Jahrgang 2012 Nummer 30

Pallinger Bauer 1812 mit Napoleon in Rußland

Jakob Wimmer überlebt Feldzug als einer der wenigen bayerischen Soldaten

Jakob Wimmers Porträt im Blechbuch. Es zeigt den Veteranen im Alter von ca. 60 Jahren. Das Bild ist nach 1849 entstanden, da der Orden links (vom Betrachter aus gesehen) erst in diesem Jahr verliehen wurde. Mit dem Zeigefinger deutet er auf seine Lebensdaten auf der rechten Seite.
Die Votivtafel, auf der Jakob schildert, wie er am Kriegsschauplatz in Polozk zufällig seinen Bruder Simon trifft, der kurz darauf stirbt. Das Bild hängt in der Frauenbrunnkapelle in Traunwalchen.
Die Lithographie des französischen Künstlers Vernet, 1817 entstanden, muss dem Maler des Blechbuchs als Vorlage gedient haben. Im Original lautet der Titel »Verwundete Franzosen von Kosaken überfallen«.

Es ist ein eigenartiges Motiv: Der blonde, fast kahle Herr im mittleren Alter schaut starr nach vorne, während er mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand über den Bildrand des Porträts hinaus zu deuten scheint. Folgt man dem Finger, kann man auf der Seite rechts neben dem Konterfei lesen: »Jakob Wimmer Freidl-Bauer von Katzwalchen. Geboren 1790 machte 1812 den Feldzug nach Russland, 1813, 1814 und 1815 den Feldzug nach Frankreich mit und starb 1872 in Palling im Alter von 82 Jahren.« Bild und Text sind Teil eines ungewöhnlichen »Tagebuches«, in dem Jakob Wimmer seine Teilnahme an den napoleonischen Kriegen dokumentiert hat.

Das aus Blech gefertigte Buch enthält sechs bemalte und beschriftete Seiten und ist am Eingang der Pallinger Pfarrkirche in die Wand eingemauert. Nicht nur die Machart und der Aufbewahrungsort sind dabei außergewöhnlich; die bloße Existenz ist aus historischer Sicht ein seltener Glücksfall. Mit dem Abbild Wimmers bekommt wenigstens einer der vielen Soldaten ein Gesicht, die vor 200 Jahren in einen der verlustreichsten Feldzüge der Kriegsgeschichte geschickt wurden. Über die einzelnen Schicksale dieser einfachen Rekruten, die ihr Brot im Normalleben als Bauern, Dienstboten oder Handwerker verdienten, sind nur wenige Informationen vorhanden.

Eine halbe Million Männer aus Frankreich und den verbündeten Staaten mussten sich auf Befehl Kaiser Napoleon Bonapartes im Frühjahr 1812 auf den Weg nach Russland machen, darunter gut 30 000 Soldaten aus Bayern. Nur etwa jeder zehnte von ihnen hatte das Glück, die Heimat wiederzusehen. Grund genug also, sich näher mit dem Schicksal des Jakob Wimmer zu beschäftigen, der nicht nur die Hölle von Russland, sondern danach auch noch die Feldzüge gegen Napoleon in Frankreich überlebt hatte.

Den Kirchenbüchern der Pfarrei Traunwalchen zufolge ist Jakob 1790 das dritte von acht Kindern des Bauern Thomas Wimmer und dessen Frau Katharina. Die Familie bewirtschaftet den Frieserhof in Oberwalchen, heute Ortsteil von Traunreut. Das elf Häuser umfassende Dorf liegt damals am äußersten Rand des Kurfürstentums Bayern, nur zwei Kilometer weiter, kurz hinter Unterweißenkirchen, beginnt bereits das Gebiet des Erzstiftes Salzburg.

Die grenznahe Lage bringt es mit sich, dass die Bevölkerung im Lauf der Jahrhunderte immer wieder von kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen ist. Auch Jakob muss als Bub miterleben, wie im Jahr 1800 französische Truppen nach der Schlacht von Hohenlinden plündernd und mordend durch die Lande ziehen. In Brünning, einem der Nachbardörfer von Oberwalchen, erschießen Marodeure am 12. Dezember 1800 gegen Mittag auf dem Einsiedlergut die Kasperlschusterbäuerin Emerenzia Huber, als sie aus ihrem Haus flüchten will. Für heutige Generationen ist es kaum vorstellbar, dass quasi aus dem Nichts Horden an Fremden auftauchen, die nicht freundlich um etwas Verpflegung bitten, sondern im schlimmsten Fall alles, was nicht nietund nagelfest ist, auseinandernehmen, um an Nahrung und Wertgegenstände zu kommen. Dass dabei auch noch geprügelt, geschossen und vergewaltigt wird, verschlimmert die Situation der Menschen noch zusätzlich. Und selbst wenn sie von willkürlichen Übergriffen verschont bleibt, leidet die zivile Bevölkerung unter der andauernden Beschlagnahme von Lebens- und Transportmitteln durch Feind und Freund gleichermaßen.

Jakob Wimmer ist im Jahr 1800 zehn Jahre und damit alt genug, die Schrecken von Krieg und Not bewusst mitzuerleben. Fast zehn Jahre später ist noch immer kein Frieden in Europa eingekehrt. Bayern hat inzwischen die Seiten gewechselt und ist mit Frankreich verbündet; der Tribut dafür ist u. a. die Bereitstellung von Soldaten für Napoleons ungebrochene Kriegslust.

So trifft es auch Jakob Wimmer bei der Rekrutierung von jungen Männern im wehrpflichtigen Alter. Am 16.11.1809 tritt er seinen Militärdienst bei der 3. Füsilier-Compagnie des 1. Bataillons an. Militärchroniken zufolge ist sein Jahrgang erst 1812 zur Konskription, wie die Musterung damals genannt wurde, einbestellt worden. Warum Jakob zwei Jahre zuvor schon »unter Vertrag« steht und was er in den drei Jahren bis zum Beginn des Russlandfeldzugs macht, ist nicht bekannt.

Am 5. Februar 1812 erhält er, wie alle anderen Soldaten unter bayerischer Fahne, die Mobilmachung mit dem Befehl, sich bei seiner Truppe zu melden, um dann geschlossen Richtung Russland abzumarschieren. Zwölf Jahre nach seiner ersten Bekanntschaft mit dem mörderischen Geschäft des Krieges beginnt nun erneut eine Zeit des Elends und der Entbehrung, mit dem Unterschied, dass Jakob nun auf der anderen Seite steht. Jetzt sind auch er und seine Kameraden gezwungen, zu requirieren und zu rauben. Wie weit die Landbevölkerung in Bayern über die aktuellen weltpolitischen Geschehnisse informiert war, darüber ließe sich allenfalls spekulieren.

Dass es zu einem Krieg mit dem Zarenreich kommen würde, war seit geraumer Zeit absehbar, denn Napoleon hatte schon ein Jahr zuvor begonnen, in Polen entsprechende Versorgungslager für das Heer einzurichten.

Doch der sonst so gewiefte Korse hatte die tatsächlichen Umstände vollkommen falsch eingeschätzt: Schon nach wenigen Wochen mangelte es an ziemlich allem, was ein Soldat im Feld braucht.

Die bayerischen Soldaten trifft es in dieser Beziehung besonders hart: Als mobile Reserve immer in der Nachhut, hat alles Essbare, das auf der Marschroute hergeht, vor den Bayern längst andere Abnehmer gefunden. Bereits Anfang Juli verschwinden die letzten Rationen Brot in knurrenden Mägen, danach gibt es zuerst noch eine Suppe aus Wasser und Mehl, ehe dann nur noch die Natur als völlig unzureichende Nahrungsquelle bleibt.

Zudem weichen wochenlange Regenfälle die Wege dermaßen auf, dass Mensch und Tier nur mühsam vorwärts kommen. Regnet es nicht, herrscht sengende Hitze. Fehlende Unterkünfte verursachen zusätzliche Strapazen: In den dünn besiedelten Gebieten Polens muss das Gros der Soldaten monatelang notdürftig unter freiem Himmel nächtigen.

Den Pferden ergeht es nicht besser: Verendet wegen Entkräftung oder nach dem Verzehr unreifen, fauligen Getreides, säumen bald Massen an Kadavern die Straßenränder. Damit ist auch der Transport von überlebenswichtigen Gütern unterbrochen. Grobe Fehleinschätzungen und Unfähigkeit der Generalsstäbe geben dem Unterfangen dann noch den Rest:

Schon beim Abmarsch der Bayern zu Hause hatten Tausende von Feldflaschen und Brotbeutel gefehlt, die Uniformen waren unpraktisch, abgetragen und das Schuhwerk erwies sich als nicht tauglich für monatelange Märsche. General von Deroy meldet dem bayerischen König Anfang August - noch bevor die Gefechte überhaupt begonnen haben - ungeschönt den Aufzug seiner Soldaten: Der größte Teil trage nur noch Lumpen, teilweise gingen die Männer schon barfuß , die Füße mit Blasen und Geschwüren verunstaltet.

Der Mangel an Lebensmitteln ist indes so gravierend geworden, dass die Soldaten sich von Wurzeln und Brackwasser mit Branntwein vermischt ernähren und - wenn ein noch halbwegs genießbares Tier hergeht - sich um dessen Blut und Gedärme prügeln. Mit leeren Mägen machen die Soldaten vor nichts Halt: Kuhhäute in Streifen geschnitten und gebraten, Kröten, Frösche, faule Fische; alles, was irgendwie kaubar erscheint, wird verzehrt.

Als sich zu Hunger und mangelnder Hygiene die unvermeidlichen Seuchen gesellen, kippen die Rekruten gleich scharenweise um.

Da auch die ärztliche Versorgung völlig unzureichend ist, mangelt es noch auf preußischem Gebiet an Strohsäcken und Bettzeug für die Kranken in den hastig eingerichteten Lazaretten. Nicht einmal Geschirr ist vorhanden, so dass allein die Verteilung von Nahrung für die Patienten Stunden in Anspruch nimmt.

Als das VI. Armeekorps mit den beiden bayerischen Divisionen - mit Ausnahme der Kavallerie, die mit Napoleon nach Moskau marschiert - nach fünf Monaten ihr geplantes Ziel in Polozk erreicht hat, ist schon jeder dritte Soldat tot. Bei den ersten Gefechten, die am 14. August beginnen und sechs Tage dauern, kommen noch einmal 2000 Bayern ums Leben.

Trotz dieser widrigen Umstände gelingt es den Bayern, die russischen Truppen in den nächsten Wochen in Schach zu halten und zu verhindern, dass diese der napoleonischen Hauptarmee in den Rücken fallen. Von Jakob Wimmer sind aus dieser Zeit zwei Erlebnisse bekannt. Das erste ist als Votivtafel in der Frauenbrunnkapelle in Traunwalchen dokumentiert. Auf dem Bild ist ein Soldat in Uniform zu sehen, der sich über einen sichtlich bleichen Mann beugt, der auf dem Boden kauert, einen Mantel als Decke um sich geschlungen. Im Hintergrund sechs weitere Männer auf dem Boden, die, verletzt und mit verzweifeltem Blick mehr tot als lebendig scheinen. Unter dem Bild die Erklärung zur Szene: »Simon Wimmer Friesersohn von Oberwalchen, welcher den russischen Feldzug mit focht wurde von seinem Bruder Jakob auf dem Rückzuge von Polozk an der Düna schwer erkrankter zufällig getroffen, wo er nach seinem Abschied den 18. Septbr. starb« 1812. Der Satzbau ist etwas verwirrend; einfacher ausgedrückt beschreibt Jakob Wimmer, dass er in Polozk durch Zufall seinen kranken Bruder Simon getroffen hat, der, im Lazarett liegend, kurz darauf gestorben ist. Jakob hat sich nach seiner Rückkehr in die Heimat mit der Votivtafel bei der Gottesmutter, die auf dem Bild über den Soldaten schwebt, bedankt, dass er sich von seinem Bruder verabschieden konnte. Das zweite Ereignis aus Wimmers Zeit in Polozk ist im Pallinger Blechbuch erläutert: Beim entscheidenden Gefecht am 18. und 19. Oktober gelingt es dem 22-jährigen Oberwalchner demnach durch eine List, sein Leben zu retten. Von einer Horde Kosaken überrascht, klettert Jakob mit einigen Kameraden auf einen Pulverwagen, um sich dort zu verstecken. Obwohl sie ausgemacht haben, nicht zu schießen, ballert einer von ihnen einen Russen vom Pferd, worauf die Kosaken auf den Wagen aufmerksam werden. Jakob springt geistesgegenwärtig vom Wagen herunter und duckt sich hinter einen Schwerverwundeten, der unter dem Wagen liegt. »Ich wickelte mich in einen Mantel und schaute blos mit dem Gesicht welches ich mit Blut bestrich heraus. Etwa hundert Schritte rückten die Russen noch vor, dann kamm unser großes Geschütz, die Russen mussten zurück, und ich gieng wieder zu den Unserigen,« beschreibt der Fertiger des Blechbuchs in etwas holperigem Deutsch. Auf der gegenüberliegenden Seite des Texts ist die Szene bildlich festgehalten. Bei diesen Gefechten Mitte Oktober besteht die bayerische Armee nur noch aus einigen Tausend Soldaten. Endlich erkennt auch Napoleon, dass dieser Krieg hoffnungslos verloren ist; er verlässt Moskau und lässt sich auf schnellstem Wege in Richtung Westen kutschieren.

Für den Beherrscher Europas, der sich vor dem Feldzug auf dem Höhepunkt seiner Macht befunden hatte, bedeutete das desaströse Ende in Russland den Anfang vom Untergang; es sollte jedoch noch drei weitere Jahre dauern, bis alle Parteien sich endlich zu Friedensverhandlungen an einen Tisch setzten.

Wieviele bayerische Soldaten wie Jakob Wimmer das Glück hatten, lebend aus Russland heimzukehren, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen.

Weder ist genau bekannt, wieviele Soldaten schon während des Hinmarsches und in der Zeit in Russland ihr Leben ließen, noch die Anzahl derer, die auf dem anschließenden Rückzug starben. Dazu kommt auch noch die Gruppe der Bayern, die in Kriegsgefangenschaft geriet - einige Tausend sollen es gewesen sein, von denen schätzungsweise auch nur einige hundert nach zwei Jahren die Heimat wieder sahen. Noch Jahrzehnte später sind in bayerischen Zeitungen immer wieder Anzeigen zu lesen mit der Aufforderung, dass ehemals in Russland vermisste Soldaten sich melden sollen, falls sie noch am Leben sind, weil familiäre Erbschaftsansprüche eingetreten seien.

Jakob erhält nach den Feldzügen in Frankreich am 18. Mai 1816 seine Entlassungsurkunde und kehrt in das Leben zurück, aus dem er sieben Jahre zuvor so abrupt herausgerissen worden war. Wann und warum Jakob beschlossen hat, seine Erlebnisse in Form des Blechbuches verewigen zu lassen, ist nicht überliefert. Allerdings lässt sich der Zeitraum der Entstehung einigermaßen eingrenzen: Einer der Orden, den Jakob auf dem Porträt trägt, wurde erst im Jahr 1848 von König Max II. gestiftet, offiziell als »Denkzeichen für die Veteranen der 1790er Jahre bis 1812« bezeichnet. Verliehen wurde die Auszeichnung durch die jeweiligen Landrichter im Sommer 1849, so dass Wimmers Porträt frühestens in diesem Jahr entstanden sein kann. Leider hat der Künstler, der das Blechbuch gefertigt hat, keine Signatur hinterlassen, zumindest die Qualität des Porträts lässt aber darauf schließen, dass hier nicht der nächstbeste Dorfmaler am Werk war.

Dass Jakob Wimmers Porträt gut getroffen sein dürfte, lässt sich seiner Beschreibung auf der Entlassungsurkunde entnehmen: Ovales Gesicht mit ovalem Kinn, blaue Augen, blonde Haare und Augenbrauen, Nase dick, Mund gewöhnlich. Nur die niedere Stirn stimmt nicht mehr, aber Beschreibung und Bild liegen auch mehr als 30 Jahre auseinander, da kann sich der Haaransatz mitunter schon merklich verändern. Eine Sache ist jedoch äußerst merkwürdig, und zwar die Abbildung des Kosakenüberfalls, bei dem Wimmer sich - wie oben beschrieben - in einen Mantel wickelte und mit Blut bestrich.

Der Maler des Blechbuchs hat ganz offensichtlich eine Lithographie des französischen Künstlers Horace Vernet als Vorlage benutzt. Die Lithographie und die Abbildung der Szene im Blechbuch stimmen bis ins kleinste Detail überein, lediglich die Uniformen weisen geringe Unterschiede auf. Die Farbgebung lässt sich zwar nicht vergleichen, da die Lithographie aus dem Jahr 1817 nur schwarz-weiß ist. Aber selbst die Bewegungen und Positionen der abgebildeten Personen sind vollkommen identisch, so dass ein Zufall völlig ausgeschlossen ist. Der Titel der französischen Lithographie lautet übersetzt: »Verwundete Franzosen von Kosaken angegriffen«. In Deutschland ist diese Abbildung im Buch »Der Feldzug von 1812« von Friedrich Steger im Jahr 1845 erschienen, ebenfalls mit dem Vermerk, dass es sich um französische Soldaten handle. Da drängt sich nun doch die Frage auf, wie Wimmers Geschichte und das Bild auf dem Blechbuch mit der ursprünglich von Franzosen erlebten und von einem französischen Künstler festgehaltenen Motiv zusammenhängen. Dass es zwei reale Situationen mit genau der gleichen Handlung gegeben hat - einmal mit französischen Soldaten und einmal mit bayerischen - ist zu unglaubwürdig, ebenso, dass beide Nationalitäten im Kampf quasi »vermischt« auftraten, denn dies wäre schon durch die Sprachschwierigkeiten unmöglich gewesen und wird auch in keiner Beschreibung erwähnt.

Wenn man davon ausgeht, dass Wimmer dem Maler seine Geschichte geschildert hat, hat dann der Künstler gerufen: Potzblitz, genau die gleiche Szene ist - mit anderen Soldaten - in einem Buch abgebildet, das male ich einfach ab?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Wimmer das Buch gekannt hat, dürfte sehr gering sein, denn er konnte nicht schreiben - zu sehen an den drei Kreuzen, die anstelle seiner Unterschrift auf der Entlassungsurkunde stehen. Möglicherweise konnte Wimmer zwar lesen, denn in den vergangenen Jahrhunderten waren die Kenntnisse der beiden Kulturtechniken nicht unbedingt miteinander verknüpft. Dass Wimmer das Buch aber selbst besaß und dem Maler als Vorlage überließ, ist sehr unwahrscheinlich, zumal es dann ja auch wieder ein ungeheurer Zufall wäre, dass eine darin vorkommende Illustration seiner eigenen Geschichte so sehr ähnelt.

Was steckt wirklich hinter Wimmers Geschichte? Hat er womöglich so eine Art »Soldatenlatein« fabriziert, also ein Erlebnis einfach etwas abgewandelt, um es interessanter klingen zu lassen. Aber warum hätte er das 30 Jahre nach der Schlacht tun sollen? Allein, dass er alle Feldzüge überlebt hatte, beförderte ihn doch schon zum Helden. Ähnlich schwer sind aus heutiger Sicht auch die Motive für die Anfertigung des Blechbuchs zu deuten. Aus welchem Grund auch immer Jakob Wimmer seine Erlebnisse in Form von Bildern hinterließ - Eines hat er auf jeden Fall erreicht: Dass sein Schicksal - quasi stellvertretend für all die anonym gebliebenen Kameraden - auch 200 Jahre danach noch nicht vergessen ist.


Susanne Mittermaier

 

30/2012