 Trachtlerinnen und Trachtler aus 98 Vereinen des Gauverbandes I von Siegsdorf nach Maria Eck und feierten dort zusammen mit Kardinal Reinhard Marx einen festlichen Gottesdienst auf der Klosterleiten.

Der Wallfahrts-Sonntag ist für viele Vereine und ihre Mitglieder der jährliche Auftakt in den Trachtensommer

Jeweils am dritten Sonntag im Mai bringen bereits am frühen Morgen Busse und PKW die Trachtler aus dem ganzen Gaugebiet nach Siegsdorf, wo sich dann pünktlich um 9 Uhr der Zug am Kirchplatz in Bewegung setzt. Hinter dem Siegsdorfer Wallfahrerkreuz, der Gaustandarte und der Gauvorstandschaft mit ihren Ehrengästen, sowie den fünf Trachtenvereinen der Gemeinde Siegsdorf, schließt sich dann entlang der Hauptstraße in loser Reihenfolge der schier endlose Zug der Wallfahrer, jeweils angeführt von ihren Vereinsfahnen, an und beginnt Rosenkranzbetend den gut vier Kilometer langen Anstieg hinauf zum Kloster. Etwa auf halbem Weg, bei der sogenannten »Gaßlhöhe« reihen sich traditionsgemäß vier Männer aus dem Ortsteil Scharam hinter dem Wallfahrerkreuz ein. Sie vertreten symbolisch die Holzknechte und Bauern aus der Gegend, die im Jahr 1805 während der Säkularisation die Wallfahrtskirche wehrhaft vor dem Abriss retteten. Unter den Salutschüssen der Berchtesgadener Weihnachtsschützen wird dann der Wallfahrtszug vom Guardian des Klosters empfangen und zum Freialtar geleitet, wo nach einer kurzen Begrüßung durch den Gauvorstand der stets feierliche Gottesdienst beginnt. Das Kloster auf der Anhöhe, das feierliche Geläute der Wallfahrtskirche, der Salut der Böllerschützen, die vielen Hundert Wallfahrer in ihren festlichen Trachten und die bunten Fahnen inmitten der meist herrlich blühenden Natur bilden ein stimmungsvolles Bild und verleiten Außenstehende gerne dazu, den ernsten Anlass dieser Wallfahrt zu vergessen. Aber die große Zahl von Vereinen und Wallfahrern auch bei oftmals widrigen Wetterverhältnissen, die sichtbare Andacht der Kirchgänger, beeindruckende Gedanken der Zelebranten und eindringliche Appelle der Gauvorstände rufen den Grundgedanken immer wieder deutlich in Erinnerung. Die alljährliche Beteiligung fast aller Gauvereine und der vielen Hundert Gläubigen am Wegesrand erweckt die Zuversicht, dass diese traditionelle Wallfahrt auch in Zukunft nicht nur »guter Brauch«, sondern ein deutliches Bekenntnis zur Heimat und zum christlichen Glauben darstellt. Diese Zuversicht gründet sich nicht zuletzt auf die erfreulich große Teilnahme vieler Jugendlicher und junger Erwachsener aus den Reihen der Vereine.

Die Trachtenwallfahrt des Gauverbandes I hat zwar auch nach 70 Jahren ihren tief religiösen Charakter bewahrt, war aber von Beginn an auch immer ein gesellschaftlicher Treffpunkt für die Teilnehmer. Ganz besonders in der Anfangszeit, aber auch bis heute, nutzen viele Trachtlerinnen und Trachtler die Wallfahrt dazu, alte Bekanntschaften aufzufrischen und unterbrochene Kontakte wieder neu zu knüpfen. Die verdiente Einkehr im Klostergasthof oder in den Wirtshäusern der Umgebung ist nicht zuletzt deshalb auch heute noch ein wesentlicher Teil der Wallfahrt. Um diesen Aspekt weiterhin zu bewahren, spielt die Musikkapelle nach dem Gottesdienst noch einige Zeit im Garten des Klostergasthofes zur Unterhaltung auf, und viele Besucher nutzen, vor allem bei gutem Wallfahrtswetter, das ausgezeichnete gastronomische Angebot des Klostergasthofes für einen gemütlichen Aufenthalt unterhalb von Kloster und Wallfahrtskirche auf dem »Balkon des Chiemgaues«, wie Maria Eck auf alten Votivtafeln und in den Aufzeichnungen auch gerne genannt wird.

In einem zweiten Teil sollen die vielfältigen Aufgaben und die wachsenden Anforderungen an den GTEV Siegsdorf mit der Organisation der Trachtenwallfahrt des Gauverbandes I nach Maria Eck in den vergangen sieben Jahrzehnten beleuchtet werden.

 

Franz Krammer

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 18/2021 vom 30. 4. 2021

 

17/2021

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