Jahrgang 2008 Nummer 38

Sebastian Kneipp - Vater der Kneippkur

Auch Traunstein war mit Pfarrer Kneipp und seiner Heilkunst eng verbunden

Sebastian Kneipp bei einem Kneippguss

Sebastian Kneipp bei einem Kneippguss
Sebastian Kneipp bei einem Vortrag

Sebastian Kneipp bei einem Vortrag
Kneipps bescheidenes Zimmer im Kloster

Kneipps bescheidenes Zimmer im Kloster
Den Chiemgau Blättern Nr. 38 vom 21. September 1996 ist der Beitrag zu entnehmen: »Pfarrer Sebastian Kneipp in Traunstein«. Eine Kneippkur konnte man damals auch in Traunstein bekommen. Es musste durchaus nicht Bad Wörishofen sein. Damit erinnert der Verfasser an die von Dr. Georg Wolf 1889 am Klosterberg in Traunstein gegründete Kuranstalt mit 120 Betten, in der auch Kneippkuren verabreicht wurden. Traunstein hatte sich damals als Kurort einen Namen gemacht, der sogar Sebastian Kneipp, den Erfinder der Kneippkur, zu einem Besuch in Traunstein veranlasste.

Am 31. August 1896, ein Jahr vor seinem Tod, hielt Sebastian Kneipp im Höllbräukeller einen Vortrag über die Kneippkur, über den das Traunsteiner Wochenblatt vom 1. September 1896 in überschwänglichen Worten berichtete: »Der hochwürdige Prä-lat wurde von einer großen Volksmenge, insbesondere Damen, empfangen. Die Abendmahlzeit wurde mit schön vorgetragenen Liedern gewürzt.« Kneipps Besuch in Traunstein hatte den erwarteten Erfolg. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren be-sonders im Sanatorium Dr. Wolf steigende Kurgastzahlen zu verzeichnen. 1926 wurde der Kneipp-Verein gegründet. 1938 wurde Traunstein als Kneippkurort staatlich anerkannt; ein Prädikat, das im Zweiten Weltkrieg, wie vieles andere, verloren ging.

Es mag wohl so sein, dass einige Traunsteiner der Kneippschen Kurtradition in ihrer Heimatstadt nachtrauern. Vielleicht könnte es sich manch einer gut vorstellen, vor allem in unserer durch die moderne Gerätemedizin verunsicherten Zeit, wieder auf die den Menschen in seiner Einheit von Leib und Seele erfassenden Heilkunst von Sebastian Kneipp zurückgreifen zu können. Um diesen idealistischen Vorstellungen eine fassbare Grundlage zu geben, erscheint ein Blick auf die Lebensgeschichte von Sebastian Kneipp sinnvoll.

Sebastian Kneipp wurde am 21. Mai 1821 in Stephansried im Allgäu geboren, einem kleinem Dorf, 23 km westlich von Wörishofen. Sein Vater, Xaver Kneipp, war ein armer Weber, dessen Frau als Witwe zwei Töchter mit in die Ehe gebracht hatte. Als später noch eine Tochter geboren wurde, hatte der Vater zuzusehen, wie er für sechs Hungrige den Tisch decken sollte. Da ging es schon recht bescheiden zu und jeder musste mithelfen, für das tägliche Brot zu sorgen. Das traf auch den jungen Sebastian, der sich schon als Kind im feuchten Weberkeller abrackern musste. Hier holte er sich auch die Lungenschwindsucht, die später sein Leben wesentlich beeinflussen sollte.

Zur Sommerzeit fühlte sich der Bastl schon wohler. Da konnte er die Kühe der Bauern in Stephansried auf die Weide führen und ein paar Gulden verdienen, die er für sein Studium zurücklegen wollte. Der Wunsch, einmal Priester zu werden, war in dem jungen Sebastian schon herangereift, als ihn der Vater nach Ottobeuren mitgenommen hatte, in die große Basilika, wo er Gott im Himmel mit all seinen Heiligen begegnete. So wollte er später auch einmal leben, in dieser barocken Welt, voll von Farbe und Licht, kurz in dem Himmel, den die Künstler an die Decke von Ottobeuren gezaubert hatten.

Auf dem Weg zu diesem Himmel lagen aber noch viele, große Steine. Sebastian war kaum 20 Jahre alt, als in Stephansried ein Feuer wütete, das fast den ganzen Ort einäscherte. Er musste es mit ansehen, wie in dem elterlichen Haus auch die Truhe verbrannte, in der er 70 Gulden, sein sauer verdientes Studiengeld, verschlossen hatte. Da schnürte der junge Sebastian sein Ränzel, steckte sein Wanderschaftsbuch ein und verdingte sich in Allgäuer Höfen als Knecht, nachdem sein Versuch, in der Großstadt München heimisch zu werden, gescheitert war. Eines Tages beobachtete Kneipp, wie eine der ihm anvertrauten Kühe sich am Beim verletzt hatte und mehrmals in den an der Wiese vorbei fließenden Bach stieg. Nach kurzer Zeit ließ offensichtlich ihr Schmerz nach und sie hinkte nicht mehr. Kneipp zog intuitiv den Schluss daraus, dass dem Wasser eine heilkräftige Wirkung zukommen müsse.

Das Bad in der eiskalten Donau – Der Anfang der Kneippkur

Seine Wanderschaft führte Kneipp auch nach Grönenbach, wo er sich an Kaplan Merkle wandte, einem Vetter seines Vaters. Dieser erkannte die Anlagen und den Ehrgeiz des jungen Sebastian. So vermittelte er ihm eine Arbeitsstelle in einem Bauernhaus und erteilte ihm Lateinunterricht, um ihn auf den Eintritt in eine höhere Klasse des Gymnasiums vorzubereiten. Als Kaplan Merkle nach Dillingen zog, nahm er seinen Schützling mit und erreichte für den damals schon 23- Jährigen die Aufnahme ins Gymnasium.

Schon in dieser Zeit hatte Kneipp unter seiner Krankheit schwer zu leiden. Mit äußerster Anstrengung schaffte er mit 27 Jahren das Abitur und die Aufnahme des von ihm so heiß ersehnten Theologiestudiums, das er abwechselnd in Dillingen und München absolvierte. In der Bibliothek in München stieß Kneipp nun auf das Buch »Unterrichtung von der Heilkraft des frischen Wassers« von Professor Oertel, das Anleitungen zu einer Wasserkur beschrieb. »Das Büchlein war ein wahrer Morgenstern für eine bessere Zukunft«, schrieb Kneipp später. Er kaufte ein Exemplar im Antiquariat und ging daran, die Anleitungen zu erproben.

Im Oktober 1849 lief Kneipp von seiner Studentenbude bei Frau Feldle in Dillingen vier Kilometer bis zur Donau, zog sich aus und badete kurz im eiskalten Wasser des Flusses. Noch heute bezeichnet ein Gedenkstein an der kleinen Fischmahd die Stelle, an der Kneipp die Heilswirkung des Wassers am eigenen, von der Schwind-sucht gebeutelten Körper erprobte und damit den Anfang der Kneippkur setzte. Kneipp ahnte sicher, dass dies ein gefährliches Wagnis war, das er auch mit seinem Leben hätte bezahlen können. Es ging ihm darum, die Abwehrkräfte seines Körpers zu stärken und diese zum Kampf gegen die Krankheit zu mobilisieren. Weil Kneipp klug genug war, auf eine ausgewogene Dosierung des Kältereizes zu achten, auf den der Körper mit Wärmereizen reagieren musste, gewann er das Spiel. Die Symptome seiner Krankheit wurden schwächer und klangen allmählich ganz ab. Kneipp konnte mit 31 Jahren das Theologiestudium erfolgreich abschließen und im Dom zu Augsburg zum Priester geweiht werden. In Ottobeuren feierte er Primiz. Jetzt war er dem Himmel, nach dem er sich so sehnte, schon beträchtlich näher gekommen.

Die Heilung der Magd Columba Haas führt zur Anklage wegen Kurpfuscherei

Nun wartete aber auch die Bewährung im Beruf auf ihn. Nach einer kurzen Zeit in Biberach wurde der junge Kaplan nach Boos berufen, wo es galt, den erkrankten Ortspfarrer zu ersetzen. Kneipp machte sich mit frischem Mut an seine Aufgabe und hätte damit auch alle Hände voll zu tun gehabt. Der liebe Gott stellte aber schon hier seinen Diener auf die Probe, als er an das Krankenlager einer jungen, von Gelbsucht heimgesuchten Magd gerufen wurde. Das war eine Herausforderung für Kneipp, seine am eigenen Leib erprobten Heilskünste auch anderen zuteil werden zu lassen.

Nachdem er der Magd die geistliche Tröstung des Sterbesakramentes gespendet hatte, verordnete er ihr Umschläge mit heißen Tüchern und Essigwasser. Dazu verschrieb er eine Kur mit Rettichsaft. Die Heilkraft der Pflanzen hatte der junge Kneipp von seiner Mutter und in den Bauernhäusern seiner Wanderschaftsjahre kennen gelernt. Die Rezeptur für die Zubereitung und für die Anwendung des Rettichsaftes für die Magd Columba Haas sind übrigens noch erhalten und ein wertvolles historisches Dokument. Die Kur hatte jedenfalls Erfolg und bald sah man die Magd im Dorf wieder guter Dinge ihrer Arbeit nachgehen.

Das wurde in Boos und in den Nachbarorten bald ruchbar und rief die Ärzte und Apotheker auf den Plan, die in dem priesterlichen Wunderheiler eine arge Konkurrenz sahen. Kneipp wurde vor dem Gericht in Babenhausen wegen Kurpfuscherei angeklagt. Die von ihm eigenhändig verfasste Kuranleitung für Columba Haas lag auf dem Richtertisch. Kneipp wurde zu einer Polizeistrafe von zwei Gulden verurteilt. Der Richter mochte die Problematik des Falles begriffen haben, als er den Angeklagten nach erfolgter Verurteilung um einen Ratschlag zur Milderung seines eigenen Rheumas bat. Die Mittel Kneipps halfen dem Richter. Und so war beides wieder im Lot. Das richterliche Rheuma konnte geheilt und der Gerechtigkeit die notwendige Reverenz erwiesen werden.

Als Boos von der im Allgäu grassierenden Cholera heimgesucht wurde, die übrigens auch Kneipps Vater dahinraffte, sah es Kneipp als seine Berufung an, neben der Verkündung des Wortes Gottes, den leidenden Menschen seine Hilfe anzubieten. In vielen Fällen konnte er durch Anwendung naturheilkundlicher Hausmittel die Krankheit heilen. Ein erneutes Gerichtsverfahren wurde eingestellt, weil man niemanden verurteilen könne, nur weil er Wasser und Heilkräuter zur Heilung von Kranken verwendet.

Die Sanierung des bäuerlichen Klosterbetriebes in Wörishofen

Wenn Kneipp so dem weltlichen Gericht entgangen war, rümpfte doch die kirchliche Obrigkeit in Augsburg über dieses seltsame Treiben ihres Kaplans gehörig die Nase. Kneipp wurde zum Bischof einbestellt und musste Enthaltsamkeit von jeglicher Heilkunst geloben. Im Frühjahr 1851 erhielt er, mit entsprechenden Verhaltenshinweisen versehen, das Versetzungsschreiben nach Augsburg, wo er die freie Kaplanstelle einzunehmen hatte. In der noch heute nach ihm benannten Gasse, gleich hinter dem Dom, nahm der Kaplan seine Wohnung, widmete sich eifrig der Jugendarbeit und gewann bald die Herzen der ihm Anvertrauten.

Der Bischof hatte die Vorkommnisse in Boos durchaus nicht ad acta gelegt und sann darauf, für den umtriebigen Kaplan eine Stelle zu finden, wo er keinen Schaden mehr anrichten könnte. Diese schien im Kloster der Dominikanerinnen in Wörishofen bald gefunden. Seit der Säkularisation war der klostereigene Wirtschaftsbetrieb arg heruntergekommen. Es bedurfte einer starken Hand, um für einen neuen Aufschwung zu sorgen. Und weil im Kloster auch ein Beichtvater fehlte, schickte der Bischof den Kaplan auf die Reise nach Wörishofen, wo er am 2. Mai 1885 eintraf.

Gleich nachdem er sich im Kloster häuslich eingerichtet hatte, ließ sich Kneipp die Wirtschaftsgebäude zeigen, strich alleine über die klösterlichen Wiesen und Felder und legte sich für die Sanierung der Klosterwirtschaft einen Plan zurecht. Nicht nur, dass er selbst die Ärmel hochkrempelte, den Mist aus dem Stall fuhr und in den Wiesen Dränagegräben zog, auch die Klosterschwestern hielt er zu bäuerlichen Arbeiten an, was ihm nicht immer deren Sympathie eintrug.

Und siehe, bald trug das Werk Früchte. Die Wiesen und Felder gediehen und im Stall wurde neues Vieh eingestellt, das Sebastian Kneipp am Viehmarkt in Türkheim selbst ausgesucht hatte. Und weil der Priester schon aus der Schrift wusste, dass der Mensch mit den Talenten, die ihm Gott verliehen hatte, wuchern sollte, machte sich Kneipp auch auf anderen Gebieten der Landwirtschaft kundig und legte sein Wissen in Büchern nieder, die in der Fachwelt Anerkennung fanden und mit Preisen bedacht wurden. Bücher über die Landwirtschaft und Viehzucht, über Futterbau, Bienen- und Kaninchenzucht schrieb Sebastian Kneipp in dieser Zeit. Mit diesen Büchern, in denen Kneipp die Vorzüge des bäuerlichen Lebens herausstellte, wollte er junge Leute von der Landflucht abhalten, die er als Modeerscheinung dieser Zeit verurteilte.

Ein Kloster wird zum Kneippkurheim

Nachdem in der Landwirtschaft alles zum Besten bestellt war, besann sich Kneipp wieder auf seine Wasserheilkunst und fand in einem Waschhäuschen im Klostergarten den idealen Ort, seine Therapie zu erproben. Im Nachbarort Gammenried half er einer kranken Frau mit Wasseranwendungen wieder auf die Beine. Des Öfteren sah man den jungen Kaplan barfuß durch den Dorfbach planschen. So hatte es sich bald im Dorf herumgesprochen, dass der neue Geistliche im Kloster gegen jedes Leiden ein Mittel wisse. Bald drängten sich die heilsuchenden Patienten an der Klosterpforte und in den Gängen des Klosters. Und weil die neue Äbtissin dem heilkundigen Priester sehr gewogen war, ließ sie Kneipp gewähren. Kneipp konnte bald im Kloster alles nach seinen Vorstellungen einrichten. Im Waschhaus wurden Güsse und Bäder verabreicht und in der Apotheke Kräuter gewogen, gesotten und getrocknet. Kneipps Schwester Therese zog in das Kloster ein und assistierte nach besten Kräften.

In dieser Umgebung gelang es Kneipp, durch sorgfältiges Experimentieren mit der Wasseranwendung ein System zu entwickeln, das Kälte- und Wärmereize auf der Haut aufeinander abstimmte. Empirisch erkannte er, dass einzelne Hautpartien mit bestimmten Organen in Verbindung stehen und durch die Reizung der Gefäße günstig beeinflusst werden können. In Verbindung mit anderen, längst bekannten Hausmitteln, entwickelte er die auf fünf Säulen ruhende Kneippkur.

Zur Wasseranwendung gehört eine der Krankheit angepasste Diät, die durch Säfte und Tees aus Heilpflanzen ergänzt wird. Kneipp verordnete seinen Kurgästen Bewegung als Aus-gleich. Dazu konstruierte er ein Trimmgerät, das als Vorläufer moderner Hometrainer heute noch im Kneippmuseum in Bad Wörishofen zu bewundern ist. Als Priester wusste er aber auch, wie sehr die Gesundheit des Menschen von seiner Seele abhing. Kneipp ging es eben nicht nur um die Beseitigung einzelner Krankheitssymptome, sondern um die Heilung des ganzen Menschen.

Kneipp vertraut sein Werk den Ärzten an

Im Kloster und später im Pfarrhaus hielt Kneipp zu festgesetzten Zeiten Sprechstunden, in denen er seine Patienten mit Ratschlägen zur Heilung ihrer Gebrechen bedachte. Leseun-kundige mussten die Rezeptur Kneipps mehrmals hersagen. Uneinsichtige pflegte Kneipp gehörig zu schimpfen und allesamt duzte er, was hochgestellten Damen oft missfiel. Bald saß auch Dr. Bernhuber, ein Arzt, mit am Tisch, mit dem nun Kneipp seine Therapien vor der Verordnung abstimmen konnte.

Nachdem das Gespenst einer Anklage wegen Kurpfuscherei auch in Wörishofen nicht von Kneipp gewichen war, riet ihm Dr. Merkle, der gute Geist seiner Jugendtage, ärztlich geschulte Fachleute in seine Therapie mit einzubeziehen. Nicht alle Ärzte sahen in Kneipp einen Konkurrenten. Viele ließen sich auch durch die Einfachheit des Verfahrens und vor al-lem durch die nachprüfbaren Erfolge beeindrucken.

Nach Dr. Bernhuber schloss sich noch der Apotheker von Mindelheim Hans Boneberg Kneipp an. Er vertauschte Naturheilkräuter mit dem Gift seiner Apotheke, die er aufgab. In Dr. Kleinschrod und Dr. Baumgarten fanden sich zwei Ärzte, die sich in besonderer Weise auf die Heilmethode Kneipps einzustellen wussten. Dr. Kleinschrod entwickelte, als Philosoph der Naturheilkunde, die Kneippsche Lehre unter medizinischen Gesichtspunkten weiter. Dr. Baumgarten, der später eine Kuranstalt leitete, machte sich um die Verbreitung der Kneippschen Heilsmethode verdient. Ein Denkmal am Kurpark von Wörishofen zeigt ihn, ein Buch aus der Hand Kneipps übernehmend.

Wörishofen wird Kneippkurort

Damit hatte Kneipp den Grundstein gelegt, der das Allgäuer Bauerndorf in einen Kurort verwandeln konnte. Darüber waren aber durchaus nicht alle glücklich. Und als es im Gemeinderat von Wörishofen am 1.9.1889 zu einer hitzigen Debatte über den neuen Kurort kam, stimmte eine knappe Mehrheit dagegen. Was mochte die Wörishofner dazu verleitet haben? Dazu betrachten wir ein Ölbild im Foyer des Kurhauses aus dieser Zeit. Es zeigt das Dorf Wörishofen, dessen Häuser sich um das Kloster scharen, dahinter die Kulisse der Allgäuer Alpen, so wie sie heute noch an Föhntagen zu sehen ist. Im Vordergrund des Bildes stapfen einige, vornehm gekleidete Kneippanhänger mit hochgezogenen Beinkleidern durch den Wörthbach, während andere barfuß durch die Wiesen marschieren.

Daran hatte sich der bäuerliche Unmut im Gemeinderat entzündet. »Unsere Wiesen trampeln sie kaputt und selbst vornehme Damen schämen sich nicht, halbnackt durch den Bach zu waten. Das alles hat der neue Pfarrer angestiftet. Das geht zu weit. In Wörishofen muss die Kirche beim Dorf bleiben.« So zeterten einige Ratsherren im Gemeinderat. Damit hatte der Bürgermeister die Zweifler auf seine Seite gebracht und einen ablehnenden Beschluss herbeigeführt. Kneipp focht das wenig an. »Die werdet a scho no gscheiter werde,« war sein Kommentar. Damit sollte er auch Recht behalten. Bald darauf besann sich der Gemeinderat doch noch anders und stand dem Aufschwung des neuen Kurortes nun nicht mehr im Wege.

Die wirtschaftliche Auswertung der Ideen Kneipps

Nachdem Kneipp über seine Erfahrungen in der Landwirtschaft und Viehzucht mehrere Bücher geschrieben hatte, zeigte er sich nicht mehr bereit, seinen Erfahrungsschatz in der Naturheilkunde schriftlich niederzulegen. Daher griff sein Freund, Dr. Baumgarten, zu einer List. Er redete Kneipp ein, dass er sich durch ein Buch seine Patienten vom Leib halten könne. So könne jeder das Buch zu Hause lesen und Kneipp habe endlich seine Ruhe. Das leuchtete ihm ein. Im Oktober 1886 diktierte er einem Pater den Text. In acht Wochen entstand das Buch »Meine Wasserkur«, das seither in mehr als 500 000 Auflagen gedruckt und in mehrere Fremdsprachen übersetzt wurde. 1897 folgte ein weiteres Buch, das eigentlich als Fortsetzung der »Wasserkur« gedacht war. Kneipp überschrieb es: »So sollt ihr leben.« In beiden Büchern hat Kneipp das Gesamtkonzept seiner Naturheilkunde zusammengefasst.

Kneipp verstand sich sehr gut darauf, seine Ideen auch gewinnbringend auszunutzen. Bald fand sich ein Schuster, der mit »Kneippsandalen« ein gutes Geschäft machte. Hermann Aust, der für seine Kathreinerwerke mit Kneipp verhandelte, gelang es, dessen Unterschrift und Konterfei für den Kathreiner Malzkaffee gewinnbringend zu nutzen. Daneben brachten die Vortragsreisen, die Kneipp in viele Ländern Europas und eben auch nach Traunstein führten, satte Honorare, zu deren Umsetzung Kneipp seine eigenen Vorstellungen entwickelte.

In Wörishofen entstand 1890 das Sebastianeum, das in erster Linie als Heilstätte für Geistliche gedacht war. Kneipp finanzierte den Bau ebenso wie 1893 das Kinderasyl, eine Heil-stätte für Kinder, aus Honorareinnahmen und Spendengeldern. Kaum war der Bau des Kinderasyls fertig, da reifte schon der Plan für das Kneippianum heran, das für noch mehr Kranke Platz bieten sollte. Als der Rohbau gerade fertig war, ging das Geld aus. Kneipp war kein guter Rechner. Seit die 70 Gulden seines ersparten Studiengeldes im elterlichen Wohnhaus verbrannt waren, hatte er jegliche Lust an einer akribischen Haushaltsführung verloren. So schenkte er das Haus den Mallersdorfer Schwestern, die er schon für den Betrieb des Kinderasyls hatte gewinnen können. Mit ihnen vereinbarte er, dass sie für die Fertigstellung des Baus aus eigenen Mitteln aufkommen.

Anfangs der 90er Jahre erlebten Kneipp und Wörishofen eine Blütezeit des Kurbetriebes. Gäste aus aller Welt kamen nach Wörishofen. Zu ihnen zählte auch der Maharadscha von Baroda mit seiner Lieblingsfrau, der eine beschwerliche Schiffsreise aus dem fernen Indien auf sich genommen hatte. Kurgast in Wörishofen war auch Erzherzog Josef von Habsburg, mit dem Kneipp bald eine innige Freundschaft verband.

Er stiftete Geld für den neuen Kurpark und ebnete durch seine Beziehungen 1894 Kneipp den Weg nach Rom zu einer Audienz bei Papst Leo XIII. Der Papst verlieh Kneipp den Ehrentitel eines päpstlichen Kämmerers und Monsignores und empfing ihn viermal. Da dem Papst Kneipps Heilkunst bekannt war, bestand er darauf, diese kennenzulernen. Er ließ sich von Kneipp die Wasseranwendungen ausführlich beschreiben und bestellte diesen anderen Tags um 6.30 Uhr in den Vatikan zur Behandlung. Kneipp hinterließ dem heiligen Vater noch Rezepturen für Öleinreibungen und Diäten und begab sich hoch beglückt auf den Heimweg.

Krankheit und Tod

Drei Jahre waren Kneipp nach seiner Papstaudienz noch geschenkt, in denen er in geistiger und körperlicher Frische aus dem Vollen schöpfen konnte. Sie waren ausgefüllt mit Vortragsreisen in ganz Europa und dem Verlegen seiner grundlegenden Werke. 1897 im 76. Lebensjahr, plagten Kneipp Unpässlichkeiten, gegen die er immer wieder mit seinen eigenen Heilmethoden ankämpfte. Im Frühjahr stellte Dr. Baumgarten einen wachsenden Tumor im Bauchraum fest, der nur durch eine Operation beseitigt werden könnte. Kneipp erkannte, dass hier die Grenzen seiner Naturheilkunde überschritten waren. Trotzdem wollte er seinen Prinzipien treu bleiben und lehnte daher eine Operation ab. Am 17. Juni 1897 berief der Herr seinen getreuen Diener zu sich. Unter großer Beteiligung seiner Anhänger wurde er auf dem Friedhof in Bad Wörishofen beigesetzt. Über seiner Grabstätte wurde ein Mausoleum errichtet, in der eine Tafel zum frommen Andenken an hochwürdigen Herrn Sebastian Kneipp, dem Helfer der Menschheit, erinnert.

Dieter Dörfler

Benutzte Quelle:
Eugen Ortner »Sebastian Kneipp« Ehrenwirth



38/2008