Jahrgang 2021 Nummer 22

Suche nach einer neuen Heimat

Glaubensbrüder unterstützten die Salzburger Exulanten – Von Julius Bittmann – Teil II

Auszug der Salzburger Emigranten, am Wegrand Augsburger Bürger. Kupferstich 1734.
Ein Emigrant aus St. Johann, Kupferstich 1732.
Auszug aus Salzburg (oben) und Ansiedlung in Preussen (unten).
Kurfürst Friedrich Wilhelm nahm über 15 000 vertriebene Salzburger in Preussen auf. (Alle Repros vom Verfasser)

Die Vertreibung der »Unansässigen« Protestanten aus Salzburg, also der Männer und Frauen ohne Grundbesitz, war im wesentlichen bis zum Mai 1732 abgeschlossen. Der Abzug der »Ansässigen« verzögerte sich, weil sie beim »Corpus Evangelicorum«, der Vertretung der protestantischen Reichsstände in Regensburg, um eine Verlängerung des Ausreisetermins gebeten hatten, was aber abgelehnt worden war. Anfang Mai 1732 machte sich die zweite Kategorie der Auswanderer auf den Weg. Anders als die »Unansässigen«, die den Weg zu Fuß zurücklegen mussten, benutzten die »Ansässigen« ihre Fuhrwerke zum Transport von Mensch und Gepäck. Für die Organisation sorgten eigene Wanderführer, die Kommissare, die vom Corpus Evangelicorum gestellt wurden. Aufnahmeländer waren die evangelischen Länder Württemberg, Preussen und die Niederlande. Eine kleine Gruppe wanderte sogar nach Amerika aus und gründete im Bundesstaat Georgia eine Niederlassung.

Schikaniert und bedroht

Auf ihrer langen Wanderung wurden die Emigranten beim Durchzug durch katholisch regierte Länder nicht selten öffentlich bedroht und schikaniert. Man ließ sie stundenlang an der Grenze warten und verlangte hohe Gebühren für den Grenzübertritt. Als Quartiere erhielten sie Ställe mit nacktem Boden – und das zu einem überhöhten Preis. Für einen Krug Bier wurde ihnen doppelt so viel berechnet wie für Einheimische, extrem hoch waren die Gebühren für Pferdegespanne und Transportwagen. Beim Durchzug durch ein Dorf an der Donau rief man ihnen nach: »Fahrt zu, ihr ketzerischen Hunde, ihr gehet schnurgrade auf den Teufel zu, wie übel werdet ihr betrogen!«

Ganz anders war der Empfang in den evangelischen Orten, wo ihnen Hilfe angeboten und Proviant für die Weiterreise gegeben wurde. In Kaufbeuren, Augsburg und Memmingen blieben die Salzburger einige Tage und genossen das befreiende Gefühl, ihren evangelischen Glauben ungehindert mit den Gastgebern teilen zu können. Als besonders freundlich erwies sich der Graf von Oettingen-Spielberg. Er lud zwölf Salzburger zum Mittagsmahl ein, befahl den Dienern, ihnen aufzuwarten und Wein und Bier vorzusetzen. Anschließend ließ er sich von den religiösen Zuständen in Salzburg berichten, war voll des Lobs über den Glaubenseifer der Emigranten und bat sie, ihm das Salzburger Exulantenlied vorzutragen, von dem ihm bereits berichtet worden war. Das von dem aus Dürrnberg stammenden Joseph Schaitberger geschriebene Lied besingt in vielen Strophen das Geschick der verfolgten Emigranten und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass sie dereinst im Himmel den Lohn für ihre Standhaftigkeit erhalten werden. »Muess i glei fort in Gottes Nam/ und wird mir all's genomma,/ so woass i wohl, des Himmels Cron/ werd ich amal bekomma.«

Begegnung mit dem König

Während Württemberg und die Niederlande nur jeweils einige Hundert Exulanten aufnahmen, meldete Preussen Interesse an 10 000 bis 15 000 Personen. Kurfürst Friedrich Wilhelm bekundete persönlich in einem Schreiben, er freue sich, die »schimpflich vertriebenen Salzburger« in seinem Lande aufzunehmen. In Potsdam kam es zur Begegnung mit dem König. »Im Garten vor dem Schlosse mussten alle stille stehen. Danach nahm sie Ihre Königliche Majestät selbst in Augenschein, einige Flüchtlinge wurden befraget und examinieret. Alle Fragen beantworteten sie mit grosser Fertigkeit, welches Ihren Majestät zum gnädigen Wohlgefallen gereichte«. In ihrem neuen Wohngebiet erhielten die Salzburger alles, was sie für die Arbeit in der Landwirtschaft brauchten. Wälder wurden gerodet, Dörfer entstanden.

Keine Erfolgsgeschichte

Die Umsiedlung der vertriebenen Salzburger war aber keine Erfolgsstory. Die körperlichen und seelischen Strapazen forderten ihren Tribut, die Todesraten auf der Wanderung und am Anfang der Neuansiedlung waren extrem hoch. Von 15 508 in Ostpreussen eingetroffenen Exilanten starben in den ersten zwei Anfangsjahren fast 23 Prozent. Ähnlich erging es den nach Amerika ausgewanderten 140 Vertriebenen, denen vor allem das ungewohnte Klima zusetzte.

Für das Land Salzburg war der Verlust von fast 25 000 Menschen ein äußerst schmerzlicher Aderlass mit fatalen wirtschaftlichen und kulturellen Folgen. Manche Gebirgsgegenden waren nahezu entvölkert, über 1500 Höfe standen leer. Ganz zu schweigen vom moralischen Makel, den diese barbarische Aktion der Glaubensverfolgung in ganz Europa hervorrief. Immerhin hat 240 Jahre später der damalige Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher, ein Nachfolger des Fürstbischofs Firmian, die Protestantenvertreibung tief bedauert und die evangelischen Christen im eigenen Namen und im Namen des Erzbistums um Vergebung gebeten.

 

Julius Bittmann

 

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 21 vom 22. 5. 2021

22/2021