Jahrgang 2005 Nummer 6

Parasiten, die Plagegeister des Menschen

Eine Sonderausstellung im Haus der Natur in Salzburg

Replikat des Ötzi, in dessen Darm Eier des Peitschenwurms gefunden wurden.

Replikat des Ötzi, in dessen Darm Eier des Peitschenwurms gefunden wurden.
Filzlaus auf menschlichem Haar.

Filzlaus auf menschlichem Haar.
Entfernung des bis 80 Zentimeter langen Medinawurms. Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert.

Entfernung des bis 80 Zentimeter langen Medinawurms. Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert.
Zecken und Wanzen, Läuse, Milben, Bandwürmer, Trichinen und Flöhe haben eines gemeinsam: Sie leben auf Kosten anderer und sind Parasiten oder Schmarotzer. Das von ihnen befallene Lebewesen, ob Pflanze, Tier oder Mensch, bezeichnet man als Wirt. Natürlich ist es ein Wirt wider Willen, der sich den ungebetenen Gast gefallen lassen muss.
Für den Menschen sind viele Parasiten unangenehm, aber harmlos. Gefährlich können sie werden, wenn sie in großen Massen auftreten. Weniger durch den Nahrungsentzug beim Wirt, sondern durch die Ausscheidung ihrer Stoffwechselprodukte, die für den Wirt schädlich sind. Einige wenige Parasiten erzeugen beim Menschen gefährliche Erkrankungen, so die Erreger der Malaria, der Schlafkrankheit und anderer Tropenkrankheiten, die jährlich immer noch viele Todesopfer fordern.

»Krankheiten durch Parasiten sind erheblich für Siechtum und Armut in der Welt verantwortlich, deshalb ist es für jeden sinnvoll, sich ein Grundwissen über Parasiten und parasitäre Erkrankungen anzueignen.« Diese Worte des Wiener Professors Horst Aspöck bilden das Motto einer Sonderausstellung über die Bedeutung der Parasiten, die bis Ende März 2005 im Haus der Natur in Salzburg zu sehen ist. Ihr Schwerpunkt liegt bei tierischen Schmarotzern, vor allem den Plagegeistern des Menschen. Dreidimensionale Modelle, Mikroaufnahmen, Schemazeichnungen und Kurzfilme führen eine erstaunliche Welt vor Augen, die für gewöhnlich unseren Blicken entzogen ist. Auch ein originalgetreues Replikat des Ötzi, der über 5000 Jahre alten Ötztaler Gletschermumie, ist ausgestellt, in deren Körper die Mediziner Eier des Peitschenwurms entdeckten; das ist ein bis heute weit verbreiteter Darmschmarotzer, der bei starkem Befall Anämie (Blutarmut) hervorrufen kann.

Die Vielfalt und die Verbreitung der Parasiten ist nahezu grenzenlos. Es gibt keine Haut und kein Haar, kein Fell, keine Leibeshöhle und kein Körpergewebe von den Muskeln bis zu den Nerven, die nicht unerwünschte Tischgenossen beherbergen, unter ihnen mehr oder weniger leiden oder gar dahinsichten. Zahllose Einzeller, Würmer und Insekten ernähren sich in oft komplexen Wechselbeziehungen von anderen Lebewesen. Kein Wunder, dass die Wirtsorganismen im Laufe der Evolution Abwehrmechanismen gegen die Parasiten entwickelten; dadurch entsteht ein ständiger Prozess gegenseitiger Herausforderung und Anpassung. Ein mäßiger Parasitenbefall kann sogar zur Stärkung des Immunsystems beitragen.

Die Parasiten sind Meister in der Kunst der Anpassung an den jeweiligen Wirt. So besitzen viele der im Körper von Säugetieren lebenden Parasiten kunstvolle Haftorgane, die ihnen den Dauerkontakt mit dem Wirt sichern. Das sind entweder Saugwerkzeuge oder Haken, Stacheln oder ein Rüsselfortsatz, der tief in das fremde Gewebe eindringt. Solche Endoparasiten verlieren meist vollständig ihre Verdauungsorgane und nehmen die vorverdaute Nahrung durch die gesamte Körperoberfläche auf, da sie gleichsam in der nährstoffreichen Körperflüssigkeit des Wirts schwimmen. Blutsaugende Außenparasiten sind in der Lage, Antikoagulantien zu erzeugen und damit die Gerinnung des aufgenommenen Blutes zu verhindern.

Die Gefahr, den früher gefürchteten Schweine- und Rinderbandwurm zu bekommen, ist seit der Einführung der gesetzlich vorgeschriebenen Fleischbeschau in Mitteleuropa praktisch gleich Null, nicht aber auf dem Balkan und in Nordamerika. Die Larve (Finne) des Rinderbandwurms lebt im Muskelfleisch des Rindes, gelangt durch den Verzehr von unzureichend gebratenem oder gekochtem Fleisch in den menschlichen Darm und wächst dort zum bis zu 20 Meter langen Bandwurm heran. Er produziert täglich eine Unmenge Eier, die mit der Gülle auf die Weide gelangen können und von Weidetieren aufgenommen werden. Der Schweinebandwurm (Trichine) äußert sich beim Menschen durch starke Schmerzen, Gehirn- und Augenleiden und kann schwere Krankheitssymptome hervorrufen. Das bei Juden und Moslems geltende Verbot von Schweinefleischgenuss dürfte auf die schon im Altertum bekannte Trichinengefahr zurückzuführen sein.

Bei Fernreisen nach Asien oder Afrika besteht auch heute die Gefahr, durch schmutziges Trinkwasser mit dem Medinawurm infiziert zu werden. Er setzt sich im Unterhautgewebe fest. Schon die antiken Ärzte verstanden sich darauf, den bis 80 Zentimeter langen Wurm vorsichtig aus der Haut zu ziehen und auf ein hölzernes Stäbchen aufzuwickeln. Wahrscheinlich geht der so genannte Äskulapstab, das Symbol der Heilkunst, auf diese uralte Behandlungsmethode zurück.

Weil die Innenparasiten auf Gedeih und Verderb von ihrem Wirt abhängig sind, würden sie mit dessen Tod ebenfalls sterben – und letztlich wäre damit das Ende ihrer Art besiegelt. Um das zu verhindern, sorgen sie dafür, dass vor ihrem Tod Eier oder Larven mit den Ausscheidungen des Wirts ins Freie gelangen um dort von einem neuen Wirt aufgenommen zu werden. Das sind in der Regel Tiere – Hund, Katze, Fuchs, Schwein oder Rind – in deren Körper larvenähnliche Zwischenformen heranwachsen, die dann bei passender Gelegenheit in den Menschen gelangen und sich hier zum fertigen Tier entwickeln. Durch die Einschaltung mehrerer solcher Zwischenwirte kann der Entwicklungszyklus eines Schmarotzers sehr kompliziert verlaufen.

Natürlich haben sämtliche Parasiten ursprünglich völlig selbstständig gelebt und sind erst im Laufe von Jahrtausenden allmählich zur schmarotzenden Lebensweise übergegangen. Die Aufdeckung dieser Zusammenhänge war eine der spannendsten Entdeckungen der Biologiegeschichte.

JB



6/2005