Jahrgang 2021 Nummer 29

Privat eine glückliche Ehe, politisch eine Mesalliance

Napoleon forciert die Verbindungen mit Bayern – Rückblick zum 200. Todestag des Kaisers 1821 – Teil II

Die Eltern der Brautleute bei der Hochzeit Eugène de Beauharnais mit Prinzessin Auguste Amalie: Napoleon (sitzend, von links), Joséphine, König Max I. Joseph und Königin Karoline. Ausschnitt aus einem Gemälde von Francois Guillaume Menageot (Repros: Mittermaier).
Das Brautpaar (Mitte) kannte sich damals erst seit drei Tagen, führte anschließend aber eine ausgesprochen glückliche Ehe. Ausschnitt aus einem Gemälde von Francois Guillaume Menageot.
Von den Engländern 1815 nach St. Helena verbannt (hier eine zeitgenössische Karikatur), verbrachte Napoleon seine letzten Jahre mit Erinnerungen an bessere Zeiten.

Erst traf der Kaiser ein, dann die Kanonen: Als Napoleon am 31. Dezember aus Österreich nach München zurückkehrte, hatte sich das bewahrheitet, was ein hiesiger Fan beim ersten Besuch des Franzosen im Oktober auf ein Plakat in der Landeshauptstadt gepinselt hatte: »Venit, vidit, vincit Napoleon austriae terror« – »Er kam, sah und siegte, Napoleon, der Schrecken der Österreicher«. Der Oberbefehlshaber der Grande Armée hatte Anfang Dezember den Habsburgern samt ihrem russischen Verbündeten in der Schlacht von Austerlitz eine vernichtende Niederlage beschert – und sich anschließend, mit seinen Truppen in Wien breit gemacht.

Bei der Einnahme der Stadt waren in einem Depot zahlreiche Geschütze und Fahnen bayerischer Provenienz aufgetaucht, die sich die Österreicher 100 Jahre zuvor im Spanischen Erbfolgekrieg unter den Nagel gerissen hatten. Diese Beutestücke sollten nun auf Veranlassung Napoleons in ihre Heimat zurückkehren – ein geschickter Schachzug, um in München gut Wetter zu machen. Der bayerische Kurfürst Max IV. Joseph hatte als Dank für sein kürzlich mit Napoleon geschlossenes Bündnis zwar schon den Königstitel und etliche Gebietszuwächse erhalten, doch bei einer Sache zierte sich der Wittelsbacher noch. Napoleon verlangte für seinen Stiefsohn Eugène de Beauharnais die Hand von Max Josephs ältester Tochter, Auguste Amalie. Der baldige König – am 1. Januar 1806 sollte die formale Erhöhung erfolgen – war jedoch von der Aussicht, sich nun auch noch familiär mit den Bonapartes zu verbandeln, alles andere als begeistert. Doch Napoleon dachte nicht daran, in dieser Angelegenheit locker zu lassen.

Nachdem er Max Joseph bei seinem Besuch im Vorfeld von Austerlitz nicht angetroffen hatte, beorderte der nun Gattin Joséphine an den Münchner Hof, um die Wittelsbacher weichzuklopfen. Die Kaiserin und Mutter des Bräutigams in spe traf am 5. Dezember 1805 mit einem riesigen Tross in der Residenz ein, wobei sie offenbar Sorgen hatte, während ihres Besuchs zu verhungern, denn zu ihrem Gefolge gehörten unter anderem 15 Köche. Mit im Gepäck hat Joséphine auch einen Berg an Spitzenkleidern, Schals und Taschentüchern – Gastgeschenke, die sie auf Anweisung von Napoleon an Auguste Amalie und deren Hofstaat verteilten sollte. Ob seine Strategie Früchte trug, erfuhr der Kaiser in Österreich allerdings nicht, denn Joséphine war eine mehr als nachlässige Briefeschreiberin. Während ihr Gatte selbst im größten Schlachtgetümmel fast täglich an seine Herzensdame schreibt, hört er im Gegenzug oft wochenlang nichts von ihr: »Große Kaiserin, kein einziger Brief von Ihnen seit Ihrer Abreise aus Straßburg. … Das ist alles andere als nett und liebenswert«, beschwert sich Napoleon dann auch aus Schönbrunn nach München.

Joséphine reagiert auf die Kritik mit der lapidaren Erklärung, sie sei krank gewesen. Eine mehr als schale Ausrede, denn so schlecht, dass sie tatsächlich wochenlang nicht in der Lage gewesen wäre, wenigstens eine kurze Nachricht zu schicken, ging es der Kaiserin nicht, zumal ja auch eine ihrer Hofdamen hätte schreiben können. Doch der auf dem Schlachtfeld sonst so gewiefte Napoleon, gerät bei dieser Antwort prompt in die Defensive: »Erhole dich gut in München und amüsiere dich, was dir in einem so schönen Land und mit so netten Menschen in deiner Umgebung sicher nicht schwer fallen wird«, antwortet er ihr, wobei man ihm zumindest einen kleinen Hauch gesunden Sarkasmus' unterstellen kann, denn, Joséphine war, zumindest zu Beginn ihrer Ehe, tatsächlich nicht um Vergnügungen verlegen.

Gerüchte über durchgefeierte Nächte und Amouren erreichten Napoleon damals selbst in Ägypten. Von der männermordenden femme fatale war in München allerdings nicht mehr viel übrig, ganz im Gegenteil: Joséphine bemühte sich offenbar so sehr, ihrer Rolle als erster Frau im Staat gerecht zu werden, dass kein vernünftiges Gespräch mit ihren bayerischen Gastgebern zustande bringt: »Ich kann nicht mehr, bin krank, fertig vor Langeweile und Mühsal. … Sie ist eine liebenswürdige, sehr obligeante Frau, voller Bestreben zu gefallen, aber ihre Würde verlangt, dass man bei ihr vor Langeweile stirbt«, schrieb Kurfürstin Caroline genervt an ihre Mutter in Baden.

Verzweifelt über den kaiserlichen Besuch war auch Auguste Amalie, was aber weniger mit der Person Joséphines als mit deren Mission zusammenhing. Als die 17-jährige Prinzessin erfuhr, dass sie Eugène de Beauharnais heiraten sollte, weinte und tobte sie und verbarrikadierte sich anschließend tagelang in ihrem Zimmer. Dem Kurfürsten schlug diese Reaktion gehörig aufs Gemüt, denn Napoleon war nicht der Allergeduldigste. Falls die Ehe nicht zustande kam, mussten die Wittelsbacher sogar um ihre Herrschaft fürchten, wobei schon Gerüchte umgingen, dass der Kaiser dann seinen Schwager Joachim Murat auf den bayerischen Thron heben könnte. Max Joseph greift in dieser Situation zu einem ähnlichen Mittel wie Josephine – er schützt schwache Gesundheit vor: Er wisse, dass es viel von ihr verlangt sei, Napoleons Forderung nachzukommen, doch sie sei doch so verantwortungsbewusst, nicht das Glück eines ganzen Landes und seiner Untertanen aufs Spiel zu setzen, und auch nicht das gesundheitliche Wohl ihres lieben Herrn Papa, jammerte Max Joseph, ein wenig feige, denn er appellierte nicht persönlich, sondern per Brief an die Tochter, die am Ende aber nachgibt.

Napoleon nimmt diese Wendung erfreut zur Kenntnis und macht sich Ende Dezember 1805, unmittelbar nach dem Friedensvertrag mit Österreich, von Wien auf in die bayerische Hauptstadt, wo er am 31. Dezember mitten in der Nacht einrifft. Nur Stunden später schreibt er seinem Stiefsohn in Italien: »Ich bin gerade in München angekommen und habe Ihre Hochzeit mit Prinzessin Augusta arrangiert. Heute früh hat mich die Prinzessin besucht und wir haben lange miteinander gesprochen. Sie ist sehr schön. Ich schicke Ihnen eine Tasse mit ihrem Porträt, aber sie sieht in Wirklichkeit viel hübscher aus.« Was diese Zeilen nicht verraten: Eugène wusste offenbar gar nichts von den Absichten seines Stiefvaters – und wird nun, völlig überrascht, schleunigst nach Bayern zitiert, um dort seiner unbekannten Braut gegenüberzutreten. Der 24-jährige, junge Mann aus Joséphines erster Ehe folgt dem Befehl jedoch widerstandslos und trifft am 10. Januar in München ein, wo seit Tagen bereits eine Feierlichkeit die nächste jagt: Am 1. Januar war Max Joseph offiziell zum König proklamiert worden, was im ganzen Land entsprechend gefeiert wurde, und in der Residenzstadt ging der Jubel nahtlos weiter, als am 2. Januar die zurückeroberten Kanonen samt 21 Fahnen Einzug hielten: »Die meist schweren Feuerschlünde wurden unter Paradierung des ganzen bürgerlichen Militärs zu Fuß und zu Pferd in Begleitung der gesamten Schuljugend auf Wagen mit Bändern, Laubwerk und Baumzweigen geziert, und von Pferden, die gleichfalls mit weißen und blauen Bändern geschmückt waren, in die Stadt herein gezogen und auf dem Platze aufgestellt«, berichtet die »Augsburgische Ordinare Postzeitung« von dem Ereignis, das den heutigen Odeonsplatz in ein wahres Tollhaus verwandelte: Drängende Zuschauer, Blasmusiken, Chöre, dazu Kanonendonner hätten damals wohl auch Tote aufgeweckt.

Die ausgelassene Stimmung der Bevölkerung gründet aber nicht nur auf der symbolträchtigen Beute: Mit dem Friedensschluss zwischen Frankreich und Österreich ist endlich ein Krieg zu Ende, unter dem auch die bayerischen Untertanen arg gelitten hatten, und das betraf nicht nur Orte wie Ulm, wo Kampfhandlungen stattgefunden hatten. Schlimmer noch für die zivile Bevölkerung waren die Zehntausenden von französischen, österreichischen und russischen Soldaten, die sich Monatelang durch die Lande gewälzt und wie Heuschrecken ganze Regionen kahl gefressen hatten. Napoleon wurde in diesem Zusammenhang nun als der große Heilsbringer gesehen, der Bayern nicht nur die Habsburger vom Hals geschafft, sondern auch die Aussicht auf bessere Zeiten gebracht hatte. Entsprechend groß war die Begeisterung der Menschen, wenn sich Napoleon in der Öffentlichkeit zeigte, was er in den Tagen in München gerne und entsprechend leutselig tat. So mancher Zeitgenosse kam dabei sogar in den Genuss eines persönlichen Kontakts wie der pensionierte Münchner Polizeidirektor Baumgartner, der auf einem Jagdausflug der beiden Majestäten Napoleon und Max Joseph im Forstenrieder Wald parat stand, um einen selbst ertüftelten Küchenwagen zu präsentieren Das Gefährt – heute würde man es wohl als Gulaschkanone betiteln – zeichne sich »durch ein eingesperrtes Feuer in kupfernen Kesseln« aus, in denen man jede Art von Suppe kochen könne. Die beiden Majestäten hätten die Erfindung huldvoll als »zweckmäßig« gelobt und die französischen Husaren wie auch die zur Jagd aufgebotenen Bauern die von Baumgartner gekochte Kostprobe genussvoll verspeist, wusste die »Postzeitung« darüber zu berichten.

Während sich die hohen Herren im Wald herumtrieben, waren die Damen in der Residenz in heillosem Aufruhr: die Hochzeit von Prinzessin Auguste und Eugène de Beauharnais sollte nun Knall auf Fall in München stattfinden – eine Planänderung, von der offenbar selbst Kaiserin Joséphine kalt erwischt worden war. Am 7. Januar hatte sie noch aus der Residenz an ihre Tochter Hortense in Paris geschrieben, sie solle sich nicht grämen, dass sie etwas verpasse. Die Hochzeit werde demnächst in der französischen Hauptstadt stattfinden, dann könne sie auch ihren Bruder endlich wieder in die Arme schließen – und sich dazu über eine wunderbare Schwägerin freuen: Die zunächst so widerspenstige Prinzessin hatte die Herzen ihrer zukünftige Verwandten im Sturm erobert, und das galt besonders für den Bräutigam, der seine Auguste nur drei Tage nach dem ersten Kennenlernen im Beisein Napoleons, seiner Mutter wie auch der bayerischen Königsfamilie in der Grünen Galerie in der Münchner Residenz vor den Traualtar führte.

Aus der Zwangsverbindung entwickelte sich eine tatsächliche Liebesehe, was sich von der politischen Verbindung Bayerns zu Frankreich nicht sagen ließ, denn Napoleon zettelte bald neue Kriege an, die 1809 auch wieder bayerischen Boden erreichten. Damals stand das Bündnis mit Frankreich aber noch auf festen Füßen, zumindest legt das die geradezu überschwängliche Berichterstattung vom neuerlichen Besuch des Kaisers im Oktober 1810 in München nahe: Seine Majestät sei heute früh angekommen, »unter der Begleitung der Nationalgarde zu Pferd, unter Geläute der Glocken und Kanonendonner, und Jubel und Freudenrufen des Volkes wurde der größte Monarch bewillkommnet.«

Es sollte jedoch der letzte Besuch Napoleons in München sein und mit den Beifallsbekundungen für seine Taten hörte es sich in hiesigen Landen ebenfalls bald auf: Als er sich im August 1813 auf der Durchreise in Würzburg zum letzten Mal auf bayerischem Boden aufhält, ist sein Stern schon im unaufhaltsamen Sinkflug: 1812 hatte sich der einst so mächtige Feldherr mit dem Einmarsch seiner »Grande Armée« in Russland völlig verspekuliert und dabei auch 30 000 bayerische Soldaten in den Tod geschickt.

Als Frankreich 1813 bei Leipzig erneut auf Österreich und Russland trifft, hält sich Bayern aus den Kämpfen heraus und schlägt sich dann auf die Seite seiner Gegner. 1815 kommt es zwar zu einem erneuten Showdown, nachdem Napoleon die Flucht von Elba und eine neuerliche Machtübernahme geglückt war, doch jetzt sind seine Tage endgültig gezählt.

Nur Monate später findet er sich auf der Atlantikinsel St. Helena wieder, wo ihm bis zu seinem Tod 1821 – und damit heuer vor genau 200 Jahren – nicht viel mehr bleibt, als sich an glanzvollere Zeiten zu erinnern, zu denen auch seine Besuche in Bayern gehörten.

 

Susanne Mittermaier

 

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 28/2021 vom 10. 7. 2021

 

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