Jahrgang 2005 Nummer 31

Seit 150 Jahren eine Institution: das Bayerische Nationalmuseum

Ausstellung zur »Kulturgeschichte des Sammelns« bis 13. November

Stolzer Bau an der Münchner Prinzregentenstraße: das Bayerische Nationalmuseum, vor 150 Jahren gegründet.

Stolzer Bau an der Münchner Prinzregentenstraße: das Bayerische Nationalmuseum, vor 150 Jahren gegründet.
Festung oder Märchenschloss? Rundtürme nach des Architekten Gabriel von Seidl Geschmack.

Festung oder Märchenschloss? Rundtürme nach des Architekten Gabriel von Seidl Geschmack.
Blickfang im Museumsgarten: der »Narziss-Brunnen« von Hubert Netzer (1930).

Blickfang im Museumsgarten: der »Narziss-Brunnen« von Hubert Netzer (1930).
»Ich wünsche, dass dem Museum mehr der Charakter eines National-Instituts, wie das zu Versailles bestehende, gegeben werde« – »Ich wünsche, dass als offizielle Benennung für die in der Entstehung begriffene Sammlung der Ausdruck ‘Bayerisches National Museum’ gebraucht werde!« Sein Wunsch war Befehl. Bayerns König Maximilian II. trat, was »sein« Museum betraf, nicht weniger entschieden vor die Öffentlichkeit als in politischen Sachen. Der Vorschlag, ein »Wittelsbachisches Museum« zu errichten und hierfür die Räume der Herzog-Max-Burg zu verwenden, stammte, das war im Januar 1854, vom Vorstand des Geheimen Haus- und Staatsarchivs, Karl Maria Freiherr von Aretin. Max II. ließ daraufhin wissen, es käme ihm keineswegs darauf an, »geschichtlich Merkwürdiges aus dem bayerischen Fürstenhause« zu häufeln, sondern – na, was wohl? Versailles vor Augen: »Eigenthümliches und – Denkwürdiges«, auf dass man von einer veritablen nationalen Sammlung sprechen konnte.

Großartige königliche Tat

Die handschriftliche Bestimmung des Monarchen zur Gründung eines »Bayerischen Nationalmuseums«, dessen Bezeichnung sich bis heute unverwässert erhalten hat, erfolgte am letzten Junitag des Jahres 1855. Als »großartige Schöpfung des Königs Maximilian II.« wurde jenes von ihm initiierte »Denkmal der Geschichte, der Kunst und der Gewerbe« schon acht Jahre später von dem bedeutenden Kunstexperten Georg Kaspar Nagler gerühmt. Damals war das von Eduard Riedel erbaute Museumsgebäude an der Maximilianstraße gerade »im äußeren vollendet«. Ein Jahr darauf, am 10. März, starb der weitsichtige, großherzige Gründer. In Karl Maria Frh. von Aretin hatte er einen getreuen Gefolgsmann seiner Initiative, der am 12. Oktober 1867 zur Eröffnung des Bayerischen Nationalmuseums einlud. Im Mai des nächsten Jahres starb von Aretin. Sein Nachfolger wurde Jakob Heinrich von Hefner-Alteneck, Konservator am Kgl. Handzeichnungs- und Kupferstichkabinett sowie Generalkonservator der Kunstdenkmäler und Altertümer Bayerns.

Schon ein Jahr später legt Hefner-Alteneck dem Kultusministerium einen Plan zur Neuorganisation des BNM vor. Es sollte, mehr als bisher, das zeitgenössische Kunstgewerbe fördern, Wandgemälde zur Geschichte Bayerns aufnehmen und vorhandenes Kunstgut – Trachten, Waffen, Keramik, Glas – räumlich besser präsentieren. Vor allem musste das Gebäude brandgesichert werden. Hierfür genehmigte der Landtag die respektable Summe von 59 000 Gulden. Als dringlich wurde mehrmals die Edition eines Bestandskatalogs angemahnt.

Schatzhaus für Bayerns Bürger

Was war denn (und wird in den kommenden Jahren) nicht alles in diesem Schatzhaus für Bayerns Bürger gehortet? Prunkmöbel aus Wittelsbacher Besitz im Schloss Schleißheim. Diverse Kunstobjekte des Bruders von Karl Maria von Aretin, Franz Emil, aus dem Eichstätter Raum. Der für Kurfürst Max I. von Christoph Angermair gefertigte Münzschrein. Die 1877 erworbene Sammlung des Physikalischen Instituts der Würzburger Universität. 242 Objekte aus der Kollektion des Jesuiten Ferdinand Orban. Merowingischer Schmuck aus dem Wittislinger Schatzfund. Bücher. Graphik. Ludwigs II. Prunkschlafzimmer aus Schloss Linderhof (das 100 Jahre später, 1986, nach Herrenchiemsee verbracht wurde). Die famose Riemenschneider-Sammlung des Bad Kissinger Ökonomierats Karl Streit.

Frühjahr 1892: Die Regierung beabsichtigt, für die wachsenden kostbaren, jedoch nicht genügend brandgeschützten Kunstgüter »ein Gebäude zu schaffen, das – durch sein Inneres wirkt«. Nicht weniger als 4 600 000 Mark bewilligt der Landtag am 17. Mai für einen Nationalmuseums-Neubau, die erforderlichen 180 000 Mark, die der Umzug verschlingen sollte, nicht mitgerechnet. Am ehemaligen kgl. »Holzgarten« an der Nordseite der Prinzregentenstraße findet man einen geeigneten Bauplatz. Von den drei Architekten, die sich an der Ausschreibung des Neubaus beteiligen, gewinnt Gabriel Seidl, der daraufhin prompt zum »Kgl. Specialkommissär für den Neubau des Bayerischen Nationalmuseums zu München« ernannt wird. Der Prinzregent Luitpold höchstselbst legt den Grundstein am 17. November 1895 und eröffnet fünf Jahre später, am 29. September 1900, das neue BNM an der Prinzregentenstraße. Sein Thron steht unter einem purpurnen Samthimmel, um ihn herum die Minister, Architekten, Würdenträger en masse, der gesamte Hof.

Halb Festung, halb Schloss

Das Volk strömte bereits zur Eröffnungsfeierlichkeit. Und drängt nun in die neuen Räume des schmucken historisierenden Seidl-Baus, halb Festung, halb Märchenschloss, ein wenig Kunsttempel, aber auch ein bisschen Sakralbau – übrigens mit einem regelrechten Kirchenraum, der in die profanen Gemächer integriert wurde. (105 Jahre später wird die Chefin Renate Eikelmann, ein halbes Jahrzehnt im Amt, das Gebäude als Gesamtkunstwerk preisen: zwar als »Nachbau der Gotik aus dem 19. Jahrhundert, aber die Wirkung ist unübertroffen«, von außen, wie auch im Inneren, ein authentisches historisches Dokument«.) Jetzt kann beginnen, was in den Folgejahren kaum – von den Kriegsjahren einmal abgesehen – nie wesentlich unterbrochen wurde: der Strom der Schenkungen, Zuweisungen, Stiftungen, Dedikationen, Überlassungen, Vermachungen, Spenden. Vor fünf Jahren, als des 100. Jahrestags der Neuerrichtung des BNM feierlich gedacht wurde, stellte Renate Eikelmann all die Mäzene und Stifter, Gönner und Vererber zum Teil seltenster Pretiosen in dem von ihr herausgegebenen »Handbuch der kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen« namentlich heraus. Das Schatzhaus für Bayerns Bürger wurde von Anfang an von – wenn auch nicht nur bayerischen – Bürgern wesentlich mit gefüllt.

Sammler stiften und schenken

An erster Stelle ist da der Münchner Bankier Max Schmederer zu nennen. Er hatte schon 1892, seltsamerweise nicht zu, sondern kurz nach Weihnachten, dem BNM einen Teil seiner später als eine der Hauptattraktionen geltenden Krippensammlung vermacht. Offensichtlich durch den prunkenden Neubau animiert, stiftet er knapp zehn Jahre darauf weitere Krippen. Man kann nicht umhin, ihn – nachdem sich der Kommerzienrat zum 50-jährigen Jubiläum des inzwischen als Kunst-Institution ersten Ranges weit über Bayern hinaus strahlenden BNM von einer selbst entworfenen Palastkrippe mit mehreren hundert neapolitanischen Figuren getrennt hatte – zum Ehrenkonservator zu ernennen. »Hertie«-Firmenchef Hermann Tietz aus Berlin macht 1911 gute 18 000 Mark locker, um gezielt Kunstwerke aus der Sammlung Adalbert Frh. von Lanna ersteigern zu können. Mittelalterliche Stücke namentlich aus Altbayern und Schwaben schenkt 1912 der Maler Sigmund Röhrer aus Unterschondorf am Ammersee dem BNM. Der Architekt Adalbert Sickinger rückt 1920 rund 200 Objekte (darunter den berückenden »Chronos« von Ignaz Günther) sowie Zeichnungen seines Vorfahren Anselm Sickinger heraus. 1933 kann Direktor Hans Buchheit eine Ausstellung eröffnen, deren Exponate – Uhren, wissenschaftliches Gerät, Medaillen, Münzen – das Vermächtnis von Professor Ernst von Bassermann-Jordan waren. Bald darauf stößt die Sammlung des Potsdamer Fayence-Kenners Paul Heiland dazu, 1940/41 die Goldschmiede-Sammlung Professor Alfred Pringsheims und Bruno Levis Porzellankollektion.

Als Stifter bedeutender Sammlungen gehen noch viele weitere Namen in die Geschichte des BNM ein: der Münchner Emanuel Ainmiller, der Würzburger Gotthard Martinengo, der Bamberger Martin von Reider, der Berchtesgadener Rudolf Kriss (14 000 Bilder und Zeichen der Volksfrömmigkeit namentlich des Alpenraums bilden noch heute das Herzstück der berühmten Sammlung zur Religiösen Volkskunst, seit zehn Jahren ausgelagert in Straubings Herzogschloss). Die Liste der Stifter ist lang. Zu den bürgerlichen – Max Alfons Hesselberger, Otto Seitz, Emil Bassermann-Jordan, Heinrich Brauser, Wilhelm Reuschel, Rolf von Hoerschelmann, Paul Stieber, Ernst Schneider (seine überaus kostbare Meißner Porzellansammlung kam 1971 ins Schloss Lustheim) – kamen adelige, angeführt von Thurn und Taxis: 44 Millionen DM waren dem Landtag 1993 nicht zu viel, um dafür Kunstwerke von unschätzbarer Güte und Seltenheit aus dem Besitz des Regensburger Fürstenhauses zu erwerben.

Auf »gefährlich hohem Niveau«

Wer die den 150. Geburtstag gebührlich würdigende Ausstellung zur »Kulturgeschichte des Sammelns« (bis 13. November 2005) durchmisst, kann nur mit Gottfried Knapp von einem »gefährlich hohen Niveau« sprechen, auf dem man dahinschreitet. Und Juwelen des Kunsthandwerks, der Bildhauerei, der Textilien, des Mobiliars, der Gemälde, aber auch der Kuriositäten begegnet: ob Täfelchen aus Elfenbein oder astronomischen Uhren, Inkunabeln des barocken Schnittglases oder Buntpapieren, französischen Kostümen oder Intarsienbildern nach Januarius Zick. »Wer das Haus und seine Schätze kennt«, kommentiert der Besucher, wisse, was Maximilian II. vor 150 Jahren gelungen ist, was er sich vorstellte: ein »National-Institut« zu errichten, »wie es sich die Franzosen in Versailles geleistet hatten«.

Dass das immer wieder räumlich erweiterte, restaurierte und sanierte, ständig durch Dauer- und zahlreiche Wechsel- und Sonderausstellungen strapazierte, den Bürgern zunehmend sich öffnende Haus an der Prinzregentenstraße einmal aus allen Nähten platzen würde, konnte König Maximilian II. sich wohl nicht vorstellen. Ob er mit dem auf der Basis des Beschlusses von 1979 durchzuführenden Museumsentwicklungsprogramm der Auslagerung einzelner Bestände in so genannte Zweigmuseen, verteilt übers ganze Land, einverstanden gewesen wäre? Herausragendes Kunsthandwerk ist jedenfalls seit 1997 im Thurn und Taxis Museum Regensburg untergebracht. Weitere Zweigmuseen: Kloster Asbach, der Schafhof bei Freising, das Ichenhausener Schulmuseum, das Alpinmuseum Kempten mit der »Alpenländischen Galerie«, die Fränkische Galerie Kronach, die Plassenburg, das Obernzeller Keramik-Museum, das Alte Schloss Schleißheim (mit der Sammlung Gertrud Weinhold bzw. der landeskundlichen Sammlung Ost- und Westpreußens). Lustheim (mit dem Meißner Porzellan aus dem Besitz Ernst Schneiders) und Straubing (mit der Sammlung Kriss, die 1961 in damals neue Säle im Untergeschoß des Westflügels des BNM gekommen war) wurden schon erwähnt.

Schatten über glänzendem Gesamtkunstwerk

Es sei lange unsicher gewesen, ob das Zweigmuseum im Herzogschloss Straubing im BNM-Jubiläumsjahr überhaupt noch einmal geöffnet werden kann. Personalmangel ist der Grund für ein wohl nicht nur für Straubing zutreffendes Problem. Im Januar nächsten Jahres aber, so die zuständige Konservatorin Nina Gockerell, würde das Museum, nach zehnjährigem Bestehen, endgültig geschlossen werden. Die Stadt Straubing kann weder Bauunterhalt noch Personalkosten mehr tragen. Bleibt nur die Hoffnung, die berühmte Sammlung Kriss zur Religiösen Volkskunde bald wieder – wo auch immer – untergebracht zu sehen. Wenngleich der Schwerpunkt dieser Sammlung auf Süddeutschland liegt, bezog Rudolf Kriss doch den gesamten mitteleuropäischen Raum in seine Forschungen und Erwerbungs-»Feldzüge« ein.

Rudolf Kriss war 1973 im Alter von 70 Jahren gestorben. Ein Jahr später wurde sein Adoptivsohn Lenz Kriss-Rettenbeck, damals 51 Jahre alt, Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums. Der 1960 ins Leben gerufene »Freundeskreis« (Ernst von Siemens gehörte zu den Gründungsmitgliedern) überreichte Kriss-Rettenbeck zu seinem Amtsantritt ein Spitzenstück des Museums, die Vorstudie Ignaz Günthers zur »Nenninger Pietà«, von des Meisters Hand gefertigt vor damals genau 200 Jahren. Zwanzig Jahre nach seinem Eintritt in den Ruhestand 1985 muss das BNM den Tod seines ehemaligen Generaldirektors (von 1974 bis 1985) und Konservators (ab 1960) beklagen. Und das unmittelbar vor den turbulenten Vorbereitungen der Jubiläumsfeierlichkeiten in den ersten Julitagen 2005. Schatten also über dem strahlenden Gesamtkunstwerk »Bayerisches Nationalmuseum«, das sich gerade anschickt, seinen Vorplatz auf das Schönste nach altem Muster zu renovieren, zu einem Festakt mit dem Ministerpräsidenten zu rüsten, ein Freudenfeuerwerk in den nächtlichen Himmel zu schießen und das erst am 17. September 2003 seinem Ex-Chef zu dessen 80. Geburtstag eine Festschrift überreicht hatte? Die dunklen Wolken lassen sich so leicht nicht vertreiben. Auch wenn man dem Prinzip Hoffnung folgt. Anlässe hierfür gibt es, ein paar wenigstens. Etwa den: Mehrere Stiftungen und die Staatsregierung ermöglichen den Erwerb der Sammlung mittelalterlicher deutscher Skulptur des Berliner Justizrats Gerhart Bollert. Sehen wir also dem Höhepunkt des Jubeljahres im Spätherbst optimistisch entgegen, wenn die restaurierten Säle des westlichen Seitenflügels die schon jetzt hoch gepriesene Sammlung Bollert aufnehmen werden. Dabei erfuhr erst kürzlich der Skulpturenbestand des BNM eine großartige Erweiterung – durch die Dauerleihgabe der Kunstsammlung Rudolf August Oetkers. Ein bisher noch nie öffentlich gezeigtes Werk von Veit Stoß, das den Tod Mariens darstellt, hat den ohnehin weltberühmten Bestand bereichert.

HG

Literatur
»Hundertfünfzig Jahre Bayerisches Nationalmuseum«, hrsg. von Renate Eikelmann (2005)
»Bayerisches Nationalmuseum – Handbuch der kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen«, hrsg. von Renate Eikelmann, Hirmer Verlag, München (2000)
Nina Gockerell: »Bilder und Zeichen der Frömmigkeit«, Sammlung Rudolf Kriss (1995)
Artikel der SZ (Gottfried Knapp: »Traurige Nachricht zum Jubiläum«, Nr. 146/05; ders.: »Auf Wolken steil bergan«, Nr. 148/05, »Zukunft als Gesamtkunstwerk, Nr. 149/05).



31/2005