Jahrgang 2004 Nummer 30

Seit 75 Jahren gibt es das Studienseminar St. Michael

Es wurde zur »Weckung neuer Priesterberufe« erbaut – Teil II

Der Schlafsaal

Der Schlafsaal
Die feierliche Einweihung am 1. September 1929

Die feierliche Einweihung am 1. September 1929
Das Bischofszimmer

Das Bischofszimmer
Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus erteilte am 30. September 1928 »auf Grund der Verordnung vom 10. Mai 1905 über die Gründung, Leitung und Beaufsichtigung von Erziehungs- und Unterrichtsanstalten« dem erzbischöflichen Stuhl von München und Freising die formale Genehmigung »zur Gründung eines Knabenseminars in Traunstein zur Heranbildung von Schülern des Progymnasiums Traunstein zum geistlichen Stand … Die Anstalt führt den Namen >Erzbischöfliches Studienseminar Aribo in Traunstein<… Die für die Leitung der Anstalt und die Erziehung und Überwachung der Zöglinge aufgestellten Geistlichen sind dem Staatsministerium jeweils anzuzeigen … Die Anstalt untersteht der Aufsicht des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus.« Nach »Aribo«, dem 4. Freisinger Bischof, sollte das Seminar auf persönlichen Wunsch Faulhabers benannt werden, der diesen Namen unter verschiedenen Vorschlägen gewählt hatte. »Daß die >Aribonen<, Stammsitz in Seeon, die eigentlichen christlichen Kulturträger des Chiemgaus sind, wird mit dem neuen Namen im Chiemgau in Erinnerung gerufen. Wenn ich demnächst ein wenig verschnaufen kann, will ich gerne zur Popularisierung etwas schreiben«, so Hindringer 1927, der tatsächlich im darauf folgenden Jahr vor dem Historischen Verein einen Vortrag über »Das Chiemgau-Geschlecht der Aribonen (Ein Beitrag zur Heimatgeschichte in Charakterbildern)« hielt. Bemerken muss ich noch, dass >Aribo< der Außenname des Seminars sein soll; Eminenz wird das Seminar noch einem eigenen Patron weihen, vielleicht einer biblischen Persönlichkeit. Wie es der Kardinal bereits im Rahmen der Grundsteinlegung hatte anklingen lassen, sollte Michael der Schutzheilige von Seminar und Kirche werden, der Erzengel, der mit seiner Posaune beim jüngsten Gericht die Toten aus den Gräbern erweckt, und nur unter dem Namen St. Michael ist das Studienseminar heute geläufig. Dass zugleich Faulhabers eigenem Namenspatron von ihm selbst diese Ehre erwiesen wurde, war sicher nicht ganz unbeabsichtigt, und es ist als Reminiszenz an den geistigen Vater der Anstalt auch jederzeit gerechtfertigt.

Selbstverständlich wollte auch Bürgermeister Vonficht hier nicht abseits stehen und bot daher Michael von Faulhaber anlässlich seines 60. Geburtstages am 5. März 1929 die Benennung einer Straße in der Nähe des Seminars an. »Das ist mir eine Geburtstagsgabe, über die ich mich aufrichtig freuen werde«, ließ der »hohe Begründer unseres Seminars« den Stadtvätern wissen, und seine – ihm natürlich freigestellte – Wahl fiel auf »die von der Blitzkapelle an der Südseite des Seminars und mit dessen Front parallel laufende, gegen Haslach ziehende Straße«. Vonficht gab, nachdem er in einem Brief an Faulhaber schon am 1. März vollendete Tatsachen geschaffen hatte, dies in der Stadtratssitzung vom 14. März 1929 bekannt, und das Kollegium genehmigte die Benennung nachträglich bei allerdings vier Gegenstimmen unter anderem aus den Reihen der Sozialdemokraten, die dem Erzbischof nach wie vor die nicht eingehaltenen Zusagen bei der Auftragsvergabe verübelten. Der Vermerk »Geheime Sitzung« auf dem Protokoll lässt vermuten, dass die Vorgehensweise des Bürgermeisters im gesamten Rat doch einigen Diskussionsbedarf geweckt hatte.

»Vom herrlichsten Wetter begünstigt wurde gestern nachmittag halb 4 Uhr die Hebefeier des neuen Erzbischöfl(ichen) Knabenseminars abgehalten. In überraschend kurzer Zeit ist der Bau auf den gegenwärtigen Stand gebracht worden. Am Osterdienstag erfolgte der erste Spatenstich und heute, nach knapp 6 Monaten, ist der gewaltige Rohbau bereits vollendet; der Dachstuhl ist auf den 4 Flügeln des Gebäudes aufgestellt, und vom First grüßt das buntgeschmückte Fichtenbäumchen und lädt zum Richtfest ein ... Etwa in drei Wochen, noch vor Eintritt des Herbstwetters, wird das Dach geschlossen sein und heuer werden noch die Putzarbeiten im Innern fertig gestellt werden … Jeder (Arbeiter) hatte einen gefüllten Masskrug erhalten, um den bald folgenden Hochs in echter deutscher Weise den gebührenden Nachdruck geben zu können.

Zügig und ohne größere Probleme schritten auch die Innenarbeiten voran. »Ein großes Werk ist in überraschend kurzer Zeit fertig gestellt worden«, konnte das Traunsteiner Wochenblatt am 23. August 1929 zurecht verkünden. »Im neuen Jahr wurde die innere Ausstattung, die in einem modernen Wohnbau noch mehr Arbeit erfordert als der Rohbau, in Angriff genommen und durchgeführt. Der gewaltige Bau, der größte Traunsteins, ist also in 17 Monaten vollendet worden. Ein paar Wochen noch und die prächtigen, luftigen Räume können ihrer Bestimmung übergeben werden … Schön und imposant steht der Bau auf freier Höhe, dem Lärm der Stadt und der Straße entrückt, von Luft, Licht und Sonnenschein umflossen. Man kann den Studierenden zu ihrem herrlichen Heim nur Glück wünschen.«

Wenige Tage vor der Einweihung waren alle Ungereimtheiten Vergangenheit, alles schien harmonisch und für eine große Festlichkeit gerichtet und nichts deutete darauf hin, dass es in der Zwischenzeit zu schweren Irritationen gekommen war, die zwar nicht mit dem Seminarbau, wohl aber mit dessen Mentor zu tun hatten.

Lässt der liebe Gott auch Unschuldige verhageln?

Um die folgenden Geschehnisse verstehen zu können, ist ein Blick auf die Presselandschaft dieser Zeit vonnöten. Wie aus den Zitaten der bisherigen Ausführungen ersichtlich ist, existierten zwei Zeitungen, das ältere Traunsteiner Wochenblatt (seit 1855 bis heute, ab 2000 Tagblatt) im Verlag Anton Miller und das Traunsteiner Tagblatt (ab 1882, zuvor Traunsteiner Nachrichten bzw. Oberbayerische Landeszeitung, Erscheinen 1967 eingestellt) im Verlag des katholischen Pressvereins für Bayern. Während das Wochenblatt, eine »politische Tageszeitung für alle Stände mit ungekaufter Meinungsäußerung«, dem Bauernbund nahe stand und eine (auch klerikalen Themen gegenüber) liberal-kritische Berichterstattung pflegte, war das Tagblatt streng zur Bayerischen Volkspartei hin orientiert, vertrat somit eine linientreu-katholische Position und war seit September 1925 im Besitz eines katholischen Vereins; entsprechend euphorisch und umfangreich fielen dessen Beiträge zum Bau des Studienseminars, die stets an hervorgehobener Stelle platziert wurden, aus. Das Wochenblatt hingegen war in seinen Artikeln sachlicher und kürzer, aber ungeachtet dessen ebenfalls grundsätzlich positiv eingestellt (»Der Tag wird in der Geschichtschronik unserer lieben Heimat als eine goldene Seite eingetragen werden«) – bis zur feierlichen Einweihung am 1. September 1929!

»Gestern fand die Einweihung des Priesterseminars statt, das von den Bauern allgemein als Pfarrerfabrik gekennzeichnet wird. In der Stadt merkte man davon nichts. Im neuerstandenen Seminar fand vormittags 8 Uhr der zeremonielle Akt der Einweihung mit einer Ansprache des Kardinals Faulhaber statt. Wir können über die Rede des Kardinals nicht berichten, weil nur die hörige Presse zugelassen war, das heißt die Zeitungen, denen man vorschreiben kann, was sie in ihrem Bericht schreiben sollen und was nicht.«

Ein zutiefst negativer Kommentar über ein stadtpolitisches und gesellschaftliches Ereignis von überregionaler Tragweite auf Seite 3 unter der Rubrik »Aus Stadt und Land«, der dessen tatsächlicher Bedeutung in keiner Weise gerecht wird. Was hatte diesen elementaren Stimmungswandel des Wochenblattes bewirkt? Schon in den folgenden Zeilen erhalten wir die Antwort.

»Unserem Berichterstatter wurde der Zutritt verweigert mit der Begründung, man wünsche nicht, daß die Rede des Herrn Kardinals mitstenographiert werde. Dem Herrn Kardinal ist es scheinbar noch sehr unangenehm, daß unser Berichterstatter seine Rede bei der Seligsprechung der hl. Irmingard auf Frauenwörth mitstenographiert hat, wobei er die furchtbare Hagelkatastrophe, die die Bauern in bittere Not brachte, als gerechte Strafe Gottes deutete.« Diese überraschende Wendung erfordert eine etwas ausführlichere Rückblende auf …

… die Folgen einer Seligsprechung

Am 17. Juli 1929 wurde die erste namentlich bekannte Äbtissin des Klosters auf der Fraueninsel selig gesprochen, nachdem Papst Pius XI. am 19. Dezember 1928 ihren Kult anerkannt hatte. Faulhaber, von dem die Seligsprechung 1922 auch eingeleitet worden war, hielt die Festpredigt, das Pontifikalamt zelebrierte der päpstliche Nuntius Alberto Vasallo di Torregrossa. Das Traunsteiner Wochenblatt berichtete am 18. Juli 1929: »Unter einer atemlosen Stille betrat Kardinal Dr. Faulhaber, einer der besten und bekanntesten Redner Deutschlands, die Kanzel. Wohl 10.000 Menschen lauschten dem Erzbischof, der in packender Sprache und in wuchtigen Worten ein Rede aufbaute, die ein Meisterwerk der Rhetorik genannt werden muß, ob man seine Worte unterstreicht oder nicht. Die einzelnen Gesten, die seine Worte begleiteten, waren überzeugend wie seine Worte.«

Die Passage der vom Berichterstatter mitstenographierten Rede, die sich zum Stein des Anstoßes entwickeln sollte, lautete: »Die selige Irmengard wird auch zur Schutzpatronin der Sauberkeit und der Tugend ernannt. Seit dem – fuhr der Kardinal fort – Sünde und Laster an den Ufern des Chiemsees sich breit gemacht haben, seitdem am Gestade des Chiemsees die Sünde wie das Wasser hineingetrunken wird und seitdem auf unseren Bergen Fleischeslust getrieben wird, seitdem ist der Chiemgau von schweren Hagelschlägen vom Strafgericht Gottes heimgesucht. Auch Irmingard hatte Freude an der Natur, sie hatte ihre Gebete über den See in die Berge hineingesprochen, aber ihre Freude an der Natur war rein und erhaben. Naturfreude darf nie zum Naturkult werden.« Eine negative Kommentierung erfolgte nicht, lediglich der Abschnitt von »Seit dem Sünde…« bis »…Strafgericht Gottes heimgesucht« war fett gesetzt worden. Der Artikel schloss mit dem Worten: »Es waren große Tage des Chiemgaues, es waren historische Tage.«

War das hervorgehobene Zitat, das Naturkatastrophen als Strafgericht Gottes und damit quasi als gerecht einordnet, in Verbindung mit dem Nebensatz »ob man seine Worte unterstreicht oder nicht« als leise, verborgene Kritik an Faulhaber gedacht? Man könnte den Eindruck gewinnen, wenn auch die Berichterstattung über die Feier insgesamt wie über die außergewöhnliche Persönlichkeit des Erzbischofs im Besonderen dagegen sprechen.

Gleichwohl hätte dieser Umstand alleine für die nachfolgende Eskalation wohl nicht ausgereicht. Diese setzte erst der Pfarrer von Albertaich (heute zur Gemeinde Otting gehörig) in Gang, der in einer Sonntagspredigt ein in der dortigen Gegend niedergegangenes schweres Hagelunwetter ebenfalls als Strafe Gottes bezeichnete, wogegen sich das Traunsteiner Wochenblatt als Sprachrohr seines Hauptklientels, der Bauern, in aller Deutlichkeit verwahrte. »Es ist ohne Zweifel eine große Gefahr für die Religion, wenn mit solchen Aussprüchen operiert wird, denn gerade der Bauernstand, der seinem Herrgott treu geblieben ist wie kein anderer Stand und sich das ganze Jahr schinden und plagen muß wie kein anderer Stand und sich dabei heute bald nicht mehr das Salz in der Suppe verdienen kann, läßt sich nicht so ohne weiteres als Sünder hinstellen, der eine solche Strafe verdient.« Eingeleitet wurde dieser Artikel mit dem Verweis auf und dem Zitat von Faulhabers Aussagen im Rahmen der Seligsprechungsfeierlichkeiten!

Jetzt trat, des Dramas letzter Akt, Stadtpfarrer Joseph Stelzle auf den Plan. »Lässt der liebe Gott auch Unschuldige verhageln?« Diese Überschrift des Wochenblattes griff er auf, hob in zwei Artikeln des Traunsteiner Tagblattes zu einer wortmächtigen theologischen Replik an und nahm dabei Faulhaber vehement in Schutz: » … dann dürfte es Sache eines ganz pyramidenhaften >Taktes< sein, ausgerechnet fast unmittelbar vor der Einweihung des Traunsteiner Erzb(ischöflichen) Studienseminares, durch das unsere Vaterstadt ganz einzigartig durch die Huld Seiner Eminenz ausgezeichnet ist, Seine Eminenz so anzufassen, in diese Zusammenhänge zu ziehen und dem Hohenpriester von Weltgeltung ausgerechnet im Traunsteiner Wochenblatt (!) eine theologische Belehrung zu erteilen.« Der Geistliche Rat appellierte an die Bauernschaft, »die wir lieben, schätzen und segnen; die wir als Erneuerungszelle für völkisch-religiöses Wesen wissen und wahrhaft auch erhalten wissen wollen« und schloss seine Ausführungen mit der Ermahnung: »Christliches Volk, erkenne, wo du hingehörst.«

Ob das christliche Volk dies tatsächlich erkannte, sei dahingestellt. Faulhaber jedenfalls respektive sein Umfeld erkannten, dass das Traunsteiner Wochenblatt nicht zur feierlichen Eröffnung »hingehörte«, und damit erhielt dieses bedeutsame Ereignis einen unangenehmen Beigeschmack, den es nicht verdient hatte – und der aus heutiger Sicht bei einer etwas behutsameren Vorgehensweise von beiden Seiten auch durchaus vermeidbar gewesen wäre. Denn »ein hoher Festtag in Traunstein« war die Weihe des Studienseminars und seiner Kirche am 1. September 1929 gewiss, und das Traunsteiner Wochenblatt berichtete in aller Ausführlichkeit tags darauf auf seiner Titelseite darüber. Am Vorabend war die gesamte Bevölkerung zu einer Serenade der Kur- und Stadtkapelle sowie der drei Traunsteiner Gesangsvereine auf dem südöstlichen Vorplatz des Seminars geladen, während »zur Teilnahme an der Einweihungsfeier selbst … von der Seminarleitung besondere Einladungskarten ausgegeben (wurden). Mit Rücksicht auf die Raumverhältnisse kann hier leider nur ein beschränkter Kreis in Frage kommen.« Auf eine ausführliche Schilderung kann hier verzichtet werden; die Abläufe derartiger Festivitäten gleichen sich ohnehin.

Dass Traunstein ein Vollgymnasium erhalten werde

»Der größte Bauteil ist der 60 Meter lange Seminartrakt, in dem ebenerdig Besuchs- und Konferenzzimmer, Musiksaal, Tagesraum und eine Präfektenwohnung eingebaut sind. Im ersten Obergeschoß wohnt der Direktor und ein Präfekt, daneben befindet sich ein Studiersaal. Im zweiten Stock liegen die Schlafsäle und eine weitere Präfektenwohnung. Im Dachgeschoß endlich sind die Musikzimmer untergebracht. Der Wirtschaftstrakt enthält die erforderlichen Wirtschafts- und Verpflegungsräumlichkeiten und in den Obergeschossen Schlafsäle und Gästezimmer. Die Schwestern, welche die Anstaltsinsassen betreuen, haben die Parterreräume in einem eigenen Trakt für sich, in dessen ersten Stock die Bischofs- und Gästezimmer und im zweiten Stock die Krankenabteilung sich befinden. Unter der Kapelle, die die beiden oberen Geschosse eines weiteren Traktes und das Dach einnimmt, ist ein hübscher Theater- und Vortragssaal eingebaut. Es fehlen auch nicht Nebengebäude mit Stallung, Holz- und Kohlenlager, Garage und Vorratskeller. Ausgedehnte Rasen- und Spielflächen schließen sich an den Bau an; auch eine gedeckte Kegelbahn wurde eingerichtet. Ein Gewächshaus im Gemüsegarten sorgt dafür, daß auch im Winter immer Blumen im Hause sind. Selbstverständlich wurde den Anforderungen der modernen Hygiene in jeder Weise entsprochen. Zentralheizung und Warmwasseranlage, Fuß-, Brause- und Wannenbäder, für jeden Zögling eine eigene Waschanlage mit laufendem Wasser sorgen für Gesundheit und Wohlergehen der jungen Leute.«

Eine schöne kunsthistorische Einordnung des Baues und seiner wesentlichen Einrichtung bietet Herbert Weiermann im Heimatbuch des Landkreises Traunstein: »Es ist der mit Abstand größte, außerordentlich großzügig konzipierte Komplex, der je im Landkreis als kirchlicher Auftrag entstand … Bei der kreuzförmigen Gesamtanlage nimmt die Kirche das Obergeschoß des nach Süden gerichteten Flügels ein. Der Saalraum besitzt einen polygonalen, relativ hohen Chor, der sich unmittelbar dem Schiff anschließt. Vor den Wandpfeilern liegen Pilaster mit schwach ausgebildeten Kapitellen. Sehr hohe, aber schmale Fenster – immer noch als Krumpper-Fenster – bewirken eine helle, gleichmäßige Belichtung. In die Tonnenwölbung schneiden knappe Stichkappen ein. Die Decke schmückt eine Kassettierung mit ganz dünnen Stuckrahmungen in geradlinigen Formen. Die zarte Rosatönung der Felder ist die einzige Farbe des ausschließlich in Weiß gefassten Raumes. Diese Farbgebung verleiht dem Raum eine besondere Strenge. Bemerkenswert ist der Nachhall gotischer Elemente beim Chor in Verbindung mit barocken Formen bei den übrigen Teilen. War es die Einlösung des erzbischöflichen Auftrags, der eine Kirche mit althergebrachten Würdeformen forderte? Jedenfalls blieb alles Neue ausgeschlossen.

Die Rokokofiguren … sind aus Holz geschnitzt. Die Polierweißfassung verleiht ihnen eine glänzende Oberfläche, die wie Porzellan erscheint. Die hll. Petrus und Paulus … und die hll. Cäcilie und Anastasia … wurden vom selben Meister um 1760 geschaffen. Die Skulpturen dienten sicherlich als flankierende Figuren von Seitenaltären. Dies erkennt man schon daran, dass Petrus und Paulus aufeinander bezogen sind ... Die Skulpturen sind von einem geübten Meister geschaffen worden und gehören zu den qualitätsvollsten Rokokofiguren in unserem Gebiet. Durch eine Schenkung gelangten sie in die Seminarkapelle, die erst 1929 geweiht wurde. Leider war ihre Herkunft in den Akten des Stadt- und Pfarrarchivs Traunstein nicht ausfindig zu machen. (Sie) bilden ausgereifte Beispiele für die Technik der Polierweißfassung. Diese Erscheinung wird erzielt durch den Auftrag von Bleiweiß auf den Kreidegrund. Der porzellanartige Glanz der Oberfläche entsteht durch Polieren mit einem Achatstein. Die vergoldeten Partien wurden vorher in einem separaten Arbeitsgang angebracht.

Der Hochaltar in der Kapelle … stammt aus der Schlosskapelle in Hohenaschau und gelangte 1929 als Schenkung nach Traunstein. Der Altar ist an der Predella 1668 datiert. Da (er) sehr hoch ist, wurden beim Bau der Kapelle die Maße eigens berücksichtigt. Der Altar ist braun marmoriert, die in Relief aufgelegten Ornamente sind vergoldet. Lediglich die Säulen sind blau grundiert und mit geometrischen Weinreben verziert. Die seitlichen Ränder laufen wellenförmig aus und sind mit Ranken versehen. Am Gebälk befinden sich zwei Fruchtgebinde, der Auszug gliedert sich in einen Mittelteil mit einem Gemälde, Pilastern mit Schuppenmotiven, einem mit Wappen versehenen Aufsatz (links das Wappen der Preysings) und einem gesprengten Giebel in Volutenform. Das Altargemälde mit der Beweinung Christi ist sicher nicht ursprünglich, was man auch an dem strengen Rahmen erkennt, der wie ein Fremdkörper wirkt. Auch die Mensa und (vermutlich) der Tabernakel sind später hinzugekommen. Am Antependium sind die Evangelistensymbole in Relief gearbeitet, der neubarocke Tabernakel ist aus Silber, vergoldet und reich mit Ähren und Trauben verziert, oben erscheint das Lamm Gottes.«

Schon am 1. November 1928 war Dr. Johannes Evangelist Mair zum Direktor des Studienseminars, das zu diesem Zeitpunkt noch im Kurhaus seine provisorische Heimstätte hatte, ernannt worden. Er sollte sein Amt bis zum 31. August 1956 ausüben. Seinen warmherzigen Dankesbrief an Bürgermeister und Stadtrat schloss er mit den Worten: »Die Seminardirektion wird es sich zu einem Anliegen machen, die berechtigten Hoffnungen der Stadt nach Kräften zu erfüllen.«

Zumindest eine berechtigte Hoffnung erfüllte sich schon nach wenigen Jahren. Am 26. Januar 1934 erhob man das seit 1901 bestehende Progymnasium, an dem man nur die ersten sechs Klassen absolvieren konnte (um mit dem Abitur abzuschließen, war es daher notwendig, Schule und Ort zu wechseln) zur Vollanstalt unter der Bezeichnung »Humanistisches Gymnasium Traunstein«. Dieses seit Jahrzehnten erklärte Ziel Traunsteiner Schulpolitik erreicht zu haben, war mehr als verdient, denn: In den 1920er Jahren stand man bezüglich der Schülerzahlen unter den Progymnasien Bayerns mit Abstand an erster Stelle und übertraf dabei noch einige Vollgymnasien, unter anderem Ingolstadt und Rosenheim. Entscheidend für die so wichtige Aufwertung allerdings waren nicht Zahlen und Fakten, sondern ein Machtwort Faulhabers: »Ich habe bei der Gründung meines Seminars in Traunstein als selbstverständlich vorausgesetzt, daß Traunstein ein Vollgymnasium erhalten werde. Ich denke nicht daran, meine Studenten vor dem Absolutorium von Traunstein wegzunehmen und wünsche, daß sie in Traunstein ihre humanistischen Studien vollenden!« Der Kardinal war eben eine uneingeschränkte Autorität; es war »sein« Seminar, es waren »seine« Studenten, und seinem Wort hatte sich auch 1934 noch selbst das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus zu beugen.

FH

Teil 1: Siehe Chiemgau-Blätter Nr. 29/2004

Quellen:
Stadtarchiv Traunstein, Akt 250/3: »Errichtung eines Erzbischöflichen Seminars in Traunstein 1927-1929«; Pfarrarchiv St. Oswald, A VII 102: »Erzbischöfliches Studienseminar Traunstein 1926-1928«; Notariatsurkunde Nr. 893 im Bestand der städtischen Liegenschaftsverwaltung; Traunsteiner Wochenblatt 1927-1929; Traunsteiner Tagblatt 1927-1929.
Anmerkungen:
Peter Pfister, Zur Ausstellung (Vorwort zur Ausstellung des Archivs des Erzbistums München-Freising, des Bayerischen Hauptstaatsarchivs und des Staatsarchivs München über Kardinal Michael von Faulhaber zum 50. Todestag), in: Ausstellungskatalog Nr. 44 des Staatlichen Archiv Bayerns, S. 13-16, bes. S. 15.
Das Kurhaus blieb zunächst Eigentum der Niederbronner Schwestern (Schwestern des Allerheiligsten Heilandes aus dem Mutterhaus in Niederbronn), die es 1917 aus Privatbesitz angekauft hatten. Später erwarb es die »Deutsche Heilpraktikerschaft e.V. München«; es fand u.a. als Erholungsheim und Lazarett der Waffen-SS Verwendung. Heute ist das Gebäude im Besitz der Stadt Traunstein (Alfred Staller: Als Traunstein eine Kurstadt war, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 1997, S. 98-123.
Julius Bittmann, Südostbayerisches Porträt – Rudolf Hindringer, in: Chiemgaublätter 1989, Nr. 40, und Nachruf im Traunsteiner Tagblatt 47, Nr. 201 v. 2. September 1932, S. 9.
Es lagen Angebote von sechs Firmen vor, deren maximale Abweichung sich in einem Bereich von weniger als 20.000 Reichsmark bewegte: Hermann Giepner (Kippner), 695.828 RM; Franz Eichstätter, 695.226 RM; Eduard Perktold (Berchtold), 695.125 RM, alle Traunstein; Max Jung, München, 690.681 RM; Nikolaus Fleidl, Grassau, 689.844 RM; Georg Berlinger, München, 678.547 RM (laut Protokoll der Bauausschusssitzung vom 3. April 1928, geführt von Hindringer, unterzeichnet von Faulhaber; Pfarrarchiv St. Oswald, A VII 102).
Georg Berlinger sen. war lange Zeit Leiter des Baureferats des erzbischöflichen Ordinariats. Von ihm stammen u.a. Haar, Pfarrkirche St. Konrad von Parzham 1932, Weißenstadt bei Wunsiedl, Maria Immaculata 1934, Schweitenkirchen bei Pfaffenhofen, St. Josef 1936 (nach Herbert Weiermann, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd. VI, Kunstgeschichtliche Denkmäler von der Renaissance bis zur Gegenwart, S. 88, Anm. 146.)
Gemäß einer am 1. Mai 1929 von der Stadtverwaltung durchgeführten Erhebung der am Seminarbau beteiligten Firmen beschäftigte die Firma Berlinger zu diesem Zeitpunkt »19 hiesige u. 15 auswärtige Hilfsarbeiter, 6 hiesige u. 19 auswärtige Maurer, davon 11 aus München u. 8 aus der Umgebung von Traunstein, (die) Fa. Eichstätter 9 hiesige Bauarbeiter«. 101 Personen, davon 43 aus Traunstein, waren insgesamt am Bau.
Zum Beispiel findet sich im Traunsteiner Wochenblatt kein Bericht über die Hebfeier!
Heimatbuch wie Anm. 6, S. 88, 239 u. 293.
Die Angaben zur Traunsteiner Schulgeschichte entstammen einem unveröffentlichten Manuskript des Autors (»Ein Stück Traunsteiner Schulgeschichte – Das Gebäude der heutigen Musikschule).«



30/2005