Jahrgang 2012 Nummer 43

Schlaglöcher, Strapazen und Scharlachfieber

»Wunderkind«-Karriere des kleinen Mozart nimmt vor 250 Jahren ihren Anfang

Der kleine Wolfgang im Gala-Gewand, das er von Kaiserin Maria Theresia in Wien bekommen hatte. Die Kleidung stammte vom gleichaltrigen Erzherzog Maximilian Franz. Das Gemälde von Pietro Antonio Lorenzoni entstand im Jahr 1763, Mozart war damals sieben Jahre alt.
Die Familie Mozart beim Empfang am Wiener Hof. Hier verbeugt sich der kleine Künstler noch artig. Später klettert er der Kaiserin auf den Schoß, umarmt und küsst sie. Das Bild stammt vom Künstler Eduard Ender.
Leopold Mozart fungierte für seinen Sohn nicht nur als Lehrer, er »managte« auch lange Zeit die musikalische Karriere Wolfgangs. Bild aus dem Jahr 1765.
Immer wieder ist die Postkutsche für längere Zeit das Zuhause der Familie Mozart. Ein Drittel seiner 35 Jahre wird Wolfgang unterwegs verbringen.

Als der kleine Johannes Chrysostomus 1762 zur ersten längeren Fahrt in die Kutsche steigt, hat er wohl kaum damit gerechnet, dass er bis zum Ende seines kurzen Lebens ein Drittel mit Reisen verbringen sollte. Und immer wird er eine schwere Last mit im Gepäck haben:

Denn der Erfolg, der ihm in eben jener Zeit vor 250 Jahren scheinbar mühelos zufliegt und ihm heute noch das Image des »Wunderkinds« aufstempelt, wird ihm zu Lebzeiten weit stärker im Weg als von Nutzen zu sein.

Doch davon ahnen der sechsjährige »Woferl«, wie er zu der Zeit gerufen wird, und seine Familie zum Glück noch nichts. Und wenn, dann wären die Mozarts trotzdem nicht wieder aus ihrer Reisekutsche gestiegen und daheim in der Getreidegasse geblieben. Denn Vater Leopold wollte der ganzen Welt die unglaubliche Begabung seines Sohnes präsentieren. »Welt«, das war damals gleichzusetzen mit »Hof«, denn nur dort, wo der einflussreiche Adel residierte, fand das statt, was man unter dem Begriff »Gesellschaft« zusammenfassen könnte. Nur wer es als Musiker schaffte, in den Dunstkreis dieser »High Society« zu gelangen, konnte von deren Macht und Einfluss profitieren und sich ein finanzielles Auskommen sichern.

Das wusste auch Leopold Mozart, der als Vizekapellmeister beim Fürsterzbischof von Salzburg auf der Gehaltsliste stand. Nachdem im Frühjahr 1762 die Vorstellung Wolfgangs und seiner Schwester Nannerl am Hof des bayerischen Kurfürsten in München erfolgreich über die Bühne gegangen war, beschloss der Vater im Herbst des gleichen Jahres, seine beiden begabten Sprösslinge an allerhöchster Stelle in Wien zu präsentieren.

Während von der ersten Reise nach München keine Briefe vorhanden sind, lässt uns Vater Mozart an der Wiener Reise direkt teilhaben. Empfänger seiner Berichte ist sein Vermieter und Freund Lorenz Hagenauer, der im Laufe der Jahre aus ganz Europa Post von Leopold und später Wolfgang erhalten wird. Diese schriftlichen Zeugnisse aus erster Hand sollten sich später als wichtige Quelle für alle Mozart-Forscher und Biographen erweisen.

Schon zu Lebzeiten von Vater Mozart hatten Briefe eine weit größere Bedeutung als heute, denn vor dem Aufkommen von Massenmedien stellten die geschriebenen Botschaften von Privatpersonen oft die einzige Möglichkeit dar, von fernen Ereignissen zu erfahren. Es war deshalb gängige Praxis, dass der ursprüngliche Adressat die Briefe an Verwandte und Bekannte weiterreichte. Im Falle der Mozarts dürfte halb Salzburg von den Erlebnissen der Familie während ihrer Reisen erfahren haben. Für den Schreiber wiederum bedeutete dies, dass er schon aufpassen musste, was er wem mitteilte. Und so ist der Ton in Leopolds Briefen auch vornehm zurückhaltend und selbst Situationen, in denen ihm wahrscheinlich schon der eine oder andere Fluch auskam, schildert er später in Briefen in sorgfältig gewählten Worten.

Allerdings haben Leopold und seine Frau Anna auch hinreichend Grund, mit dem Verlauf der Reise anfangs zufrieden zu sein: Wo die Eltern mit Wolfgang auch hinkommen, fliegen dem Sechsjährigen sämtliche Herzen zu. Sogar die Zöllner an der Strecke versteht der Bub offenbar so um den Finger zu wickeln, dass die darüber ihre eigentliche Arbeit vergessen: »Auf der Schanzelmauth wurden wir ganz geschwind abgefertigt, und von der Hauptmauth gänzlich dispensiert [erlassen]. Das hatten wir unserm Herrn Woferl zu danken, denn er machte sogleich Vertraulichkeit mit dem Mauthner, zeigte ihm das Clavier, machte seine Einladung, spielte ihm auf dem Geigerl ein Menuett,« notierte Leopold wohlwollend. Nicht nur die Grenzbeamten waren von dem kleinen Musikus fasziniert, Auch etliche einflussreiche Herren, mit denen die Familie auf der Reise Bekanntschaft gemacht hatte, versprachen kräftig die Werbetrommel für das Wunderkind zu rühren. »Graf Herberstein und Graf Schlick, der hiesige Landeshauptmann, wollen uns in Wien einen großen Lärm vorangehen lassen. Allem Ansehen nach werden unsere Sachen gut gehen,« berichtet Leopold Mozart aus Linz.

Der verzögerte Aufenthalt in Passau, der den Vater sicher einiges an Nerven gekostet haben dürfte, war da schon beinahe wieder vergessen. Der dortige Erzbischof hatte die Mozarts sechs Tage lang auf eine Audienz warten lassen, wodurch ein vereinbarter Konzerttermin in Linz - und damit auch die Einnahmen daran flöten gegangen waren.

Mit diesem Vorfall kündigte sich eine Erfahrung an, die ein Schlaglicht wirft auf die Arbeitsbedingungen von Künstlern zu Mozarts Zeiten und sicher nicht nur ihm so manchen Moment seines Berufslebens vergällt hat.

Anders als bei heutigen Stars, die vielleicht nur zu Beginn ihrer Laufbahn katzbuckeln müssen, war ein Künstler damals zeitlebens auf das Wohlwollen einflussreicher Persönlichkeiten angewiesen. Nur durch eine feste Anstellung bei Hof konnte man sich ein dauerhaftes Einkommen verschaffen. Von den Einnahmen heutiger Stars aus dem Verkauf von Tonträgern und Werbeverträgen sowie Tantiemen konnten Mozart und seine Kollegen nur träumen.

Allerdings: Ein so armer Schlucker, wie oft in der Literatur dargestellt, war Mozart keineswegs. Sein Fehler war nur, dass er mit Geld nicht umgehen konnte und es, sobald vorhanden, mit vollen Händen wieder ausgab. Dass er nicht gelernt hatte, für schlechtere Zeiten vorzusorgen, lag aber nicht nur in etwaigen erzieherischen Versäumnissen durch den Vater. Daseinsvorsorge an sich ist ein Thema, das bis weit ins 19. Jahrhundert weitgehend unbekannt war. Sparen und Vorsorgen sind Tugenden der modernen Welt, ebenso wie die Einführung sozialer Sicherungssysteme wie Arbeitslosengeld oder Rentenzahlungen. Das heißt aber nicht, dass alle Menschen damals vollkommen sorglos in den Tag hinein gelebt hätten.

Vater Mozart zum Beispiel rechnet seinem Freund Hagenauer im Lauf der Wiener Reise immer wieder vor, wieviel Gage ihm wegen dieser oder jener Ereignisse durch die Lappen gingen. Unerwartete Verzögerungen im Tourneeplan hatten nicht nur den Ausfall von Einnahmen zur Folge; gleichzeitig stiegen auch die Ausgaben der Reisekosten, weil man ja länger unterwegs war als geplant. Ob sich die adeligen Herrschaften dessen nicht bewusst waren, weil sie sich mit derartigen Problemen nicht herumschlagen mussten oder ob das einfach zu ihrer »Fassade« der eigenen Wichtigkeit gehörte, die man am besten demonstrieren konnte, indem man einen Untergebenen möglichst lange warten lässt - wahrscheinlich trifft beides zu.

Nach zwei Wochen Reise kamen die Mozarts dann endlich in der ersten Oktoberwoche 1762 in Wien an. Leopolds Hoffnung, schnell Zutritt zu den entsprechenden Kreisen zu finden, sollte sich überraschend schnell erfüllen. Bereits für den dritten Tag beorderte kein Geringerer als der Vizekanzler Graf Colloredo Eltern und Kinder in sein Palais, um die Fertigkeiten von Wolfgang und Nannerl einer illustren Schar an Gästen vorzuführen. Und es kam noch besser: Zwei Tage später ließ niemand geringerer als ihre Majestät, Kaiserin Maria Theresia höchstpersönlich bitten: Ein gewisser Graf Palffy hatte die beiden Kinder in Linz spielen hören. Zurück in Wien erzählte er dem Erzherzog Joseph von dieser Begegnung, der wiederum seiner Mutter, der Kaiserin, davon berichtete. Die war dann so neugierig, dass sie dieses »Wunderkind« - Nannerl wurde immer nur am Rande wahrgenommen - umgehend persönlich in Augenschein nehmen wollte.

Ihre Majestät sollte nicht enttäuscht werden:

Der kleine Woferl brillierte nicht nur auf dem Klavier, zum Entzücken der Kaiserin kletterte ihr der kleine Schelm ohne jegliche Berührungsängste auf den Schoß, schlang seine Ärmchen um ihren Hals und küsste sie frech ab. Diese Mischung aus musikalischer Begabung und kindlichem Charme - »alle Damen sind in meinen Buben verliebt«, stellte Vater Mozart fest - war sicher der eigentliche Grund, warum sich alle Welt plötzlich um Wolfgang riss. Wäre er ein steifes, triefnasiges Kind gewesen, das nur gut Klavier spielen kann, hätte er weit weniger Aufmerksamkeit erregt. So aber jagte nun ein Termin den anderen. »Einmal sind wir um halb drey bis gegen vier Uhr an einem Orte gewesen. Da liess uns der Graf Hardegg mit seinem Wagen holen und zu einer Dame mit vollem Galopp führen, wo wir bis halb sechs Uhr blieben; dann ging es zum Grafen Kaunitz, bey dem wir bis gegen neun Uhr waren«, beschreibt Leopold den Alltag in Wien. Wie sich die Kinder angesichts dieser Strapazen fühlten, wie ihr Tag abseits der Besuche aussah, darüber erfahren wir in den Briefen aus Wien nichts. Dafür aber, dass der Hof sich sehr großzügig zeigte, und Wolfgang und seiner Schwester abgelegte Galakleidung aus der erzherzoglichen Kleiderkammer spendierte sowie dem Vater einen Beutel mit 100 Dukaten. Außerdem habe man ihn gebeten, doch noch einige Wochen länger mit den Kindern in Wien zu verweilen. Egal, ob Leopold dieses Angebot nun abgelehnt hätte oder nicht: Der Aufenthalt in Wien wäre auf alle Fälle in die Verlängerung gegangen, denn der kleine Wolfgang wurde überraschend krank. Eine Art Scharlach-Fieber, so der besorgte Vater, habe Wolfgang überfallen.

Ein Dr. Bernhard, Arzt der Gräfin Sinzendorf, sei jedoch sofort von den hohen Herrschaften geschickt worden, um Wolfgang beizustehen. Als dessen Zustand sich wieder gebessert hatte, gibt Leopold Hagenauer gegenüber zu, dass eine große Angst von ihm gewichen sei und bat, in Salzburg Messen für die Genesung des Kindes lesen zu lassen. Im nächsten Moment regte sich jedoch schon wieder seine Kaufmannsseele. Nicht nur, dass er die 50 Dukaten erwähnt, die ihm durch abgesagte Konzerte entgangen seien. Er ärgert sich auch darüber, dass Wolfgang zu seinem Namenstag am 31. Oktober von zahlreichen hohen Herrschaften nur briefliche Glückwünsche erhalten habe. »Wäre er nicht schon bald vierzehn Tage zu Hause gewesen, so wäre es nicht ohne Geschenke abgegangen seyn. Jetzt müssen wir wieder sehen, dass die Sache wieder in ihren Gang kommt, der rechtschaffen gut war!«

So rasend schnell die Einführung des Wunderkindes in die Wiener Gesellschaft vor der Krankheit geglückt war, so schwierig sollte sich nun die Vereinbarung weiterer Auftritte gestalten: »Es fürchtete sich nämlich die hiesige Noblesse sehr von Blattern und Ausschlägen aller Gattungen«, klagt der Vater, wobei diese Angst nachvollziehbar ist, denn ein Ausschlag konnte sich schnell als Pockenerkrankung herausstellen, die damals oft tödlich ausging und vor keiner gesellschaftlichen Schicht Halt machte, wie selbst die Kaiserfamilie oft genug erleben musste: Genau ein Jahr später, im November 1763, sollte die Schwiegertochter der Kaiserin, Isabella von Parma, die mit deren ältestem Sohn Joseph verheiratet war, im siebten Monat schwanger an den schwarzen Blattern sterben. Wolfgang erkrankte im Alter von zwölf Jahren - während einer weiteren Reise nach Wien - ebenfalls an den gefährlichen Pocken; er überstand die Krankheit, allerdings war er von da an mit den typischen Blatternarben im Gesicht gezeichnet, was ihm zeitlebens seelisch zu schaffen machte.

Vater Mozart ist Ende 1762 auf jeden Fall froh, dass sein Sohn den Ausschlag gut überstanden hat, er grämt sich aber nichtsdestotrotz über die durch die Krankheit erlittenen, finanziellen Einbußen.

Zwar hat Leopold, während Wolfgang im Bett lag, 21 Dukaten eingenommen - woher das Geld kommt, ist unklar, doch er habe auch jeden Tag mindestens einen Dukaten an Ausgaben, rechnet er Hagenauer in einem Brief vor. Rechnet man diese Tagessumme an Lebenshaltungskosten auf die Gesamtdauer des Aufenthalts hoch - die Familie ist in diesem Herbst knapp vier Monate unterwegs, gingen die 100 Dukaten aus der kaiserlichen Schatulle allein schon für den täglichen Lebensunterhalt drauf. Zusätzliche Kosten für Postkutsche und Schiff sowie unvorhergesehene Ausgaben sind darin noch gar nicht enthalten.

Der Aufenthalt in Wien endet nach der Krankheit Wolfgangs mit einer Reise ins 60 Kilometer entfernte Pressburg auf Einladung der Gräfin Kinsky; zwei Tage vor dem Jahreswechsel kehrt die Familie dann in die Hauptstadt und zurück und packt endgültig die Koffer für die Heimreise nach Salzburg.

Wenn man sich mit der Erforschung von Biographien beschäftigt, ist ein wichtiges Kriterium, welche Ereignisse im Leben eines Menschen zu Veränderungen führen. Nimmt man 1762 als das Jahr, in dem die Welt außerhalb Salzburgs das erste Mal Bekanntschaft mit der Person Wolfgang Amadeus’ und seinen Talenten machte und umgekehrt der kleine Bub einen Vorgeschmack davon bekommt, was ihn in seinem Komponistendasein erwarten wird, stellt sich die Frage, was nach diesen Aufenthalten in München und Wien anders war für den inzwischen sieben Jahre alten Buben und seine Familie. Am auffälligsten ist dabei sicher der abrupte Wechsel der Lebensumstände.

Bis zu seinem sechsten Geburtstag hatte Wolfgang ein wohlbehütetes Leben geführt. Da er keine Schule besuchte, sondern vom Vater zu Hause unterrichtet wurde und zudem schon jede freie Minute musizierte, wird er seine häusliche Umgebung nicht allzu oft verlassen haben.

Anfang 1762 wird er dann auf einmal in die weite Welt hinausgestoßen, in der er von heute auf morgen »funktionieren« muss. Leopold und Anna Mozart kann an dieser Stelle aber nicht der Vorwurf gemacht werden, sich als überehrgeizige »Rabeneltern« erwiesen zu haben. Eine »Kindheit« im heutigen Sinn gab es für kleine Erdenbürger zu Mozarts Zeiten allgemein nicht. Das zeigt sich schon allein an der Kleidung: Einmal den Windeln entwachsen, wurden Buben und Mädchen in Miniaturausgaben von Erwachsenengarderoben gesteckt. Auch die Erwartungen über korrektes Benehmen waren weit rigoroser als heute, zumindest was die bürgerliche und adelige Gesellschaft betrifft. Kinder durfte man sehen, aber nicht hören, lautete eine der Regeln von damals. So mancher erzieherische Stundenplan eines Kindes ähnelte dem eines heutigen Managers: Je weniger Freiraum und damit auch Freizeit man seinem Sprößling gab, umso weniger konnte er oder sie auf dumme Gedanken kommen. Es wird deshalb kaum jemand missbilligend den Kopf geschüttelt haben, wenn ein sechsjähriger Bub und seine elfjährige Schwester Tag für Tag bei Abendgesellschaften aufspielen und gleichzeitig auch noch gute Miene dazu machen mussten. Bei all den Abhandlungen, die sich mit dem frühen Tod des Komponisten Ende 1791 beschäftigen, wird immer wieder auf die ungeheuren Strapazen verwiesen, denen Wolfgang Amadeus auf seinen endlosen Reisen ausgesetzt war. Damit einhergehend litt er schon als Kind an zahlreichen Krankheiten, was sich auch in der Existenz einer immer wohlgefüllten Reiseapotheke zeigt, die auf allen Reisen ihre Dienste leisten musste. Doch auch zu Hause blieb Wolfgang nicht verschont: Schon kurz nach der Rückkehr von Wien im Januar 1763 ist der kleine Wolfgang erneut schwer krank: Er wird von einem Gelenkrheumatismus geplagt, der ihn sein ganzes Leben über immer wieder heimsuchen wird.

Liest man, unter welchen Umständen besagte Reise nach Pressburg verlief, ist es kein Wunder, dass ein sechsjähriges Kind, irgendwann mit seinen Kräften am Ende war: »Wir reisten dieser Tage nicht sonderlich bequem, indem der Weg zwar ausgefroren, allein unbeschreiblich knoppericht [holperig] und voller tiefer Gruben und Schläge war; denn die Ungarn machen keinen Weg. Hätte ich in Pressburg nicht einen Wagen kaufen müssen, der recht gut gehängt ist, so hätten wir ganz gewiss ein paar Rippen weniger nach Hause gebracht. Den Wagen musste ich kaufen, wenn ich wollte, dass wir gesund nach Wien kommen sollten. Denn in ganz Pressburg war kein 4-sitziger geschlossener Wagen bei allen Landkutschern anzutreffen«, notiert Leopold.

Nicht nur seine angeschlagene Gesundheit wird ihn im Laufe der Jahre immer wieder belasten, auch sein Image als »Wunderkind«, das in jenem Jahr 1762 entstanden ist, war wenig förderlich für eine erfolgreiche Zukunft. Denn irgendwann ist er dem Idealbild des kleinen Buben, der alle Welt mit seinen flinken Fingern und seiner beredten Art entzückt, entwachsen. Mozart wird es in seinem späteren Leben weit schwerer haben, seine Gönner für sich einzunehmen als in der Zeit als kleiner, unbekümmerter Dreikäsehoch.

Die dauerhafte Anerkennung seiner musikalischen Leistungen wird erst lange nach seinem Tod erfolgen. Dass Jahrhunderte später jedes runde Datum, sei es zum Geburtstag oder Todestag ein Grund für die Musikwelt sein wird, das »Genie« aus Salzburg zu feiern, könnte ihm im Nachhinein als Genugtuung erscheinen; seine anstrengende Kindheit und Karriere, die vor genau 250 Jahren, um bei den runden Zahlen zu bleiben, begonnen hat, kann ihm das aber nicht mehr erleichtern.


Susanne Mittermaier


43/2012