Jahrgang 2006 Nummer 15

Schreibste mir, schreibste ihr!

Von der frühen Lust am Postverschicken und Poststückesammeln

Als ich ein kleiner Bub war, kursierte der Werbespruch einer deutschen Briefpapierfirma, die nicht weit von Berlin gewesen sein muss. Der Spruch hieß:

Schreibste mir,
schreibste ihr,
schreibste auf
XY-Papier!

Statt XY stand natürlich der Firmennamen. Der tut hier aber nichts zur Sache. Doch ist er – für mich – wichtig. Er hat sich mir eingehämmert. Nicht, dass ich diese Briefpapiersorte bevorzugt hätte – sie war uns, ehrlich gesagt, viel zu teuer. Vielmehr verbinde ich die Aufforderung, Briefe zu schreiben, an Freunde, Bekannte, Verwandte, oder überhaupt zu schreiben, noch heute mit diesem Slogan des Nachkriegs-Schreibwarenhandels. Irgendwie habe ich das Gefühl, das Briefeschreiben und Postverschicken als schöne Gepflogenheit von diesem Werbespruch herzuleiten.

Schon als Kind war ich alles andere als briefschreibfaul. Im Gegenteil: Ich schrieb viel. Und oft. Es gab damals noch keineswegs in jedem Haushalt ein Telefon. Faxgerät oder E-Mailer waren noch gar nicht erfunden. Man korrespondierte über weite Entfernungen hinweg ausschließlich per Brief. Oder per Karte.

Für meine Großmutter väterlicherseits, eine ebenso kluge wie wirtschaftlich denkende Dame, immerhin Gattin des Bäckermeisters Johann Gärtner aus Reichenberg-Johannesthal, war eine Postkarte eine »Korres-pondenzkarte«. So hießen die Dinger wohl in ihrer Jugend, wo sie sich noch, nicht nur im zur österreich-ungarischen Monarchie gehörenden Böhmen, mit dem Anfangsbuchstaben C schrieben. Ich musste der bettlägerigen, aber nichtsdestoweniger rührigen Oma viele Korrespondenzkarten mit der bereits aufgedruckten Freimarke (neben die dann nur noch das 2-Pfennig-Berlin-»Opfer« zu kleben war, in unserer oberbayerischen Dorfpoststelle besorgen. Und das so reichlich, dass der Vorrat nicht gleich wieder ausging. Und das hätte schnell passieren können. Denn Großmutter schrieb viel und sogar in der oft schlaflosen Nacht. Sie schrieb ausschließlich Korrespondenzkarten. Was mir zuerst ein Rätsel war – konnte man doch auf der – obendrein von jedermann einsehbaren – Kartenrückseite gar nicht viel unterbringen. Bis Großvater mir erklärte, dass es seiner (als »Flüchtling« gezwungenermaßen) sparsamen Berta ums Geld ging. Die Karte war um ein paar Pfennige billiger als der Brief. Und Großmutter konnte winzig klein schreiben, so dass der Empfänger ihrer Karten-Korrespondenz bestimmt manchmal eine Lupe brauchte, um die klitzekleine, wie gestochen ausgeführte Schrift zu entziffern.

Wenn ich auch nicht in der Nacht – wie Großmutter – schrieb, ich eiferte ihr im schriftlichen Korrespondieren nach. Gerade mal zehn Jahre alt, legte ich mir eine Adressenkartei an. Nach dem Alphabet ordnete ich die Nachnamen meiner Korrespondenzpartner, klar. In dem mit Akribie und blauer Tinte geführten Verzeichnis wurde neben dem Adressaten mit Rotstift vermerkt, wann ich was (ob Karte = K oder Brief = B) geschrieben habe. Bald reichte mir K für Karte nicht mehr. Denn ich begann zu unterscheiden: AK setzte ich für Ansichtskarte und PK für Postkarte. Ich hätte auch KK schreiben können (Korrespondenzkarte), was Großmutter wohl gefallen hätte, aber mir nicht behagte, da KK – ausgesprochen – mich an etwas vor allem geruchsmäßig Unersprießliches erinnerte.

Etwa mit zwölf Jahren fing ich an, AK zu sammeln. Ich erbat sie mir regelrecht von allen nur für derlei Objekte der Begierde in Frage kommenden Verwandten, Nachbarn, Freunden und Bekannten. Von denen ist damals zwar keiner weit in der Welt herumgekommen – im Gegensatz zu den Angehörigen meines besten Spezis Michael, der Verwandtschaft in Übersee hatte (nicht am Chiemsee gelegen, sondern »überm großen Teich«, wie Großvater zu sagen pflegte, der Amerika aber auch nur aus den Radio-Nachrichten kannte). Doch erhielt ich, tröpferlweise freilich, immerhin aus München und vom Wolfgangsee und aus dem schönen Rheinland, wo meine Tante mit den drei Cousinen und der Oma mütterlicherseits wohnte, einige schöne AK.

Der Zufall spielte mir, dem Postverschicker und inzwischen Poststücksammler, ein Päckchen alter handgeschriebener Briefe in die Hände. Die waren fast alle an ein »Fräulein Moni Marketsmüller in Hub, Post Schwindkirchen« gerichtet und waren aus der Feder eines Liebhabers dieser mir bis heute unbekannt gebliebenen Empfängerin aus dem Mühldorfer Landkreis geflossen. Mit viel Herzblut und Sehnsuchtsseufzern, auszumachen zwischen den kärglichen Bleistiftzeilen. In den possierlichen schmalen weißen Kuverts, beklebt mit den allerschönsten Briefmarken mit dem Reichskanzler Hindenburg oder dem Komponisten Beethoven oder dem deutschen Reichsadler drauf, steckten unbeholfen formulierte Liebeserklärungen eines gewissen »Joseph«, der auf keinem seiner Briefchen den Absender nannte und sich manchmal auch nur mit einem netten Briefkärtchen, das er ins Kuvert steckte, begnügte, auf denen rotbackige Kinder spielten oder ein saftiggrünes vierblättriges Kleeblatt mit goldenem Hufeisen und mehrfach gepünkteltem Marienkäfer prangte. Da stand dann nur dabei »Dein Joseph«.

Der Teufel muss mich geritten haben, als ich anlässlich einer – wie meine ordnungsliebende Mutter sagte – »dringend gebotenen Aufräumaktion« das meiste meiner Korrespondenz, einschließlich der AK-Sammlung, teils in den Mülleimer, teils, was die AK anging, in ein Briefmarken- und Ansichtspostkartenlädchen in der Münchner Reichenbachstraße wandern ließ. Die Marketsmüller-Briefe behielt ich. Aber nur, weil meine Großmutter, Gott lass sie selig ruhen, von ihrem überzeitlichen Wert überzeugt war und mir dringend zur Aufbewahrung dieses »Korrespondenz-Schatzes« (so Großmutter) riet. Die Tränen, die ich aber den – gewiss objektiv weitaus geringer einzuschätzenden – dummerweise schnöde veräußerten frühen Schreibergüssen, angeregt durch den schön doofen Spruch »Schreibste mir, schreibste ihr!«, nachweinte, trocknete später, als ich schon das Abitur in der Tasche hatte und ein bisschen mehr »antiquarischen Verstand« besaß, nicht einmal ein Schnupftuch vom Ausmaß eines Geschirrtrocknerlappens, wie es mein Großvater im Sack stecken hatte. Was ich aber noch aus der schreiblustigen und postsammelwütigen Kindheit gerettet habe, ist die alphabetische Namensliste meiner B-, AK und PK-Korrespondentinnen und -korrespondenten. Bis auf zwei der aufgeführten Namensträger haben alle bereits das Zeitliche gesegnet. Den beiden gerade noch Lebenden muss ich schleunigst wirklich einmal wieder schreiben. Und eine Kopie dieses kleinen Artikels beilegen.

Hans Gärtner



15/2006