Jahrgang 2005 Nummer 37

Ottheinrich, Fürst von Kaisers Gnaden

Vor fünfhundert Jahren wurde das Herzogtum Pfalz-Neuburg gegründet

Pfalzgraf Ottheinrich, gemalt von Barthel Beham

Pfalzgraf Ottheinrich, gemalt von Barthel Beham
Pfalzgraf Philipp, Gemälde von Hans Baldung Grien

Pfalzgraf Philipp, Gemälde von Hans Baldung Grien
Münze mit Ottheinrich und Philipp als Kinder zum Zeitpunkt des Kölner Spruchs.

Münze mit Ottheinrich und Philipp als Kinder zum Zeitpunkt des Kölner Spruchs.
Am Anfang stand ein klarer Rechtsbruch. Weil er keine männlichen Nachkommen hatte, wollte der Landshuter Herzog Georg der Reiche sein Fürstentum entgegen dem Reichsrecht an seine Tochter Elisabeth und ihren Gemahl, den Pfälzer Wittelsbacher Ruprecht, vererben. Dagegen protestierte sein eigentlich erbberechtigter Bruder, Albrecht IV. von Bayern-München. So kam es zum verheerenden Landshuter Erbfolgekrieg, der nach zwei Jahren mit dem Tod Elisabeths und Ruprechts – beide erlagen der Ruhr – zu Ende ging.

Sie hinterließen zwei Waisenknaben, den dreijährigen Ottheinrich und den zwanzig Monate alten Philipp. Für sie musste eine dauerhafte und standesgemäße Versorgung gefunden werden. Das geschah auf einem Reichstag in Köln, auf dem König Maximilian den Münchner Herzögen zwar den Großteil des Landshuter Erbes zusprach, aber für die unmündigen Pfalzgrafen ein neues Herzogtum schuf, das die Bezeichnung Pfalz-Neuburg trug. Hauptstadt wurde Neuburg an der Donau.

Die 500. Wiederkehr des »Kölner Spruchs« nimmt das Haus der Bayerischen Geschichte zum Anlass für die Ausstellung »Von Kaisers Gnaden – 500 Jahre Fürstentum Pfalz-Neuburg«, die bis Mitte Oktober im Schloss der ehemaligen Residenzstadt Neuburg zu sehen ist.

Die renovierten Räume des von Ottheinrich gebauten Schlosses bilden den passenden Rahmen für die über 350 Exponate und Inszenierungen. Eine besondere Kostbarkeit ist die mit einem Freskenzyklus von Hans Bocksberger ausgestattete Schlosskapelle, der früheste neu erbaute evangelische Sakralraum in Bayern.

Bis 1522 führte Kurfürst Friedrich II. von der Pfalz die Regierungsgeschäfte stellvertretend für die minderjährigen Neffen. Er hatte es nicht leicht, denn für das aus Teilen von Oberbayern, Schwaben, Mittelfranken, der Oberpfalz und Niederbayern künstlich geschaffene Herzogtum musste erst eine effiziente Verwaltung eingerichtet werden. Das Hauptproblem waren und blieben die geringen Steuereinnahmen, die sehr bald zur Überschuldung des jungen Fürstentums führten.

Des ungeachtet führte Ottheinrich nach der Übernahme der Regentschaft eine sehr aufwändige Hofhaltung und förderte zur Legitimation seiner Herrschaft die Künste und Wissenschaften. Dieser Leidenschaft verdanken wir bedeutende Bücher und Gemälde, die sich heute in verschiedenen Museen und Sammlungen in ganz Europa und Übersee befinden.

Für die damalige Zeit war Ottheinrich ausgesprochen reisefreudig. Die drei größten Reisen führten ihn nach Spanien, Polen und in das Heilige Land. Auf der Spanienreise hatte er den Auftrag, Karl V. die Nachricht seiner Wahl zum deutschen König zu überbringen. In Polen forderte er sehr erfolgreich den noch ausstehenden Rest der Mitgift seiner Großmutter Hedwig, der Braut der berühmten Landshuter Hochzeit. Die Schulden reichten immerhin 62 Jahre zurück! Dieser Mitgiftrest überstieg deutlich die Jahreseinnahmen des Neuburger Fürstentums. Im Gefolge Ottheinrichs befand sich auf der Polenreise ein Maler, der die Reiseeindrücke in topografischen Stadtansichten festhielt. Die siebenmonatige Pilgerfahrt ins Heilige Land ging von Venedig aus mit dem Schiff bis Jaffa, beim zweiwöchigen Aufenthalt in Jerusalem wurde Ottheinrich zum Ritter vom Heiligen Grab geschlagen und verpflichtete sich, sich für die Rückeroberung des Heiligen Landes einzusetzen.

Sein Bruder Philipp war ursprünglich für die geistliche Laufbahn vorgesehen, er studierte in Freiburg und Padua, fasste jedoch, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, den Entschluss, sein Heil in den Diensten des Hauses Habsburg zu suchen. Bei der Verteidigung Wiens holte er sich den Ehrentitel »Bellicosus«, der Streitbare. Im Privatleben hatte Philipp kein Glück, alle acht Bemühungen, eine reiche Frau zu heiraten, endeten erfolglos. Er versank in eine schwere Depression und lebte die letzten Jahre völlig zurückgezogen. Gezeichnet von den Folgen einer Kriegsverletzung und der Franzosenkrankheit, die er sich als Student zugezogen hatte, starb er bereits mit 44 Jahren.

Ottheinrich war mit seiner verwitweten Cousine Susanna verheiratet, einer Tochter des Münchner Herzogs Albrecht IV., die aus ihrer früheren Ehe fünf Kinder hatte. Ihm selbst blieben Nachkommen versagt. Das Ehepaar ging bei der Konfessionsausübung getrennte Wege. Ottheinrich wandte sich der Lehre Luthers zu, Susanna blieb dem alten Glauben treu.

Die prunkvolle Hofhaltung Ottheinrichs wurde von seinen Zeitgenossen viel gerühmt, ruinierte aber die Finanzmittel des kleinen Fürstentums. Die Schulden stiegen ins Unermessliche, der Herzog bekam nirgendwo mehr Kredit und musste am Ende die Regierung den Neuburger Landständen überlassen. Er selbst ging zu seinem früheren Vormund in die Pfalz ins Exil und erbte nach dessen Tod die Kurwürde. In den letzten drei Lebensjahren, die er in Heidelberg verbrachte, führte er auch in der Kurpfalz die Reformation ein. Mit seinem Tod im Jahre 1559 erlosch die ältere Linie der Pfälzer Wittelsbacher, das Herzogtum Pfalz-Neuburg kam an seinen Vetter und Hauptgläubiger Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gelangten durch Heirat und Erbfolge die Herzogtümer Jülich und Berg mit der Hauptstadt Düsseldorf hinzu. Nach dem Aussterben der altbayerischen Linie im Jahre 1777 wurde schließlich mit Max I. Joseph von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld ein Pfälzer Wittelsbacher König von Bayern.

JB



37/2005