Jahrgang 2009 Nummer 50

»Raus, ihr bösen Geister!«

Religiöse Volkskunst aus Altbayern – Ausstellung im Waldkraiburger Stadtmuseum

Um das Böse draußen zu halten und das Gute herein zu holen – dazu war dem Altbayern früher jedes Mittel recht. An den Stallpfosten heftete der Bauer einen zinnernen Gitterguss des Viehpatrons Leonhard. Erstand er einen Haussegen, sollte das Bild des Pestheiligen Sebastian nicht fehlen. Gegen heftiges Bauchweh half oft schon ein Stoßseufzer gen Himmel, und wenn nicht, dann musste halt ein ganzer Rosenkranz gebetet und ein bisserl Weihwasser verspritzt oder ein Schabfigürl abgeraspelt werden. »Raus, ihr bösen Geister!« war die Devise. Von der Wallfahrt brachte man allerhand Abwehrendes und Andachtsvolles heim: eine schwarze Kerze, die »beim Wetter« angezündet, eine Gnadenbild-Medaille, die in den Geldbeutel eingelegt oder ein Andachtsbildchen, das der totkranken Oma aufgelegt wurde, wenn die »Brestn« ihr gar übel zusetzte. Das Böse, Kranke, Üble, Todbringende sollte abgewehrt, das Gute zugelassen sein: So schmückte man den Herrgottswinkel mit frischen Blumen, holte an Weihnachten das Hauskripperl aus dem Kasten, stellte gläserne Eingerichte mit Fatschnkindln oder Namenspatronen auf, hielt fürs Seelenheil eine fromme Postille, aus der man Heiligenlegenden las und verehrte die von der Urgroßtante überkommene Reliquie eines gottgefälligen Eremiten, dessen Name einem wurscht war – Hauptsache, er half und schützte.

All dies subsumiert sich unter dem Begriff des »Volksglaubens« – und seine Requisiten sind die Objekte, die der »religiösen Volkskunst« zugehören. Breverl und Wachsstöckl, Rosenkränze und Klosterarbeiten, Votivgaben und Votivtaferl, »Weihbrunn«, Andachts- und Sterbebildchen, Gebetszettel und Gebetbücher, Haussegen, papierene Aufstellaltärchen, wächserne Jesulein, Reliquienkapseln, Hinterglasbilder mit Motiven aus der Heilsgeschichte und Heiligenporträts. Wer solche »frommen Sachen« zusammentrug, hatte einen richtigen »Heiltums-Schatz«. Auch wenn er nicht dran glaubte, dass beim Einnehmen eines Schluckbildchens (mancher Altbayer warf so ein Bildchen von Mariazell oder einem anderen Pilgerziel ins Weißbierglas – und erst als es sich ganz aufgelöst hatte, zischte er die blonde Halbe) das Magengeschwür schwindet, so hatte er doch Respekt vor einem solchen Heil-Mittel, mit dem im Sack er an ein Wunder glaubte. Schluckbildchen sind – aus verständlichen Gründen – heutzutage eine Rarität. Sie wurden beileibe nicht nur in Speis und Trank konsumiert und dem Vieh ins Futter gemischt, sondern auch von Museen eingeheimst. In öffentlichen Sammlungen liegen solche »Rara« hundert- und tausendfach. Schön, wenn das eine oder andere Museum seine Depots öffnet und den (Un)Gläubigen gerade so ein Gebiet wie das der »religiösen Volkskunst« erschließt. Burghausens Stadtmuseum stellte vor einem Jahr eine aus eigenen Beständen inklusive der Dauerleihgaben von der ortsansässigen, 326 Jahre bestehenden »Congregatio Jesu« (so heißen seit 5 Jahren die »Englischen Fräulein«) gespeiste Schau zusammen. Corinna Ulbert-Wild und Ines Auerbach reisten mit ihr im Gepäck in die Patenstadt Hohenstein-Ernstthal in Sachsen, um sie zur Advents- und Weihnachtszeit 2008 im dortigen Textil- und Rennsportmuseum zu zeigen. Waldkraiburgs Stadtmuseum mit Leiterin Elke Keiper und Volontär Dietrich Maurer gelang es, die Ausstellung ins Haus der Kultur zu bringen und ein wenig zu ergänzen.

»Armes Menschenherz, verzage nicht! Maria ist deine Rettung und Zuversicht.« So tröstet ein Glasplättchen aus Grulich im Adlergebirge, einer Wallfahrt, die den Sudetendeutschen noch geläufig sein dürfte. Das Plättchen ist bunt bedruckt mit dem Spruch, einem Wallfahrtsbild der Gottesmutter von Grulich und einem dicken Blumenbukett. Wohl ein Wallfahrts-Andenken, das man sich zur Erinnerung, aber auch zur Gebetsmahnung aufs Nachtkastl gelegt haben mochte. Der Gegenstand ist – mit vielen ähnlichen, einfachen Holzperlenrosenkränzen, eisernen Votivgaben (Tiergestalten für eine Leonhardikirche) oder einem Gebetszettel mit dem Bild der hl. Kümmernis (nahe Burghausen) – relativ schlicht im Gegensatz zu äußerst kostbaren Exponaten: einer großen Reliquientafel mit dem »Volto Santo« von Lucca im Zentrum, einem »Agnus Dei«-Ostensorium oder einem stehenden Christkinds im weißen, perlenbestickten Kleid. Diese Objekte waren in Frauenklosterbesitz.

Volkstümlich erscheinen ein Hinterglasbild mit dem »Letzten Abendmahl«: Christus mit den 12 Aposteln am runden Tisch, in der Mitte eine Platte, auf dem ein Lamm liegt; eine Votivtafel, datiert 1853 mit dem Hinweis »Gott und Maria sei unendlicher Dank, glücklich geholfen«; eine Dornenkrone aus rotem Wachs mit dem dazugehörigen Holzmodel; ein in Kopie aufliegendes, durchblätterbares Buch: »Leben, Wanderungen, Kreuz- und Querzüge…« eines Burghauser Hafnermeisters von 1840. Dieser Martin Kreutzhuber war ein passionierter Pilger. 1838/39 war er, 63 Jahre alt, 32 Tage unterwegs ins Heilige Land. Ein Unruhegeist seit seinem 14. Lebensjahr. Einer, der das Heil nicht im eigenen Heim suchte, im trauten Herrgottswinkel, bei Kerzenschein und Hallelujasingen, sondern in der Fremde – weit draußen in der Welt. Auf Hut und Mantel heftete er Muscheln, die Pilgerzeichen des heiligen Jakob, und auf den Lippen trug er die Formeln der Anrufung Gottes, Mariens und seiner Lieblings-Patrone. Vielleicht opferte er auch am Gnadenort. Was? Wer weiß! In Altötting gibt man noch heute Geld für Altarkerzen oder kauft sie vor Betreten der Heiligen Kapelle beim Devotionalienhändler, um sie in einen Korb zu legen, nicht ohne dabei zu flüstern: Heilige Mutter Gottes von Altötting, hilf! Geben, um zu empfangen. Aber auch, um Dank zu sagen. So ist es noch heute, wenigstens in Altbayern, der Brauch. Die Waldkraiburger Ausstellung bringt ihre Besucher auf solche Gedanken.

»Religiöse Volkskunst aus Altbayern«, Ausstellung des Stadtmuseums Waldkraiburg, geöffnet Dienstag bis Freitag 12 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr außer Feiertagen, vom 27.12. bis 5.1. 14 bis 17 Uhr. Geschlossen: 24. bis 26.12., 29. und 31.12. sowie vom 1. bis 6.1. 2010. Bis 10. Januar.


Hans Gärtner



50/2009