Jahrgang 2002 Nummer 20

Seit 1912 mit der Zahnradbahn auf den Wendelstein

Am Samstag, dem 25. Mai, feiert die Zahnradbahn ihr 90-jähriges Bestehen

Beim Bau der Zahnradbahn auf den Wendelstein

Beim Bau der Zahnradbahn auf den Wendelstein
Seit 1912 erklimmt die Zahnradbahn den Wendelstein

Seit 1912 erklimmt die Zahnradbahn den Wendelstein
Die Brannenburger staunten nicht schlecht, als im Mai 1912 die erste Zahnradbahn den Wendelstein hinaufpreschte. So was kann doch nicht gut gehen, dachten damals viele, als die Bahn in atemberaubendem Tempo von 10 Stundenkilometern an ihnen vorbeibrauste.

Und es ging doch gut. Über 75 Jahre lang fuhren die alten Lokomotiven und Wagen bergauf und bergab. Erst 1991 wurden die Garnituren aus der Gründerzeit durch neue, schnellere und modernere Doppeltriebwagen ersetzt. Heute ist der Wendelstein ohne seine Zahnradbahn gar nicht mehr vorstellbar.

Dabei war um die Jahrhundertwende noch gar nicht klar, von wo aus die Bahn den Wendelstein erklimmen sollte. Mehrere Talstationen waren ernsthaft im Gespräch. So sah eine der Planungen vor, dass eine Bahn von Bad Aibling nach Bad Feilnbach und dann weiter über das Jenbachtal zum Wendelstein führen sollte. Zwar wurde die Strecke nach Feilnbach gebaut, doch zur weiteren Verwirklichung sollte es nicht kommen.

Der Industrielle und Wahl-Brannenburger, Otto von Steinbeis, hatte den kühnsten Plan und die beste Durchsetzungskraft. Er schaffte es, von Prinzregent Luitpold die Konzession für den Bau zu erhalten, und in nur zwei Jahren bauten seine 800 Arbeiter die damals noch 9,95 km lange Strecke von Brannenburg auf den Wendelstein. 35 000 kg Sprengstoff wurden verbraucht, bis die sieben Tunnels, acht Galerien, zwölf Brücken und zahlreiche Stützmauern fertig gestellt waren. Die „Großbaustelle“ muss enorm effektiv gewesen sein. Allerdings waren die Arbeitsbedingen auch nicht mit heute zu vergleichen. Untergebracht in kargen Holzhütten schufteten die vorwiegend ausländischen Arbeiter aus Bosnien und Dalmatien sieben Tage die Woche von früh bis spät. Neben dem Lohn gab es sonntags noch eine weitere Entschädigung, da ließ Otto von Steinbeis nämlich ein Fass Bier hinaufbringen und konnte so sicher sein, dass die Bauarbeiter nach ihrem sonntäglichen Rausch am Montag früh wieder pünktlich mit der Arbeit beginnen würden!

Aber auch mit seinen Planern und Bauleitern ging Steinbeis nicht viel pfleglicher um; notwendige Treffen hielt er grundsätzlich weit oben im Gelände ab und nach den Strapazen des Aufstiegs hatten die Herren Ingenieure den Argumenten und Wünschen des Kommerzienrates nichts mehr entgegenzusetzen.

Der Kommerzienrat Otto von Steinbeis war ein Pionier seiner Zeit, einer Zeit, die von technischen Errungenschaften geprägt wurde. Ohne zu zögern, setzte er die neuen Techniken für seine Ziele ein. So plante er die Zahnradbahn als elektrische Bahn, obwohl es in ganz Brannenburg noch keinen Strom gab. Sein neues Wasserkraftwerk versorgte nicht nur die Bergbahn mit der notwendigen Energie, sondern bald auch Brannenburg und Flintsbach, obwohl es noch etwas dauerte, bis die Einwohner vom Nutzen des elektrischen Lichts überzeugt waren.

Auch bei der technischen Konzeption der Bahn bewies Otto von Steinbeis große Weitsicht, die vielleicht durch schwäbische Sparsamkeit beeinflusst wurde: die Züge der Zahnradbahn wurden so gebaut, dass die Bremsenergie bei der Talfahrt für den bergauf fahrenden Zug genutzt werden konnte.

Im Jahr 1961 zwang der zunehmende Straßenverkehr, der die Bahnlinie in Brannenburg schienengleich überquerte, zu einer Umbaumaßnahme. Der Talbahnhof wurde vom Bundesbahnhof in Brannenburg in den Ortsteil Waching verlegt. Die Strecke wurde damit auf 7,66 km verkürzt und die Fahrzeit der Bahn von 75 auf 55 Minuten. Die neue Zahnradbahn fährt heute dieselbe Strecke in nur 25 Minuten, so ist seit 1991 sogar ein Halbstundentakt möglich und lange Wartezeiten gibt es auch im Winter bei Skibetrieb nicht. Die neuen Triebwagen gehören inzwischen zum alltäglichen Bild, sie sind bequem, sicher und bieten sowohl für den Fahrer als auch für die Fahrgäste einen hohen Fahrkomfort.

Zwei komplette Zuggarnituren aus der Gründerzeit stehen jedoch bestens gepflegt, poliert und fahrbereit in der Wagenhalle und kommen bei Sonderfahrten, wie bei den Mondscheinfahrten, zum Einsatz.

Gelegenheit, die alte Bahn genauer zu betrachten und auch ein Stück damit zu fahren, gibt es am Geburtstagsfest, genau 90 Jahre nach der offiziellen Inbetriebnahme. Am Samstag, dem 25 Mai, wird nämlich ab 9 Uhr gefeiert mit Sonderfahrpreisen, einer Ausstellung, Standkonzert der Brannenburger Blaskapelle, dem Bergsteigerchor Coro Dolomiti und vielem mehr.



20/2002