Jahrgang 2005 Nummer 32

Oskar von Miller – Vater des Deutschen Museums

Er kam vor 150 Jahren in München zur Welt

Zwei Pioniere der Elektrotechnik: Oskar von Miller und Thomas A. Edison.

Zwei Pioniere der Elektrotechnik: Oskar von Miller und Thomas A. Edison.
Oskar von Miller in seinem Büro im Deutschen Museum.

Oskar von Miller in seinem Büro im Deutschen Museum.
Oskar von Miller, der am 7. Mai 1855 in München geborene Gründer des Deutschen Museums, war der jüngste Sohn des Erzgießers Ferdinand von Miller, dem Schöpfer der weltberühmten Bavaria. Der Vater hatte den Aufstieg von einem kleinen Gewerbetreibenden zum Marktführer im Erzgussverfahren geschafft und war von König Ludwig II. in den erblichen Adelsstand erhoben worden. Er war nacheinander Stadtrat, Abgeordneter des Bayerischen Landtags und des Berliner Reichsrats und organisierte die Erste Kunstgewerbeausstellung im Münchner Glaspalast. Von seinen dreizehn Kindern wandten sich die Söhne wissenschaftlichen und künstlerischen Berufen zu, während die Töchter in großbürgerliche Familien einheirateten.

Oskar studierte ursprünglich Bauingenieurwesen und trat als Praktikant in den bayerischen Staatsdienst. Da er aber nur untergeordnete Projektierungsarbeiten zugewiesen bekam und keine Aussicht auf eine gut dotierte Anstellung bestand, wandte er sich unter dem Eindruck der Internationalen Elektrizitätsausstellung in Paris im Jahre 1881 der damals in den Anfängen steckenden Elektrotechnik zu. Die von ihm 1882 in München organisierte erste elektrotechnische Ausstellung in Deutschland war auf Publikumswirkung angelegt. Höhepunkte waren die elektrische Beleuchtung der Brienner Strasse, in der Millers Verlobte und spätere Ehefrau Marie Seitz wohnte, die Schaltung zu einer Opernaufführung mittels Telefon und vor allem die Übertragung von Gleichstrom von Miesbach nach München. Die Übertragung elektrischer Energie über eine Strecke von 57 Kilometern war eine Sensation. Der in Miesbach mit einer Dampfmaschine erzeugte Strom trieb im Münchner Glaspalast einen Motor an, der einen vier Meter hohen Wasserfall in Gang setzte.

Oskar von Miller war von der Vision beseelt, die Elektrifizierung populär zu machen und nicht nur der Industrie Strom zu liefern, sondern auch die Privathaushalte zu elektrifizieren und dem Kleinunternehmer für seine Maschinen eine Antriebskraft zum erschwinglichen Preis zur Verfügung zu stellen. Dieses Ziel verwirklichte er als technischer Direktor bei der von Emil Rathenau gegründeten Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) und später als Chef seines eigenen Planungsbüros für Kraftwerkanlagen in München.

Den Anfang bildete die Stromversorgung kleiner Orte wie Fürstenfeldbruck und Lauffen am Neckar, dann von Städten wie Riga, Bozen und Strassburg und schließlich der Großstädte Nürnberg, Ludwigshafen und Frankfurt. Große von ihm errichtete Verbundsysteme waren die Etschwerke, die Brennerwerke und die Pfalzwerke. Höhepunkt war die Schaffung des Bayernwerks mit dem Bau des Walchenseekraftwerks (1918-1924). Ein von ihm entwickelter Plan zu einem gesamtdeutschen Stromverbund war seiner Zeit so weit voraus, dass er erst Jahrzehnte später Wirklichkeit wurde. Das auf dem Energiesektor erzielte Einkommen sicherte Oskar von Miller einen beträchtlichen Wohlstand und ermöglichte ihm, ein lang gehegtes Vorhaben Wirklichkeit werden zu lassen: die Gründung eines nationalen technischen Museums in München. Plattform für die Museumsgründung war eine Tagung des Vereins Deutscher Ingenieure im Jahre 1903 in der bayerischen Landeshauptstadt. Dank seiner guten persönlichen Beziehungen gelang es Miller, die Spitzen aus Politik und Wirtschaft für sein Projekt zu gewinnen. Der Großindustrielle Georg von Kraus stellte als Anschubfinanzierung spontan die enorme Summe von 100 000 Mark zur Verfügung, andere Unternehmer folgten, darunter Rudolf Diesel, Hugo von Maffei und Carl von Linde. Jeder Spender wurde in ein eigens geschaffenes Gedenkbuch eingetragen, das später an prominenter Stelle im Ehrensaal des Deutschen Museums auslag.

Nach Millers Vorstellungen sollte das Museum die Technikgeschichte sowie den aktuellen Stand der technischen Entwicklung darstellen. Dazu brauchte er einerseits Geld, andererseits die entsprechenden Ausstellungsobjekte. Quer durch Deutschland sandte Miller seine berühmten Bettelbriefe, allein im Jahre 1905 waren es 50 000 Briefe, mit denen Industrieunternehmen, Akademien, Sternwarten und Universitäten um die Stiftung von Objekten gebeten wurden. Angekauft wurden nur die allerwenigsten Stücke. Die Stifter belohnte er mit der Aufnahme in ein Gremium des Museums oder mit einer Einladung zu der Jahresversammlung, die als große gesellschaftliche Ereignisse galten. Auch für diese Jahresversammlungen hat Miller zahllose Briefe geschrieben, sei es mit der Bitte um Stiftung der Zigarren für die Herren oder des Konfekts für die Damen.

Millers Fähigkeiten als »Fundraiser« waren berühmt und gefürchtet. Anlässlich eines Besuchs bei der Firma Krupp in Essen wurde intern die Order ausgegeben, die besten Stücke wegzusperren, da sich Oskar von Miller angesagt habe. Eine nette Anekdote entstand während seiner Mexiko-Reise 1925. Angeblich wurde die Reisekolonne von Banditen überfallen und ausgeraubt. Als die Reihe an Miller kam und der Räuberhauptmann seinen Namen erfuhr, soll der Mexikaner geantwortet haben: »Der Miller aus München vom Deutschen Museum? Nein danke, von Kollegen nehmen wir nichts.«

Seit den 1920er Jahren geriet Miller in Auseinandersetzungen mit den Nazis, denen der angeblich »rote Oskar« und der internationale Charakter des Museums ein Dorn im Auge waren. Miller betrachtete das Programm Hitlers mit Skepsis. Er verglich den Nationalsozialismus einmal mit einer Suppe, »in der einiges herumschwimmt, was ich gerne mag: Eierstiche, Champignons und Krebsschwänze, aber wenn man sie bis zum Grund auslöffelt, liegt leider eine tote Maus drin – und dann packt mich das Grausen.«

Mit der Gründung und dem Ausbau des Deutschen Museums hat sich Oskar von Miller als Kommunikator der Wissenschaft in großem Format erwiesen. Willensstärke, Zielstrebigkeit und Durchsetzungsvermögen bis zur Rücksichtslosigkeit wurden von seinen Mitarbeitern als seine typischen Eigenschaften bezeichnet. Manche Gesprächspartner stieß der »weißblaue Patriarch« mit seinem barschen Umgangston vor den Kopf. Für Einwände und Gegenargumente hatte er kein Ohr. Der Großindustrielle Paul Reusch, ein enger Freund Millers, meinte einmal scherzhaft, man solle über den Museumseingang eine Tafel mit der Aufschrift anbringen: »Hier kann jeder tun, was ich will«.

Sein autoritäres Wesen konnte er auch daheim in seiner Familie nicht verleugnen. »Er war ein Patriarch, im Büro und zu Hause«, urteilte sein Sohn Walther, der in der Nachkriegszeit einige Jahre zweiter Bürgermeister von München war. Von den Kindern wurde der Vater verehrt, aber auch gefürchtet, dass sie es nicht wagten, ihn von sich aus anzureden. Das verhinderte natürlich eine innige Vater-Kind-Beziehung. In seiner autoritären Art bestimmte Miller allein das Familienleben. Seiner Frau Marie blieb nichts übrig, als alles widerspruchslos hinzunehmen. Er brachte ohne Ankündigung Geschäftsfreunde zum Mittagessen mit und lud zum 70. Geburtstag seiner Frau – gegen ihren ausdrücklichen Wunsch – siebzig Gäste ein, die dem Geburtstagskind verständlicherweise eine Menge Arbeit machten.

Als Marie Miller im Sommer 1933 an den Folgen eines Autounfalls starb, fiel der Witwer in tiefe Verzweiflung. Er, der gläubige Katholik, haderte mit seinem Herrgott und warf ihm Ungerechtigkeit vor. Acht Monate später, am 9. April 1934, erlag er einem Herzanfall, nachdem er zuvor noch zum Andenken an seine Frau die wertvolle Uhr am Turm des Deutschen Museums gestiftet hatte.

JB



32/2005