Jahrgang 2008 Nummer 18

Steinernes Erbe der römischen Antike

Neue Funde vom Limes in der Archäologischen Staatssammlung in München

Altar aus Obernburg mit der Siegesgöttin Victoria

Altar aus Obernburg mit der Siegesgöttin Victoria
Römische Gefäße aus dem Kastell Obernburg

Römische Gefäße aus dem Kastell Obernburg
Der römische Kriegsgott Mars auf einem Weihestein

Der römische Kriegsgott Mars auf einem Weihestein
Der keltische Soldat Marcellus hatte Pech. Weil er zwei Jahre vor dem Ende seiner 25-jährigen Dienstzeit starb, verlor er die Chance, das römische Bürgerrecht zu erhalten und an seine Kinder weiter zu vererben. Der von seinem Sohn gestiftete Grabstein mit zwei Delfinen als Symbol der Unsterblichkeit hat die Jahrhunderte überdauert und ist bis Mitte September in München bei der Ausstellung »Welterbe Limes – Roms Grenze am Main« in der Archäologischen Staatssammlung zu bewundern.

Bei der Ausstellung stehen nicht der Verlauf und der heutige Zustand der zum Weltkulturerbe erklärten Grenzbefestigung zwischen dem Römischen Imperium und Germanien im Vordergrund, sondern die Lebensumstände der römischen Soldaten, ihre Herkunft, ihre Alltagskultur und ihre religiösen Vorstellungen. So erfährt man aus der Grabinschrift für den Soldaten Marcellus, dass er aus dem Volk der Sequaner im nördlichen Burgund stammte. er gehörte zur Ligurischen Kohorte (Truppenteil mit 500 Mann), die im ersten nachchristlichen Jahrhundert von der Ligurischen Küste an den Main verlegt worden war. Marcellus war ein Sohn des Bolgedo, dessen Name noch gallischen Ursprungs ist. Sicher hatte Marcellus schon freudig dem baldigen Ende seiner Dienstzeit entgegen gesehen. 25 Jahre Militär waren für viele Nichtrömer praktisch die einzige Möglichkeit, das begehrte Bürgerrecht für sich und die Nachkommen zu erhalten.

Von den in den letzten Jahren geborgenen Bodenfunden am Obergermanischen Limes zwischen der bayerischen Stadt Miltenberg und dem Markt Großkrotzenburg in Hessen zeigt die Ausstellung eindrucksvolle Beispiele: Opferaltäre und Weihegaben, Bildwerke, Rüstungen, Werkzeuge, Haushalts- und Kultgegenstände. Die Schau ist als Rundgang durch einen typischen Truppenstandort am Limes angelegt. Man durchwandert zunächst die Welt der Toten zwischen mannshohen Grabsteinen, deren Reliefs und Inschriften die Menschen und ihre Schicksale lebendig werden lassen, auf gut erhaltenen Weihesteinen findet die keltische, gallische und römische Götterwelt ihren Niederschlag. Karten, Videoclips und Schrifttafeln erläutern das steinerne Erbe der römischen Antike am Ufer des Mains, das lange im Boden schlummerte, bis es in der Zeit der deutschen Romantik neu entdeckt wurde.

Die Inschriften auf den Grab- und Weihesteinen verraten interessante kultur- und religionsgeschichtliche Details. So wenn auf einem Stein den »Zufallsgöttern« (»Boni Casi«) für den glücklichen Ausgang einer Sache gedankt wird oder wenn auf Darstellungen römischer Götter auch keltische Symbole wie das dreispeichige Rad zu sehen sind – ein Beweis für die Gleichsetzung einheimischer und römischer Gottheiten, die sogenannte Interpretatio Romana. Ein Votivaltar ist der alten Göttermutter, der Magna Mater geweiht, deren Kultus aus Kleinasien übernommen wurde. Ihre Verehrer mussten sich einer Bluttaufe unterziehen; dazu hockten sie in einer Erdgrube und wurden mit dem Blut eines geschächteten Widders oder eines Stieres benetzt. Dass auch der ebenfalls aus Kleinasien stammende Mithraskult von den Soldaten gepflegt wurde, verrät ein Weihestein aus Stockstadt aus dem 3. Jahrhundert.

Ein Glanzpunkt der Ausstellung ist die Rekonstruktion des erst vor zwei Jahren ausgegrabenen, römischen Limeskastells mit angegliedertem Kultbezirk in Obernburg am Main. Der Hauptbau hatte eine Länge von dreißig Metern und beherbergte neben dem Stabsgebäude und den Mannschaftsunterkünften eine Krankenabteilung und einen Raum für sakrale Handlungen. Eine gewaltige Halle, die sogenannte Basilika, diente für Truppenappelle und Versammlungen. Im nachgebauten, stimmungsvollen Innenhof plätschert ein Brunnen, der dem römischen Hauptgott Jupiter und einer lokalen Gottheit gewidmet ist.

In der Polizeistation hatte auch der sogenannte Benefiziarier seinen Sitz, ein vom Militärdienst befreiter, ehemaliger Offizier, der den jeweiligen Statthalter vertrat, eine Reihe sicherheits- und kriminalpolitischer Aufgaben erledigte und bei Streitigkeiten zwischen Soldaten und einheimischer Bevölkerung vermittelte. Mehrere Schreiber, ein Standartenträger, ein Wagenlenker und eine Köchin waren ihm zugeordnet. Um Korruption von vornherein auszuschließen, wurden Benefiziarier nach einem halben Jahr Dienst an einen anderen Standort versetzt. Da sie beim Abschied zum Dank für den göttlichen Schutz einen Weihestein errichteten, sammelte sich mit der Zeit, zusammen mit den Grabsteinen, eine Unzahl Monumente an; allein für die Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung mussten 25 Tonnen Steindenkmäler vom Main nach München verfrachtet werden.

Julius Bittmann



18/2008