Jahrgang 2004 Nummer 29

Seit 75 Jahren gibt es das Studienseminar St. Michael

Es wurde zur »Weckung neuer Priesterberufe« erbaut – Teil I

Ansicht des Neubaus kurz vor der Einweihung.

Ansicht des Neubaus kurz vor der Einweihung.
Der Kardinal bei der Grundsteinlegung am 11. Juli 1928.

Der Kardinal bei der Grundsteinlegung am 11. Juli 1928.
»Ich begrüße von mir aus und, wie ich sicher voraussetzen darf, im Namen des Stadtrates das Projekt eines erzb(ischöflichen) Seminarbaus in Traunstein, und zwar aus ideellen und wirtschaftlichen Gründen: aus ideellen Gründen, weil durch ein Seminar Traunstein noch mehr der geistige und kulturelle Mittelpunkt des Chiemgaus wird; aus wirtschaftlichen Gründen, weil das Seminar seine günstige Rückwirkung auf den Konsum der Stadt äußern wird und weil dadurch der Wegfall der von der Stadt für das Progymnasium zu zahlenden Jahresquote sowie der schrittweise Ausbau des Progymnasiums in ein Vollgymnasium in begründeter guter Aussicht steht. Aus diesen Gründen wird die Stadt den Seminarbau mit dem größten Entgegenkommen begleiten; für den Fall, dass die Wahl des Bauplatzes auf ein städtisches Grundstück fällt, werde ich die kostenlose Abtretung desselben nach bester Möglichkeit im Stadtrat vertreten; bei der Wahl eines nichtstädtischen Gründstückes werde ich, obwohl dies weit schwieriger zu erreichen sein wird, für einen Zuschuss der Stadt zum Grundstückkauf eintreten. Ebenso werde ich mich für eine etwa notwendige Kanalisation des betreffenden Gründstückes durch die Stadt, für die Überlassung eines Spielplatzanteiles und andere Erfordernisse zum Gelingen des großen Werkes einsetzen…« Soweit äußert sich Bürgermeister Dr. Georg Vonficht am 22. Juli 1927 gegenüber Domkapitular Dr. Rudolf Hindringer in einer »ersten Fühlungnahme« betreffend die »Errichtung eines neuen Diözesanseminars« in Traunstein. Was aber waren die Beweggründe, und wer stand hinter diesem ehrgeizigen Projekt?

Kardinal Michael von Faulhaber, der geistige Vater des Seminars

»Die Zahl der Priesterberufe ist seit dem Kriege [1. Weltkrieg; Anm. d. Verf.], besonders in landwirtschaftlichen Kreisen, stark zurückgegangen, und heute leiden wir unter einem Priestermangel, der da und dort für die Seelsorge einen schweren Schlag, an einigen Orten eine Katastrophe bedeutet. Die Ernte ist groß und wird immer größer, aber die Zahl der Arbeiter ist nicht im gleichen Verhältnis gewachsen, während die anderen akademischen Berufe überfüllt sind. Die letzten Jahre haben im Durchschnitt nur einen Jahreszugang von 35 Neupriestern gebracht, während der Jahresbedarf im Durchschnitt 50 Neupriester erfordern würde. Am Tage der letzten Priesterweihe lagen auf dem Tisch der oberhirtlichen Stelle 55 Gesuche um Kooperatoren, während nur 31 Neupriester am Weihealter standen.

Diese wachsende Priesternot hat mich zu dem Entschlusse gedrängt, das Übel an der Wurzel zu heilen und in dem katholischen Chiemgau ein neues Studienseminar zur Weckung neuer Priesterberufe zu erbauen. Dieses Studienseminar im Südosten der Diözese, auf dem ältesten katholischen Kulturboden von Oberbayern, soll die beiden anderen Studienseminare in Freising und Scheyern im Nordwesten der Diözese ergänzen und einer neuen Schar von frommen und gesunden, geistig gut veranlagten und sittlich erprobten Knaben für die Studienjahre am Gymnasium ein zweites Vaterhaus werden.« Diese Worte entstammen der Feder des damaligen Erzbischofs von München und Freising, Kardinal Michael von Faulhaber, und wurden in einem »Oberhirtlichen Aufruf zu einer Sammlung für das Traunsteiner Seminar« im November 1928 veröffentlicht.

Kardinal Michael von Faulhaber (5. März 1869 - 12. Juni 1952) gilt als einer der markantesten Vertreter des deutschen Episkopats in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 35 Jahre lang (1917-1952) amtierte er als Erzbischof von München und Freising. Der Spannungsbogen seines Wirkens reicht von Predigten im 1. Weltkrieg, in denen er für die »gerechte Sache« der Deutschen eintrat, bis zur Mitarbeit an der Enzyklika Papst Pius’ XII. »Mit brennender Sorge« gegen die Bedrängung der katholischen Kirche im 3. Reich. Anlässlich seines 50. Todestags am 12. Juni 2002 öffnete Kardinal Friedrich Wetter seinen gesamten Nachlass uneingeschränkt für Wissenschaft, Forschung und interessierte Öffentlichkeit. Begleitend dazu erlaubte eine facettenreiche Ausstellung in den Räumen des Bayerischen Hauptstaatsarchivs erste Einblicke in originale Dokumente. »Als der Kardinal die Münchner Ehrenbürgerwürde verliehen bekam, fand dies nicht nur Zustimmung, sondern stieß auch auf Kritik. Seitdem erscheint Faulhaber als eine Person im Widerspruch. Das Spektrum reicht von unumschränkter Bewunderung – bis zu seinem Tod galt er vielen als ungekrönter König und einziger Halt in den Umbrüchen der Zeit von 1917 bis 1945 – über grundsätzlich kritische Auseinandersetzung – vor allem im Hinblick auf seine kirchenpolitischen Aktivitäten – bis hin zu radikaler Ablehnung und scharfer Polemik. Seiner Person gerecht zu werden bleibt Aufgabe der Forschung.«

Ein zentrales Anliegen Faulhabers war mit Sicherheit die Bewahrung des Wesens der katholischen Kirche und ihres Einflusses auf die Gestaltung des öffentlichen und privaten Lebens, und in diesem Zusammenhang ist auch sein Engagement für das Traunsteiner Seminar zu sehen, das in erster Linie einem drohenden Priestermangel abhelfen sollte. Diesen Sinn erkannte auch ein zeitgenössischer Leser vorzitierten Aufrufs vom November 1928, auf dem er folgerichtig handschriftlich vermerkte: »Also (sind) mindestens 15 Traunsteiner Absolventen notwendig, die Theologie studieren!«

Prälat Rudolf Hindringer – der Mann vor Ort

Einen ersten Anlauf hatte Faulhaber schon 1926 unternommen, als er vom geplanten Verkauf des Kurhauses am Klosterberg erfuhr, das sich im Besitz der Niederbronner Schwestern befand. In einem Schreiben an den Traunsteiner Stadtpfarrer Joseph Stelzle legte er dar, dass »die Stadt auch bereit wäre, für eine anderweitige Unterkunft der Schulen der Englischen Fräulein Sorge zu tragen, so dass also sich die seltene Gelegenheit bietet, den ganzen Komplex des alten Kapuzinerklosters wieder in klösterliche Hände zu bekommen.« 120 Jahre nach der Säkularisation des Kapuzinerklosters sollte erneut ein Männerorden auf dem Areal angesiedelt werden, und bei dessen Auswahl »müssen wir nicht bloß darauf sehen, dass sie als Seelsorger ... uns gute Dienste leisten und für Traunstein nach einer vereinbarten Gottesdienstordnung die Errichtung einer zweiten Pfarrei uns auf Jahre hinaus ersparen, sondern auch darauf, dass sie, im jetzigen Haus der Englischen Fräulein wohnend, das bisherige Kurhaus zu einem Internat für Mittelschulstudenten einzurichten und zu führen fähig sind. Auf diese Weise würde Traunstein bald ein Vollgymnasium erhalten, das Unternehmen also auch für die Stadt eine geschäftliche und gemeindepolitische Bedeutung erhalten, und es wäre zu hoffen, dass aus den rein katholischen Dörfern des Chiemgaus mehr Kandidaten der Theologie zu gewinnen wären.«

Während sich die Pläne um das vormalige Kurhaus nicht weiter konkretisierten, nahmen die eingangs zitierten Überlegungen zum Neubau eines Seminars rasch Gestalt an. Faulhaber übertrug die Verhandlungen und Geschäfte vor Ort besagtem Rudolf Hindringer, dem es »wahrhaft eine Freude und ein Vorzug war, an einem so schönen Werke mitwirken zu können, wie es der Studienseminarbau Traunstein ist«.

Seine herausragende Rolle in diesem Zusammenhang rechtfertigt ein kurzes Porträt seiner Persönlichkeit. Der gebürtige Traunsteiner (4. Juli 1880) hatte sich nach dem Besuch des Gymnasiums in Landshut zum Studium der Theologie entschlossen. Im Anschluss an seine Priesterweihe am 26. Juni 1904 war er zunächst Kooperator und Benefiziat in Garmisch. 1915 erwarb er den Doktortitel an der katholisch-theologischen Fakultät Straßburg bei dem Kirchenrechtler August Knecht, dessen bedeutendster Schüler Hindringer war. Seine Berufung zum Domvikar in München durch Kardinal Faulhaber 1921 war Ausgangspunkt einer glänzenden klerikalen Karriere. 1923 folgte er dem Ruf nach Rom an den kirchlichen Gerichtshof, wo bis 1925 als Rotaauditor amtierte, erster Bayer überhaupt in dieser Position. Zugleich wurde er in den Prälatenstand erhoben. Zurück in München bekleidete er ab 1. Januar 1926 die Stelle eines Erzbischöflichen Sekretärs, wurde 1927 Domkapitular und 1929 Erzbischöflicher Offizial. Die Ernennung zum Generalvikar der Erzdiözese München-Freising am 1. Juli 1931 als Nachfolger von Prälat Mathias Dunstmair, 1902 bis 1911 Traunsteiner Stadtpfarrer und Ehrenbürger der Stadt, krönte seine Laufbahn. Ein Jahr später, am 1. September 1932, verschied Rudolf Hindringer im Alter von 52 Jahren. Neben seinem bevorzugtem wissenschaftlichen Interessengebiet, dem Schulrecht, galt seine Liebe der Heimatforschung. Sein Buch »Weiheroß und Roßweihe«, dessen Erscheinen er nicht mehr erlebte, wurde zum volkskundlichen Standardwerk.

In Zusammenarbeit mit Bürgermeister Vonficht und unterstützt von Dr. Johannes Baptist Schauer, Domkapitular, Seminarreferent und ab 1928 auch Weihbischof der Erzdiözese, gelang es Hindringer rasch, ein geeignetes Grundstück ausfindig zu machen. Unter mehreren Optionen wählte man einen Bauplatz auf dem Plateau der Wartberghöhe nahe der so genannten Blitzkapelle nördlich des Weges nach Haslach, der sich im Eigentum der Pfarrkirchenstiftung St. Oswald sowie der Pfarrpfründe Traunstein befand. Ausschlaggebend waren sowohl die »freie und luftige Lage und die Möglichkeit allseitigen Lichteinfalls und der Anlage von geräumigen Spielplätzen« als auch die Tatsache, dass »die Entfernung vom Schulgebäude des Progymnasiums und zu den schönen Spaziergängen im Bürgerwalde, Trauntal, Hochberg usw. sowie auch zum städt(ischen) Schwimmbad und Jugendspielplatz eine kürzere ist«.

Die Stadt erklärte sich bereit, Pfründe und Kirchenstiftung mit – nach einem Schätzgutachten wertgleichen – Grundstücken in Neu-Traunstein zu entschädigen und die Kosten der Beurkundung zu übernehmen. Darüber hinaus verpflichtete sie sich, »den Haslacher Weg von der Blitzkapelle entlang dem Bauareale als ordnungsmäßige Straße auf städt. Kosten auszubauen, die städt. Kanalisation bis zum Revisionsschacht am Hause, die städt. Gas- und Wasserleitung bis zum Messer im Hause und die städt. elektr(ische) Leitung (mit Kraft) bis zum Baugrundstücke auf städt. Kosten zu verlängern.« Dies waren erhebliche Vorleistungen, doch: »Dass natürlich für die Stadtgemeinde einmalige Unkosten erwachsen, darf weiter nicht wundernehmen; weiß man doch vom Hörensagen, dass andere interessierte Orte freiwillige Leistungen übernommen hätten, die in die Hunderttausende gingen, um die Anstalt für ihren Stadtbereich zu sichern.« So bewertet das Traunsteiner Wochenblatt in einem ersten Vorbericht am 24. August 1927 das Bemühen um die Errichtung des Seminars und stellt auch gleich die Vorteile heraus: »Neben dem nicht zu verkennenden kulturellen Wert fällt insbesondere die wirtschaftliche Seite sehr ins Gewicht. Die durch das Unternehmen zu schaffende Arbeitsgelegenheit wird gerade bei den hier bestehenden Verhältnissen sehr willkommen sein, während der Betrieb nach Fertigstellung und Eröffnung neue Beziehungen zu unseren hiesigen leistungsfähigen Geschäften aller Art anzuknüpfen in der Lage sein wird. Dass aber letzten Endes auch die hiesigen Mittelschulen durch das neue Unternehmen gewinnen, dürfte nicht von der Hand zu weisen sein.«

Die erforderliche notarielle Verbriefung erfolgte mit Urkunde vom 18. Oktober 1927. Zwei Tage später stattete Kardinal Faulhaber, von Bad Adelholzen kommend, den Örtlichkeiten einen ersten persönlichen Besuch ab, begleitet von Domkapitular Hindringer und – auf eigenen Wunsch – nur von Stadtpfarrer Stelzle an der Blitzkapelle erwartet, denn »die Besichtigung sollte lediglich der persönlichen Information Sr. Eminenz dienen.

Gott zur Ehr, dem Glauben zur Wehr

Schon am 10. April 1928 erfolgte der erste Spatenstich, und am 11. Juli desselben Jahres nahm Kardinal Faulhaber persönlich die »Grundsteinweihe zur Hauskapelle und zum Studienseminar auf der Wartberghöhe« vor. Zahlreiche Ehrengäste – darunter die Geistlichkeit der Erzdiözese, der Klerus der Stadt und der Umgebung, Bürgermeister und Stadtrat, das Professorenkollegium des Progymnasiums und die Oberin der Englischen Fräulein –, viele Honoratioren sowie eine Vielzahl von Andächtigen wohnten der Feier bei. »Auch die 22 Studenten, die als erste in das neue Seminar einziehen sollen und die jetzt noch im Kurhause untergebracht sind, nahmen mit ihrem Präfekten an der Weihe ihres zukünftigen Heimes teil.«

»Es ist kein anderer Grundstein gelegt als in Jesus Christus.« Mit diesen Wort der Heiligen Schrift begleitete Kardinal Faulhaber seine drei Hammerschläge, während Geistlicher Rat und Stadtpfarrer Joseph Stelzle den Segenswunsch »Gott zur Ehr, dem Glauben zur Wehr, der Kirche Gottes, unserer lieben Stadt Traunstein und dem schönen Heimatgau zum Segen« darbot. Bürgermeister Georg Vonficht begleitete die Zeremonie mit einer kurzen Ansprache: »Traunsteins Bürgerschaft nimmt in tiefer Ergriffenheit und mit großer innerer Freude an dem feierlichen Weiheakte der Grundsteinlegung Anteil und bucht den heutigen Tag als einen bedeutungsvollen Ehrentag in der Geschichte ihrer Stadt.«

»Das kirchliche Ritual der Grundsteinlegung schreibt dem Bischof vor, einige Wort der Erinnerung an die Teilnehmer der Feier zu richten«, und Kardinal Michael von Faulhaber legte diesen Worten der Erinnerung den Palmvers zugrunde: »Wenn der Herr das Haus nicht baut, plagen sich die Bauleute umsonst; wenn der Herr die Stadt nicht bewacht, wachet ihr Wächter umsonst«. Noch einmal ging er dabei auf den derzeitigen Priestermangel innerhalb der Diözese ein und hob zudem eindringlich den Stellenwert des Glaubens für die Gesellschaft hervor: »Eine Michaelskirche soll es werden, eine Kirche, die dem Erzengel geweiht, der der Träger unserer Kirche, der der Schutzherr des deutschen Volkes in den Zeiten des Glaubens war; diesem heiligen Erzengel soll die Kirche geweiht sein, damit von dieser Stätte geistliche Führer des Volkes hervorgehen…« Dem geweihten Grundstein aus Ruhpoldinger Marmor, der in die Mauer zwischen Hauskapelle und Turm eingefügt wurde, legte man »zum ewigen Gedächtnis« eine Urkunde bei. Da der Erzbischof bereits am nächsten Tag den Festgottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum des Freisinger Gymnasiums zu zelebrieren hatte, wurde auf eine Feier im Anschluss bewusst verzichtet.

Nach Maßgabe der Angebote und Leistungsfähigkeit

»Der Tag wird in der Geschichtschronik unserer lieben Heimat als eine goldene Seite eingetragen werden.« So schloss das Traunsteiner Wochenblatt seinen Bericht über die Feierlichkeiten. Freude, so möchte man meinen, herrschte allenthalben über den Bau des Seminars in Traunstein, das die schulische Infrastruktur der Stadt maßgeblich verbessern, den heimischen Firmen Aufträge und damit der Bevölkerung Arbeitsplätze verschaffen sollte. Doch genau in diesem Punkt kam es im Vorfeld zu einem massiven Konflikt. Was war geschehen?

»Soeben erfährt die Vorstandschaft des unterzeichneten Vereines von ganz zuverlässiger Seite, dass die Erd-, Beton-, Eisenbeton-, Maurer- und Verputzarbeiten zu dem zu errichtenden Knabenseminar an eine Münchner Baufirma übertragen werden sollen. Wir beeilen uns sofort, an den verehr(lichen) Stadtrat die höfliche Anfrage zu richten, inwieweit diese Angaben auf Wahrheit beruhen. Es wurde uns gerade von Seiten des Stadtrates damals die Zusicherung gegeben, dass das erzbischöfliche Ordinariat München das Versprechen abgegeben haben sollte, sämtliche anfallenden Arbeiten für diesen erstehenden Neubau ortsansässigen Firmen zu übertragen. Sollte sich jedoch dieses Versprechen nicht bewahrheiten, so weisen wir heute schon darauf hin, dass dieser Schritt, den das erzb(ischöfliche) Ordinariat zu unternehmen gedenkt ... Missstimmung bei der ganzen Bevölkerung Traunsteins, ja sogar der Umgebung hervorrufen wird, dessen kann der Stadtrat versichert sein. Wir ersuchen deshalb den verehr(lichen) Stadtrat eindringlich und unverzüglichst, sich mit dem erzb(ischöflichen) Ordinariat ins Benehmen setzen zu wollen dahingehend, dass das erzb(ischöfliche) Ordinariat seinem Versprechen, das es gegeben hat, unter allen Umständen treu bleibe.«

Diese ungewöhnlich scharf formulierten Zeilen richtete der Vorsitzende des Allgemeinen Gewerbevereins Traunstein, Alois Schnitzer, namens der gesamten Vorstandschaft am 30. März 1928 an den »verehrlichen Stadtrat«. Die Häufung der (vom Verfasser korrigierten) Tippfehler verrät neben den deutlichen Worten die – scheinbar berechtigte – Erregung des Verfassers. Denn tatsächlich hatte das Ratsgremium in seinem bereits zitierten Grundsatzbeschluss vom 11. August 1927 deutlich gemacht, man dürfte »wohl angesichts der Leistungen der Stadtgemeinde für das Unternehmen ... den gepflogenen Vorbesprechungen gemäß annehmen, dass bei Erstellung und Einrichtung des Hauses das leistungsfähige einheimische Baugewerbe Traunsteins tunlichst weitgehende Berücksichtigung finden wird, ebenso, wie auch die einheimischen Geschäfte bei der späteren Bewirtschaftung der Anstalt.« Und das Ordinariat hatte wenige Tage später auch eine »weitgehende Berücksichtigung des einheimischen Baugewerbes und späterhin der dortigen Geschäftswelt ... nach Maßgabe der Angebote und Leistungsfähigkeit gerne zugesichert.

Nach Maßgabe der Angebote und Leistungsfähigkeit – in diesem unscheinbaren Zusatz lag »die Wurzel allen Übels«, denn er ließ den Verantwortungsträgern des Ordinariats ungeachtet aller sonstigen Zusicherungen mehr oder weniger freie Hand, und der »Bauausschuss für den Seminarbau in Traunstein« wusste diese Möglichkeit zu nutzen: In seiner Sitzung am 3. April 1928 vergab er unter dem Vorsitz von Kardinal Faulhaber persönlich die vorab aufgeführten Erd- und sonstigen Arbeiten und damit mehr als die Hälfte der gesamten Bausumme an die Münchner Firma Georg Berlinger, die auch das kostengünstigste Angebot abgegeben hatte. Als Architekt erarbeitete Georg Berlinger sen. auch die Pläne für den Bau. Die Entscheidung war mit Mehrheitsbeschluss von sieben gegen drei Stimmen gefallen, und vor allem Stadtpfarrer Stelzle, der als einziger Traunsteiner Vertreter dem Ausschuss angehörte, hatte »sich mit großem Nachdrucke für die ortsansässigen Firmen Traunsteins eingesetzt. Wenn trotzdem die Wahl auf Berlinger fiel, so geschah dies in der Erwägung, dass Herr Berlinger sich dem Bauausschuss gegenüber schriftlich verpflichtete, nicht bloß die Arbeitskräfte aus Traunstein und Umgebung zu nehmen, soweit er nicht für die komplizierten Eisenbeton- und andere Spezialarbeiten fachlich gebildete Arbeiter braucht, sondern auch erklärte, mit den Traunsteiner Firmen in Verhandlungen zu treten und ihnen Teilausführungen in Auftrag zu geben und für die Beschaffung der Baumaterialien den örtlichen Handel in weitestgehendem Maße heranzuziehen.

Für die Beschlussfassung war schließlich entscheidend, dass von Traunsteiner Seite selbst erklärt worden war, die dortigen Firmen seien nicht im Stande, die großen Eisenbetonarbeiten auszuführen, da ihnen die modernen Maschinen nicht zur Verfügung stünden, und sie zu diesem Zwecke doch mit einer auswärtigen Firma in Verbindung treten müssten.«

»Dass die Traunsteiner Baufirmen nicht in der Lage wären, einen solchen Neubau ... zur Ausführung bringen zu können«, diesem Vorwurf begegnete der Gewerbeverein entschieden, und wiederum lassen die Ausführungen seines Vorsitzenden an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig; der Ton seines Schreibens an das Ordinariat kann nicht anders als mit »geharnischt« charakterisiert werden: »Um die Erregung des hiesigen, am Neubau stark interessierten Bauhandwerks beruhigen zu können, glaubt die unterfertigte Vorstandschaft das dringendste Ersuchen stellen zu müssen, dass die Vergebung der weiteren Arbeiten, seien es nun Zimmerer-, Schlosser-, Spengler-, Schreiner-, Malerarbeiten usw., restlos und zwar direkt den Traunsteiner Firmen zugeteilt werden. Ebenso dürfen wir dringendst ersuchen, die nun jetzt anfallenden Arbeiten baldmöglichst in Auftrag geben zu wollen. Unterfertigte Vorstandschaft erachtet es als seine Pflicht, das erzbischöfliche Ordinariat darauf hinzuweisen, dass, falls weitere Arbeiten zu den Neubau auswärtigen Firmen übertragen werden, die bestehende Erregung bei der ganzen Einwohnerschaft Traunstein(s) und seiner Umgebung sich in ganz unangenehmer Weise auswirken könnte.

Weitaus schwerer allerdings wog die Tatsache, dass die Firma Berlinger scheinbar schon vor der offiziellen Bekanntgabe des Ergebnisses der entscheidenden Sitzung am 3. April 1928 den Zuschlag erhalten hatte. Der Gewerbeverein wusste ja (siehe oben) »von ganz zuverlässiger Seite« bereits am 30. März Bescheid, und auch das Traunsteiner Wochenblatt ließ seine Leser schon am 2. April in einem Bericht über die Umbauarbeiten im Kurhaus Adelholzen wissen: »Die Bauausführung [in Adelholzen; Anm. d. Verf.] liegt in den Händen der Firma Berlinger, Berg am Laim, der auch der Bau des Seminars in Traunstein übertragen wurde.«

Die Aufregung erreichte ihren Höhepunkt, als ebenfalls noch am 2. April schweres Gerät der Firma Berlinger am Bahnhof Traunstein eintraf. Bürgermeister Vonficht wurde von diesem Vorgang überrascht, als er gerade ein Schreiben an Stadtpfarrer Stelzle und Domkapitular Hindringer verfasste mit der Bitte »um Eintreten für eine Berücksichtigung hiesiger Baumeister« bei der Sitzung am darauf folgenden Tag: »Eben bei Abschluss meines Briefes wurde mir telefonisch mitgeteilt, dass die Maschinen der Firma Berlinger bereits am Bahnhofe Traunstein eingetroffen sind. Darüber bin ich allerdings zunächst sprachlos, warte jedoch zunächst noch ruhig und vertrauensvoll den Ausgang der morgigen Sitzung des Ordinariats ab.« Des Bürgermeisters Vertrauen sollte bekanntlich enttäuscht werden!

Ausführlich berichtete das Traunsteiner Wochenblatt über die »Arbeitsvergebung des Seminarbaues«, und nur mühsam gelang es Vonficht, die hoch aufschäumenden Wogen zu glätten: »…dass wir hier nicht Gegenstimmung machen dürfen, denn es muss daran erinnert werden, welche große Mühe es gekostet hat, die Errichtung des Knabenseminars überhaupt für Traunstein zu sichern. Und dann sei immer daran zu denken, dass ... wirklich ein großer wirtschaftlicher Nutzen für Traunstein entspringe. Die Zahl der Schüler am hiesigen Gymnasium werde sich vermehren dass die Möglichkeit eines Vollgymnasiums in den Bereich der Wirklichkeit rücke.« Berlinger wiederum erklärte, »dass er diese Maschinen auf eigenes Risiko nach Traunstein hatte kommen lassen, da er der sicheren Überzeugung war, dass er die Arbeiten erhält, weil er den Preis so niedrig kalkuliert hatte, dass keine andere Firma mit diesem Preis Schritt halten könne«. Die Glaubwürdigkeit einer solchen Aussage zu beurteilen bleibt jedem Leser selbst überlassen, die »Gerüchte, dass die ganze Sache nicht mit rechten Dingen zuging«, konnte der Münchner Unternehmer damit sicher nicht aus der Welt schaffen.

Letztendlich blieb dem Stadtrat nichts anderes über, als den Beschluss zur Kenntnis zu nehmen, auf die darin enthaltenen neuerlichen Versprechungen für Traunstein (Vergabe der weiteren Arbeiten etc.) zu hoffen und »denjenigen Mitgliedern des Bauausschusses, welche für eine direkte Übertragung der Arbeiten an hiesige Baufirmen eingetreten sind, d(as) i(st) Herrn Generalvikar Prälat Dunstmair, Herrn Prälat Domkapitular Dr. Hindringer sowie Herrn Geist(lichen) Rat Stadtpfarrer Stelzle den besten Dank für ihre Bemühungen auszusprechen.«

Inwieweit Berlinger seine Zusage einhielt, mehrheitlich auf lokale Arbeitskräfte zurückzugreifen, kann nicht näher untersucht werden. Dass auch bei den weiteren Arbeiten nicht ausschließlich lokale Firmen herangezogen wurden, lässt sich anhand der vorhandenen Unterlagen ersehen. Allerdings nennt ein Artikel des Traunsteiner Tagblatts eine Vielzahl von Handwerksbetrieben aus Traunstein und Umgebung, die »am Bau und der inneren Einrichtung beteiligt« waren. Detaillierte Untersuchungen, die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden, wären hier sicher notwendig. Folgendes Fazit zu diesem Kapitel kann dennoch gezogen werden: Der Arbeitsmarkt und die Wirtschaft der Stadt wurden belebt, die hohen Erwartungen vor allem der heimischen Baufirmen dabei allerdings nicht ganz erfüllt.

FH

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 30/2004



29/2004